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Ausstellung im Bauhaus-Archiv, Berlin
Christian Wolsdorff
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Marcel Breuer
sog. "Lattenstuhl", 1924
Ahorn, dunkel gebeizt,
Rosshaarbespannung
Sammlung Bauhaus-Archiv, Berlin |
Jede Epoche hat nicht nur einen eigenen Baustil hervorgebracht, sondern auch eine
dazugehörige Art des Wohnens. Wie Renaissance
und Barock entwickelte auch die Moderne einen Einrichtungsstil, der ohne speziell dafür
entworfene Möbel nicht auskommt. Nimmt man heute
populäre Darstellungen zur Hand, fällt die
Aufzählung der entscheidenden Akteure mit "De Stijl", "Bauhaus" und
"Le Corbusier" scheinbar leicht;
dem Bauhaus wird dabei eine herausragende Rolle zugeschrieben. Ein Blick in die
zeitgenössische Literatur lehrt jedoch schnell: Alle Teilnehmer
sind nur Mitgestalter an einem vielschichtigen
Geschehen, in dem sich die Handlungsweisen von Industrie, Handwerk und Handel ebenso gegenseitig bedingen, wie die Vorlieben der Avantgarde,
des aufgeklärten Bürgertums und des breiten
Publikums. "Bauhaus" wurde zum Stilbegriff, zum Sy nonym für "Moderne"
- dass "Bauhaus" der
Name einer Schule mit klar umrissenem Programm
ist, tritt dabei immer mehr in den Hintergrund.
Als ,Bauhaus-Möbel' werden deshalb heute
so ziemlich alle Entwürfe mit einem eher
strengen Aussehen bezeichnet - von Mackintosh bis
Gio Ponti, ungeachtet dessen, dass es sich bei ihnen nicht um "Bauhäusler" handelt. Die
Möbelwerkstatt des Bauhauses ist dennoch mit
ihren Entwürfen in mancher Hinsicht prototypisch:
Viele der rasch aufeinander folgendenden Modifikationen, die sich innerhalb von nur einem
Dutzend Jahren generell aufzeigen lassen, sind hier
vertreten. Für das Bauhaus in Weimar gibt
Walter Gropius die Devise aus, dem ,Wesen des Gegenstandes nachzuforschen'. Sie führt zu so
unterschiedlichen Ergebnissen wie Stuhlskulpturen einerseits und behutsamen
Modernisierungen traditioneller Möbelformen andererseits. Trotz
aller mit dem Neubeginn verbundenen Unsicherheiten entstehen hier Möbel, die das
Bauhaus noch heute vollgültig repräsentieren.
Prägende Persönlichkeiten dieser Jahre sind Josef
Albers und Marcel Breuer mit ihren das Material bis
ins letzte ausreizenden Modellen, daneben der eher traditionell arbeitende Erich Dieckmann.
Der Umzug nach Dessau nach nur wenigen Jahren muss einem abermaligen
Neubeginn gleichgesetzt werden: blinkendes Stahlrohr - von Marcel Breuer, dem vom Lehrling zum Werkstattleiter aufgestiegenen ehemaligen Studenten,
als neues Konstruktionselement eingeführt - öffnet unbekannte Gestaltungswelten, die innerhalb
von kurzer Zeit zu völlig neuen Stuhltypen führen:
Der sog. Freischwinger ist das prägnanteste
Beispiel. Das bewusste Denken jenseits der
ästhetischen wie technischen Grenzen des traditionellen
Tischlerhandwerks regt die Mitglieder der Werkstatt
zu vielfältigen Experimenten an, die bis 1931
fortgesetzt werden.
