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Andreas M. Rauch
Wer in Florenz auf dem Ponte Vecchio den Arno
überschreitet und am Palazzo Pitti vorbei auf die Via Romana gelangt, kommt zur
Porta Romana und von dort zur leicht ansteigenden, stark befahrenen Via Senese,
die zum Tor der Villa Romana führt.
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Die Villa Romana, Florenz
nach einem Gemälde (1938)
von Hans Purrmann
Mit freundlicher Genehmigung von
Frau Marion Grcic-Ziersch
(Kunsthandel, München)
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Das 14.500 qm große Grundstück des
berühmten Künstlerhauses Villa Romana liegt auf der rechten Straßenseite
hinter einer meterhohen Steinmauer. Die Botanik des Gartens und die angrenzender
Grundstücke vermitteln etwas von jener toskanischen Landschaft, die gerade für
das künstlerische Auge von so einprägsamer Eigenart ist und zur
schöpferischen Verinnerlichung und Ruhe einlädt. Der Besucher der Villa Romana
lässt die touristische Betriebsamkeit der Innenstadt von Florenz, die gerade in
den Sommermonaten bizarre Ausmasse annimmt, hinter sich und wird eingefangen von
der Atmosphäre eines herrschaftlichen Anwesens.
Nach dem Durchschreiten der schweren
Eisentüre am Grundstückseingang fällt der Blick geradeaus zunächst auf den
Venusbrunnen. Eingerahmt von einer Muschelwand präsentiert sich über einem
Wasserbecken die Terrakottagestalt einer Venus. Überhaupt ist die parkähnliche
Gartenanlage reich mit toskanischem Terrakotta ausgestattet: Löwen, Sphinxen
und Putten wechseln einander ab und geben der Villa ihre besondere Note. An
mehreren Plätzen des Gartens laden Stühle und Liegeplätze den Besucher zum
Verweilen ein. Dabei stößt man auch auf das Gastatelier "Limonaia"
und einen kleinen Zitronengarten. Von besonderer Pracht sind die
hochgewachsenen, prachtvollen Zypressen, die in der Mittagshitze Schatten
spenden. Ein größerer Olivenhain vermittelt das unverwechselbare Ambiente
toskanisch-mediterraner Lebensart.
Gründung
Die habsburgisch-gelbe Farbe der Villa Romana
ist bestimmend für die Atmosphäre des gesamten Komplexes, drückt sie doch
eine positive, motivierende, ja hoffnungsvolle Grundstimmung aus. Die Villa
stammt aus der habsburgisch-lothringischen Zeit des Großherzogtums Toskana. Mit
seinen ionischen Pilastern, eher barockisierenden als historisierenden
Wandmalereien wie etwa "Mars stiehlt Venus" oder "Amor mit
Cupido", mit Festons und Scheinarchitekturen weist das Gebäude in den
Klassizismus um 1830.
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Max Klinger
Sirene, 1895
Das Gemälde befindet sich seit 1976
in der Villa Romana, Florenz
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Wer die in Carrara-Marmor gehaltene
Eingangshalle betritt, blickt auf eine Bronzebüste der Dichterin Elsa Asenjieff,
Lebensgefährtin und Modell von Max Klinger (1857-1920). Der in Leipzig geborene
Künstler hatte als Sohn eines Seifenfabrikanten - im Unterschied zu vielen
anderen seiner Zunft - keine materiellen Sorgen. Zudem war er mit seinem Werk
sehr erfolgreich und konnte nur mit Mühe alle Aufträge annehmen und erfüllen.
Klinger war deshalb so gefragt, weil ihm der Bogenschlag zwischen Antike und
Moderne gelang, der sich in seiner Malerei und Bildhauerei in einer Ausprägung
des Klassizismus manifestierte, ergänzt durch phantastisch-metaphysische
Elemente. Klingers Oeuvre weist stilistische Parallelen zur phantastischen
Architektur eines Ludwig II. auf, wobei er scharf vom historistischen Realismus
eines Adolph von Menzel abzugrenzen ist.
