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Kulturberichte 2/99: Museum Ostdeutsche Galerie - Grenzüberschreitende Tätigkeit

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Axel Feuß

Käthe Kollwitz - Pietà, Foto: Wolfram Schmidt, Regensburg
Käthe Kollwitz
Pietà, 1937/38, Bronze
Museum Ostdeutsche Galerie, Regensburg

Das Museum Ostdeutsche Galerie wurde im Jahre 1970 mit dem klassischen Museumsauftrag gegründet, Kunst von Künstlerinnen und Künstlern zu sammeln, zu bewahren, auszustellen und zu erforschen, die aus den ehemaligen deutschen Reichs-, Siedlungs- und Kulturgebieten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa stammen, also aus Pommern, Ost- und Westpreußen, Danzig, dem Baltikum, Schlesien, Böhmen, Mähren, Siebenbürgen und dem Banat, oder die dort künstlerisch tätig waren. Neben den seinerzeit teilweise im Aufbau befindlichen ostdeutschen Landesmuseen fiel dem Museum Ostdeutsche Galerie die Aufgabe des Kunstmuseums als Sammlung von Gemälden, Skulpturen, Plastiken und Graphik zu, um den Anteil der ehemaligen ostdeutschen Kunstzentren an der „modernen Kunstentwicklung" darzustellen, so die Stiftungsurkunde und die Satzung von 1966 bzw. in der neuen Fassung von 1981.

Die Kunstsammlungen des Adalbert-Stifter-Vereins in München und der Künstlergilde Esslingen, die den Grundbestand des Museums bildeten, sowie die kunsthistorisch sinnvolle Begrenzung der Sammeltätigkeit mit der Gründung der Akademien in Prag, Breslau und Königsberg legten das Arbeitsgebiet des Museums auf das 19. und 20. Jahrhundert bis hin zur neuesten Moderne fest. Gemäß dem Stiftungsauftrag und der sinnvollen Abgrenzung zur Tätigkeit der Landesmuseen wird auf eine hohe Qualität der Sammlungsbestände Wert gelegt, eben auf Werke jener Künstlerinnen und Künstler, deren Anteil an der „modernen Kunstentwicklung" es darzustellen gilt.

Die Tätigkeit des Museums war von Beginn an im Wesentlichen die eines Bundesinstituts. Die Gründer der Stiftung Ostdeutsche Galerie, die Trägerin des Museums ist, waren 1966 die Bundesrepublik Deutschland, die 11 Bundesländer und die Stadt Regensburg. Bis heute sind im Vorstand und im Stiftungsrat der Bund bzw. auch die Länder Nordrhein-Westfalen und Hessen vertreten. 1981 übernahm der damalige Bundespräsident Prof. Karl Carstens die Schirmherrschaft über das Museum, die 1986 von Bundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker erneuert wurde. Auch fachlich vertritt das Museum Bundesfunktionen: Bis 1989 repräsentierte es Künstler und Sammlungsschwerpunkte für jene Museen in den östlichen Nachbarstaaten, deren Sammlungen nicht oder nur schwer zugänglich waren. Seit den Grenzöffnungen widmet es sich hingegen verstärkt dem wechselseitigen Dialog im Bereich der bildenden Kunst zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn.

Die Sammlung des Museums, die mit der Wiedereröffnung im Sommer 1993 nach mehrjährigem Umbau durch Ankäufe des Bundes bedeutend erweitert wurde, ist mit einem Bestand von ca. 2000 Gemälden, Plastiken, Skulpturen und Objekten sowie über 30.000 Blättern Künstlergraphik von europäischer Bedeutung, deren Rang sich durch Künstler wie Eduard Gaertner, Adolph von Menzel, Lovis Corinth, Käthe Kollwitz, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Dix, Lyonel Feininger, Oskar Kokoschka, Markus Lüpertz, Sigmar Polke, Anselm Kiefer - um nur einige zu nennen - ausweist.

