Dass zwei Liedersendungen des um ein halbes Jahrhundert
jüngeren Franz Schubert 1816 und 1825 vom Dichterfürsten unbeachtet blieben, ist für
die Einstellung symptomatisch - ob Goethe sie bei der Fülle derartiger Sendungen selbst
zu Gesicht bekam oder nicht. Doch spielt die Frage seines musikalischen Urteilsvermögens
eine nur untergeordnete Rolle; wesentlich ist, dass Goethe durch seine singbaren Texte
Komponisten zu kongenialen Meisterwerken inspirierte, so dass die Geschichte des deutschen
Liedes von Schubert bis Wolf ohne sie kaum vorstellbar ist. Bei Schubert muss man
Goethetexte geradezu als Auslöser betrachten - nach den Worten seines Biographen O. E.
Deutsch fielen sie in die frische, jugendliche unbefangene Seele Schuberts wie
Feuerfunken" und inspirierten ihn zu Schlüsselwerken der romantischen
Liedkomposition. Seine erste Goethevertonung Gretchen am Spinnrad" op. 2 von
1814, der 1815 Der Erlkönig" op. 1 folgte, darf als Geniestreich angesehen
werden, der die Liedkomposition revolutionierte.
Max Regers musikhistorische Position am Ende des 19.
Jahrhunderts schrieb ihm eine Erbenrolle zu. Originalität und radikale Neuerung
entfaltete er in der Umwandlung und reflexiven Brechung des Vorgefundenen - am
bekanntesten in seinen großen Variationszyklen über Themen Bachs, Beethovens, Mozarts
und Telemanns. In seinen etwa 300 Liedern knüpfte er an das gesamte romantische
Lied-Repertoire an, doch wählte er zur Vertonung überwiegend Lyrik von Zeitgenossen - O.
J. Bierbaum, Richard Dehmel oder Gustav Falke lieferten ihm die Vorlagen für seine
hochchromatischen, sensitiven, ja nervigen Lieder. Knapp 70 Goethetexten bei Schubert
stehen zwei bei Reger gegenüber, Schiller, bei Schubert an zweiter Stelle, suchen wir gar
vergebens. Eine Begründung lieferte Reger selbst: Man tadelt mich oft wegen meiner
Textwahl. Aber Goethe ist auskomponiert. Schubert konnte noch Goethe komponieren, denn er
war ein musikalischer Naturbursche, er nahm die Texte ganz naiv, und während des
Komponierens hatte er so geniale Einfälle, dass damit eigentlich alles getan war. Ich bin
ein moderner Mensch und damit auch kritisch veranlagt. Ich lege viel mehr in solche Texte
hinein, dabei aber übermannt mich die Größe des Gedichtes so, dass es mir wie Wahnsinn
vorkommt, da noch was hinzufügen zu wollen." So zeitgeprägt sein Blick auf Schubert
auch ist - Goethe hätte seine Freude an dieser kompositorischen Zurückhaltung gehabt.
Dass auch Reger Begeisterung für klassische Texte
empfand, erfahren wir auf Umwegen. Als Leiter der berühmten Meininger Hofkapelle
(1911-1914) begann er eine reiche Tätigkeit als Liedinstrumentator - teils um das
Repertoire anzureichern, denn er liebte in seinen Konzerten die Kombination sinfonischer
mit vokalen Werken, teils im Bewusstsein seiner im täglichen Umgang mit dem Orchester
erworbenen Instrumentationskunst. Verbunden mit seiner außergewöhnlichen Satzkunst ließ
ihn die Kenntnis der Klangcharakteristika der Instrumente nun Partituren von
impressionistischer Färbung schreiben, die Steigerungen nicht durch Klangmassierung,
sondern durch Stimmverdichtung und Polyphonisierung selbst des akkordischen Satzes
erreichten. Innerhalb dreier Jahre erschienen 33 derartige Orchestrierungen, darunter acht
ausgewählte Schubert-Lieder überwiegend ruhigen, lyrischen Charakters, in solch rascher
Folge, dass Reger seine Werkmassen schon auf mehrere Verlage verteilen und ihre Besitzer
vertrösten musste: Damit sind meine ,Bearbeitungsgelüste` für dieses Jahr
befriedigt." (2.6.1914 an den Musikverlag Breitkopf und Härtel) oder Ihren
Schreck kann ich mir denken, wenn Sie anbei wieder ein instrumentiertes Lied von Brahms
finden." (am 6.11.1915 an den Musikverlag N. Simrock).
