Wer möchte in diesem Herbst des Missvergnügens noch
gern Staatsminister des Bundes für Kultur und Medien sein? Klingende Reden zwar lassen
sich immer noch halten. Aber das klingende Geld ist knapp, und die Zeiten werden nicht
besser. Vor einem Jahr noch sah die Kulturlandschaft anders aus. Jedermann freute sich,
dass der Bundeskanzler einen Kulturminister, der Bundestag einen Kulturausschuss zu
berufen im Begriff war. Und alle erwarteten den Geldsegen vom Minister höchstpersönlich
...
Nun also das schlimme Erwachen, gewiss nicht bloß der
Kultur-Engagierten, sondern des ganzen Wahlvolks. Schmalhans ist endgültig
Küchenmeister. Minister Michael Naumann und seine Beamten mühen sich redlich, nicht nach
der Rasenmähermethode zu kürzen, sondern auch und gerade bei sinkendem Gesamtetat
Akzente zu setzen. Das ist anerkennenswert, führt jedoch dazu, dass bei den einen noch
mehr gespart werden muss - Deutsche Welle, Vertriebenenkultur -, damit die anderen
Zuwächse verzeichnen können - Hauptstadtkulturförderung, Stiftung Preußischer
Kulturbesitz, neue Länder. Umso lauter und heftiger, kontroverser die Diskussion.
Das muss kein Schaden sein. Die öffentliche Debatte um
kulturelle Themen von gesamtstaatlicher Bedeutung, wie sie dank Michael Naumann seit über
einem Jahr anhält, kann der Kulturförderung nur nützen. Denn da die Kultur keine
kräftige Lobby hat, ist sie auf die Öffentlichkeit und ihre Impulse angewiesen. Doch
sollten der Minister und die Kulturszene sich bald darüber einig werden, wohin denn nun
die Reise gehen soll. Der Bundeshaushalt 2000 ist gelaufen, wie man so schön sagt. Aber
die Folgejahre? Wann führt der vor über einem Jahr gewählte Bundestag die versprochene
kulturpolitische Debatte, und wird in dieser Debatte Einverständnis darüber hergestellt
werden, dass der Kürzungszug" für die Kultur angehalten werden muss, so wie
das der Verteidigungsminister für seinen Bereich fest vorhat?
Und weiter: Wird in dieser Legislaturperiode, anders als
bisher, ernsthaft darum gerungen, die private Förderung von Kunst und Kultur, überhaupt
des gemeinnützigen Dritten Sektors kräftig anzukurbeln? Nötig sind dazu, wie jeder
weiß, eine Reform des Stiftungsrechts sowie eine steuerrechtliche Besserstellung von
Stiftungen und gemeinnützigen Institutionen. Der Bundesfinanzminister hat bisher nur
erkennen lassen, er sei bereit, auf die unsinnige Durchleitung" von Spenden
für kulturelle Zwecke über die Kommunen zu verzichten und die so genannte
Übungsleiterpauschale für Ehrenamtliche ein wenig zu verbessern. Er muss für viel mehr
gewonnen werden.
Elke Leonhard, die Vorsitzende des Kulturausschusses im
Bundestag, und Staatsminister Michael Naumann wollen das erreichen. Aber sie brauchen
Verbündete, eine mit diesen gemeinsam entwickelte Strategie und vermutlich am Ende ein
Kanzler-Machtwort, lies Richtlinienentscheidung. Die kommt nicht von selbst. In der
Kulturszene herrscht große Bereitschaft zu helfen, wie die sommerliche Tagung des
Aktionskreises Kultur" in Dresden bewies. Aber nochmal: Verbündete her! Zum
Beispiel eine Allianz zwischen Sport und Kultur, so wie sie Anfang September 1999 in einer
ersten gemeinsamen Erklärung vereinbart wurde, um unter anderem für die Reform des
Stiftungsrechtes einzutreten.
Und der Außenminister, doch auch ein mächtiger Mann?
Seine auswärtige Kulturpolitik leidet ebenso unter dem Sparsyndrom. Da reicht es nicht zu
erklären, man spare mit zusammengebissenen Zähnen". Auch Joschka Fischer ist
gefordert.
Wenn überdies die Kulturpolitiker der regierenden
Koalition sich dazu durchringen könnten, die Wahlkampfpolemik nun endlich hinter sich zu
lassen und den Konsens mit der parlamentarischen Opposition zu suchen, dann wäre ein
weiterer wichtiger Schritt zum Erfolg getan. Nichts hat der inneren wie der auswärtigen
Kulturpolitik in den vergangenen Jahrzehnten besser getan als dieser parlamentarische
Konsens. Er muss wiederhergestellt werden.
Was aber tragen wir selbst, wir Kultur-Engagierten, zu
diesem Unternehmen bei? So wird zu Recht gefragt. Nichts wäre schädlicher als der
Eindruck, die Kulturszene giere doch bloß nach der Staatsknete". Nun haben
viele Kulturinstitutionen in den letzten Jahren schon große Anstrengungen unternommen, um
durch höhere Eigeneinnahmen von staatlichen und kommunalen Subsidien unabhängiger zu
werden. Erhöhte Eintrittspreise, fantasievolles Merchandising, moderne
Öffentlichkeitsarbeit einschließlich internationaler multimedialer Vernetzung,
erfolgreiche Sponsoren- und Spendersuche, publikumsorientierte Veranstaltungsplanung sind
die Stichworte. Hilfreich ist auch eine größere Etatautonomie, ganz gleich, ob sie durch
Umgründung der Institution in eine GmbH oder einen e.V. erreicht wird oder durch
pauschalierte Zuwendungen. Hier muss entschieden weiter gearbeitet werden.
Doch gibt es da Grenzen. Erstens: So sehr die großen
Ereignisse, besonders die Ausstellungen mit Hunderttausenden von Besuchern, die Etats
verbessern, so deutlich ist davor zu warnen, in eine Event-Kultur abzugleiten, die keinen
Platz mehr hat für das Neue, Ungewohnte, Experimentelle. Zweitens: Niemand gebe sich der
Illusion hin, die öffentliche Hand dürfe sich als Finanzier aus der Verantwortung
ziehen. Sponsoren finanzieren Ereignisse, nicht laufende Kosten. Drittens: Nach
kontinentaleuropäischem Verständnis legitimiert sich der Staat bei seinen Bürgern nicht
zuletzt dadurch, dass er sich auch von seinen kulturellen Wurzeln her definiert und aus
dieser Tradition heraus Kultur uneigennützig fördert.
Staatsminister Michael Naumann hat trotz schwieriger
Wegstrecke die Chance, der öffentlich und privat getragenen Kultur dieses Staates Impulse
zur Erneuerung zu geben und Türen zur substanziellen Entwicklung zu öffnen. Die Gefahr,
die ihn und uns auf diesem Wege bedroht, ist die Resignation. Nähme sie überhand, dann
wäre zugleich das Experiment des Bundeskulturministers gescheitert. Das aber darf nicht
passieren, ganz gleich, welche Mehrheit regiert und wer als Minister die Verantwortung
trägt.