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Kulturberichte 2/99: Büchermacher - Buchkunst aus deutschen Handpressen und Editionen seit 1945 - Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg

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Manchmal scheint mir auch, daß jedes Buch, so es sich nicht befaßt mit der Verhinderung des Krieges, mit der Schaffung einer besseren Gesellschaft und so weiter, sinnlos ist, müßig, unverantwortlich, langweilig, nicht wert, daß man es liest, unstatthaft. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst."

(Max Frisch in ,Mein Name sei Gantenbein` Gesammelte Werke, V, 68)

Eduard Isphording

I. Zur Sammlung

Die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums mit einem Bestand von über 550.000 Bänden zur Kunst- und Kulturgeschichte der deutschsprachigen Landschaften ist Arbeitsinstrument für die Benutzer und museale Sammlung zugleich. Wir sammeln, erschließen und vermitteln daher neben wissenschaftlich relevanter Literatur auch künstlerische, die Buchgestaltung in Deutschland dokumentierende Werke. Mehr als 1000 dieser nach 1945 erschienenen Drucke des deutschen Sprachraums, die von etwa 350 Handpressen, Editionen, Verlagen, bibliophilen Gesellschaften, Hochschulen oder einzelnen Buchkünstlern herausgegeben wurden, gelangten seit den 60er Jahren in die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums. Ziel dieser Erwerbungen war es, sowohl durch Ankäufe als auch durch gelegentliche Schenkungen einen Bestand aufzubauen, der einen aussagefähigen Überblick oder zumindest einen Einblick ermöglicht in die durchaus uneinheitliche, ja disparate, oft gegensätzliche Produktion des Pressendrucks, die sich seit 1945 in den deutschsprachigen Ländern entwickelte.

Briefe aus Venedig
Johann Wolfgang Goethe
Briefe aus Venedig
Hamburg:
Otto Rohse Presse 1964
Kupferstich von O. Rohse
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Zur Sammlung gehören Pressendrucke - also Buchprodukte, die sich als bewusste künstlerische Schöpfungen verstehen, die mit höherem Aufwand an Mitteln gesetzt und gedruckt werden und in ihrer Verbindung von Text und Bild, von Schrift und Satz, von Papier und Einband auf ästhetische Wirkungen abzielen - wie sie Ende des 19. Jahrhunderts in England erstmals entstanden sind, nachdem William Morris 1891 die Kelmscott-Press gegründet hatte. Diese Bücher waren in ihrem Rückgriff auf tradierte handwerkliche Verfahren als Protest gegen die zunehmende Industrialisierung, Normierung und Nivellierung in der Druckindustrie und im Verlagswesen gedacht, erneuerten aber zugleich das Wissen um die vorbildliche Einheit von Schrift, Satzspiegel und Illustration im frühen Buchdruck. An diese Pressenbewegung schlossen sich nach 1945 Gotthard de Beauclair, Otto Rohse, Roswitha Quadflieg und andere an. Aber auch antiklassische Bücher, Broschüren und Kalender, wie sie von V. O. Stomps, seinen Zeitgenossen und Nachfolgern vorgelegt wurden, bereichern die Bestände. Stomps ging es vor allem um die Veröffentlichung von Texten bislang unbekannter Autoren. Aus finanzieller Not und wegen fehlender drucktechnischer Möglichkeiten entstanden in den ersten Jahrzehnten der Eremitenpresse schlichte Produkte aus billigen Materialien, Arbeiten, die den Reiz des Unperfektionierten kultivierten.
Interesse rufen bei uns außerdem Buchkünstler hervor, die Anschluss an Strömungen suchten, die im Kreis der russischen Moderne, des Futurismus und des Bauhauses entstanden sind. Diese Werke zeichnen die Bemühungen aus, den linearen Ablauf der Schrift zu verändern, die sequentielle Lektüregewohnheit des Lesers in Frage zu stellen, das geschlossene Satzbild und die Syntax aufzulösen, um freie Lesekombinationen zu ermöglichen. Hinzu kommt eine weitere Gruppe, sog. Künstlerbücher, eine Mischung aus Pressendruck und Artists` Book, die ungewöhnliche Formen des Buchblocks und ungewohnte Einbandmaterialien einsetzen. Sonderformen wie Unikate runden den Bestand ab.

