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Wolfgang
Trautwein
Kunstwerke, so vielfältig ihr Erscheinungsbild
und ihre Materialien - zumal im 20. Jahrhundert - auch sind, kommen in der Regel auf
Papier in die Welt: als Entwürfe und Vorfassungen des gedruckten Romans, als Manuskript
eines Bühnenstücks, als Skizze eines Gemäldes, einer Plastik oder eines Bühnenbilds,
als Notenautograph eines Orchesterwerks, als Exposé oder Skript eines Films oder Plan
eines Gebäudes. Die Stiftung Archiv der Akademie der Künste sammelt - und zwar aus allen
Kunstgattungen - Unikate, die den kreativen Prozess, Entstehung und Ausformung des Werks
unmittelbar anschaulich machen, dazu Korrespondenzen, Tagebücher, amtliche Dokumente der
Künstler, Fotos, Modelle, Film- und Tondokumente, Rezensionen u. a. und die Fülle der
primären und sekundären Druckschriften.

Hans Luckhardt, Wassili Luckhardt und Alfons Anker
Haus Berlin", Berlin-Mitte
Potsdamer Platz
Modell, Entwurf für ein Geschäftshaus, 1929-1931
Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin |
Der interdisziplinäre Ansatz ist die Besonderheit des
Archivs. Es ist nicht nur das Gedächtnis der 1696 durch den späteren preußischen König
Friedrich I. gegründeten Akademie der Künste, sondern spiegelt auch deren Struktur
wider. Im Lauf der wechselvollen Geschichte entstand eine Mitgliedersozietät mit sechs
Abteilungen: der Bildenden Kunst, Baukunst, Musik, Literatur, Darstellenden Kunst sowie
der Film- und Medienkunst. In der Stiftung entsprechen dem die jeweiligen
Archivabteilungen, zu denen die Kunstsammlung, das historische und Verwaltungs-Archiv
sowie die Bibliothek hinzukommen.
Kunstsammlung und Verwaltungsarchiv reichen bis in die
Anfänge der Akademie zurück. Mit besonderen Schwerpunkten bei Daniel Chodowiecki, Johann
Gottfried Schadow, Carl Blechen, George Grosz, John Heartfield und der Druckgrafik
der Akademie der Künste der DDR umfasst die Kunstsammlung heute ca. 60.000 Werke,
überwiegend Arbeiten auf Papier. Im historischen Archiv der Preußischen Akademie der
Künste (1696 - 1945) sind über 250 Jahre preußisch-deutscher Kunst- und
Kulturgeschichte dokumentiert, ein hochbedeutender Bestand von ca. 80 laufenden Metern mit
Sitzungsprotokollen, Mitgliederakten und Korrespondenz, der zu größeren Teilen bereits
als Mikrofiche-Edition vorliegt.
Die Archive der Akademie der Künste der DDR und der
Akademie der Künste (West) dokumentieren die Geschichte der Institution nach dem zweiten
Weltkrieg. Im Osten wurde 1950 die Deutsche Akademie der Künste" als
zentralstaatliche Einrichtung gegründet; der Westteil der Stadt zog 1954 mit der
Gründung einer föderal getragenen, aber mit nationalen und internationalen Mitgliedern
besetzten Akademie nach. Die beiden Gründungspräsidenten hießen Arnold Zweig und Hans
Scharoun. Beide Akademien richteten kurz nach ihrer Gründung personenbezogene Archive
ein, die bis zum Beginn des Jahrhunderts zurückreichen. Bei der Vereinigung der beiden
Akademien im Herbst 1993 wurden auch deren Archive zusammengeführt. Mit 4000 laufenden
Metern Archivgut, der Kunstsammlung und der Bibliothek mit 460 000 Medieneinheiten
entstand das bedeutendste interdisziplinäre Archiv zur Kunst des 20. Jahrhunderts im
deutschen Sprachraum. Die Stiftung Archiv der Akademie der Künste ist ein organisatorisch
eigenständiger Bestandteil der Akademie, dessen Stiftungsrat neben Akademiemitgliedern
die Geldgeber, das Land Berlin und der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, sowie das
Land Brandenburg und das Bundespräsidialamt angehören.
Der interdisziplinäre Ansatz setzt sich von der
spezialisierten Verengung auf jeweils eine Kunstgattung ab. Die Akademie und ihr Archiv
verstehen Kunst als ein Ganzes, bei dem die einzelnen Künste untereinander im Dialog
stehen und in ihrer Gesamtheit die Stellung der Kunst in der Gesellschaft bestimmen.
Gerade für das 20. Jahrhundert, das wie kein anderes durch die Auflösung der
Gattungsgrenzen und die wechselseitige Durchdringung der Künste geprägt wird, erscheint
diese Perspektive angemessen. Sie kann im Archiv schon für den einzelnen Künstler
Vorteile bieten. George Tabori z. B. ist als Prosa- und Dramenautor und als Regisseur in
einem Archiv mit Literatur- und Theaterabteilung gut aufgehoben - wie auch Günter Grass,
dessen graphisches Werk in einer genuinen Kunstsammlung betreut wird.
Entstehen Werke im Zusammenwirken verschiedener Künste,
wird der Vorzug des Interdisziplinären noch evidenter. So treten zum Manuskript der
Ermittlung" im Peter-Weiss-Archiv der Literaturabteilung in der Abteilung
Darstellende Kunst die Materialien der Uraufführung aus dem Piscator-Archiv. Beim
Kaukasischen Kreidekreis" liegt das Brecht-Manuskript in der Literatur-, die
zugehörige Bühnenmusik im Dessau-Archiv der Musikabteilung, das Bühnenbildmaterial im
Nachlass Karl von Appens in der Archivabteilung Darstellende Kunst. Das Archiv des Autors
und Verlegers Wieland Herzfelde erhält eine besondere Anschaulichkeit durch die Archive
der bildenden Künstler John Heartfield und George Grosz, die die Bücher des
Malik-Verlags gestaltet haben bzw. dort verlegt wurden. Beim Kabarett vereint die Akademie
die Archive der Schriftsteller Mehring, Klabund, Marcellus Schiffer und die Sammlung
Tucholsky mit denen ihrer Komponisten Heymann, Hollaender und Spoliansky sowie einer
Vielzahl ihrer Interpreten.
Auch die Sammelschwerpunkte - Akademie-Mitglieder,
Emigration, Kultur der Weimarer Republik, Kunst und Kultur in der DDR, Kunst in Berlin -
haben interdisziplinären Charakter.

