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Kulturberichte 2/99: "Ortswechsel" - Literarisches Sommerwochenende im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg

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Barbara Baumann-Eisenack

Zum vierten Mal lud das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg am 12./13. Juni 1999 zu einem literarischen Sommerwochenende ein, das in diesem Jahr unter dem Thema „Ortswechsel" stand.

Zu diesem Wochenende waren die Autoren Katja Lange-Müller, Kathrin Röggla, Marcel Beyer und Werner Fritsch ins oberpfälzische Sulzbach-Rosenberg gekommen, um sich in Lesungen und Gesprächen mit diesem Thema zu beschäftigen. Ein gemeinsamer Ausgangspunkt war dabei, dass Ortswechsel wesentlich zu ihren Biographien, zu ihren Lebens- und Arbeitssituationen gehören.

Veränderungen der täglichen Umgebung, der Wechsel zwischen Metropole und Provinz oder das Pendeln zwischen verschiedenen Kulturen geben Autorinnen und Autoren seit jeher einen Impuls zum Schreiben. Vertraute und fremde, bewusst gesuchte und zufällig entdeckte Orte finden dabei ihre Resonanz in unterschiedlichsten literarischen Werken.

Werner Fritsch, 1960 in Waldsassen/Oberpfalz geboren, hat über München, Stuttgart und Wien einen weiten Bogen geschlagen, bevor er nach Berlin zog. In der Metropole lebend, schreibt er über die Provinz. Im Literaturarchiv trug er aus seinem 1998 uraufgeführten Stück „Es gibt keine Sünde im Süden des Herzens" einige Szenen vor, die von den Erinnerungen der Älteren handeln, wie sie miteinander und wie sie mit ihren Erinnerungen umgehen. Immer wieder tauchen Figuren aus seinen früheren Texten auf, vor allem der Knecht Wenzel. Wer einmal von diesem Knecht Wenzel gelesen hat, vor allem in Fritschs erstem Buch „Cherubim", von Wenzels im wahrsten und besten Sinn naiver Weltaneignung und Weltbetrachtung, bekommt ein Gefühl für die Verwurzelung in der Natur, die Fritsch immer wieder thematisiert - und die über alle Ortswechsel hinweg auch eine Konstante seines Werks bleibt.

Kathrin Röggla, 1971 in Salzburg geboren und jetzt in Berlin lebend, hat mit ihrem zweiten Roman „abrauschen" (1997) einen deutlichen Hinweis auf eine weitere Variante des Ortswechsels gegeben. Sie stellte zwei noch unveröffentlichte Texte in schnellem Sprachrhythmus vor. „Eine Reihe von Ausflügen" führt in die ländliche Umgebung von Berlin. Diese Ausflüge sind zunächst wie Landschaftsbilder gestaltet, Röggla verdeutlicht jedoch auch die Abhängigkeiten von der Großstadt und dokumentiert Zerstörungen, die auf der Suche nach unversehrter Landschaft angerichtet werden.

Katja Lange-Müller, 1951 in Berlin geboren, vollzog 1984 den wohl einschneidensten Ortswechsel, den von Ost nach West. Sie las „Setzer", einen Text, dem man eine außergewöhnlich intensive Wahrnehmung und auch die Freude an der genauen Beobachtung und ihrer ebenso prägnanten wie lakonischen Umsetzung in Sprache anmerkte. Es ist die Geschichte des „harten, handflinken, vieläugigen Maschinensetzers" Fritz, der seinen Kollegen von seinem „parasitären Zwillingsbruder, einer Art Bruder-Embryo" und den daraus resultierenden Ratlosigkeiten erzählt.

Der 1965 geborene Autor des Romans „Flughunde", Marcel Beyer, las mit großer Ruhe und Präzision einen Text über das Telefonieren vor, „Am Ende der Handvermittlung", und spürte dem Phänomen nach, während des Telefonierens tatsächlich einsam wie sonst selten zu sein. Sichtliche Freude bereitete es ihm, seine Version einer Schiffsreise, „Auf See", vorzutragen, bei der, wie sich herausstellt, alles nur in der Möglichkeitsform geschieht.

In der gemeinsamen Diskussion, die von Dieter Heß, Leiter der Abteilung Kulturkritik des Bayerischen Rundfunks, moderiert wurde, nahmen alle Autoren noch einmal Stellung zu ihren Ortswechseln, zu ihren bevorzugten oder zufällig sich ergebenden Orten des Schreibens. Katja Lange-Müller beschrieb ihre Empfindungen mit einem Zitat von Gerhard Polt: „Heimat, wo ist dein Zuhause?" und sprach mit einer gewissen Trauer von dem sich in rastloser Eile verändernden Berlin, so dass eher der Eindruck entstehe, der Ort selbst wechsele ständig. Kathrin Röggla wiederum sah gerade in diesem Tempo, in der ständigen Möglichkeit zur Veränderung das, was sie von Salzburg nach Berlin gezogen hat. Sie beschrieb den Ortswechsel für sich auch als permanenten Wechsel der „Szenen".

Werner Fritsch machte deutlich, dass nicht die vielen Ortswechsel sein Schreiben beinflussten, sondern vielmehr das, was er in der Kindheit und Jugend beobachtete und aufnahm und das nun durch Vergleiche und Vertiefungen eine weitere Qualität erfährt. Aus der Distanz sehe er auf seine Heimat und lasse aus dem Kontrast zwischen Großstadt und Provinz etwas entstehen, was von einem bestimmten Ort gar nicht mehr abhängig sei. Insofern folgt Fritsch dem Rat des älteren Kollegen Herbert Achternbusch, dem er seine ersten Texte zur Begutachtung geschickt hatte. Achternbusch hatte Werner Fritsch geraten „Achte auf deine Provinz".

Marcel Beyer erklärte seinen Umzug von Köln nach Dresden zunächst mit privaten Gründen, die aber auch mit dem Wunsch zusammenhingen, einmal eine längere Zeit woanders zu leben. Die Alternative sei für ihn „Marrakesch oder Dresden" gewesen, beides Städte, in denen u.a. das Licht eine große Rolle spiele und wo die Menschen noch einigermaßen unbeobachtet und unbehelligt leben könnten. Dass er einen Wechsel von West nach Ost vollzogen hat und dabei nicht, wie viele seiner Kollegen, nach Berlin zog, begründete Marcel Beyer auch damit, dass Dresden im Gegensatz zu Berlin die Hektik des Planens und Bauens schon hinter sich habe und es spannend sei, sich in dieser Stadt und in den dortigen verschiedensten Kreisen zu bewegen.

Die Lesungen und Gespräche dieses Wochenendes im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg ließen erkennen, wie sehr Ortswechsel auch das Schreiben prägen. Dieter Heß fasste dies so zusammen: „Einen Ortswechsel nimmt ein Schriftsteller auf sich, sucht ihn, leidet darunter, verlässt dafür ein Stück Heimat - alles im Dienst seiner Texte."

invisible.gif (85 Byte) Dr. Barbara Baumann-Eisenack ist wissenschaftliche Leiterin des Literaturarchivs Sulzbach-Rosenberg

 

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