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Kulturberichte 2/99: Der Nachlass des Dichterpaars Achim und Bettina von Arnim

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Zur Maecenas-Ehrung von Clara von Arnim

Peter-Anton von Arnim

Der Nachlass des Dichterpaars Achim und Bettina von Arnim war in den Händen ihrer Nachkommen einem wechselhaften Schicksal unterworfen, ja man kann sagen, es gab unter ihnen in Bezug darauf zwei völlig gegensätzliche Verhaltensweisen. Um zu verdeutlichen, welcher der beiden Familientraditionen die zu ehrende Clara von Arnim sich verpflichtet weiß, soll hier kurz die Geschichte des Umgangs der Arnimschen Erben mit dem Dichternachlass skizziert werden. Diese Geschichte gibt auch insoweit Stoff zum Nachdenken, als sich in ihr auf eigentümliche Weise gewisse Aspekte der politischen, der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte Deutschlands widerspiegeln.

Bettine von Arnim

Achim von Arnim (1848-1891)
Bettine von Arnim, Pastell
Museum Schloß Wiepersdorf

Die Geschichte beginnt naturgemäß mit dem Nachlass Achim von Arnims. Neben Heinrich Heine gehörte seine Frau Bettina zu den wenigen unter Arnims Zeitgenossen, die seine Werke in ihrer vollen Bedeutung zu würdigen gewusst haben. So hat sie sich denn auch nach seinem Tode um eine vollständige Edition derselben bemüht. Zusammen mit Wilhelm Grimm hat sie eine erste Gesamtausgabe der Werke Achim von Arnims begonnen. Die Ausgabe blieb jedoch ein Torso, denn nach Bettinas Tod wurde sie von der nächsten Generation nicht mehr fortgeführt. Den Lesern des wilhelminischen Deutschland ebenso wie den Mitgliedern der Arnimschen Familie selbst fehlte das Verständnis für einen solch eigenwilligen Autor. Erst unserer Tage, also über anderthalb Jahrhunderte nach dem Tode Arnims, haben Literaturwissenschaftler nicht nur aus Deutschland, sondern aus aller Welt neue Anstrengungen unternommen, um eine erste historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke dieses einst von Heine, dem Autor des Buchs über die Romantische Schule in Deutschland, und später von André Breton, dem Haupt der französischen Surrealisten, so hoch geschätzten Schriftstellers zu unternehmen. Welche Rolle hierbei die Preisträgerin Clara von Arnim gespielt hat, wird noch darzustellen sein. Vieles von dem hier Gesagten lässt sich übrigens in ihren Memoiren, die unter dem Titel „Der grüne Baum des Lebens" erschienen sind, im Einzelnen nachlesen.

Achim von Arnim

Peter Eduard Ströhling
Achim von Arnim, Öl auf Leinwand
Freies Deutsches Hochstift/
Frankfurter Goethe-Museum

Schlimmer noch als dem Nachlass Arnims erging es demjenigen der Bettina selbst. In der Erkenntnis, dass ihre schriftstellerische Tätigkeit von der Familie missbilligt wurde, versuchte sie schon zu Lebzeiten so viel als möglich von ihren Schriften für eine spätere Publikation dadurch zu retten, dass sie Teile davon an ihren Freund Karl August Varnhagen von Ense verschenkte. Und so notierte dieser in seinem Tagebuch: „Bettine will mir noch immer Pakete schicken; wenn sie erst tot sei, sagt sie, werden ihre Papiere ganz verwahrlost, zerstört, verschleudert, mißachtet werden. Darin mag sie recht haben." In der Tat hat dann Bettinas zweiter Sohn Siegmund dafür gesorgt, dass bis zu seinem Tode - er starb 1890 - der Forschung jeglicher Einblick in den in Wiepersdorf verwahrten Nachlass der Bettine verwehrt wurde, unter anderem auch der Frauenrechtlerin Alice Salomon, die ihre Doktorarbeit über Bettina von Arnim schreiben wollte.

