Eduard Isphording
I. Zur Sammlung
Die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums mit
einem Bestand von über 550.000 Bänden zur Kunst- und Kulturgeschichte der
deutschsprachigen Landschaften ist Arbeitsinstrument für die Benutzer und museale
Sammlung zugleich. Wir sammeln, erschließen und vermitteln daher neben wissenschaftlich
relevanter Literatur auch künstlerische, die Buchgestaltung in Deutschland
dokumentierende Werke. Mehr als 1000 dieser nach 1945 erschienenen Drucke des deutschen
Sprachraums, die von etwa 350 Handpressen, Editionen, Verlagen, bibliophilen
Gesellschaften, Hochschulen oder einzelnen Buchkünstlern herausgegeben wurden, gelangten
seit den 60er Jahren in die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums. Ziel dieser
Erwerbungen war es, sowohl durch Ankäufe als auch durch gelegentliche Schenkungen einen
Bestand aufzubauen, der einen aussagefähigen Überblick oder zumindest einen Einblick
ermöglicht in die durchaus uneinheitliche, ja disparate, oft gegensätzliche Produktion
des Pressendrucks, die sich seit 1945 in den deutschsprachigen Ländern entwickelte.

Johann Wolfgang Goethe
Briefe aus Venedig
Hamburg:
Otto Rohse Presse 1964
Kupferstich von O. Rohse
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
Zur Sammlung gehören Pressendrucke - also Buchprodukte,
die sich als bewusste künstlerische Schöpfungen verstehen, die mit höherem Aufwand an
Mitteln gesetzt und gedruckt werden und in ihrer Verbindung von Text und Bild, von Schrift
und Satz, von Papier und Einband auf ästhetische Wirkungen abzielen - wie sie Ende des
19. Jahrhunderts in England erstmals entstanden sind, nachdem William Morris 1891 die
Kelmscott-Press gegründet hatte. Diese Bücher waren in ihrem Rückgriff auf tradierte
handwerkliche Verfahren als Protest gegen die zunehmende Industrialisierung, Normierung
und Nivellierung in der Druckindustrie und im Verlagswesen gedacht, erneuerten aber
zugleich das Wissen um die vorbildliche Einheit von Schrift, Satzspiegel und Illustration
im frühen Buchdruck. An diese Pressenbewegung schlossen sich nach 1945 Gotthard de
Beauclair, Otto Rohse, Roswitha Quadflieg und andere an. Aber auch antiklassische Bücher,
Broschüren und Kalender, wie sie von V. O. Stomps, seinen Zeitgenossen und Nachfolgern
vorgelegt wurden, bereichern die Bestände. Stomps ging es vor allem um die
Veröffentlichung von Texten bislang unbekannter Autoren. Aus finanzieller Not und wegen
fehlender drucktechnischer Möglichkeiten entstanden in den ersten Jahrzehnten der
Eremitenpresse schlichte Produkte aus billigen Materialien, Arbeiten, die den Reiz des
Unperfektionierten kultivierten.
Interesse rufen bei uns außerdem Buchkünstler hervor, die Anschluss an Strömungen
suchten, die im Kreis der russischen Moderne, des Futurismus und des Bauhauses entstanden
sind. Diese Werke zeichnen die Bemühungen aus, den linearen Ablauf der Schrift zu
verändern, die sequentielle Lektüregewohnheit des Lesers in Frage zu stellen, das
geschlossene Satzbild und die Syntax aufzulösen, um freie Lesekombinationen zu
ermöglichen. Hinzu kommt eine weitere Gruppe, sog. Künstlerbücher, eine Mischung aus
Pressendruck und Artists` Book, die ungewöhnliche Formen des Buchblocks und ungewohnte
Einbandmaterialien einsetzen. Sonderformen wie Unikate runden den Bestand ab.

