
|
|
Eine Sonderausstellung des Deutschen Hygiene-Museums, Dresden
Gisela Staupe / Susanne Kridlo
Zur Vorgeschichte der Ausstellung
Sexualität und Sexualaufklärung sind
Ausstellungsthemen, die beim traditionell sehr jungen Publikum des Deutschen
Hygiene-Museums auf eine besonders große Resonanz stoßen.
Mit der Neukonzipierung des Hauses nach 1991 und seiner inhaltlichen und methodischen
Profilierung als interdisziplinär arbeitendes Museum
vom Menschen musste das Thema Sexualität sehr
viel komplexer verstanden werden, als es der konventionelle Begriff der Sexualaufklärung
nahe legt. Sexualität sollte als biologisches,
kulturelles und gesellschaftliches Phänomen aus
unterschiedlichen Perspektiven in den Blick genommen werden.

Abbildung des Eierstock
aus: Regnerus de Graaf,
Opera Omnia; Leiden 1678
Sächsische Landesbibliothek -
Staats- und Universitätsbibliothek Dresden |
Mit der aktuellen
Sonderausstellung "Sex - Vom Wissen und Wünschen" (8.
November 2001 bis 11. August 2002) beschließt
das Deutsche Hygiene-Museum jetzt seine Trilogie zur menschlichen Sexualität, die 1993 mit
"Unter anderen Umständen. Zur Geschichte der
Abtreibung" begonnen hatte und 1996 mit "Die Pille - Von der Lust und von der Liebe"
fortgesetzt
worden war.
Die letzte Ausstellung dieser Trilogie stellt
nun keinen Rückgang zum Einfachen oder
Ursprünglichen dar; der Zugang zum Thema Sexualität
und Gesellschaft hat sich vielmehr in neuer Weise differenziert und kompliziert. Denn das
Thema Sexualität steht heute im Schnittpunkt
zweier Achsen: Die diachrone Achse verläuft von
der sexuellen Revolution über die
diskurskritischen Analysen von Michel Foucault bis heute, die
synchrone zwischen Phantasie, Pharmazie und Reproduktionsmedizin. Alle Elemente, die
für heterosexuelle Partnerschaften und für die
Familie konstitutiv waren, emotionale,
biologische,
ökonomische Bindungen, sind zu Kannbestimmungen geworden. Und mit den
Möglichkeiten der Reproduktionstechnologie verlor zuletzt
die heterosexuelle Paarbeziehung ihre gesellschaftliche und biosoziale Hauptaufgabe der
Reproduktion. Gleichzeitig wurden neue
Verhaltensweisen und Stile des Zusammenlebens entwickelt,
in denen Sexualität ein Mehr an Sichtbarkeit
und Bedeutung besitzt.

Aus: Sha Kokken
Sexuelle Technik in Wort und Bild
Flensburg 1966 |
Nachdem eine erste wissenschaftliche Konzeption für das neue Projekt vorlag, stellten
wir uns die Frage, welche Gestalt diese
Ausstellung annehmen sollte, welche Anmutung - um
diesen luftigen Begriff aus der Sprache der
Ausstellungsmacher zu verwenden - sie haben könnte.
Angesichts der Omnipräsenz von Sexualität in
der Werbung und in den Medien und der hierdurch vorgeprägten Erwartungshaltung der
Besucher war uns schnell klar, dass die
Präsentationsform der Ausstellung nicht in Konkurrenz zur suggestiven Sprache dieser populären Bilderwelten
treten dürfte. Etwas ganz Anderes, Nüchternes
und Irritierendes sollte an ihre Stelle treten.
Wir entschlossen uns darum, nicht mit einem klassischen Ausstellungsgestalter oder
-architekten zu kooperieren, sondern sprachen mit
Rosemarie Trockel (u. a. Trägerin des
Kulturpreises Köln 2001) eine international anerkannte
Künstlerin an, die in ihrem Werk auf
unterschiedlichste Weise das Thema Sexualität umkreist.
Rosemarie Trockel stellte dann eine Gruppe von
Künstlern - bestehend aus Curtis Anderson,
Heike Beyer und Matti Braun sowie der
Theoretikerin Astrid Wege - zusammen, die im engen
Dialog mit den wissenschaftlichen Kuratorinnen
eine eigene Dramaturgie und Bildsprache für die
Ausstellung entwickelte, in der die moderne
Sexualität als permanenter Dialog zwischen Wissen
und Wünschen in Szene gesetzt wird. Es ist so
eine spezifische Präsentationsform entstanden, in
der die ganz unterschiedlichen Materialien in
Reibung zueinander treten, eine Konfrontation von
klassischen wissenschaftsgeschichtlichen Exponaten mit einer informativen
naturwissenschaftlichen Objektebene, durch die auch aktuelles Handlungswissen vermittelt wird.
Wissen: Eine Bibliothek der Sexualität
Erst vor rund zweihundert Jahren hat der Botaniker August Henschel den Begriff
"Sexualität" in einer Studie über die Fortpflanzung der
Pflanzen in die Wissenschaftsgeschichte
eingeführt; "Sexualität" wurde seither zum
Forschungsgegenstand der unterschiedlichsten
Disziplinen. Philosophen, Biologen, Mediziner, Sexualwissenschaftler, Demographen, Juristen,
Aufklärer, Erzieher, Systemkritiker, Journalisten und
Künstler haben zu verschiedenen Zeiten ihre
Definitionen geliefert und "Sexualität" zu einer
schillernden Begriffsgeschichte verholfen.