Aber es kam noch schlimmer. Der Schwiegersohn Bettinas, Hermann Grimm - Sohn eines der Begründer der Germanistik, Wilhelm Grimm, und selbst renommierter Goethe-Forscher - empfahl nämlich der Arnimschen Familie als Sachwalter für den schriftlichen Nachlass des Dichterpaares einen seiner Schüler, Dr. Reinhold Steig, der jene Strömung unter den akademischen Kreisen in Deutschland repräsentierte, für welche die Zeit der Weimarer Republik nur eine unangenehme Unterbrechung darstellte beim Übergang vom Wilhelminischen zum Dritten Reich. Allerdings hat Steig Letzteres nicht mehr erlebt, denn er starb schon 1918; er war jedoch ein fanatischer Alldeutscher und rabiater Antisemit. Inwieweit Steig sich als Herausgeber der Schriften Achim von Arnims an denselben versündigt hat, soll hier nicht näher erörtert werden, für die germanistische Fachwelt ist dies bis heute ein ständiges Ärgernis geblieben. Zur Kennzeichnung seiner ideologisch motivierten Unredlichkeit sei hier nur beispielhaft dargestellt, wie er mit einer wichtigen Schrift der Bettina umgegangen ist, weil dies von eminent historischer und damit auch aktueller Bedeutung ist:

Während der Revolution von 1848 hatte sich Bettina von Arnim mit Leidenschaft für die nationale Sache der Polen eingesetzt und sich in ihrer Korrespondenz mit dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. darum bemüht, die Freilassung von Mieroslawski und anderen zum Tode verurteilten polnischen Freiheitskämpfern zu erwirken. Zur Verteidigung der aufständischen Polen gegen die in Deutschland über sie in Umlauf gebrachten Verleumdungen und als Anklageschrift gegen die von den preußischen Truppen an den Polen begangenen Verbrechen verfasste Bettina von Arnim ein flammendes Plädoyer, das inzwischen unter dem Namen „Polenbroschüre" bekannt geworden ist. Da zum Zeitpunkt der Drucklegung im Jahre 1849 bereits die Konterrevolution die Oberhand gewonnen hatte, konnte sie es nicht wagen, die Broschüre noch unter ihrem eigenen Namen zu veröffentlichen. So gab sie ihr den Untertitel „Stimmen aus Paris" und versah sie, als Autorenangabe, mit dem Namen Séb. Albin, d.h. dem Pseudonym ihrer französischen Übersetzerin Hortense Cornu, wobei sie, um die Zensur vollends an der Nase herumzuführen, hinzusetzte: „Der Frau Bettina von Arnim gewidmet."

Brief an J.W. v. Goethe

Brief an Johann Wolfgang von Goethe, 1. Seite
Handschrift von Bettina von Arnim, 1807
Stiftung Weimarer Klassik/Goethe- und Schiller-Archiv

Reinhold Steig war die wahre Verfasserschaft dieser Broschüre bekannt. Im Nachlass von Varnhagen befand sich davon ein Exemplar, worin er Bettina von Arnim als Autorin eingetragen hatte, und die Manuskripte dazu von Bettinas eigener Hand lagen ihm vor. Aber Steig dekretierte wider besseres Wissen: „Der Stil der Broschüre ist bettinafremd", und dieses Urteil galt für die Fachwelt bis 1954, d.h. bis zu dem Jahr, als Ursula Püschel im Ostberliner Henschel-Verlag die Polenbroschüre zum ersten Mal unter Nennung Bettina von Arnims als der wahren Verfasserin neu herausgab. Es wäre zu wünschen, dass im Hinblick auf das neugewonnene freundschaftliche Verhältnis Deutschlands zu Polen und im Rahmen des so genannten Weimarer Dreiecks Frankreich-Deutschland-Polen eine reich kommentierte Neuausgabe von Bettina von Arnims Polenbroschüre erscheinen könnte, denn sie ist bis heute einem breiteren Publikum nahezu unbekannt geblieben.

An dieser Stelle muss noch ein Vorgang erwähnt werden, durch welchen dem Nachlass Achim und Bettina von Arnims ein weiterer bedeutsamer Schaden zugefügt worden ist. Die Rede ist von der den Literaturwissenschaftlern leidvoll bekannten Henricischen Versteigerung von 1929. Dabei waren diesmal aber nicht politisch-ideologische, sondern wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend gewesen.

Einer der Enkel des Dichterpaares hatte sich Ende der zwanziger Jahre, zu Zeiten der Weltwirtschaftskrise, mit seinem Gut so hoch verschuldet, dass ihm ein Bankrott ins Haus stand. Seine Brüder hatten jedoch für ihn gebürgt, weshalb sie gemeinsam versuchen mussten, den Bankrott abzuwenden. Sie verfielen auf den Gedanken, den in Wiepersdorf verwahrten literarischen Nachlass des Dichterpaares zu veräußern. So kam es zu jener berühmt-berüchtigten Versteigerung durch das Berliner Auktionshaus Karl Ernst Henrici im Jahre 1929, die sich übrigens für die Arnimsche Familie als ein finanzieller Fehlschlag erwies, denn im Verlauf derselben ging das Auktionshaus bankrott.

