Das Museum Ostdeutsche Galerie wurde im Jahre 1970 mit
dem klassischen Museumsauftrag gegründet, Kunst von Künstlerinnen und Künstlern zu
sammeln, zu bewahren, auszustellen und zu erforschen, die aus den ehemaligen deutschen
Reichs-, Siedlungs- und Kulturgebieten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa stammen, also
aus Pommern, Ost- und Westpreußen, Danzig, dem Baltikum, Schlesien, Böhmen, Mähren,
Siebenbürgen und dem Banat, oder die dort künstlerisch tätig waren. Neben den
seinerzeit teilweise im Aufbau befindlichen ostdeutschen Landesmuseen fiel dem Museum
Ostdeutsche Galerie die Aufgabe des Kunstmuseums als Sammlung von Gemälden, Skulpturen,
Plastiken und Graphik zu, um den Anteil der ehemaligen ostdeutschen Kunstzentren an der
modernen Kunstentwicklung" darzustellen, so die Stiftungsurkunde und die
Satzung von 1966 bzw. in der neuen Fassung von 1981.
Die Kunstsammlungen des Adalbert-Stifter-Vereins in
München und der Künstlergilde Esslingen, die den Grundbestand des Museums bildeten,
sowie die kunsthistorisch sinnvolle Begrenzung der Sammeltätigkeit mit der Gründung der
Akademien in Prag, Breslau und Königsberg legten das Arbeitsgebiet des Museums auf das
19. und 20. Jahrhundert bis hin zur neuesten Moderne fest. Gemäß dem Stiftungsauftrag
und der sinnvollen Abgrenzung zur Tätigkeit der Landesmuseen wird auf eine hohe Qualität
der Sammlungsbestände Wert gelegt, eben auf Werke jener Künstlerinnen und Künstler,
deren Anteil an der modernen Kunstentwicklung" es darzustellen gilt.
Die Tätigkeit des Museums war von Beginn an im
Wesentlichen die eines Bundesinstituts. Die Gründer der Stiftung Ostdeutsche Galerie, die
Trägerin des Museums ist, waren 1966 die Bundesrepublik Deutschland, die 11 Bundesländer
und die Stadt Regensburg. Bis heute sind im Vorstand und im Stiftungsrat der Bund bzw.
auch die Länder Nordrhein-Westfalen und Hessen vertreten. 1981 übernahm der damalige
Bundespräsident Prof. Karl Carstens die Schirmherrschaft über das Museum, die 1986 von
Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker erneuert wurde. Auch fachlich vertritt das
Museum Bundesfunktionen: Bis 1989 repräsentierte es Künstler und Sammlungsschwerpunkte
für jene Museen in den östlichen Nachbarstaaten, deren Sammlungen nicht oder nur schwer
zugänglich waren. Seit den Grenzöffnungen widmet es sich hingegen verstärkt dem
wechselseitigen Dialog im Bereich der bildenden Kunst zwischen Deutschland und seinen
östlichen Nachbarn.
Die Sammlung des Museums, die mit der Wiedereröffnung
im Sommer 1993 nach mehrjährigem Umbau durch Ankäufe des Bundes bedeutend erweitert
wurde, ist mit einem Bestand von ca. 2000 Gemälden, Plastiken, Skulpturen und Objekten
sowie über 30.000 Blättern Künstlergraphik von europäischer Bedeutung, deren Rang sich
durch Künstler wie Eduard Gaertner, Adolph von Menzel, Lovis Corinth, Käthe Kollwitz,
Karl Schmidt-Rottluff, Otto Dix, Lyonel Feininger, Oskar Kokoschka, Markus Lüpertz,
Sigmar Polke, Anselm Kiefer - um nur einige zu nennen - ausweist.
Bereits in einer der Eröffnungsreden 1970 formulierte
der bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel auch den grenzüberschreitenden Auftrag
des Museums:
Die Ostdeutsche Galerie wird mit der Darstellung der Kunst des Ostens und Südostens
deren Anteil an der deutschen und europäischen Kunst aufzeigen. Ihre Aufgabe wird es
sein, nicht nur bereits bekannte Künstler und Werke der neueren Kunstgeschichte zu
zeigen, sondern auch die unserer Zeit, um so die jüngere Generation zu fördern und
darüber hinaus die Galerie vor allem auch den Gästen der osteuropäischen Nachbarländer
offen zu halten. Sie ist damit ein bedeutendes Instrument für den Ausbau der kulturellen
Beziehungen zum Osten und Südosten Europas." Dies hat insbesondere seit den
Grenzöffnungen zu den östlichen Nachbarstaaten und den verbesserten Beziehungen zu
Osteuropa an Bedeutung und Aktualität gewonnen.
