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Internationale Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg
Claus Pese
"Im Zeichen der Ebene und des Himmels" - so sah es Rainer Maria Rilke
- vollzog sich die Erneuerung der Kunst, nach der die Künstler in
dem kleinen Ort Worpswede im Teufelsmoor bei Bremen strebten. Die Ausstellung des Jahres
1895, die im Münchner Glaspalast stattfand,
machte die Künstlerkolonie Worpswede nicht nur als
Ausdruck der Suche nach einer neuen Malerei, sondern auch als Beispiel des kreativen
Zusammenlebens auf dem Lande in Deutschland berühmt.

Paul Gauguin
Heuhaufen in der Bretagne
Pont-Aven (Frankreich), 1890
Öl auf Leinwand
Nationalgalerie, Washington |
Worpswede steht jedoch nicht allein. Vielmehr sind Künstlerkolonien ein kunst- und
kulturgeschichtliches Phänomen von
gesamteuropäischer Dimension. Von dem Dorf Barbizon
südöstlich der Kunstmetropole Paris ausgehend,
bildeten sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts
in ganz Europa ländliche Zentren, die zu
Geburtsorten wichtiger Kunstströmungen wurden. In
diesen Kolonien, abseits der Großstädte und
doch in enger Bindung zu ihnen, ließen sich
Maler, Schriftsteller, Komponisten und Utopisten
nieder.
In intensiver Auseinandersetzung mit der sie umgebenden Natur und der dörflichen Welt
widmeten sie sich Bildthemen, die in den verschiedenen Künstlerkolonien zu ähnlichen
künstlerischen Ergebnissen führten.
Die Mobilität der Künstler und der rege
kommunikative Austausch untereinander trug den einmal gezündeten Funken in die
entlegensten Landschaften Europas. Bekannte Künstler
wie Jean-François Millet, Jean-Baptiste-Camille
Corot und Théodore Rousseau waren die ersten,
die sich im Wald von Fontainebleau niederließen
und heute zu den großen Vertretern der
realistischen Malerei Frankreichs gehören. Paul Gauguin
und sein Umkreis schufen im bretonischen Pont-Aven einen neuen Stil, der für das 20. Jahrhundert
von wegweisender Bedeutung war. Von ihren Werken gingen wesentliche Impulse für die
europäische und nordamerikanische Malerei aus. In Grezsur-Loing trafen sich nicht nur europäische,
sondern auch außereuropäische Künstler zur
intensiven Auseinandersetzung.
An den Küsten des Nordens, in Skandinavien und in Finnland (Tuusula), entdeckten die
Maler, wie Peder Severin Krøyer in Skagen, die
Magie des Lichts für die neue Landschaftsmalerei.
Im Osten Europas entstanden in den polnischen Künstlerkolonien von
Bronowice,
Kazimierz, Krzemieniec und Zakopane Werke, die den
kommenden Generationen zum Vorbild wurden. In Abramcevo, nördlich von Moskau, lud der
Mäzen Saava Mamantov die junge
Künstlergeneration, zu der u. a. Michail Vrubel` und Ilja
Repin gehörten, zur intensiven Auseinandersetzung
mit der traditionellen russischen Kunst ein. Im
Südosten Europas bildeten die Kolonien von Nagybánya, Szolnok und Gödöllö die ersten
Zentren moderner Kunst.
Der Westen Europas - das belgische Tervuren und die niederländischen Künstlerkolonien
von Laren, Osterbeek und Katwijk - hatte für die
deutschen Kolonien Vorbildcharakter. Neben Worpswede (dort u. a. auch Paula
Modersohn-Becker, Clara Rilke-Westhoff, Heinrich Vogeler) sind
die Orte Dachau (u. a. Adolf Hoelzel),
Grötzingen, Kronberg, Schreiberhau (heute Polen) und Willingshausen ebenso Teil dieser internationalen Bewegung wie
Ahrenshoop, Ekensund
(heute Dänemark), Hiddensee und Nidden (heute
Litauen) an der Ostseeküste.

Peder Severin Krøyer
Sommerabend am Strand von Skagen
Skagen (Dänemark), 1893
Öl auf Leinwand
Skagens Museum, Dänemark |
An den Beispielen von St Ives in Cornwall, Arvika in Schweden und Darmstadt wird
deutlich, dass das Schaffen in den Künstlerkolonien
keineswegs auf Malerei und Grafik beschränkt
blieb, sondern auch Bildhauerei und Kunsthandwerk
mit einschloss. Die Künstlerkolonien waren auch Inspirationsquellen für Literatur, Musik und
darstellende Künste, wie die Werke von Holger Drachmann, Gerhart Hauptmann und August Strindberg oder die Kompositionen von Frederick
Delius und Jean Sibelius zeigen.
Die Mathildenhöhe bei Darmstadt und der Monte Verità bei Ascona in der Schweiz (dort
lebten u. a. Marianne v. Werefkin und Alexej v. Jawlensky) waren Schauplätze
unterschiedlicher lebensreformerischer Bestrebungen. Im
Bereich des Bauens und Wohnens wurde ein zukunftsweisender Anfang gemacht - eine neue
gedankliche Durchdringung des menschlichen Miteinanders, des Umgangs mit der Natur, aber
auch gesellschaftliche Utopien zeugen vom Willen
zu neuen Lebensformen. Diese Gedankenwelt war auch in anderen Künstlerkolonien wie
Friedrichshagen, Gödöllö oder Worpswede zu finden.