Der Originalbriefwechsel zwischen Bettina Brentano und Goethe befindet sich heute größtenteils im Ausland, nämlich in der Pierpont Morgan Library in New York. Ein Teil der übrigen Manuskripte geriet in Privathand, wobei manches davon durch Kriegseinwirkungen später unrettbar verloren ging. So verbrannten zum Beispiel das Manuskript zu Arnims „Kronenwächtern" und die Originalbriefe zu „Clemens Brentano's Frühlingskranz". Ein anderer, bedeutsamer Teil der Auktionsmasse wurde durch Professor Ernst Beutler für das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt angekauft und wurde über den Krieg hinweg dadurch gerettet, dass Professor Beutler den Mut besaß, die Schätze des Hochstifts in brand- und bombensicheren Tresoren verwahren zu lassen. Damit stand er gleichsam mit einem Bein im Gefängnis, denn ihm drohte die Gefahr, dass ihm dies von den Nazis als Zweifel am Endsieg ausgelegt würde.

Bettina von Arnim, Goethe`s Briefwechsel mit einem Kinde

Bettina von Arnim, Goethe's Briefwechsel mit einem Kinde
Zweiter Theil, 1835, Titeldruck
Stiftung Weimarer Klassik /
Herzogin Anna Amalia Bibliothek
 

Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Manuskripte blieb jedoch unverkauft und wanderte zurück nach Wiepersdorf. Dort verblieb vor allem aber auch die wertvolle Bibliothek, die der Dichter Achim von Arnim gesammelt hatte, mit ihren kostbaren Erstdrucken aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert. Sie ist nicht allein in materieller Hinsicht wertvoll aufgrund des Alters der Bücher, sondern sie hat besonders für die Arnim-Forschung einen unschätzbaren ideellen Wert, weil sie für diese eine Fundgrube darstellt für das Quellenmaterial, das Arnim in seinen Romanen und Erzählungen verarbeitet hat.

Die Generation der Urenkel entwickelte glücklicherweise ein neues Verständnis für den literarischen Nachlass ihrer Vorfahren und trug damit dazu bei, diesen, soweit noch in Familienbesitz, weitgehend unversehrt durch die Zeit der Naziherrschaft, des Krieges und der Nachkriegswirren zu retten und in der Öffentlichkeit ein neues Interesse daran zu wecken. Zu nennen ist hier der Erbe der Güter Zernikow und Wiepersdorf, Friedmund von Arnim, der Ehemann Clara von Arnims, und seine Schwester, die Malerin Bettina Encke von Arnim, sowie sein Schwager und Freund, Walther Encke, und sein Vetter Oskar von Arnim.

Oskar von Arnim hatten die Nazis wegen politischer Aktivitäten für vier Jahre im Zuchthaus Brandenburg inhaftiert. Seine Frau Hedy, die mit ihm verurteilt worden war, überlebte ihre Strafe nicht, sie starb kurz vor der Befreiung im KZ Ravensbrück. Nach dem Kriege wurde Oskar von Arnim Mitbegründer und aktives Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Polnische Freundschaft. Er war es auch, der die Schriftstellerin Ingeborg Drewitz dazu veranlasst hat, die erste umfassende, noch heute weit verbreitete Bettina-Biographie zu schreiben, wobei er sie mit umfangreichen Informationen und Material versorgt hat.