Bereits zwei Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs realisierte das Museum in
Zusammenarbeit mit dem Institut Nordostdeutsches Kulturwerk in Lüneburg und dem
Nationalmuseum in Stettin die gemeinsame Ausstellung Stettin - Ansichten aus 5
Jahrhunderten", die von einem zweisprachigen Katalog begleitet wurde. Schon damals
betonte Jan Otto, der Vorsitzende des Stadtrates von Stettin, die Stadt sei offen
für jegliche internationale Zusammenarbeit, insbesondere mit unserem westlichen Nachbarn,
dem wiedervereinten Deutschland". Diese Offenheit hat sich bei zahlreichen
gemeinsamen Projekten mit Polen, Tschechien, Kroatien, Slowenien und neuerdings Lettland,
Rumänien, der Ukraine und der Russischen Föderation in dem Jahrzehnt nach der Öffnung
der Grenzen immer wieder bestätigt, wenn auch die Sprachregelungen" im
Einzelfall wechseln, was nach der gemeinsamen Geschichte aber durchaus verständlich ist.
1992 zeigte das Museum in Zusammenarbeit mit der
Nationalgalerie in Prag die Ausstellung Die Moderne Galerie in Prag 1905-1938";
1994/95 entstand zusammen mit der Galerie der Hauptstadt Prag und dem Museum der
österreichischen Kultur in Eisenstadt die Ausstellung Lücken in der Geschichte.
Polemischer Geist Mitteleuropas. Deutsche, Juden, Tschechen. 1890-1938". 1992-94
wurden auf Veranlassung des Museums 13 Kartons, die Johann Friedrich Overbeck 1867 für
einen Freskenzyklus der Kathedrale von Djakovo/Kroatien geschaffen hatte, in Deutschland
mit Mitteln des Bundesministeriums des Innern restauriert und anschließend in Regensburg,
im Galeriezentrum Zagreb und im Diözesanmuseum Djakovo mit einem begleitenden
zweisprachigen Katalog ausgestellt. Im konservatorischen und museumstechnischen Bereich
konnte 1995-98 eine Kooperation mit mehreren europäischen Institutionen im Rahmen des
Prevent-Projekts EUREKA EU 1383, Klima in Innenräumen" insbesondere zusammen
mit dem Gradbeni Institut ZRMK, Ljubljana, realisiert werden.
Nach mehrjährigen Kontakten vor allem zu den Kollegen
am Nationalmuseum Breslau, die die Erforschung der dort lagernden deutschen Bestände
betrafen, wurden seit 1998 die Beziehungen zu Polen intensiviert. Der Freistaat Bayern
förderte eine grenzüberschreitende Maßnahme, durch die im Januar 1999 die im Jahr zuvor
in Regensburg gezeigte Ausstellung Ulrich Behl - Modulare Ordnungen" mit einem
vollständig ins Polnische übersetzten Katalogbuch im Architekturmuseum in Breslau
gezeigt werden konnte.
Im Februar wurde in Regensburg die Ausstellung
SPEKTRUM - 3 Künstler aus Polen treffen 3 Künstler aus Deutschland"
eröffnet, die zusammen mit dem Nationalmuseum Danzig realisiert worden war. Dieses
Ausstellungsprojekt, in dem jeweils drei junge Künstlerinnen und Künstler aus Danzig und
aus Recklinghausen Werke aus unterschiedlichen Kunstgattungen (Malerei, Zeichnung,
Skulptur, Objekt, Installation, Video) zeigten und das anschließend in der modernen
Abteilung in Danzig-Oliva stattfand, kann als beispielhaft für ein gemeinschaftlich
organisiertes grenzüberschreitendes Projekt gelten: Die Künstler wurden von dem jeweils
eigenen" Museum ausgesucht bzw. betreut. Es erschien ein zweisprachiger Katalog
mit Beiträgen beider Museen, dem durch ein spezielles Layout nur noch am Impressum
anzusehen war, dass er in Regensburg produziert worden ist; ebenso erschien ein
gemeinsames zweisprachiges Plakat. Sowohl in Regensburg als auch in Danzig fanden
begleitende Symposien mit polnischen und deutschen Museumswissenschaftlern,
Ausstellungsmachern und Kunstjournalisten statt, im Museum Ostdeutsche Galerie zum Thema
grenzüberschreitender Ausstellungen zwischen Deutschland und Polen, im Nationalmuseum
Danzig zur in beiden Staaten unterschiedlich verlaufenden zeitgenössischen
Kunstentwicklung. In Regensburg ergänzten eine Lesung des polnischen Schriftstellers
Andrzej Szczypiorski und ein Konzert des polnischen Jazzduos Adam Pieronczyk und Vitold
Rek das Programm, in Danzig ein Künstlerabend und eine Besichtigung des modernen
Kunstzentrums Laznia". Außerdem waren die jeweiligen Generalkonsulate in
München und Danzig, das Polnische Institut in Leipzig, das Institut für
Auslandsbeziehungen in Stuttgart, das Kunstmuseum Bochum, und in Danzig als Sponsoren die
Deutsch-Polnische Gesellschaft und die Tageszeitung Gazeta Wyborcza"
einbezogen.
