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Joachim-Felix Leonhard
/ Hans-Ulrich Wagner
Heimkehr in die Fremde", Unter
Vorbehalt", Besuch in der Heimat" - so lauten einige der Schlagworte, die
ein Thema umkreisen, das in der deutschen Nachkriegsgeschichte äußerst kontrovers
diskutiert worden ist: die Problematik der Rückkehr der Emigranten.
Von Anfang an stellte sich im Deutschland der
vermeintlichen ,Stunde Null` die Frage nach dem Schicksal der Männer und Frauen, die
während der nationalsozialistischen Herrschaft Deutschland verlassen mussten. Das Thema
Emigration und Rückkehr begegnete in den Offizieren, die in den Uniformen der alliierten
Siegermächte Kontrollfunktionen wahrnahmen oder als zivil angestellte Personen während
des Exils auf ihre Schlüsselpositionen vorbereitet worden waren.
Und als ich wiederkam,
da - kam ich nicht mehr wieder."
Alfred Döblin: Abschied und Wiederkehr. 1946 |
Es begegnete bei der Rückkehr von
Politikern, Journalisten, Wissenschaftlern und Künstlern, die mit einem hohen Grad von
Optimismus und aufklärerischer Überzeugungskraft an ihre Arbeit gingen; es begegnete
aber auch, wenn die Rückkehr ausblieb, und berührte aufs engste den deutschen
,Nachholbedarf`. Denn wo sollte und konnte Deutschland an wissenschaftliche und
künstlerische Entwicklungslinien anknüpfen, die im Dritten Reich durch den politisch
erzwungenen Exodus unterbrochen worden waren?
Da der Rundfunk und seine Programme wie kaum ein anderes
publizistisches Medium der Nachkriegsjahre diese Problematik widerspiegelten, beschlossen
die Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv (DRA) Frankfurt am Main-Berlin und der Arbeitskreis
selbständiger Kultur-Institute e.V., das Thema Emigration und Rückkehr" in
einem multimedialen Projekt zu behandeln. Vorbereitet wird die AsKI-Jahresausstellung 2000
unter Federführung des Deutschen Rundfunkarchivs in enger Zusammenarbeit mit der Stiftung
Archiv der Akademie der Künste Berlin und einem Kreis von AsKI-Mitgliedsinstituten sowie
dem Deutschen Exilarchiv Frankfurt am Main und den Historischen Archiven der
ARD-Rundfunkanstalten.

On the air".
Amerikanische Soldaten vor einem
zu Sendezwecken umgebauten Militär-Lkw
Bad Nauheim, Ende 1945
Privatbesitz. Mali Berger, New York
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Das multimediale Ausstellungsprojekt, das erstmals
akustische, bildliche und textliche Dokumente zu diesem Thema vereinigt, versucht in 13
Kapiteln die gesamtgesellschaftlichen Fragen der Remigration darzustellen, wobei es die
Materialfülle ausschließlich auf den Bereich des publizistischen Mediums Rundfunk
beschränkt. Das Zentrum der Präsentation bilden - zusammen mit einer Auswahl
historischer Rundfunkgeräte - Sendungen in den Hörfunkprogrammen von mehr als zehn
Sendern in allen vier alliierten Besatzungszonen bzw. den beiden deutschen Staaten, die
von Remigranten erarbeitet wurden bzw. das Thema Emigration und Rückkehr aus dem Exil
behandeln.
Veranschaulicht werden daneben ausgewählte Biographien
von Remigranten, die mit dem Rundfunk in enger Berührung standen. Als Beispiel seien
einige Personen genannt, die ihre Arbeit in Deutschland nach der Rückkehr erfolgreich
beginnen und fortsetzen konnten: So startet Fritz Eberhard (1896-1982) im Anschluss an das
britische Exil seine Karriere als Rundfunk-Kommentator bei Radio Stuttgart, bevor er
politische Ämter, die Intendanz des Süddeutschen Rundfunks und später eine Professur in
Berlin übernimmt. Hans Mayer (*1907) und Stephan Hermlin (1915-1997) beginnen ihre
literarische und publizistische Laufbahn bei Radio Frankfurt.
Doch auch die Enttäuschungen und Verletzungen
kommen zu Wort, etwa wenn die Rückkehr Alfred Döblins (1878-1957) in die französische
Besatzungszone nur kurze Zeit später in eine erneute Re-Emigration mündet: Eine
Entscheidung, die nicht zuletzt durch das Scheitern der rundfunkpublizistischen Arbeit
Döblins beim Südwestfunk in Baden-Baden mitgetragen war. Diesen prominenten Fällen
stehen schließlich eine Vielzahl von Lebensläufen gegenüber, die durch das erzwungene
Exil unter- und gebrochen wurden. Hier gilt es an Schicksale von Menschen zu erinnern und
auf sie aufmerksam zu machen, denen es - wie beispielsweise Ernst Schoen (1894-1960) -
versagt blieb, nach 1945 an ihre vor dem Dritten Reich ausgeübten künstlerischen
Tätigkeiten beim Rundfunk anzuknüpfen.
... 'Heimkehr' - fatal! -"
Paula Ludwig. 1958 |
Gerade in der Vernetzung von akustischen
Quellen mit entsprechenden schriftlichen und bildlichen Dokumenten können dem Besucher
viele der Diskussionen wie beispielsweise um die Berichterstattung von den Nürnberger
Kriegsverbrecherprozessen, den Streit beim Ersten Deutschen Schriftstellerkongreß um
innere" und äußere" Emigration sowie um die Einheit Deutschlands
aufgezeigt werden. Spektakuläre Ereignisse wie die Reise Thomas Manns im Goethe-Jahr 1949
von Frankfurt über München nach Weimar sowie im Schiller-Jahr 1955 von Stuttgart über
Marbach nach Weimar lassen sich durch ein Ineinander der verschiedenen Medien erhellen:
angefangen mit Thomas Manns Tagebüchern und Briefen über seine Rundfunk-Interviews und
die vom Rundfunk aufgezeichneten Festreden, bis hin zur Berichterstattung in Presse und
Wochenschau.
Emigration und Rundfunk", dieses
Ausstellungsprojekt begreift sich keineswegs als eine Erfolgsdarstellung der Remigration.
Vielmehr geht es um eine kritische Sichtung der Dokumente und um eine die Widerstände und
Hürden aufzeigende, die Funktionalisierung und Ablehnung analysierende Aufbereitung des
Themas. Immer wieder verquickt sich solchermaßen eine Analyse der Rolle der Avantgarde in
Musik, Literatur und Philosophie in Deutschland nach dem Ende der nationalsozialistischen
Diktatur mit der Frage nach dem Einfluss der Remigranten auf den gesellschaftlichen
Neuaufbau in den beiden deutschen Staaten.
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Die Ausstellung wird im kommenden Jahr an folgenden Stationen
gezeigt:
Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin (19. März bis 23. April 2000);
Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Juli/August 2000);
Bayerische Staatsbibliothek, München (Oktober/Dezember 2000). Im Jahr
2001 ebenfalls in der Deutschen Bibliothek/Deutsches Exilarchiv, Frankfurt/Main, im
Sächsischen Landtag/Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek, Dresden; in der
Württembergischen Landesbibliothek, Stuttgart; und in der Staats- und
Universitätsbibliothek, Hamburg. |
Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard ist
Direktor der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, Frankfurt
am Main - Berlin
Dr. Hans-Ulrich Wagner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Deutsches
Rundfunkarchiv, Frankfurt am Main - Berlin |
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