Anti-Onanier-Apparat, 19. Jahrhundert
Deutsches Historisches Museum, Berlin
Ziel der Anwendung dieser Geräte war es,
an
der Zweckgebundenheit von Sexualität
als Mittel
zur Fortpflanzung festzuhalten.
|
Die Ausstellung präsentiert diese
Geschichte als eine nachgebaute - und für die Besucher
benutzbare - Bibliothek, in der das verbreitete
Wissen über Sexualität und Fortpflanzung zur
Verfügung gestellt wird. Exemplarisch lässt sich
hier beispielsweise anhand eines Abrisses der Sexualaufklärung der gesellschaftliche Wandel
verfolgen, der sich in der deutschen Gesellschaft
in den letzten fünfzig Jahren vollzogen hat. War
in den 1950-er Jahren Jugendsexualität
außerhalb der Ehe noch völlig tabu, setzt die
Pädagogik heute - nicht zuletzt angesichts der Gefahr
von AIDS - auf praktische Aufklärung: So wird
mit Kondom-Übungsmodellen im Unterricht der
Umgang mit Präservativen geübt. Puppen, die in
der frühkindlichen Sexualaufklärung zum
Einsatz kommen, sind mit deutlich erkennbaren Genitalien ausgestattet. Aber man entdeckt auch
eine Konstante: Die (Puppen)-Mutter hat immer ein Kind im Bauch. Durch die Gegenüberstellung der
historischen Aufklärungskampagnen mit der gleichzeitig
stattfindenden Indizierung "jugendgefährdender" Publikationen wird die Ambivalenz und die wechselseitige Beeinflussung der gesellschaftlichen
und der wissenschaftlichen Entwicklungen greifbar.
Praxis: Die Neuordnung von Fortpflanzung und Sexualität
Auch wenn in Zukunft die meisten Kinder weiterhin durch einen sexuellen Akt gezeugt
werden, stellt sich heute, nach den großen Liberalisierungswellen der sechziger und siebziger
Jahre, bereits die Frage, wie die neuen
Reproduktionstechniken unser komplexes Verhältnis zu
Fortpflanzung und Sexualität verändern werden.
Hat sich mit der Einführung der Pille vor dreißig
Jahren die Sexualität von der Fortpflanzung
abgelöst, so trennt sich heute mit der Befruchtung
im Reagenzglas - so Carl Djerassi, der wissenschaftliche Vater der Pille - nun auch die
Fortpflanzung von der Sexualität. Dieser Bruch in
der Gattungsgeschichte stellt den Problemhorizont dar, vor dem die nächste Abteilung der
Ausstellung gesehen werden muss.