Bereits in einer der Eröffnungsreden 1970 formulierte der bayerische Ministerpräsident Alfons Goppel auch den grenzüberschreitenden Auftrag des Museums:
„Die Ostdeutsche Galerie wird mit der Darstellung der Kunst des Ostens und Südostens deren Anteil an der deutschen und europäischen Kunst aufzeigen. Ihre Aufgabe wird es sein, nicht nur bereits bekannte Künstler und Werke der neueren Kunstgeschichte zu zeigen, sondern auch die unserer Zeit, um so die jüngere Generation zu fördern und darüber hinaus die Galerie vor allem auch den Gästen der osteuropäischen Nachbarländer offen zu halten. Sie ist damit ein bedeutendes Instrument für den Ausbau der kulturellen Beziehungen zum Osten und Südosten Europas." Dies hat insbesondere seit den Grenzöffnungen zu den östlichen Nachbarstaaten und den verbesserten Beziehungen zu Osteuropa an Bedeutung und Aktualität gewonnen.
Bereits zwei Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs realisierte das Museum in Zusammenarbeit mit dem Institut Nordostdeutsches Kulturwerk in Lüneburg und dem Nationalmuseum in Stettin die gemeinsame Ausstellung „Stettin - Ansichten aus 5 Jahrhunderten", die von einem zweisprachigen Katalog begleitet wurde. Schon damals betonte Jan Otto, der Vorsitzende des Stadtrates von Stettin, die Stadt sei „offen für jegliche internationale Zusammenarbeit, insbesondere mit unserem westlichen Nachbarn, dem wiedervereinten Deutschland". Diese Offenheit hat sich bei zahlreichen gemeinsamen Projekten mit Polen, Tschechien, Kroatien, Slowenien und neuerdings Lettland, Rumänien, der Ukraine und der Russischen Föderation in dem Jahrzehnt nach der Öffnung der Grenzen immer wieder bestätigt, wenn auch die „Sprachregelungen" im Einzelfall wechseln, was nach der gemeinsamen Geschichte aber durchaus verständlich ist.

1992 zeigte das Museum in Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie in Prag die Ausstellung „Die Moderne Galerie in Prag 1905-1938"; 1994/95 entstand zusammen mit der Galerie der Hauptstadt Prag und dem Museum der österreichischen Kultur in Eisenstadt die Ausstellung „Lücken in der Geschichte. Polemischer Geist Mitteleuropas. Deutsche, Juden, Tschechen. 1890-1938". 1992-94 wurden auf Veranlassung des Museums 13 Kartons, die Johann Friedrich Overbeck 1867 für einen Freskenzyklus der Kathedrale von Djakovo/Kroatien geschaffen hatte, in Deutschland mit Mitteln des Bundesministeriums des Innern restauriert und anschließend in Regensburg, im Galeriezentrum Zagreb und im Diözesanmuseum Djakovo mit einem begleitenden zweisprachigen Katalog ausgestellt. Im konservatorischen und museumstechnischen Bereich konnte 1995-98 eine Kooperation mit mehreren europäischen Institutionen im Rahmen des Prevent-Projekts „EUREKA EU 1383, Klima in Innenräumen" insbesondere zusammen mit dem Gradbeni Institut ZRMK, Ljubljana, realisiert werden.

Nach mehrjährigen Kontakten vor allem zu den Kollegen am Nationalmuseum Breslau, die die Erforschung der dort lagernden deutschen Bestände betrafen, wurden seit 1998 die Beziehungen zu Polen intensiviert. Der Freistaat Bayern förderte eine grenzüberschreitende Maßnahme, durch die im Januar 1999 die im Jahr zuvor in Regensburg gezeigte Ausstellung „Ulrich Behl - Modulare Ordnungen" mit einem vollständig ins Polnische übersetzten Katalogbuch im Architekturmuseum in Breslau gezeigt werden konnte.

Im Februar wurde in Regensburg die Ausstellung „SPEKTRUM - 3 Künstler aus Polen treffen 3 Künstler aus Deutschland" eröffnet, die zusammen mit dem Nationalmuseum Danzig realisiert worden war. Dieses Ausstellungsprojekt, in dem jeweils drei junge Künstlerinnen und Künstler aus Danzig und aus Recklinghausen Werke aus unterschiedlichen Kunstgattungen (Malerei, Zeichnung, Skulptur, Objekt, Installation, Video) zeigten und das anschließend in der modernen Abteilung in Danzig-Oliva stattfand, kann als beispielhaft für ein gemeinschaftlich organisiertes grenzüberschreitendes Projekt gelten: Die Künstler wurden von dem jeweils „eigenen" Museum ausgesucht bzw. betreut. Es erschien ein zweisprachiger Katalog mit Beiträgen beider Museen, dem durch ein spezielles Layout nur noch am Impressum anzusehen war, dass er in Regensburg produziert worden ist; ebenso erschien ein gemeinsames zweisprachiges Plakat. Sowohl in Regensburg als auch in Danzig fanden begleitende Symposien mit polnischen und deutschen Museumswissenschaftlern, Ausstellungsmachern und Kunstjournalisten statt, im Museum Ostdeutsche Galerie zum Thema grenzüberschreitender Ausstellungen zwischen Deutschland und Polen, im Nationalmuseum Danzig zur in beiden Staaten unterschiedlich verlaufenden zeitgenössischen Kunstentwicklung. In Regensburg ergänzten eine Lesung des polnischen Schriftstellers Andrzej Szczypiorski und ein Konzert des polnischen Jazzduos Adam Pieronczyk und Vitold Rek das Programm, in Danzig ein Künstlerabend und eine Besichtigung des modernen Kunstzentrums „Laznia". Außerdem waren die jeweiligen Generalkonsulate in München und Danzig, das Polnische Institut in Leipzig, das Institut für Auslandsbeziehungen in Stuttgart, das Kunstmuseum Bochum, und in Danzig als Sponsoren die Deutsch-Polnische Gesellschaft und die Tageszeitung „Gazeta Wyborcza" einbezogen.