Durch die vom Vater ererbte Seifenfabrik blieb Leipzig Zeit seines Lebens Klingers fester
Bezugspunkt, sicherte sie doch seinen materiellen Unterhalt. Doch künstlerisch bot Leipzig
wenig, weshalb sein Blick umso mehr in die Ferne schweifte, vor allem nach Paris, Wien und
Rom. Durch seinen Freund Arnold Böcklin (1827-1901), einem Wahl-Florentiner, und Karl
Stauffer-Bern (1857-1891) wurde Klingers
Begeisterung für Florenz als Ort metaphysischer Malerei
geschürt. Gerade in der Renaissance-Stadt
boten sich zahlreiche künstlerische Bezugspunkte
für Klingers Wirken, hier konnte er an antike
Traditionen anknüpfen und sie neu interpretieren.
Besonders inspirierten Klinger die
Farbenprächtigkeit des Marmors und die Sinnlichkeit
männlicher Modelle - seien sie gemalt oder als Statue.
Entsprechend sensibilisiert, richtete Klinger
für den Deutschen Künstlerbund ein
Künstlerhaus ein: 1905 erwarb er die Villa Romana für
60.000 Gold-Lira; 1906 wurde der
Villa-Romana-Verein in Leipzig gegründet, in den Klinger die
Villa Romana mit einbrachte. Zu den
Gründungsmitgliedern des Villa-Romana-Vorstandes
gehörte auch Max Liebermann. Per Dekret von König
Viktor Emanuel III. wurde 1907 der Verein Villa Romana als juristische Person in Italien
anerkannt. Der Verein Villa Romana ist Rechtsträger der Besitzung Villa Romana und als solcher im
Grundstücksregister von Florenz eingetragen.
Künstlerische Direktoren und
Villa-Romana-Preis
Klinger richtete zusammen mit Elsa Asenjieff
die Villa Romana als Künstlerhaus ein. Die Büste im Foyer der Villa ist ein
zweiter Nachguss der Asenjieff-Büste von Max Klinger, nach dem originalen
Gipsabdruck im Museum der bildenden Künste in Leipzig (Marmorbüste in der
Neuen Pinakothek, München). Zu den bekanntesten künstlerischen Direktoren
zählt Hans Purrmann (1880-1966), der die Villa von 1935--1943 leitete. Seit
1972 hat Joachim Burmeister sowohl die Verwaltungs- als auch die künstlerische
Leitung der Villa Romana inne.
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Georg Baselitz, Villa-Romana-Preisträger 1965
mit Joachim Burmeister (li.)
Leiter der Villa Romana, Florenz
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Abgesehen von Unterbrechungen in den Jahren
der beiden Weltkriege ist der Verein Villa Romana bis heute ein privater Verein.
Dass dies überhaupt möglich war,
ist in der Neugründung des Vereins 1926 angelegt, dem der Leipziger Bankier
Arthur Salomonsohn angehörte. Ihm zu verdanken war der Kontakt zur Deutschen
Bank, der seit den dreißiger Jahren und vor allem nach dem II. Weltkrieg
intensiviert wurde. Hier war es vor allem der Chefsyndikus der Deutschen Bank,
Prof. Dr. Hermann Herold, der sich für ein dauerhaftes Engagement bezüglich
der Villa Romana einsetzte und dabei Unterstützung vom Vorstandsmitglied
Hermann Josef Abs erfuhr: Der Villa Romana Verein, der im Anschluss an Leipzig
in Berlin angesiedelt war, erhielt den Status einer Stiftung mit Sitz in
Düsseldorf.
Der Villa-Romana-Preis, erstmals vergeben im Jahre 1905, ist der älteste Kunstpreis
Deutschlands und zugleich das älteste kulturelle
Engagement der Deutschen Bank, seit einigen Jahren wahrgenommen durch ihre Kultur-Stiftung.