In den Jahren 1928-30 - unter Hannes Meyer - versucht die Werkstatt, sich mit den
Problemen der industriellen Möbelproduktion auseinander
zu setzen. ,Volksbedarf statt Luxusbedarf' heißt
jetzt pointiert die Parole, Ausgangspunkt der
Überlegungen ist deshalb nicht mehr das
Wohnzimmer, sondern der Arbeitsplatz. Die wenigen
damals entwickelten Modelle setzen auf preiswerte
Werkstoffe verbunden mit neuen Konstruktionen und pflegen eine auf jede optische Gefälligkeit
verzichtende Ästhetik. Als Leiter der Werkstatt
unterstützt Josef Albers den stark
experimentellen Kurs, bevor ab 1929 die Ausbildung unter
Alfred Arndt und Friedrich Engemann neu
strukturiert, der auf die Entwicklung neuer Möbelformen
und -konstruktionsmethoden zielende Unterricht in
der Werkstatt aber nicht grundsätzlich verändert wird.
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Während die Arbeit in der Werkstatt unter
Hannes Meyer als eine Fortsetzung unter anderen ästhetischen Vorgaben gelten kann, bedeutet
die Berufung von Ludwig Mies van der Rohe für
die Ausbildung einen Einschnitt: Die Entwurfsaufgaben sind nicht mehr selbst gewählt,
sondern von der Industrie vorgegeben. Nach der
Schließung der Werkstatt auf Grund der
wirtschaftlichen Verhältnisse werden alle Entwürfe nur noch
auf dem Papier erarbeitet. Musterentwicklung geschieht in Form von Wettbewerben, die allen
Studenten offen stehen. Vorbilder der Arbeit sind
einerseits die von Mies bereits entwickelten
Möbeltypen in Holz und Stahlrohr, gleichzeitig wird
der Unterricht von Arndt und Engemann ohne sichtbare Veränderungen fortgeführt.
Die Frage, wo die Grenzen zwischen ,Bauhaus' und ,Nicht-Bauhaus' zu ziehen sind, lässt
sich kaum schlüssig beantworten, denn schon
am Bauhaus selbst hat man derartige Unterscheidungen nicht getroffen und keineswegs
zwischen Arbeiten unterschieden, die aus dem
Unterricht hervorgingen und solchen, die gleichzeitig
von Meistern wie Studenten außerhalb des
Hauses entstanden. Was für die Werbung brauchbar
war, wurde dafür auch verwendet.
Während Walter Gropius und Adolf Meyer
ihre Entwürfe in Konkurrenz zu den Arbeiten
der Werkstatt schufen, stand Mies van der Rohe dem Bauhaus lange Jahre durchaus reserviert
gegenüber. Als er 1930 den Direktorenposten der
Schule übernahm, hatte er streng genommen alle
bekannten großen Entwürfe bereits vollendet.
Die meisten seiner Holz- und Stahlmöbel
wurden 1927 entwickelt - man geht wohl nicht fehl
in der Annahme, dass sie in Opposition zu Breuer-Möbeln geschaffen wurden. Sollte man
deshalb diese Möbel im Bauhaus-Zusammenhang
gar nicht erwähnen? Ein Blick auf die
Architekturabteilung zeigt jedoch, dass sie aus den
Ausarbeitungen der Studenten nicht wegzudenken
sind und eine überragende Vorbildfunktion hatten:
Es erscheint deshalb kaum gerechtfertigt, sie aus dem Bauhaus-Kontext herauszulösen.
Viele Einflüsse wurden am Bauhaus absorbiert; ohne Vorbilder kam auch diese
Institution mit ihren hohen Ansprüchen an die Kreativität
der Studenten nicht aus. Neben der fast zu oft genannten holländischen De Stijl-Bewegung ist
das französische Art Déco von großer
Bedeutung, selbst für so unverdächtige Entwerfer
wie den wiederholt in Paris weilenden Mies van der
Rohe. Auch in Deutschland machen sich die Pariser Vorbilder bemerkbar, doch bleibt der
Einfluss eher unterschwellig und fällt nicht
sofort ins Auge.
Die Wandlungen des bürgerlichen Möbels
blieben bei der Betrachtung von modernen Einrichtungsgegenständen bisher ohne Beachtung:
Findet hier nur eine Modernisierung bekannter Typen statt, oder gehen die Änderungen tiefer
und beeinflussen sowohl die Art als auch den Umgang mit der Einrichtung? Programmatische
Texte - insbesondere solche zur sozialen Bedeutung der ,Reformen' - sind bei genauerem
Hinsehen weder mit zeitgenössischer Nutzung in
Einklang zu bringen noch mit dem Marketing der
Hersteller. Darüber sollten immer wieder
publizierte Mustereinrichtungen, für die es keinen
Nutzer gab, nicht hinwegtäuschen.
Eine Ausstellung mit Bauhaus-Möbeln
wäre unvollständig ohne einen Blick auf die
Situation der Möbelindustrie in den 20er/30er-Jahren:
Ihre Herstellungsformen und Produkte sind durch Kapitalmangel und bestenfalls regionale
Märkte gekennzeichnet. Direkt von der Industrie
abhängige Entwerfer liefern grundsätzlich Entwürfe
ab, die diese Bedingungen berücksichtigen. Die
sehr experimentierfreudigen und mit sozialem Engagement arbeitenden Studenten am Bauhaus
entwickeln Möbel, deren Entwurfsgrundlagen
von ihnen selbst erstellt werden. Die von ihnen
und Sozialpolitikern immer wieder propagierte Massenproduktion erweist sich jedoch vor dem
ökonomischen Hintergrund als
Wunschvorstellung, die die wirtschaftlichen Verhältnisse dieses
Industriezweiges ignoriert. Eine Rückkopplung
mit dem Käufer findet nicht statt.
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Ludwig Mies van der Rohe
sog. "Weißenhofsessel", Entwurf 1927
Stahlrohr verchromt, schwarz gebeiztes und
lackiertes Geflecht
Sammlung des Bauhaus-Archivs, Berlin |
Ganz besondere Prägnanz hat die
Entwicklung im Bereich der Stahlrohrmöbel, an sich
keine neue Erfindung, sondern besonders aus dem medizinischen Bereich schon 1925 nicht
mehr wegzudenken. Marcel Breuer gelingt es jedoch, Stahlrohrmöbel durch veränderte Oberflächen
in Verbindung mit einer neuen Gestaltung im wahrsten Sinne salonfähig zu machen. Mit
diesem innovativen Gestaltungsansatz löst er
einen Boom aus, der innerhalb von nur zwei Jahren
die wichtigsten neuen Möbeltypen entstehen
lässt, die heute zu den Klassikern zählen:
insbesondere der von Mart Stam und Breuer
entwickelte kubische Freischwinger und Mies van der
Rohes federnder Weißenhofsessel mit seinen fast
provokativ gerundeten Formen. Daneben entstand eine kleine Zahl von Modellen, die auch
heutzutage durch ihre Gestaltung überzeugen
können, obwohl ihre Entwerfer nicht zum Bauhaus
oder seinem Umkreis gehörten. Die Gleichsetzung
von ,Bauhaus' und ,Stahlrohr' diskriminiert andere Entwerfer.
Der Bereich der Stahlrohrmöbel wurde schon vor 1930 von der Möbelindustrie als
Wachstumssektor gesehen. Marketingüberlegungen
führten jedoch schnell dazu, die Entwürfe
abzuändern und sie durch Polster - mit dem
Zeitgeschmack entsprechenden Bezügen - dem
präsumtiven Käufergeschmack anzunähern. Eine
Anpassung an die Marktverhältnisse erfolgte auch bei
den angebotenen Möbeltypen: Statt karger Stühle
und Tische ohne großes optisches Gewicht
erscheinen jetzt Polstermöbel mit Stahlrohrgestellen
und die damals stark gefragten Blumenständer in
den Katalogen. Die berühmten Entwürfe von
Breuer - wie etwa sein heute ,Wassili' genannter
Sessel - sind schon 1932 nicht mehr in den
Katalogen zu finden. Der "Sieg des neuen [Bau-]Stils"
dauerte in Deutschland nur wenige Jahre und war schon vor 1933 beendet; Bauten wie die
Villa Tugendhat, 1930 fertig gestellt, sind sowohl
Höhepunkt als auch gleichzeitig Endpunkt
einer Entwicklung.