Gerhard Richter - Onkel Rudi - Tschechisches Museum der schönen Künste, Prag
Gerhard Richter
Onkel Rudi
1965, Öl/Leinwand
Tschechisches Museum der Schönen Künste, Prag
Aus der Ausstellung „Pro Lidice"

Die künftigen Planungen für grenzüberschreitende Ausstellungen und begleitende Kulturprogramme sehen im Herbst und Winter dieses Jahres Lesungen unter dem Titel „Dialog Mitteleuropa" mit Autorinnen und Autoren aus Russland, Ungarn, Polen, Deutschland und Tschechien vor sowie die Übernahme der Ausstellung „Pro Lidice" des Museums der Schönen Künste in Prag (5.12.1999 bis 31.1.2000), zu der ein deutsch-tschechischer Katalog vorliegt. Die Ausstellung wird in Anwesenheit des tschechischen Botschafters, des Bürgermeisters von Lidice und tschechischer Museumskollegen eröffnet. Eine Lesung des Prager Schriftstellers Ivan Klíma und ein Benefiz-Konzert zugunsten des Ortes Lidice begleiten die Ausstellung.

Nach langen Vorbereitungen und verbunden mit entsprechenden Reisen sollen 2001 Ausstellungen über Ida Kerkovius (1879-1970) in Riga, über Clara Siewert (1862-1944) in Danzig, mit dem in Köln lebenden Künstler Igor Sacharow-Ross in Königsberg/Kaliningrad, mit Skulpturen von Markus Lüpertz in Reichenberg/Liberec und über Ernst Neuschul (1895-1968) in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus der Stadt Brünn realisiert werden. Diese Ausstellungen sind natürlich auch im Museum Ostdeutsche Galerie zu sehen. Mit der Präsentation der Rauminstallation von Sacharow-Ross in der Königsberger/Kaliningrader Kunstgalerie werden auch für die russischen Kolleginnen erstmals die dortigen Möglichkeiten der Präsentation eines zeitgenössischen multimedialen Kunstereignisses ausgelotet. Sacharow-Ross, der 1978 aus der Sowjetunion ausgebürgert wurde, gilt in Königsberg, so hat die jüngste gemeinsame Reise gezeigt, als Vertreter der deutschen Kultur.

Für 2002 sind Ausstellungen über das druckgraphische Werk von Willy Jaeckel, für 2003 „Malerei im Riesengebirge von Caspar David Friedrich bis Otto Dix" und „Oskar Kokoschka - Das Breslauer Krematorium", für 2004 „Johannes Molzahn" und für 2005 „Historien- und Genremalerei des 19. Jahrhunderts" in Zusammen-arbeit mit dem Nationalmuseum Breslau geplant. In Vorbereitung ist außerdem eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie in Budapest über „Michael von Munkácsy und die ungarischen Künstler an der Münchener Akademie" sowie eine Ausstellung über „Zeitgenössische Künstler aus Osteuropa an der Düsseldorfer Akademie", die auch in Danzig, Warschau und Prag gezeigt werden soll.

Die Zusammenstellung der bereits stattgefundenen und der geplanten grenzüberschreitenden Projekte zeigt, dass - wie immer in der Museumsarbeit - Ideenreichtum und besonderes Engagement gefragt sind, dass vor allem aber auch bedeutende finanzielle Mittel eingesetzt werden müssen, sowohl aus dem eigenen Etat wie auch aus Sondermitteln des Bundes und der Länder, da die Partnerinstitute in den östlichen Nachbarstaaten und in Osteuropa zumeist über gar keine entsprechenden Geldmittel verfügen.

invisible.gif (85 Byte) Dr. Axel Feuß  ist wissenschaftlicher Direktor des Museums Ostdeutsche Galerie, Regensburg

 

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