Doch muss ihn erneut ein Gelüst überfallen haben und
dieses dürfte - angesichts der ausgewählten Vorlagen - durchaus den
Feuerfunken" entsprochen haben, die Schubert entflammt hatten. In seinem
Nachlass fanden sich 1916 überraschend Sieben berühmte Lieder" Franz
Schuberts zu Texten Goethes (Gretchen", Erlkönig", Gesänge
des Harfners", Prometheus") und Schillers (Gruppe aus
Tartarus"), mit denen Reger die Verleger offenbar bis nach dem Weltkrieg verschonen
wollte. Erst zehn Jahre nach seinem Tod wurden sie von der Universal-Edition in Wien
herausgegeben.
Bei dieser Arbeit, die nicht für die unmittelbare
Herausgabe bestimmt war, hat Reger sich von Begeisterung sowohl für die Texte als auch
für ihre musikalische Umsetzung leiten lassen: Die Sehnsucht des Spätgeborenen nach
großen Texten konnte hier zumindest aus zweiter Hand gestillt, zugleich die Hochachtung
vor Schuberts genialen Neuerungen in einer respektvollen Bearbeitung zum Ausdruck gebracht
werden. Die neuen Mittel subtiler Textinterpretation, die Schubert in die Entwicklung des
Liedes brachte, finden sich in diesen Vorlagen in hoher Konzentrierung: seine von
Zeitgenossen gerügte freizügige Tonalität mit ihren damals als grell empfundenen
Modulationen, die sprechenden" Begleitfiguren, die rhythmische Komplexität und
die dem Text subtil entsprechende, von der absoluten musikalischen Form abweichende
Formung. Bei der Übertragung ging Reger mit großer Sorgfalt vor: Die Singstimme blieb
unangetastet, die Begleitung wurde dem Orchester übertragen mit dem Ziel, die verborgenen
Schönheiten hervorzuheben, Haupt- und Nebenlinien plastisch herauszuarbeiten, die
Singstimme zu stützen und charakteristisch einzufärben.
Durch einen glücklichen Zufall gelangten die sieben
Autographen im Januar 1999 in den Besitz des von Regers Witwe Elsa gegründeten
Max-Reger-Instituts - wie ein Geschenk zum Einzug in sein endgültiges Domizil in der
Alten Karlsburg in Durlach. Sie stammten aus dem Nachlass der Witwe, deren Erbe in Form
von Manuskripten das Institut aus den verschiedensten Gründen nie hatte antreten können.
War bisher nur der in vielem fehlerhafte Erstdruck von 1926 bekannt, so wurde es nun
möglich, die Quellen zum Vergleich heranzuziehen. Dabei stellte sich heraus, dass Reger
die Partituren mit schwarzer Tinte in großer Eile im Notentext vollständig, die
Vortragsschicht jedoch, die stets in einem zweiten Arbeitsgang mit roter Tinte erfolgte,
noch gar nicht notiert hatte. In den Autographen wurde dies von fremder Hand, vermutlich
vom Reger-Schüler Joseph Haas, hinzugefügt, um die Drucklegung zu ermöglichen.
Die sieben autographen Partituren bilden eine große Bereicherung der
Handschriftensammlung des Max-Reger-Instituts, die zum rechten Zeitpunkt erworben wurden;
denn das Zeitalter der puristischen Sicht und musealen Ehrfurcht vor dem Original neigt
sich dem Ende zu, Bearbeitungen dürfen - wie in früheren Jahrhunderten - wieder auf das
Interesse der Rezipienten hoffen als auskomponierte Interpretation und Auseinandersetzung
mit den Vorbildern. Dass es in der Luft liegt, neben den Originalen auch wieder die
Umformungen zu spielen, beweist die Tatsache, dass im vergangenen Jahr unabhängig
voneinander zwei CD-Einspielungen der insgesamt 15 Schubert-Liedinstrumentationen Regers
erschienen (Camila Nylund, Sopran, Klaus Mertens, Bariton, unter Werner Andreas Albert,
CPO 999 510; Ina Stachelhaus, Sopran, Dietrich Henschel, Bariton, unter Dennis Russel
Davies, Dabringhaus & Grimm 321 085-2) - sie seien jedem, der Altbekanntes in neuem
Gewand zu hören bereit ist, empfohlen.