Barthold C. Witte
Nie sprach man in Politik und Wirtschaft so viel über Kultur wie heute.
So auch Bundeskanzler Gerhard Schröder unmittelbar nach den Terroranschlägen
islamischer Extremisten in New York und Washington:
Es gehe nicht um einen Kampf der Kulturen,
sondern um einen Kampf für die Kultur - also
gegen Gewalt und Hass. Inzwischen kann man allerorten hören, sehen und lesen, wie wichtig
gerade jetzt der Dialog der Kulturen sei, besonders
zwischen dem europäisch-amerikanischen "Westen" und dem Islam. Wolfgang Frühwald, Präsident
der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, brachte es
auf den Punkt: "Bündnispolitik ist wichtig,
Sicherheitspolitik lebensnotwendig, Kulturpolitik aber ist
die beste Krisenprävention, die es gibt."
Sind wir, sind die Träger des Kulturlebens
hierzulande darauf vorbereitet und dazu fähig,
solche Krisenprävention zu betreiben? Zweifel
sind erlaubt:
Nun ist die Krise da, Vorbeugung mit kulturellen Mitteln gab es kaum, darum muss nun
eine Strategie zur Überwindung der Krise
entwickelt werden. Kurzfristige Reaktionen helfen da
nicht, zumal dauerhafte kulturelle Wirkungen stets
nur langfristig eintreten. Also muss auf lange
Sicht geplant, mit ersten Schritten aber sofort
angefangen werden. Zudem ist es nötig, Innen
und Außen miteinander zu verbinden, also mit
gleichem Ziel im eigenen Land wie in den moslemischen Weltgegenden tätig zu werden.
Das Ziel ist immerhin klar: Es geht darum, die zu Dialog und Kooperation immer noch
bereite Mehrheit der Moslems so zu stärken, dass sie
den innerislamischen Kampf mit den Extremisten gewinnen können. Ebenso ist es nötig, in
den westlichen Gesellschaften den Schock zu
überwinden, den der fundamentalistische Terror
ausgelöst hat, und die Menschen davon zu
überzeugen, dass ein friedliches, ja gegenseitig
befruchtendes Zusammenleben mit den moslemischen Nachbarn nah und fern möglich und dringlich
ist. Beides beginnt damit, das Wissen voneinander zu vermehren und zu vertiefen. Hier sind vor
allem die klassischen und die modernen Medien gefordert. Das Nichtwissen ist auf beiden
Seiten beängstigend groß. Hand aufs Herz: Wer von
uns hat sich schon einmal gründlich darüber
informiert, wie vielfältig, ja oft gespalten und
zerrissen sich der Islam selbst darstellt, nicht
anders als das Christentum? Wenn der Schock des 11.
September überhaupt etwas Positives bewirkt hat, dann wohl die wachsende Erkenntnis,
dass wir mehr über den Islam wissen müssen, um
einen Dialog mit den Moslems führen zu können.
Wenn es richtig ist, dass Religion und Philosophie, Kunst und Sprache, Literatur und
Geschichte Bestandteile dessen sind, was wir "Kultur"
nennen, dann wird der Dialog der Kulturen in all
diesen Bereichen zu führen sein. Er wird
dadurch nicht leichter, dass die Kultur angesichts der
wirtschaftlichen und politischen Globalisierung
für viele Menschen zum Rückzugsgebiet für ihre
eigene Identität geworden ist, ein Gebiet, das
sie erbittert gegen die globalen Zwänge
verteidigen. Schon deshalb genügt es nicht, die alle
Kulturen verbindenden Gemeinsamkeiten herauszustellen, so wichtig sie sind, vor allem die
Einhaltung der grundlegenden Menschenrechte.
Ebenso wird die innere und äußere Kulturpolitik
darauf bedacht sein müssen, den Menschen zu
helfen, das Andere, Fremde zu erleben, zu
verstehen und zu respektieren. Allzu oft und nicht nur
in moslemischen Ländern nährt sich der Fundamentalismus - mit seiner wütenden Ablehnung der die Welt dominierenden westlichen Kultur
- aus dem Fremdheitserlebnis, das sehr leicht zur Ablehnung des Anderen bis hin zu dessen
Vernichtung statt zu Verständnis und
friedlichem Zusammenleben führt.
Was wir in Europa inzwischen gelernt haben und im eigenen, föderalistischen Land seit
jeher praktizieren, nämlich den doppelten Charakter
der Kultur als Vielfalt wie als Einheit zu fördern,
das kann sich nun im Dialog mit dem Islam
bewähren. Dabei unentbehrlich ist, der
gegenseitigen Annäherung eine wirkliche, historische Tiefe
zu geben, denn erst sie kann bewirken, dass an die Stelle von Überlegenheitsgefühl und
nachsichtiger Betrachtung der Anderen die Erkenntnis
von der prinzipiellen Gleichwertigkeit der Menschheitskulturen gesetzt wird. Diese Erkenntnis
bedeutet ja keineswegs Beliebigkeit oder gar Verzicht auf die eigenen Grundwerte. Doch sie
führt zu mehr Offenheit und auch dazu,
nicht-überwindbare Differenzen friedlich einzuhegen, statt
sie als Kriegsgrund zu nutzen.
Solche Differenzen gibt es durchaus zwischen dem christlich geprägten, heute weithin
säkularisierten Westen und der islamischen Welt.
Sie
reichen von der Malerei bis zum Staatsrecht, vom Gottesbild bis zum Stellenwert des
Individuums. Sie zu vernachlässigen schadet mehr, als sie
auszusprechen. Auch ihnen muss sich also der Dialog widmen, dies freilich so, dass er keine
zerstörerische Wirkung entfaltet. Am Ende
werden die Dialogpartner gut daran tun, das, was
sie trennt, im Auge zu behalten, es einstweilen
aber behutsam beiseite zu legen.
Alle diese Erkenntnisse werden die Veranstalter von Kultur hierzulande und anderswo
teilen, aber die Frage hinzufügen, wie sie die
zusätzliche Aufgabe denn anpacken können, wenn
ihnen die staatliche und kommunale Sparpolitik schon jetzt fast den Boden unter den Füßen
wegzieht. Die Frage ist berechtigt. Unsere
Regierenden haben auf das Geschehnis vom 11.
September unter anderem dadurch reagiert, dass sie
zusätzliche Milliarden Mark für die äußere und
innere Sicherheit bereit gestellt haben. Das war
und bleibt eine richtige Entscheidung. Doch in der nächsten Runde, wenn es darum geht, der
Herausforderung durch den extremistischen Islam mit einer weitsichtigen Kulturpolitik zu
begegnen, wird auch von zusätzlichem Geld aus
öffentlichen Kassen die Rede sein müssen.