Friedmund von Arnim, als Verantwortlicher für eine große Familie und die tief verschuldeten Gutsbetriebe von Zernikow und Wiepersdorf, und seine Frau Clara, als Verantwortliche für einen großen Gutshaushalt und Mutter von sechs Kindern, konnten sich damals nicht unmittelbar um die Pflege des literarischen Nachlasses kümmern. Viel war damals ohnehin nicht zu erreichen, da ja die offizielle Germanistik total von den Nazis beherrscht wurde. Friedmund von Arnim sorgte jedoch dafür, dass sein Schwager Walther Encke, der wegen seines Widerstands gegen den Staatsstreich von Papens in Preußen am 20. Juli 1932 seinen Posten als Polizeimajor in Berlin verloren hatte und nach der Machtergreifung der Nazis wegen seiner antinazistischen Einstellung gefährdet und deshalb arbeitslos geworden war, immerhin eine erste Bestandsaufnahme des Nachlasses vornahm. In Schloss Wiepersdorf, wo Friedmunds Mutter Agnes von Arnim wohnte, fand unter anderem der von den Nazis als „entarteter Künstler" verfemte Maler Fritz Kuhr und der als „Halbjude" eingestufte Germanist Werner Milch ein Refugium. Werner Milch konnte dort die Arbeit an seinem Buch „Die junge Bettine" beginnen, das nach seinem Tod von Peter Küpper vollendet worden ist.

Mit einer Handlungsweise, die mit dem literarischen Nachlass nicht unmittelbar etwas zu tun hatte, aber ganz dem Denken ihrer Urgroßmuter Bettina entsprach, trugen Friedmund von Arnim und seine Schwester Bettina Encke, ohne es zu ahnen, dazu bei, dass nach dem Kriege Schloss Wiepersdorf und die darin enthaltenen Schätze vor völliger Zerstörung und Vernichtung bewahrt werden konnten: Sie gewährten bei sich jemandem Unterschlupf, der in den Augen der Nazis in seiner Person die größten aller denkbaren Übel vereinigte, nämlich Kommunist und Jude zugleich zu sein. Es handelte sich um einen Freund Walther Enckes, den ehemaligen Reichstagsabgeordneten der KPD, Dr. Iwan Katz, den Friedmund von Arnim zunächst auf seinen Gütern, dann, während des Krieges, seine Schwester Bettina Encke in ihrer Wohnung in Berlin versteckt hielt.

Iwan Katz hat so die Naziherrschaft überlebt und kam nach Kriegsende an einflussreiche Stelle, er wurde Mitglied des Berliner Magistrats. Als 1945 die Gefahr drohte, dass im Zuge der Bodenreform Siedler in Schloss Wiepersdorf einziehen sollten und dieses, wie das dann mit so manch anderen Schlössern des Ostens geschah, der Verwahrlosung aussetzen und raffgierige Zeitgenossen dasselbe völlig ausplündern würden, gelang es Bettina Encke mit der Unterstützung von Iwan Katz, Mitglieder der damaligen „Abteilung Kunst und Literatur" in der „Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung" in Berlin für den Gedanken zu gewinnen, in dem ehemaligen Arnimschen Familienbesitz ein Dichterheim einzurichten.

Am 16.Juli 1946 wurde eine Dichterstiftung gegründet, die nach §2 ihrer Satzung Schloss Wiepersdorf dazu bestimmte „Dichtern und Schriftstellern, deren künstlerische Leistung eine Förderung verdient, auf vorübergehende Zeit eine Stätte zu ungestörter und sorgenfreier Arbeit zu bieten." Allerdings wurden das Schloss und die Arnimsche Bibliothek erst im Oktober 1948 unter Denkmalschutz gestellt, so dass bis dahin weitere wertvolle Stücke durch Plünderung verloren gingen. 1951 wurden die Bestände der Arnimschen Bibliothek und der handschriftliche Nachlass des Dichterpaares, soweit in Wiepersdorf noch vorhanden, dem „Bettina von Arnim-Archiv" in Berlin eingegliedert, später dann nach Weimar verbracht, wo sie sich nunmehr als Teil der Herzogin Anna Amalia Bibliothek unter der Obhut der Stiftung Weimarer Klassik befinden.

Schloss Wiepersdorf Schloss Wiepersdorf

Friedmund von Arnim, der letzte Besitzer von Wiepersdorf, war, ohne an den Kriegshandlungen teilgenommen zu haben, am 10. Mai 1945, also zwei Tage nach der Kapitulation des Deutschen Reiches und das heißt noch nach Ende des Krieges, als Kriegsgefangener nach Russland verschleppt worden, wo er am 13. Januar 1946 an Hunger und Entkräftung starb. Seine Frau, Clara von Arnim, befand sich zu der Zeit, als die Entscheidung über die Zukunft von Wiepersdorf fiel, mit ihren Kindern auf der Flucht in den Westen. Von der Familie waren damals an Ort und Stelle also nur seine Mutter Agnes von Arnim und seine Schwestern, darunter Bettina Encke.