Erster Verhütungsmittelkoffer
der Pro Familia, 1973 |
Dieser größte Saal der Ausstellung ist
geprägt von strenger architektonischer Klarheit; der
Raum ist durchflutet von hellem, teils auch
farbigem Licht, transparente Tischvitrinen nehmen die Exponate und Texterläuterungen auf.
In dieser luziden Atmosphäre wird deutlich, dass
Wissenschaft und Aufklärung Sexualität aus dem Dunkel
ans Licht geholt haben, der menschliche Körper - und mit ihm die Sexualität
- transparent, wenn
auch nicht bis ins Letzte "durchschaubar"
geworden ist. Kein visuelles Medium, das hierzu nicht
seinen Teil beigetragen hätte: Der (weibliche)
Orgasmus per Sonde gefilmt, der Koitus im Kernspintomographen fotografiert und als
Videofilm zusammengeschnitten, Spermium und Ei sind
in ihren Entstehungsorten lokalisiert und greifbar geworden.
Ungewollt kinderlose Paare sind heute nicht mehr dazu verdammt, diesen Zustand als
unabwendbares Schicksal zu ertragen. Ein
objektiverer Blick auf Sexualität hat Gesetzesreformen
ermöglicht, die dem Einzelnen die
Selbstgestaltung seiner sexuellen Biographie zugestehen,
und pädagogische Programme greifen dort ein,
wo Interessenkonflikte zwischen unterschiedlichen sexuellen Bedürfnissen bestehen. Die
vom Zwang zur Fortpflanzung losgelöste
Sexualität wird zu einem Experimentierfeld, auf dem
verschiedene gesellschaftliche Organisations- und Kommunikationsformen durchgespielt
werden können.
Projektionen: Begehren in Künstler- und Dokumentarfilmen
Der letzte Ausstellungsraum stellt den Fluchtpunkt dar, in den die Diskurse des sexuellen
Wissens und der sexuellen Praxis einmünden.

Standbild aus: Andy Warhol, "Kiss", 1963-64
© 2001, The Andy Warhol Museum, Pittsburgh PA
A Museum of Carnegie Institute |
Er
ist als eine in sich verschachtelte Haus-im-Haus-Architektur gestaltet, in der auf mehreren
Ebenen und Projektionsflächen Filme und
Videos gezeigt werden, die individuell in kleineren
Räumen oder auch simultan von mehreren Besuchern gleichzeitig betrachtet werden
können. Beispiele aus Film- und Videokunst, aber
auch aus dem Bereich des Dokumentarfilms stellen das menschliche Begehren auf ganz
unterschiedliche Weise dar, es sind Bilder von intimen
Wünschen, die manchmal fremd, manchmal aber auch komisch erscheinen.
Künstlerische Arbeiten haben in den
letzten Jahrzehnten viele Entgrenzungen und
Enttabuisierungen vorweggenommen, die erst viel
später in der Gesellschaft nachvollzogen worden sind.
Die Filme handeln auch von der Vielfalt des
Sehens, von dem besonderen Blick auf das Sexuelle,
der je ein anderer ist, ob er nun derjenige der
Wissenschaftler, der Liebenden oder der
Ausstellungsbesucher ist. Die Ausstellung ist ein Angebot
an die Besucher, im Medium der Wissenschaft, der Kunst und ihrer eigenen Erfahrungen über
die besondere Position der Sexualität zwischen
Experiment und Utopie nachzudenken.
Wegener/Elbe vor und nach der Operation
Ort: Paris/Dresden, Zeit: 1929/1930
Quelle: Reproduktion aus "Lili Elbe, ein Mensch wechselt sein Geschlecht"
- Niels Hoyer, Dresden: Carl Reißner, 1930
Eine der ersten gelungenen Geschlechtsumwandlungen in Deutschland wurde am
dänischen Landschaftsmaler Einar Wegener (1883-1932) vorgenommen.
|
|
| |
|
Susanne Kridlo ist Projektleiterin der
Sonderausstellung "Sex - Vom Wissen und Wünschen"
im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden
Gisela Staupe ist stellvertretende Direktorin
des Deutschen Hygiene-Museums, Dresden, und wissenschaftliche Leiterin der
Ausstellungstrilogie "Sexualität" |
|