Károly Ferenczy
Oktober
Nagybánya (Ungarn/Rumänien), 1903
Öl auf Leinwand
Nationalgalerie, Budapest |
Viele Künstler suchten in der ländlichen
Abgeschiedenheit eine Alternative zu den
Auswüchsen der Zivilisation. So mancher stellte
seine künstlerische Energie in den Dienst einer "Gesundung" der Stadt durch das Land. Die so
entstandenen reformerischen Initiativen reichten
von einer bürgerlichen Lebensform über
gemeinwirt
schaftliche Experimente bis hin zu ökologisch motivierten Unternehmungen. Sowohl die
kreative als auch die soziale Seite des
Künstlerlebens erreichten hier einen Grad von Freiheit, wie er
im städtischen Umfeld kaum möglich war. Die
Arbeit in der freien Natur wurde zum gemeinsamen Erlebnis; die Suche nach Gemeinschaft in
Alltag und Festen war Grundprinzip des
künstlerischen Lebens.
Das Landleben, die bäuerlichen Arbeiten
und die Tracht bildeten wichtige Faktoren in
Künstlerkolonien. Anfänglich empfanden die Künstler
das bäuerliche Leben als Folklore, und die
künstlerische Wahrnehmung der Wirklichkeit
spiegelte dieses oftmals wider. Dies wurde im späten
19. Jahrhundert von einer malerischen Reduktion
auf die "natürlichen Dinge" abgelöst, verbunden
mit einem Lob des einfachen Lebens. Das Landleben konnte aber auch durch die Betonung
der Erdverbundenheit zum Mythos erhoben werden.
In den Künstlerkolonien an der See sahen
die Maler das tägliche Leben der Fischer und
ihrer Frauen im gleichförmigen Ablauf des Jahres.
Für die Künstler war das Eigentümliche dieser
Welt der Boote und Netze von besonderem Reiz. Die einfache, mit der Natur verbundene
Lebensweise der Menschen lieferte die Motive für ihre
künstlerische Aussage. Mit dem aufkommenden
Badebetrieb wurde zunehmend der unbekleidete Mensch in der ihn umgebenden Natur von
Meer und Strand dargestellt.
Der unspektakuläre Charakter der
Landschaft bot die Möglichkeit, sich auf die Stimmungen
der Natur im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten zu konzentrieren. Dabei fanden weniger die
dramatischen Wettersituationen, sondern die Abend- und Nachtszenen mit ihrer besonderen
Farbpalette das künstlerische Interesse. In dem
gleichen Maße, wie die ländlichen Zentren zu
dauernden Aufenthaltsorten wurden, gewann auch der Winter als wichtiger Bildgegenstand
zunehmend an Bedeutung.

Heinrich Vogeler
Träume II
Worpswede (Deutschland), 1912
Öl auf Leinwand
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg |
Das elementare Erlebnis des Meeres in den verschiedenen Stimmungen wurde von
allen Malern, die in den Künstlerkolonien an der
See lebten, immer wieder als neue Herausforderung empfunden. Das sich im Wasser spiegelnde
Licht, die Schatten der ziehenden Wolken auf der
Meeresoberfläche, der Dunst des aufsteigenden
Wassers boten attraktive Varianten der
Darstellungsmöglichkeiten. Hinzu kam der Himmel, der
mit dem ständigen Spiel von Wolken und Sonne
die Küstenlandschaften in leuchtende,
wechselnde Farbtöne tauchte.
Ein hochgespannter Himmel über einem weiten Land vermittelte die Sehnsucht nach
dem Naturerlebnis und wurde daher ein beliebtes Motiv der Maler und des Publikums. Die
Befreiung von der Enge der Stadt fanden die Künstler
zumeist in der Ebene. Sie gab ihnen ein Gefühl
von
Ruhe und zugleich eine Vorstellung vom Leben im Einklang mit der Natur.
Wolkenformationen, ein häufiger Wechsel des Lichtes und sich
wandelnde Schatten steigerten dieses Empfinden. Auch aufragende Berge können dieses
Gefühl vermitteln, jedoch gab es nur einzelne
Künstlerkolonien, die in diesen Landschaften entstanden.