Welchen Gefahren sich Letztere allerdings in jenen Tagen mit ihrem mutigen Einsatz für die Rettung von Schloss Wiepersdorf als Kulturstätte aussetzte, wird daraus ersichtlich, dass sie am 12.7.1946 verhaftet und für ein paar Wochen ins GPU-Gefängnis nach Luckenwalde verbracht wurde, weil Siedler, die gern in Schloss Wiepersdorf eingezogen wären, sie als „Saboteurin der Siedlung" denunziert und sie beschuldigt hatten, „Junkerland" wieder in „Junkerhand" bringen zu wollen. Den gemeinsamen Bemühungen von Dr. Iwan Katz und dem Vater Clara von Arnims, Dr. Walter von Hagens, der damals auch Mitglied des Berliner Magistrats war, gelang es jedoch, sie wieder freizubekommen. Allerdings wurde sie trotz des Zeugnisses von Iwan Katz, eine aktive Antifaschistin gewesen zu sein, im Jahre 1947 mit ihrer Mutter und ihren Schwestern aus Wiepersdorf ausgewiesen.

1951 hat man in Wiepersdorf für Anna Seghers ein ständiges Zimmer eingerichtet, und viele weitere bedeutende Schriftsteller und Künstler der DDR, so Arnold Zweig, Bodo Uhse, Sigrid Damm, Ulrich Plenzdorf, Kurt Masur, Ernst Busch, Frank Beyer, Eva-Maria Hagen, um nur ein paar Namen in willkürlicher Auswahl zu nennen, haben in Wiepersdorf für einige Wochen oder Monate Erholung und Ruhe für ihre Arbeit gefunden. In Wiepersdorf selbst oder aufgrund der dort empfangenen Anregungen sind so bedeutsame Werke entstanden wie der inzwischen berühmt gewordene Wiepersdorf-Gedichtzyklus von Sarah Kirsch (1973), die Romantik-Essays von Christa und Gerhard Wolf (1985) oder der Fernsehfilm „Bettina von Arnim" von Walter Stranka (1972). Aufgrund eines Appells der Gäste des Hauses an den damaligen Minister für Kultur, Johannes R. Becher, wurden 1957 die ersten Renovierungsarbeiten am Schloss begonnen, denen noch weitere folgen sollten. Zusammenfassend kann man also sagen, dass es letztendlich der selbstlosen Initiative der Schwägerin Clara von Arnims, der Malerin Bettina Encke von Arnim zu verdanken ist, dass Schloss und Park in Wiepersdorf in DDR-Zeiten erhalten und gepflegt wurden.

Das Ende der DDR eröffnete für die Zukunft von Schloss Wiepersdorf ebenso viele neue Chancen wie Gefahren. Glücksritter und Spekulanten aus dem Westen traten wie vielerorts in der ehemaligen DDR in Wiepersdorf auf den Plan mit dem Versprechen, dort sprudelnde Geldquellen zu erschließen, wenn man das Schloss in ein Hotel und den Park in einen Golfplatz verwandeln würde. Die wildesten Gerüchte liefen um. Dieses Alarmsignal veranlasste Clara von Arnim, nunmehr in gleicher Weise tätig zu werden, wie das ihre Schwägerin Bettina Encke 1945 getan hatte. Als der „Kulturfonds" der DDR 1990 laut Einigungsvertrag in die „Stiftung Kulturfonds" der neuen Länder überführt und diesem die Trägerschaft von Schloss Wiepersdorf übertragen worden war, gewann sie Ministerpräsident Manfred Stolpe für den Gedanken, sich als Vertreter des Landes Brandenburg für eine Nutzung von Schloss Wiepersdorf als Stipendiatenheim, oder, wie sie selbst es nennt, als eine Art „Villa Massimo im märkischen Sand", einzusetzen. Im September 1991 wurde vom Stiftungsrat der Stiftung Kulturfonds erfreulicherweise ein entsprechender Beschluss gefasst. Nun können Künstler aller Genres über mehrere Monate dort arbeiten und in Lesungen, Werkstattgesprächen und Offenen Tagen die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentieren. Das heute als Künstlerhaus bekannte Schloss Wiepersdorf wirkt mit seinen vielfältigen Veranstaltungen als kultureller Anziehungspunkt für die ganze Umgegend bis nach Berlin.