Poesie-Album für Verleger
V. O. Stomps
Poesie-Album für Verleger
Berlin: Rixdorfer Drucke 1965
Holzschnitt von Ali Schindehütte
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

II. Zur Ausstellung

Auf die Buchkunst der Gegenwart machte die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums bereits mit verschiedenen Ausstellungen aufmerksam: Schlotters Illustrationen zum Don Quichote von Cervantes, Michael Mathias Prechtls Illustrationswerk und die Veröffentlichungen der Büchergilde Gutenberg wurden so einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Die Ausstellung ,Büchermacher` steht in dieser Tradition. Es werden etwa 220 Exponate - neben Büchern mit Originalgraphik auch Einzelblätter aus Mappenwerken - zu sehen sein. Der Besucher erhält somit Einblick in einen Bereich, der das Buch als Medium individueller künstlerischer Äußerungen in Wort und Bild in den Mittelpunkt stellt. Bei der buchgraphischen Realisation eines literarischen Werkes werden einerseits die Möglichkeiten typographischer und illustrativer Gestaltung in der Fortführung der Tradition der Druckkunst vorgeführt, andererseits neue Konzeptionen der visuellen Präsentation von Texten verfolgt: Überlieferung und Avantgarde ergänzen sich. Gemäß des Sammlungsprofils sind daher Drucke vertreten, die eine vollkommene Harmonie zwischen geistigem Gehalt und typographischer Form suchen und deren Satz, Druck und Einband höchste Qualitätsmaßstäbe erfüllt, aber auch Drucke, die nicht von der Typographie, sondern vom graphisch-malerischen Bild ausgehend neue gestalterische Wege gehen. Sie setzen die Bildsprache als nichtverbalen Kommentar oder auch als spannungsvollen Widerpart zum Text ein. Das Panorama zeitgenössischer Pressendrucke vervollständigen Arbeiten, die mehr mit Engagement für junge Dichter und Künstler als mit handwerklicher Sorgfalt entstanden sind, sowie weitere Werke, die den spielerischen Umgang mit typographischen Mitteln und das schöpferische Experimentieren mit den Formelementen des Buches, mit Text und Illustration, Papier und Einband beispielhaft dokumentieren.

Lewis carrols Wunderhorn
Charles L. Dogdson
Lewis Carrolls Wunderhorn
Stuttgart: Manus Presse 1970
Lithographie von Max Ernst
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Den Hauptanteil stellen Handpressen, die zumeist mit Bleisatz und Buchdruck Bücher und Broschüren in Kleinauflagen produzieren und häufig durch die Beigabe von Originalgraphik die Aussage der Texte verdeutlichen, interpretieren, reflektieren oder visuell begleiten. Exemplarisch vorgeführt wird die Vielfalt, das Beispielhafte und das Außerordentliche des Buchschaffens, wie es sich zumeist außerhalb des regulären Buchhandels findet. Das Germanische Nationalmuseum sieht es als seine Aufgabe und Pflicht an, Zeugen einer vielleicht inzwischen anachronistischen Druck- und Buchkultur zu erhalten, zu erschließen und sie den Besuchern zu vermitteln. Die Sammlung der künstlerischen Drucke und damit auch die Ausstellung stellen die haptischen und ästhetischen Qualitäten des Buches im Zeitalter der elektronischen Medien heraus und öffnen den Blick auf die materiellen, handwerklich-technischen Grundlagen der Textherstellung und für die verschiedenen Stilrichtungen der Ausstattung. Es wird eine Schau der Buchkunst der Gegenwart geben, die das Interesse an der Buchgestaltung belebt und eine sinnliche Erfahrung des Materials, von Papier, Schrift, Graphik, Einband, ermöglicht. Textgestaltung und Illustration werden den Leser und den Betrachter, den Bibliophilen und den Sammler, den Büchermacher und den Graphiker faszinieren und anregen.

Maizum Goin. Hommage
Antonin Artaud
Maizum Goin. Hommage
Mainz, Paris:
Edition F. Despalles 1989
Typographik von Johannes Strugulla
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

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Ausstellung vom 4.11.1999 - 12.3.2000 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg.

Katalog zur Ausstellung: Eduard Isphording (auch Ausstellungsleiter): SeitenAnsichten. Buchkunst aus deutschen Handpressen und Verlagen seit 1945. Bestandskatalog der Pressendrucke der Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Nürnberg: Germanisches Nationalmuseum; Leipzig: Faber & Faber Vlg. 1999, ca. 230 Farb- und Schwarzweiß-Aufnahmen, ca. 288 S., leinengebundene Buchhandelsausgabe 98 DM, Museumsausgabe 68 DM.

Dr. Eduard Isphording ist stellvertretender Leiter der Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg

 

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