Mit dem Preis werden jährlich vier - in früheren
Jahren mitunter auch drei bis fünf - bildende
Künstler aus Deutschland ausgezeichnet. In den
Anfangsjahren beinhaltete der Preis im Wesentlichen den kostenfreien Aufenthalt in der Villa
sowie Verpflegung durch das Hausmeisterpaar. Nachdem es Max Klinger und anderen
gelungen war, "Banker" in den Verein mit einzubinden,
erhielten die Preisträger auch einen
monatlichen Obolus.
Heute ist mit dem Villa-Romana-Preis ein
Stipendium verbunden: Von Februar bis Dezember wohnen die Künstler, teilweise
mit Familie, in einer der vier aus drei Zimmern mit Küche bestehenden
Atelierwohnungen (sie verköstigen sich dort selbst) und erhalten derzeit 1.700
DM monatlich. Im Herbst eines jeden Jahres entscheidet eine Jury von Künstlern
und Kunstprofessoren über die Auswahl der Preisträger; das Vorschlagsrecht
liegt einzig bei den Juroren. Zu den Preisträgern der ersten Jahrgänge
gehörten (neben anderen, heute wenig bekannten, die sich in der Kunstszene
nicht behaupten konnten) u. a. Max Beckmann, Georg Kolbe, Käthe Kollwitz und
Ernst Barlach, zu denen aus jüngerer Zeit Georg Baselitz (1965) und Markus
Lüpertz (1970).
Gastkünstler und Ausstellungen
Die Villa Romana beherbergt neben den
Künstlerateliers und der Wohnung des Direktors drei mit alten Möbeln
eingerichtete Gästezimmer, ein Speisezimmer für gesellige Abende, eine
Präsenzbibliothek und ein Archiv mit altem Briefwechsel, Veröffentlichungen,
Photographien und Ausstellungskatalogen. Im Archiv werden Dokumente zur Arbeit
der Villa Romana verwahrt. Im kommenden Jahr soll eine zweibändige Arbeit von
Philip Kuhn zur Geschichte der Villa Romana veröffentlicht werden. Mit dieser
Geschichte sind bedeutende Künstlernamen verbunden, so neben den oben bereits
erwähnten auch Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff. Aus dem
politisch-kulturellen Leben Deutschlands sind z. B. Theodor Heuss oder Heinrich
Mann zu nennen, die z.T. wiederholt in der Villa Romana zu Besuch waren.
Der amtierende Direktor Joachim Burmeister hat
zu Recht erkannt, dass die Villa Romana früher häufig ein künstlerisches
Eigenleben führte, von dem die Florentiner und die allgemeine Öffentlichkeit
wenig mitbekamen. Umso mehr ist die Bedeutung des "Salone" im
Erdgeschoss der Villa hervorzuheben, in dem seit 1979 vier bis fünf
Ausstellungen pro Jahr stattfinden. Zu den Vernissagen wird auch das
künstlerische und kulturelle Umfeld von Florenz eingeladen. Auch hat sich der
Direktor konsequent dafür eingesetzt, mehr und mehr Gastkünstler in die Villa
einzuladen: Rund zehn - auch nicht-deutsche - Künstler wohnen jeweils bis zu
drei Monaten in den Gastateliers "Limonaia" und "Beckmann".
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Nataly Maier (Mailand)
Limone, Mai 2001
Kunstwerk für die Villa Romana, Florenz
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Im Treppenhaus der Villa Romana sind Arbeiten
von Preisträgern zu sehen. Steigt der Besucher noch ein paar Stufen weiter
hinauf, so gelangt er zur kleinen Dachterrasse der Villa mit einem
phantastischen Blick auf den großen Garten der Villa und dem Panorama von
Florenz vor Augen. Da erhebt sich die Porta Romana, an der sich die
Ausfallstraße nach Rom anschließt. Und aus dem roten Meer der Dächer ragt
markant die Kuppel des Renaissance-Doms von Florenz hervor, eingerahmt vom
toskanischen Grün des Umlandes: Vergangenheit und Gegenwart, Antike und
Moderne, Natur und Kunst, sie liegen in Florenz ganz eng beieinander. |
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Prof. Dr. Andreas M.
Rauch ist
wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bundesregierung |
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