Aber noch ein weiterer Gedanke war es, der Clara von Arnim bewegte. Sie wünschte sich, dass wie zu den Zeiten, als noch ihre Schwiegermutter Agnes von Arnim dort wohnte und sie sich oft selbst dort aufhielt - im Gegensatz zu den DDR-Zeiten, wo der Zugang nur den erwählten Gästen vorbehalten war -, Schloss und Park von Wiepersdorf für literarisch interessierte Besucher wieder frei zugänglich sein sollten. Schließlich war ja Wiepersdorf einst die Wohnstätte zunächst von Achim und dann von Bettina von Arnim gewesen, die sich beide nicht für eine privilegierte Minderheit, sondern für das breite Volk engagierten. Um die Erinnerung an diese beiden Romantiker in der deutschen Öffentlichkeit wachzuhalten, gründete sie zusammen mit Professor Hartwig Schultz vom Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt 1991 den „Freundeskreis Schloß Wiepersdorf - Gedenkstätte Achim und Bettina von Arnim". Mit dessen Hilfe und mit der Unterstützung des Freien Deutschen Hochstifts und der Stiftung Kulturfonds konnte sie in einem Flügel des Schlosses ein Museum einrichten, in welchem das Leben und die schriftstellerische Tätigkeit des Dichterpaares auf anschauliche Weise dokumentiert wird. Das Museum hat seit seiner Eröffnung im Jahre 1992 viele Tausende von Literaturliebhabern nach Wiepersdorf gelockt. Naturgemäß wurde es vornehmlich mit Gegenständen eingerichtet, die sich früher im Arnimschen Familienbesitz befunden hatten. Der Gedanke, diese Bilder, Möbel, Schriftstücke per Gesetz zurückzufordern, wäre Clara von Arnim als Absurdität erschienen.

Ähnliche Beweggründe ließen sie auch auf eine Rückforderung der Arnimschen Bibliothek und der Handschriften Achim und Bettina von Arnims verzichten, die sich jetzt in der Obhut der Stiftung Weimarer Klassik befinden. Schon ein Jahrzehnt vor der Wende hatte sie begonnen, mit Literaturwissenschaftlern aus Ost und West (vor allem aus den USA) zusammenzuarbeiten, die sich speziell mit den Werken Achim und Bettina von Arnims beschäftigen, indem sie ihnen Anschauungsmaterial aus dem Leben des Dichterpaares vermittelte, das ihr aus den Arnimschen Familientraditionen vertraut war. Mit Freude konnte sie es erleben, dass es diesen Forschern gelungen ist, den Grundstein zu legen für eine erste historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke Achim von Arnims, die ihm endlich den Platz in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung sichern wird, der ihm gebührt. Die ersten Bände dieser Ausgabe, an deren Zustandekommen die Herausgeber in selbstlosem Einsatz tätig sind, werden demnächst erscheinen. Zu wünschen wäre, dass ein Gleiches mit den Schriften und Briefen Bettina von Arnims geschähe, von denen noch viele unveröffentlicht sind. Auch hier wollte Clara von Arnim es vermeiden, durch etwaige Rückforderungen diese Arbeit zu gefährden, ja die Arnimsche Bibliothek der Gefahr auszusetzen, dass sie möglicherweise später einmal in Einzelstücken verkauft und damit ihres Werts für die Arnim-Forschung beraubt würde.

Clara von Arnim hat mit der Gründung des „Freundeskreises Schloß Wiepersdorf - Gedenkstätte Achim und Bettina von Arnim", der sich zum Ziel gesetzt hat, die Kenntnis über die Werke des Arnimschen Dichterpaares zu fördern und in der Öffentlichkeit zu verbreiten, ganz im Sinne ihres verstorbenen Mannes Friedmund und dessen Schwester Bettina Encke gehandelt, die sich ihrerseits den Traditionen ihrer Urgroßeltern, insbesondere der Bettina von Arnim, verpflichtet fühlten. Diese hatte einst in einem Entwurf zur Polenbroschüre geschrieben:

„Die Bildung, abgesperrt vom Volk, wird auch unmöglich in den höheren Klassen, denn wie das Blut seinen Kreislauf hat im Leibe des Einzelnen, so der Geist in der ganzen Menschheit; sonst fällt er in Exzesse oder Abzehrung, und allen gesunden Anlagen ist der Boden genommen."

invisible.gif (85 Byte) Peter-Anton von Arnim ist der vierte Sohn von Clara von Arnim

 

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