In einer Doppelausstellung würdigt das Wilhelm-Busch-Museum zwei sehr
unterschiedliche und doch verwandte Künstler, die vor allem
durch ihre Kinderbuch-Illustrationen bekannt sind: Binette Schroeder und Quint Buchholz.
Diese Ausstellung für Groß und Klein soll gerade in
der vorweihnachtlichen Zeit zum Erzählen über
Bilder, mit Bildern und in Bildern anregen.
Im Alter von zwölf Jahren entwarf die 1939
in Hamburg geborene Binette Schroeder ihr
erstes Kinderbuch: "Kasperl kommt nach Afrika".
Auf dem Titelblatt hat sich der Kasper zusammen
mit einem zahmen Löwen auf einen Käfig mit
einem großen Krokodil gesetzt, ein Affe hat sich auf
einem Bananenbaum mit Futter versorgt, ein anderer hockt am Fuß einer Palme
- eine
bemerkenswerte Zeichnung, die die spätere
Profession schon erahnen lässt.
Zuerst absolvierte Binette Schroeder jedoch ihr Studium der Gebrauchsgrafik an einer
privaten Kunstschule in München, dann an der Schule
für Design in Basel. 1969 marschierte sie mit
zwei Bildern auf die Frankfurter Buchmesse: Auf
dem einen war ein kleines Mädchen namens Lupinchen mit dem Vogel Robert zu sehen, auf dem anderen machten Mister Humpty Dumpty
und Herr Klappaufundzu Lupinchen ihre Aufwartung. Der Verleger des schweizerischen
Nord-Süd-Verlags war begeistert. Binette Schroeder
lieferte am nächsten Morgen die Geschichte zu
den Bildern und in den folgenden Monaten die
restlichen Illustrationen. Ende 1969 erschien "Lupinchen" als ihr erstes Kinderbuch. In den
folgenden Jahren wurde es mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem "Goldenen Apfel" auf
der BIB (Biennale des Bilderbuchs) in Bratislava.
Nacheinander erschienen in den nächsten
Jahren Kinderbücher wie "Florian und Traktor
Max", "Lelebum", "Ratatatam, die seltsame
Geschichte einer kleinen Lok", "Krokodil, Krokodil"
oder "Laura". Einige dieser immer wieder mit
internationalen Preisen ausgezeichneten
Kinderbücher sind gemeinsame Projekte mit ihrem
Ehemann Peter Nickl, der für die Texte verantwortlich
zeichnet oder für Textbearbeitungen, wie bei "Die
wunderbaren Reisen und Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen" oder "Die Schöne und
das Tier".
Für jedes ihrer Kinderbücher wählt
Binette Schroeder eine ganz eigene künstlerische
Ausdrucksweise, variiert ihre Blätter mit
Gouache, Aquarellkreiden und -stiften auf weißem oder
farbigem Karton und kreiert mit ihren
Bildräumen kleine ,Bühnen der Fantasie', auf denen - das
ist ihr Ziel - die Kinder (und die Erwachsenen) in eine ganz andere, geheimnisvolle Welt
eintauchen können. Der Schweizer
Kinderbuchexperte Hans ten Doornkaat hat Binette Schroeders
Verfahren in ihren Bilderbüchern treffend so
beschrieben: "Sie zeigen eine klare Entscheidung für
eine bestimmte stilistische Ausdrucksweise, Farbatmosphäre und Dramaturgie:
Blau-Violett-Grün sind die magischen Farbtöne in "Die Schöne
und das Tier", und die Ikonographie ist hier
inspiriert von Gemälden der italienischen Renaissance
und holländischer Genremalerei. Das Rokoko
formte den "Münchhausen", nicht einfach als
Formenfundus, sondern durch eine in ausführlichen
Recherchen erworbene, atmosphärische Wesensverwandtschaft, jenseits raschen
Nachzeichnens. Dann wieder, um Michael Endes "Vollmondlegende" gerecht zu werden, bedient sich
die Künstlerin der Grisaille-Technik. Immer aber,
irgendwo sichtbar in den durchdachten Kompositionen, ist auch eine andere Kraft da, die im
expressiven Stil der Landschaften in die Bilder drängt. Surrealismus als Möglichkeit,
gegensätzliche Kräfte zu vereinen."