V. O. Stomps
Poesie-Album für Verleger
Berlin: Rixdorfer Drucke 1965
Holzschnitt von Ali Schindehütte
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
II. Zur Ausstellung
Auf die Buchkunst der Gegenwart machte die Bibliothek
des Germanischen Nationalmuseums bereits mit verschiedenen Ausstellungen aufmerksam:
Schlotters Illustrationen zum Don Quichote von Cervantes, Michael Mathias Prechtls
Illustrationswerk und die Veröffentlichungen der Büchergilde Gutenberg wurden so einer
größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Die Ausstellung ,Büchermacher` steht in
dieser Tradition. Es werden etwa 220 Exponate - neben Büchern mit Originalgraphik auch
Einzelblätter aus Mappenwerken - zu sehen sein. Der Besucher erhält somit Einblick in
einen Bereich, der das Buch als Medium individueller künstlerischer Äußerungen in Wort
und Bild in den Mittelpunkt stellt. Bei der buchgraphischen Realisation eines
literarischen Werkes werden einerseits die Möglichkeiten typographischer und
illustrativer Gestaltung in der Fortführung der Tradition der Druckkunst vorgeführt,
andererseits neue Konzeptionen der visuellen Präsentation von Texten verfolgt:
Überlieferung und Avantgarde ergänzen sich. Gemäß des Sammlungsprofils sind daher
Drucke vertreten, die eine vollkommene Harmonie zwischen geistigem Gehalt und
typographischer Form suchen und deren Satz, Druck und Einband höchste
Qualitätsmaßstäbe erfüllt, aber auch Drucke, die nicht von der Typographie, sondern
vom graphisch-malerischen Bild ausgehend neue gestalterische Wege gehen. Sie setzen die
Bildsprache als nichtverbalen Kommentar oder auch als spannungsvollen Widerpart zum Text
ein. Das Panorama zeitgenössischer Pressendrucke vervollständigen Arbeiten, die mehr mit
Engagement für junge Dichter und Künstler als mit handwerklicher Sorgfalt entstanden
sind, sowie weitere Werke, die den spielerischen Umgang mit typographischen Mitteln und
das schöpferische Experimentieren mit den Formelementen des Buches, mit Text und
Illustration, Papier und Einband beispielhaft dokumentieren.

Charles L. Dogdson
Lewis Carrolls Wunderhorn
Stuttgart: Manus Presse 1970
Lithographie von Max Ernst
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg
Den Hauptanteil stellen Handpressen, die zumeist mit
Bleisatz und Buchdruck Bücher und Broschüren in Kleinauflagen produzieren und häufig
durch die Beigabe von Originalgraphik die Aussage der Texte verdeutlichen, interpretieren,
reflektieren oder visuell begleiten. Exemplarisch vorgeführt wird die Vielfalt, das
Beispielhafte und das Außerordentliche des Buchschaffens, wie es sich zumeist außerhalb
des regulären Buchhandels findet. Das Germanische Nationalmuseum sieht es als seine
Aufgabe und Pflicht an, Zeugen einer vielleicht inzwischen anachronistischen Druck- und
Buchkultur zu erhalten, zu erschließen und sie den Besuchern zu vermitteln. Die Sammlung
der künstlerischen Drucke und damit auch die Ausstellung stellen die haptischen und
ästhetischen Qualitäten des Buches im Zeitalter der elektronischen Medien heraus und
öffnen den Blick auf die materiellen, handwerklich-technischen Grundlagen der
Textherstellung und für die verschiedenen Stilrichtungen der Ausstattung. Es wird eine
Schau der Buchkunst der Gegenwart geben, die das Interesse an der Buchgestaltung belebt
und eine sinnliche Erfahrung des Materials, von Papier, Schrift, Graphik, Einband,
ermöglicht. Textgestaltung und Illustration werden den Leser und den Betrachter, den
Bibliophilen und den Sammler, den Büchermacher und den Graphiker faszinieren und anregen.

Antonin Artaud
Maizum Goin. Hommage
Mainz, Paris:
Edition F. Despalles 1989
Typographik von Johannes Strugulla
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg