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Reiner Sörries
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Der Tod (XIII), Spanisches Tarot, dem
Marseiller Tarock nachempfunden, 20. Jh.
Ausstellung "Game-over.
Spiele, Tod und Jenseits" (2002) |
Nicht selten wird in der Berichterstattung
über das Kasseler Museum, das sich den Themen Sterben, Tod und Trauer widmet, seine
Einzigartigkeit in Deutschland, sogar in Europa
hervorgehoben. Die Überschriften anlässlich des
zehnjährigen Bestehens titelten darüber hinaus "Ein Museum, das lebt", ganz im Gegensatz zur
medialen Einschätzung als "Totenmuseum" anlässlich der Eröffnung vor zehn Jahren.
Kaum jemand konnte damals genau sagen, welchen Weg ein Museum einschlagen würde, für
dessen Zielsetzung keine Vorbilder existierten. In seiner Eröffnungsrede sprach Hans Eichel,
damals noch Hessischer Ministerpräsident,
folgende Worte: "Wenn wir begriffen haben, es uns existentiell bewusst ist, dass wir wahrhaft nur
dann leben können, wenn wir uns unsere
Sterblichkeit vergegenwärtigen, dann erst werden wir den
Auftrag der Sammlung dieses Museums zu würdigen wissen."
Dieser Hinwendung zum Leben, der sich das Museum für Sepulkralkultur in seinem
Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm
verpflichtet weiß, verdankt es gewiss einen großen Teil
seiner heutigen Akzeptanz. Und es sei daran erinnert, dass mit der Ausstellung "Schluss
jetzt" - Karikaturen zu Sterben und Tod, mit den
Kabarettabenden mit Rainer Pause, jüngst mit der
Jubiläumsausstellung "Game-over. Spiele, Tod
und Jenseits" und manchem anderen durchaus
schrille Töne gewagt wurden. Die angemessene
Würdigung der Pietät verpflichtet keineswegs
zur sprichwörtlichen Grabesruhe. Auch nicht
die Gegenstände der Sammlung, die schwerpunktmäßig der christlich-abendländischen
Tradition entstammen und deshalb den Geist des
,Memento mori' atmen. Die Musealisierung des Todes1 sollte aber nicht zu seiner Vergötzung in
Vitrinen führen, eher sind die Menschen, die im
Museum arbeiten oder als Besucher kommen, auch zum Protest gegen den Tod aufgerufen, wie ihn
Henning Luther in einem bemerkenswerten Aufsatz formulierte: "Ich wage kaum daran zu
erinnern, dass der österliche Ursprung der Kirche
eine Protestbewegung gegen den Tod war. Ich
fürchte, in den Jahrhunderten der Kirche war für
die meisten die asketische Mahnung, dass wir sterben müssen, lauter als die frohe Botschaft,
dass wir leben sollen."2
Beispielhaft für eine dem Leben
gegenüber verantwortliche Museumsarbeit sei die
Ausstellung "Hört auf, lasst mich Luft holen"
genannt, eine Produktion von amnesty international
als Beitrag zum Thema Todesstrafe, die das Museum für Sepulkralkultur 1994 übernahm. Oder
die Ausstellung "Patina du Preys Aids
Memorial Dress" im Jahre 1997, gewidmet dem
Gedenken der an Aids verstorbenen Menschen, denen
nicht nur ein langes Sein zum Tod, sondern häufig
auch gesellschaftliche Ausgrenzung beschieden war.
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Daran schien Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin,
damals noch Staatsminister, in seiner Grußansprache beim Festakt zum Jubiläum am 6.
September 2002 in Kassel anzuknüpfen, als er
vom unendlichen Wert des Lebens sprach und das Eintreten dafür zu einem Schwerpunkt
unserer Museumsarbeit erklärte. Gerade die
Wertschätzung des Lebens in all seinen Formen und
Facetten mache die Arbeit eines Museums für
Sterbe- und Trauerkultur so notwendig wie
attraktiv. Eine derartige politische Unterstützung, die
auch die Hessische Kultusministerin Ruth Wagner,
die Generalsekretärin der Kulturstiftung der
Länder, Prof. Dr. Karin von Welck, und die
Geschäftsführerin des AsKI, Dr. Sabine Jung, in ihren
Grußworten formulierten, bestimmt den Rahmen
unserer Museumsarbeit. Vielleicht darf dieser Aspekt angesichts der bisherigen
Schwerpunktsetzung auf kulturhistorische Themen sogar
noch verstärkt werden.
Hat das Museum für Sepulkralkultur, das
aus der jahrzehntelangen Tätigkeit der
Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal hervorging,
unbestritten seinen spezifischen Auftrag, so will
es andererseits als ,ganz normales Museum' mit seinen Veranstaltungen interessierte
Besucherinnen und Besucher erreichen, dem
Sammlungsauftrag gerecht werden und
wissenschaftliche Forschung betreiben. Vielleicht wird unter
diesem Gesichtspunkt die Fülle der Ausstellungen - 42 in zehn Jahren3
- etwas reduziert werden,
treu wird das Museum für Sepulkralkultur jedoch
seinem Auftrag bleiben, den Tod als untrennbar zum Leben gehörend und deshalb als so
ungehörig darzustellen. |
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1 Reiner Sörries, Der Tod im Museum.
Anmerkungen zur Musealisierung der letzten Dinge, in:
Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde Bd. 34 (2001/2002), im Druck |
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2
Henning Luther, Tod und Praxis. Die Toten als Herausforderung kirchlichen Handelns. Eine Rede, in:
Zeitschrift für Theologie und Kirche (1991), S. 420
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Eine vollständige Übersicht findet sich in:
Reiner Sörries, Auftrag und Erfüllung. Zehn Jahre Museum
für Sepulkralkultur, in: Friedhof und Denkmal
(4/2002), S. 3-25 |
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Prof. Dr. Reiner Sörries
ist Geschäftsführer der
AFD und Direktor der Stiftung Zentralinstitut und Museum für
Sepulkralkultur, Kassel |
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