Die künftigen Planungen für grenzüberschreitende
Ausstellungen und begleitende Kulturprogramme sehen im Herbst und Winter dieses Jahres
Lesungen unter dem Titel Dialog Mitteleuropa" mit Autorinnen und Autoren aus
Russland, Ungarn, Polen, Deutschland und Tschechien vor sowie die Übernahme der
Ausstellung Pro Lidice" des Museums der Schönen Künste in Prag (5.12.1999 bis
31.1.2000), zu der ein deutsch-tschechischer Katalog vorliegt. Die Ausstellung wird in
Anwesenheit des tschechischen Botschafters, des Bürgermeisters von Lidice und
tschechischer Museumskollegen eröffnet. Eine Lesung des Prager Schriftstellers Ivan
Klíma und ein Benefiz-Konzert zugunsten des Ortes Lidice begleiten die Ausstellung.
Nach langen Vorbereitungen und verbunden mit
entsprechenden Reisen sollen 2001 Ausstellungen über Ida Kerkovius (1879-1970) in Riga,
über Clara Siewert (1862-1944) in Danzig, mit dem in Köln lebenden Künstler Igor
Sacharow-Ross in Königsberg/Kaliningrad, mit Skulpturen von Markus Lüpertz in
Reichenberg/Liberec und über Ernst Neuschul (1895-1968) in Zusammenarbeit mit dem
Kunsthaus der Stadt Brünn realisiert werden. Diese Ausstellungen sind natürlich auch im
Museum Ostdeutsche Galerie zu sehen. Mit der Präsentation der Rauminstallation von
Sacharow-Ross in der Königsberger/Kaliningrader Kunstgalerie werden auch für die
russischen Kolleginnen erstmals die dortigen Möglichkeiten der Präsentation eines
zeitgenössischen multimedialen Kunstereignisses ausgelotet. Sacharow-Ross, der 1978 aus
der Sowjetunion ausgebürgert wurde, gilt in Königsberg, so hat die jüngste gemeinsame
Reise gezeigt, als Vertreter der deutschen Kultur.
Für 2002 sind Ausstellungen über das druckgraphische
Werk von Willy Jaeckel, für 2003 Malerei im Riesengebirge von Caspar David
Friedrich bis Otto Dix" und Oskar Kokoschka - Das Breslauer Krematorium",
für 2004 Johannes Molzahn" und für 2005 Historien- und Genremalerei des
19. Jahrhunderts" in Zusammen-arbeit mit dem Nationalmuseum Breslau geplant. In
Vorbereitung ist außerdem eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie in
Budapest über Michael von Munkácsy und die ungarischen Künstler an der Münchener
Akademie" sowie eine Ausstellung über Zeitgenössische Künstler aus Osteuropa
an der Düsseldorfer Akademie", die auch in Danzig, Warschau und Prag gezeigt werden
soll.
Die Zusammenstellung der bereits stattgefundenen und der
geplanten grenzüberschreitenden Projekte zeigt, dass - wie immer in der Museumsarbeit -
Ideenreichtum und besonderes Engagement gefragt sind, dass vor allem aber auch bedeutende
finanzielle Mittel eingesetzt werden müssen, sowohl aus dem eigenen Etat wie auch aus
Sondermitteln des Bundes und der Länder, da die Partnerinstitute in den östlichen
Nachbarstaaten und in Osteuropa zumeist über gar keine entsprechenden Geldmittel
verfügen.