Die Möbelindustrie und clevere
Geschäftsleute versuchten diesen neuen Geschäftszweig
zu monopolisieren. Dabei verstrickten sie sich in
lang andauernde Prozesse um Patent- oder Nutzungsrechte, die das Angebot und sein
Erscheinungsbild entscheidend beeinflusst haben: Viele
Möbel wurden mit dem Vorsatz entworfen,
bestehende Rechte zu umgehen; es kommt regelrecht
zum ,Vermeidungsdesign'. Diese Taktik wurde gerne mit Einflüssen aus Frankreich kombiniert, so
dass Anfang der dreißiger Jahre eine völlig
veränderte Produktpalette auf dem Markt erschien.
Wofür das Bauhaus als Ausbildungsstätte
einmal programmatisch stand und was Marketing-Interessen mittlerweile aus dem zum
Stilbegriff mutierten Schulnamen gemacht haben, ist
durchaus nicht deckungsgleich. Die von der Werbung immer weiter getriebene Entgrenzung eines
Begriffes, der mit vielen positiven Konnotationen verbunden ist und gleichzeitig die negativen,
mit denen die Moderne in Verbindung gebracht wird, vermeidet, diese Entgrenzung wird die
Ausstellung "Bauhaus-Möbel: Eine Legende wird
besichtigt" nicht fortführen, sondern versuchen
aufzuzeigen, welche Ziele das Bauhaus als
Institution verfolgte und welche Produkte aus seinem
Umfeld dazugehören.
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Herzstück der Präsentation ist die
Möbelsammlung des Bauhaus-Archivs, die, in 40
Jahren zusammengetragen, hier erstmals umfassend gezeigt wird. Zudem erhält das
Bauhaus-Archiv wichtige Leihgaben von den
Bauhaus-Sammlungen in Weimar und Dessau sowie aus
weiteren öffentlichen und privaten Sammlungen
Europas und der USA. Über 200 Möbelstücke vom
Bett bis zum Blumenständer führen nicht nur vor,
was chic und meist auch teuer, sondern auch was preisgünstig sein sollte und für einen
großen Kundenkreis konzipiert war. Sie verdeutlichen,
wie wenig gradlinig die künstlerische
Gestaltung, Vermarktung und populäre Aneignung über
zwei Jahrzehnte verlief. Selten ausgestellte
Korpusmöbel, wie Schränke, ergänzen die
üblicherweise gezeigten Kleinmöbel. Komplette
Einrichtungen, wie Küchen, oder fast nie gezeigte
Ensembles, wie Schlafzimmer, geben einen Gesamteindruck. Vieles von dem, was aus
Rettungskäufen und sogar vom Sperrmüll stammt, wird für
die Ausstellung erstmals restauriert, um ein Bild
von einer Entwicklung zu vermitteln, das kaum demjenigen entspricht, welches populäre
Darstellungen heute von ihr zeichnen. Doch nichts lebt
länger als Legenden - besonders wenn die Werbung sie entdeckt hat. |
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Die Ausstellung wird vom Hauptstadtkulturfonds und von der Kulturstiftung der Länder
unterstützt.
Zur Ausstellung "Bauhaus-Möbel: Eine Legende
wird besichtigt" (bis 10. März 2003) erscheint ein
ausführlicher Katalog, in Deutsch und Englisch, 352 S., 440
Abb., bis Ende der Ausstellung 9,50 €, danach 14,95 €, Buchhandelspreis ebenfalls 14,95
€. |
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Dr. Christian Wolsdorff ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bauhaus-Archivs/Museum für
Gestaltung, Berlin |
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