Eines der schönsten Bücher von Quint
Buchholz (Text und Illustrationen) trägt den Titel "Der Sammler der Augenblicke". Es ist die
Geschichte einer Entdeckung: der des Sehen-Lernens.
Ein Geige spielender Junge ("In der Schule
wurde ich oft gehänselt wegen der altmodischen
Drahtbrille, die ich tragen musste, und auch, weil
ich ein bisschen dick war") erzählt darin von
seiner Freundschaft mit dem Maler Max, der ihm
erklärt: "Jedes Bild muss ein Geheimnis bewahren.
Auch für mich. Andere können vielleicht viel mehr
in meinen Bildern entdecken als ich selbst. ...Ich
bin nur der Sammler. Ich sammle Augenblicke."
|

Quint Buchholz
aus: Der Sammler der Augenblicke
München/Wien 1997 |
Und am Ende begreift der kleine Junge: "Die
Antworten auf all meine Fragen fanden sich in der
langen Zeit, die ich vor den Bildern verbrachte,
von allein." Zeichnungen illustrieren die Erzählung,
die geträumte, fast surreale Bilder einzufangen
scheinen: "Ich sah den Leuchtturm unserer Insel ja
fast jeden Tag, aber so, wie Max ihn in den Nebel gemalt hatte, hatte ich ihn noch nie gesehen.
Ich holte meine Geige und versuchte, die Musik zu spielen, die ich aus dem Bild hörte. Es wurde
eine sanfte, vergnügte Melodie."
Quint Buchholz wurde 1957 in Stolberg bei Aachen geboren. Nach einem Studium der
Kunstgeschichte an der Universität München
studierte er Malerei und Grafik an der Akademie für
Bildende Künste in München bei Prof. Gerd Winner. Seit 1988 entstanden eigene Kinderbücher
und Illustrationen, Einbandentwürfe und Plakate.
Auf die erste Auszeichnung noch während
seines Studiums, den Förderpreis der Stadt
Augsburg, folgten zahlreiche, auch internationale
Preise: 1994 wählte die New York Times sein
Buch "Schlaf gut, kleiner Bär" (Sleep well, little bear) zum "Outstanding Book of the Year", und
1997 wurde "Nero Corleone" als das
empfehlenswerteste Kinderbuch für Sieben- bis Zehnjährige
vom französischen Kultur- und
Erziehungsministerium ausgezeichnet.
Lust auf Abenteuer, Mut, eine gehörige
Portion Selbstbewusstsein und ein gesunder
Appetit: all dies zeichnet den italienischen Kater
Nero Corleone aus, Held der gleichnamigen
Erzählung von Elke Heidenreich. In den Illustrationen
von Quint Buchholz erhält er bildliche Gestalt,
erkundet als noch kleiner Taps den Hühnerstall,
verführt bei Mondschein eine bildschöne
Kartäuser-Katze und träumt - älter geworden - zusammengerollt unter italienischem Sternenhimmel
von vergangenen Taten.
Auch die Bilder von Quint Buchholz - ob
für Kinderbücher oder als
Umschlagillustrationen entstanden - lassen wie die von Binette Schroeder viel Raum für die eigene Fantasie,
fordern geradezu heraus, die zwischen zwei
Buchdeckel gebundene Geschichte weiterzuspinnen.
Vielleicht trägt dazu auch seine Zeichentechnik
bei: Schicht für Schicht arbeitet der Künstler mit
farbiger Tusche und dünnster Zeichenfeder
über einem mit Fixativzerstäuber und farbiger
Tusche besprühtem Grund die Zeichnung heraus,
modelliert atmosphärisch Licht- und
Schattenpartien, so dass der Eindruck einer imaginären
Realität entsteht.