Udo van Meeteren - ein Düsseldorfer Unternehmer und Mäzen
Volkmar Hansen
Es ist schwer, über einen Menschen in
dessen Gegenwart zu sprechen, es ist selbst dann schwer, wenn man ihn rühmen möchte. Dies
liegt an der primären Eigenschaft von Sprache
als Kommunikationsmittel überhaupt, denn sie ist
auf die verbale Interaktion von Ich und Du
gerichtet, bewegt sich also auf der Ebene natürlicher,
demokratischer Gleichberechtigung. Ihre
sekundäre Eigenschaft jedoch, die Bezeichnung, hierarchisiert, gibt Macht über das Bezeichnete.
Das Märchen von Rumpelstilzchen macht dies am Beispiel der Namensgebung und
Namenskenntnis auf volkserzählerischer Ebene
deutlich, doch reicht dieses Phänomen bis in die
höchsten Formen des Geistes hinein, lässt die
Stofflichkeit nach ihrer Verwandlung ins
Sprachliche im Sinn von Negation aufgehoben sein. Dem
Dilemma, vor dem ein Laudator steht, möchte
ich dadurch entkommen, dass ich die Abbildung von Person und Leistung Udo van Meeterens in
eine Art Gespräch mit ihm verwandele, einen
inneren Dialog herstelle, in dem die eigene
Darstellung als Frage begriffen wird, die auf Antwort
angelegt ist.
Als erste Annäherung scheinen mir solche Sprachüberlegungen zudem schon einen
Zugang zu seiner Persönlichkeit möglich zu machen,
denn der zu Ehrende weiß mit dem Wort wohlabgewogen umzugehen, hält Gespräch,
Entscheidung und Schweigen in einer klugen Balance.
Doch was macht ihn eines Preises würdig,
der in der Nachfolge von Maecenas steht, jenem
römischen Freund des Augustus, der Horaz und Vergil gefördert hat? Drei Qualitäten
gehören dazu, so wollen es verschiedenen Erfindern
zugeschriebene Anekdoten: Reichtum, Kunstsinn, Abgabebereitschaft. Eine vierte möchte ich
noch hinzufügen: eine Persönlichkeit von
Ausstrahlung. Er verkörpert die so selten gewordene
Gestalt des Patriziers. Gelassen, aufrecht und
prüfend geht ein Mann der Wirtschaft seinen Gang
als Förderer von Kunst, Wissenschaft und
Naturpflege.
Wie sich persönliche Eleganz mit
Bescheidenheit verbinden kann, möchte ich an zwei
Exempeln verdeutlichen:
Exempel 1: Für den Anfang Februar 2001 verstorbenen, ihm in Freundschaft verbundenen
Architekten Helmut Hentrich hat van Meeteren die Gedenkfeier ausgerichtet. In dem
Gedenkheft wird man einen Beitrag von ihm vermissen,
obwohl er bewegende Worte aus diesem Anlass gefunden hat.
Exempel 2: Goethe hat sich für den
historischen Hintergrund des Freiheitskampfs im
Trauerspiel "Egmont" in den Werken eines Emanuel
van Meteren umgetan, in einer "Historia und Abcontrafeytungh der niderländischen
Geschichte", 1595 erschienen, und "Commentarien ofte Memorien van den nederlandischen Staet
- Handel - Oorlogen ende Geschiedenissen van
onzen tijden", vier Jahre später publiziert. Als ich
Udo van Meeteren auf die doch auffällige
Namensgleichheit angesprochen habe, gab er die souverän-selbstironische Antwort:
"Ja, das ist
der vornehme, der niederländische Zweig
unserer Familie."
Dass sich Bescheidenheit durchaus mit großer Autorität verbinden kann, konnte ich
wiederholt im Kreis bedeutender Wirtschaftsführer
erleben. Waren bei Diskussionen die kontroversen Standpunkte vehement vorgetragen worden,
so konnten einige Worte von ihm auf den entscheidenden Gesichtspunkt zurückführen. So
hatte sich im Anschluss an einen Vortrag des
damaligen Bundesbankpräsidenten Tietmeyer eine
Art Stimmung gegen die Ablösung der D-Mark
durch den Euro entwickelt. Den vielen sachlichen
Einwänden stellt er mit dem
nüchtern-schlichten "Pacta sunt servanda" die eigentliche
Aufgabe wieder vor Augen.
Doch was sind seine mäzenatischen Taten selbst? Die wichtigsten gehen von der am 8.
September 1980 errichteten "Stiftung van
Meeteren" aus, gegründet ein Jahr nach dem Verlust
des Sohnes Georg-Michael und zur Erinnerung an den hundertsten Geburtstag seines Vaters
Georg. Das Stiftungskapital, das van Meeteren
nach der Vollendung des 75. Lebensjahres am 26.
Mai dieses Jahres auf ca. 100 Mio. DM aufgerundet hat, ermöglicht im Jahr 2001 die Ausschüttung
von gut 3,565 Mio. DM, die im Sinne der Zielsetzung zur "Linderung von Armut, Not und
Krankheit", zur "Erhaltung einer gesunden Natur
und Umwelt" und zur "Förderung des
Gemeinwohls und menschlicher Werte im besten Sinne
des Wortes" eingesetzt werden. Die Verteilung
an gemeinnützige Institutionen oder Vorhaben
erfolgt nach einem Schlüssel, der 25% für "Wissenschaft und Forschung" vorsieht, dieselben Anteile
für "soziale und karitative Zwecke" und für "Natur- und Umweltschutz". Jeweils 12,5% sind für
Aufgaben im Sinn der "Völkerverständigung" und
für "kulturelle Zwecke" vorgesehen. Innerhalb
des Stifterverbandes ist seine Stiftung die größte
private. Dr. Arend Oetker - selbst Maecenas-Preisträger - konnte ihm für sein
außergewöhnliches Engagement die Richard-Merton-Ehrennadel
des Verbands am 18. Mai 2000 mit den Worten anstecken: ein "Mäzen, wie er im Buche steht."
Die geistige Grundhaltung Udo van Meeterens ist durch seinen christlichen Glauben
geprägt, und die Diakonie-Bewegung kann auf ihn
als Unterstützer rechnen. Sein Menschheitsbewusstsein hat hier seinen Kern, und die Wachheit,
mit der er auf die Beschleunigungsvorgänge
unserer jetzigen Welt reagiert, gewinnt aus der Humanitätsvorstellung die notwendigen
sittlichen
Maßstäbe, durch die ja auch die
Renaissance der Ethik als philosophische Disziplin
eingesetzt hat, wenn auch zunächst meist nur
postmodern-sektoral.
Die Ausrichtung am eigenen Lebensumfeld gibt dieser Haltung ihre
"Bodenhaftung". Die
Errichtung des Naturschutzgebietes Mehlental in
der Eifel geht auf ihn zurück, weil dort das
Wochenendhaus den Ort Wallersheim von Jugend auf zu seiner zweiten Heimat gemacht hat. Die
Jagd dort hatte der Vater, den van Meeteren als 18-Jähriger verloren hat, 1926 übernommen,
und das Gefühl innerer Dankbarkeit gegenüber
seinem Elternhaus hat Udo van Meeteren sich stets bewahrt.
Der Vater, zunächst im Bankwesen, dann in
der ost- und westdeutschen Kohlebergbau-Industrie engagiert, muss ihm als persönliche
Erscheinung ganz ähnlich gewesen sein, wenn man
einer Beschreibung Erich Pfeiffer-Bellis aus dem
Jahr 1942 vertrauen darf. Tatkraft, Verantwortungsbewusstsein, rheinische Lebenskunst haben
ihre vorbildliche Kraft für ihn behalten, nur, dass
er die Spaziergänge durch ein Sportprogramm,
Tennis- und Golf-Spiel sowie Skiabfahrten,
erweitert hat. Die musikalische Mutter Olga hat die
Verbin
dung zu verschiedenen Kulturinstituten Düsseldorfs gepflegt, zugleich aber die Freude an der
Natur bei ihren Kindern zu fördern gewusst. Ihre wohltätige Hand in der Eifel wurde von dem Sohn
Udo - der ältere Bruder ist im Krieg umgekommen - so effektiv über Jahrzehnte fortgesetzt, dass
ihm im Mai 2001 der Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz zugesprochen worden ist.
Als Düsseldorfer Unternehmer hat er auch
für seine Heimatstadt viel getan. Heimatstadt - das muss man in seinem Fall erläutern, denn er
wurde am 26. Mai 1926 in Mühlheim an der Ruhr geboren. Weil ein Hausbau sich verzögert
hatte, konnte die Familie erst vier Wochen später
nach Düsseldorf übersiedeln, wo Udo van
Meeteren im Hofgartenviertel aufwuchs. Die Verleihung
des Großen Ehrenrings des Rats der Stadt
Düsseldorf im April 2000 hat etwas von der
Dankbarkeit zurückgegeben, die er gegenüber dieser
Stadt empfindet. Unübersehbar ist im Hofgarten
die eindrucksvolle Großplastik "Der Mahner" von
dem russischen Künstler Vadim Sidur (1924-1986), die seine Stiftung der Landeshauptstadt
geschenkt hat. Jährlich sind es etwa 300.000
DM, die er für kulturelle und soziale Zwecke in
der Stadt zur Verfügung stellt. Sie könnte ihren
Aufgaben in diesen Zeiten wirtschaftlicher
Bedrängnis nicht mehr ausreichend nachkommen,
wenn es nicht diesen Mäzen gäbe. Die Erneuerung
des Ostflügels von Schloss Benrath ist das
jüngste Großobjekt, an dem er beteiligt ist.
Zusammen mit seiner Fau Irmel, geb. Hecker, ist er eine
Erscheinung auf dem Düsseldorfer Parkett,
auffällig nur dem, der seine Sonderrolle im Leben
der Stadt kennt.
Hier hat er mit 17 Jahren auf dem Prinz-Georg-Gymnasium ein Vollabitur abgelegt, um
sich in die Welt aufzumachen. Die sah 1944
zunächst ein Semester an der TH Aachen für ihn vor,
dann die Einberufung als Funker zur Luftwaffe. Vor
der Gefangennahme durch die US-Streitkräfte
wurde in seiner Gruppe schon in den Wochen zuvor nur noch Englisch gesprochen - mit
einem augenzwinkernden "für den Endsieg". Auf
abenteuerliche Weise, wie er noch lebendig zu
erzählen weiß, wurde er bei Cherbourg im August
1945 an die Franzosen übergeben und musste in
der Nähe von Biarritz an Räumkommandos
teilnehmen, bei denen 80% der Soldaten getötet
wurden. Die guten Französischkenntnisse
verhalfen ihm, als Dolmetscher diese Zeit zu überleben.
Nach der Entlassung im Januar 1948 konnte er in einem Düsseldorfer Unternehmen der
Metallverarbeitung beginnen, wobei ihm die Minderheitsbeteiligung des Vaters an
westdeutschen Bergbauunternehmen zugute kam. Praktika
bei einer Hamburger Großbank und in den USA
öffneten zusätzlich den Sinn für Kenntnis durch
Erfahrung, und so kommt seine Förderung von
Stipendiaten oder etwa die Begleitung des wissenschaftlichen Strukturwandels in den neuen
Bundesländern nicht von ungefähr. Weltoffenheit
lässt die Freude erkennen, mit der er von einem
persischen Schulfreund erzählt, der ihn in der
Kriegsgefangenschaft besucht hat und - in vortouristischer Zeit - den Weg zur Seidenstraße, zu
den Salzwüsten und dem Grabdenkmal für Hafis
in Schiraz gewiesen hat. Das Musikerleben im Zeichen Robert Schumanns führte ihn nach
seiner Rückkehr mit seiner späteren Ehefrau 1952
zusammen. Von den alsbald geborenen drei Kindern, Illiana und Corinna heißen die
Mädchen, kann das Ehepaar schon fünf Enkel
vorweisen, die in den USA bzw. zurzeit in London leben.
Der berufliche Weg führte steil aufwärts.
1952 erfolgte der Eintritt in den Michel-Konzern,
innerhalb dessen der knapp 30-Jährige mit den
Stimmen der Arbeitnehmer bei dem Braunkohlewerk Neurath AG in den Vorstand berufen wurde.
Leitende Stellungen nahm er als Vorstand, in der Geschäftsführung, im Aufsichtsrat in
verschiedenen Konzernbereichen bis 1969 ein. Auch
dort ist die Bereitschaft zur Übernahme
zusätzlicher sozialer Verpflichtungen erkennbar, denn er
erklärt sich bereit, unterstützt von seinem
Mentor Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Georg Schneider (1900-1977), verschiedene führende Positionen in
Wirtschaftsverbänden ehrenamtlich anzunehmen.
Die glückliche Hand seines Vaters beweist er
selbst in Immobiliengeschäften, von 1959 bis 1980
ist er Kommadantist des Bankhauses Trinkhaus & Burkhardt, und unter seinen zahlreichen
Beteiligungen seien elektronische Firmen und die
Dortmunder "Brau und Brunnen" hervorgehoben.
Welch einer vorbildlichen Erscheinung wir als Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute
einen symbolischen Preis verleihen, möchte ich
abschließend in einer persönlichen
Beobachtung zusammenfassen: Ich habe noch niemals
jemanden getroffen, der schlecht über ihn
gesprochen hätte. Er ist unter uns. Wir zeichnen wahrlich
eine rare, eine sokratische Persönlichkeit aus.

v.l.n.r.: Prof. Dr. Hansen; Klaus Schmotz, Oberbürgermeister der Stadt Stendal; Landrat Jörg Hellmuth;
Dr. Sabine Jung, Geschäftsführerin des AsKI; Udo van
Meeteren; Dr. Reinhard Höppner; Regierungspräsident Gerhard
Miesterfeldt; Dr. Knut Nevermann, Ministerialdirektor beim Beauftragten
der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der Medien; Prof. Dr. Günther Pflug
|