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Kulturberichte 2/99: AsKI-Jahresausstellung 2000 - "Rückkehr in die Fremde?" - Emigration und Rundfunk 1945-1955

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Joachim-Felix Leonhard / Hans-Ulrich Wagner

„Heimkehr in die Fremde", „Unter Vorbehalt", „Besuch in der Heimat" - so lauten einige der Schlagworte, die ein Thema umkreisen, das in der deutschen Nachkriegsgeschichte äußerst kontrovers diskutiert worden ist: die Problematik der Rückkehr der Emigranten.

Von Anfang an stellte sich im Deutschland der vermeintlichen ,Stunde Null` die Frage nach dem Schicksal der Männer und Frauen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft Deutschland verlassen mussten. Das Thema Emigration und Rückkehr begegnete in den Offizieren, die in den Uniformen der alliierten Siegermächte Kontrollfunktionen wahrnahmen oder als zivil angestellte Personen während des Exils auf ihre Schlüsselpositionen vorbereitet worden waren.

„Und als ich wiederkam,
da - kam ich nicht mehr wieder."
Alfred Döblin: Abschied und Wiederkehr. 1946

Es begegnete bei der Rückkehr von Politikern, Journalisten, Wissenschaftlern und Künstlern, die mit einem hohen Grad von Optimismus und aufklärerischer Überzeugungskraft an ihre Arbeit gingen; es begegnete aber auch, wenn die Rückkehr ausblieb, und berührte aufs engste den deutschen ,Nachholbedarf`. Denn wo sollte und konnte Deutschland an wissenschaftliche und künstlerische Entwicklungslinien anknüpfen, die im Dritten Reich durch den politisch erzwungenen Exodus unterbrochen worden waren?

Da der Rundfunk und seine Programme wie kaum ein anderes publizistisches Medium der Nachkriegsjahre diese Problematik widerspiegelten, beschlossen die Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv (DRA) Frankfurt am Main-Berlin und der Arbeitskreis selbständiger Kultur-Institute e.V., das Thema „Emigration und Rückkehr" in einem multimedialen Projekt zu behandeln. Vorbereitet wird die AsKI-Jahresausstellung 2000 unter Federführung des Deutschen Rundfunkarchivs in enger Zusammenarbeit mit der Stiftung Archiv der Akademie der Künste Berlin und einem Kreis von AsKI-Mitgliedsinstituten sowie dem Deutschen Exilarchiv Frankfurt am Main und den Historischen Archiven der ARD-Rundfunkanstalten.

On the air, Privatbesitz, Mali Berger, New York
„On the air".
Amerikanische Soldaten vor einem
zu Sendezwecken umgebauten Militär-Lkw
Bad Nauheim, Ende 1945
Privatbesitz. Mali Berger, New York

Das multimediale Ausstellungsprojekt, das erstmals akustische, bildliche und textliche Dokumente zu diesem Thema vereinigt, versucht in 13 Kapiteln die gesamtgesellschaftlichen Fragen der Remigration darzustellen, wobei es die Materialfülle ausschließlich auf den Bereich des publizistischen Mediums Rundfunk beschränkt. Das Zentrum der Präsentation bilden - zusammen mit einer Auswahl historischer Rundfunkgeräte - Sendungen in den Hörfunkprogrammen von mehr als zehn Sendern in allen vier alliierten Besatzungszonen bzw. den beiden deutschen Staaten, die von Remigranten erarbeitet wurden bzw. das Thema Emigration und Rückkehr aus dem Exil behandeln.

Veranschaulicht werden daneben ausgewählte Biographien von Remigranten, die mit dem Rundfunk in enger Berührung standen. Als Beispiel seien einige Personen genannt, die ihre Arbeit in Deutschland nach der Rückkehr erfolgreich beginnen und fortsetzen konnten: So startet Fritz Eberhard (1896-1982) im Anschluss an das britische Exil seine Karriere als Rundfunk-Kommentator bei Radio Stuttgart, bevor er politische Ämter, die Intendanz des Süddeutschen Rundfunks und später eine Professur in Berlin übernimmt. Hans Mayer (*1907) und Stephan Hermlin (1915-1997) beginnen ihre literarische und publizistische Laufbahn bei Radio Frankfurt.

Doch auch die Enttäuschungen und Verletzungen kommen zu Wort, etwa wenn die Rückkehr Alfred Döblins (1878-1957) in die französische Besatzungszone nur kurze Zeit später in eine erneute Re-Emigration mündet: Eine Entscheidung, die nicht zuletzt durch das Scheitern der rundfunkpublizistischen Arbeit Döblins beim Südwestfunk in Baden-Baden mitgetragen war. Diesen prominenten Fällen stehen schließlich eine Vielzahl von Lebensläufen gegenüber, die durch das erzwungene Exil unter- und gebrochen wurden. Hier gilt es an Schicksale von Menschen zu erinnern und auf sie aufmerksam zu machen, denen es - wie beispielsweise Ernst Schoen (1894-1960) - versagt blieb, nach 1945 an ihre vor dem Dritten Reich ausgeübten künstlerischen Tätigkeiten beim Rundfunk anzuknüpfen.

„ ... 'Heimkehr' - fatal! -"
Paula Ludwig. 1958

Gerade in der Vernetzung von akustischen Quellen mit entsprechenden schriftlichen und bildlichen Dokumenten können dem Besucher viele der Diskussionen wie beispielsweise um die Berichterstattung von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, den Streit beim Ersten Deutschen Schriftstellerkongreß um „innere" und „äußere" Emigration sowie um die Einheit Deutschlands aufgezeigt werden. Spektakuläre Ereignisse wie die Reise Thomas Manns im Goethe-Jahr 1949 von Frankfurt über München nach Weimar sowie im Schiller-Jahr 1955 von Stuttgart über Marbach nach Weimar lassen sich durch ein Ineinander der verschiedenen Medien erhellen: angefangen mit Thomas Manns Tagebüchern und Briefen über seine Rundfunk-Interviews und die vom Rundfunk aufgezeichneten Festreden, bis hin zur Berichterstattung in Presse und Wochenschau.

„Emigration und Rundfunk", dieses Ausstellungsprojekt begreift sich keineswegs als eine Erfolgsdarstellung der Remigration. Vielmehr geht es um eine kritische Sichtung der Dokumente und um eine die Widerstände und Hürden aufzeigende, die Funktionalisierung und Ablehnung analysierende Aufbereitung des Themas. Immer wieder verquickt sich solchermaßen eine Analyse der Rolle der Avantgarde in Musik, Literatur und Philosophie in Deutschland nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur mit der Frage nach dem Einfluss der Remigranten auf den gesellschaftlichen Neuaufbau in den beiden deutschen Staaten.

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Die Ausstellung wird im kommenden Jahr an folgenden Stationen gezeigt:
Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin (19. März bis 23. April 2000);
Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (Juli/August 2000);
Bayerische Staatsbibliothek, München (Oktober/Dezember 2000).

Im Jahr 2001 ebenfalls in der Deutschen Bibliothek/Deutsches Exilarchiv, Frankfurt/Main, im Sächsischen Landtag/Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek, Dresden; in der Württembergischen Landesbibliothek, Stuttgart; und in der Staats- und Universitätsbibliothek, Hamburg.

Prof. Dr. Joachim-Felix Leonhard ist Direktor der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, Frankfurt am Main - Berlin

Dr. Hans-Ulrich Wagner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv, Frankfurt am Main - Berlin

 

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