Die Eisenbahnlinie von Melun nach Barbizon
Barbizon (Frankreich), nicht datiert
Farblithografie
Musée Municipale Barbizon |
Mit der Entdeckung von Fontainebleau als natürlichem Erlebnisort für die städtische
Bevölkerung von Paris wurde der Wald zu einem
Thema der Maler (s. Titelbild der "Kulturberichte").
Das wechselnde Erscheinungsbild des Waldes stand als sehr anschauliches, lyrisches Symbol für
die Jahreszeiten in ihrem Ablauf. Überdies sah
man im Frühling das Werden und im Herbst das
Vergehen des menschlichen Lebens; einzelne Baumriesen wurden wie Individuen dargestellt.
Das Schaffen in den Künstlerkolonien war
nicht alleine durch die Natur geprägt. In vielen
Fällen verbanden Künstler ihre religiösen
Vorstellungen mit den Stimmungen der Landschaft und
den Elementen der Volkskunst. Beides diente auch als Quelle der Inspiration für eine
Neubelebung der Märchenwelt. Fernab der großen Städte
regten die tatsächlichen oder erdachten
Geschichten aus alten Zeiten die Phantasie an. In
den Mythen fanden vor allem noch junge Nationen ihre Identität.
Die in den Künstlerkolonien - heute oft gut besuchte Schauplätze des gehobenen
Kultur-Tourismus - entstandenen Werke offenbaren
erstaunliche künstlerische Leistungen von
internationaler Parallelität. Ungeachtet aller
Stilbildungen blieben die Bildmotive und Bildthemen über
Länder und Grenzen hinweg gleich. Die
Künstler beschäftigten sich mit vergleichbaren Sujets
wie der Darstellung des Künstlerortes, dem
fröhlichen und ernsten Leben in der
Künstlergemeinschaft, dem Land und dem Meer als Standort. Erst
die Pleinair-Malerei ermöglichte eine neue
Sichtweise auf die Natur und ihre Phänomene.
Künstlerkolonien wurden zu Kristallisationspunkten
für die internationale Moderne.
Um diese internationale Sprache der Kunst aufzuzeigen, löst sich die Ausstellung im
Germanischen Nationalmuseum (15. November 2001
bis 17. Februar 2002) von der herkömmlichen topografischen Einteilung und verlangt nach einer thematischen Ordnung. Zwölf Abteilungen
mit etwa 600 teilweise erstmals in Deutschland
präsentierten Werken und Dokumenten zeigen,
dass die bedeutendsten Künstler der Kolonien
wesentlichen Anteil an der Entwicklung von
Impressionismus, Naturalismus, Synthetismus,
Jugendstil und Expressionismus hatten. Anhand von
Dokumenten - zeitgenössische Plakate,
Postkarten und Prospekte - wird veranschaulicht, dass
die Künstlerschaft selbst wesentlichen Anteil an
der touristischen Entdeckung ihrer landschaftlich
oftmals unspektakulären Orte hatte.

Jean-François Millet
Bauer beim Veredeln eines Baumes
Barbizon (Frankreich), 1855
Öl auf Leinwand
Neue Pinakothek, München |
Mit dem Ausstellungsprojekt, das in Zusammenarbeit mit Partnern aus fünfzehn
Ländern Europas und den USA realisiert wird, greift
das Germanische Nationalmuseum den europäischen Gedanken auf, wie er unter den
Künstler vor 100 Jahren bereits gelebt worden ist.
Die thematische Ordnung findet auch in dem die Ausstellung begleitenden Katalog ihren
Niederschlag. Unter Beteiligung von Wissenschaftlern aus zehn europäischen Nationen ist ein
Standardwerk entstanden, welches das Phänomen "Künstlerkolonie" in seiner
kulturhistorischen Gesamtheit erschließt. Eine umfassende Bibliografie und knapp 300 Künstlerbiografien
ermöglichen den Einstieg in die weitere Forschung.
Das Namensregister mit anschließendem
Ortsregister schafft die Voraussetzung für die vielfältige
Benutzbarkeit des Ausstellungskatalogs.
Die Europäische Kommission hat das Ausstellungsprojekt "Künstlerkolonien in Europa"
als besonders förderungswürdig eingestuft - damit ist es zu einem europäischen Unternehmen
geworden. Davon zeugen nicht zuletzt die Mitveranstalter: das Singer Museum im
niederländischen Laren und Skagens Museum In
Dänemark.
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Ausstellungskatalog: Pese, Claus: Künstlerkolonien
in Europa - "Im Zeichen der Ebene und des
Himmels", Nürnberg 2001, 600 S., mehr als 500 Abb., 18
Artikel, Kurzbiografien, Bibliografie und Register, 25 € |
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Dr. Claus
Pese ist Oberkonservator und Projektleiter im Archiv für Bildende Kunst im
Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg |
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