Boxaktion"
von links: Erwin Piscator, George Grosz,
Wieland Herzfelde und John Heartfield
Berlin, um 1924
John-Heartfield-Archiv
in der Stiftung Archiv der Akademie der Künste |
In beiden Berliner Nachkriegsakademien lag der Gründung
der Archive die Absicht zugrunde, die Arbeiten emigrierter Künstler zu würdigen und
zurückzuholen. Der Nachlass des designierten ersten Präsidenten der Ost-Akademie,
Heinrich Mann, bildete dort den Grundstock. Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Ernst
Busch, Hanns Eisler, Walter Felsenstein, John Heartfield, Wieland Herzfelde, Wolfgang
Langhoff, Anna Seghers, Helene Weigel, Arnold Zweig u. a. kamen in die SBZ bzw. DDR,
wurden Mitglieder der dortigen Akademie und vertrauten ihr später ihre Archive an. In das
West-Archiv gelangten zum einen die Nachlässe der in die Bundesrepublik zurückgekehrten
Emigranten wie Ferdinand Bruckner, George Grosz, Friedrich Hollaender, Fritz Kortner und
Erwin Piscator; zum andern wurden viele Archive auch direkt aus den Emigrationsländern
geholt, in denen die Künstler geblieben waren: aus England Elisabeth Bergner, Alfred
Kerr, Mischa Spoliansky und Berthold Goldschmidt, aus den USA Julius Bab, Vicki Baum und
Carl Ebert, aus der Schweiz Georg Kaiser, Leopold Lindtberg, Walter Mehring, Hermann
Scherchen, aus Schweden Peter Weiss und die Sammlung Kurt Tucholsky, aus Mexiko Paul
Westheim, aus Israel der Kritiker Alfred Frankenstein und aus Frankreich - wo sie noch vor
Kriegsende gestorben waren - Carl Einstein und Samuel Friedlaender (Mynona).
In ihrer Gesamtheit weisen die Emigrantenbestände auf
ihre gemeinsame Wurzel, die zwanziger und frühen dreißiger Jahre in Deutschland und
besonders in Berlin, zurück. Diese Blütezeit der Künste bildet einen weiteren
Schwerpunkt der Archivstiftung. Über die bereits genannten Namen hinaus sind das Theater
und das Kabarett der Weimarer Zeit hervorragend vertreten. Für die Literatur spielten die
Mitglieder der 1926 gegründeten Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie eine
wichtige Rolle im öffentlichen Leben der Republik. Bei der Architektur liegen u. a.
Bestände von Hugo Häring, der Brüder Hans und Wassili Luckhardt oder Bruno und Max Taut
vor. Fotografisch dokumentiert wird die Baugeschichte Berlins von den frühen zwanziger
bis in die späten fünfziger Jahre in der Sammlung Arthur Köster. Für die darstellende
Kunst verdanken wir dem Theaterenthusiasten Wilhelm Richter eine fast lückenlose Sammlung
von Berliner Theaterzetteln und -kritiken zwischen 1906 und 1961.

Reinhold Begas
Der gefesselte Prometheus" 1900, Marmor
Diese Skulptur am früheren Gebäude der Akademie, Pariser Platz 4, war vermutlich
seit den ersten Kriegsjahren eingemauert und wurde erst 1995 bei
Bauarbeiten auf dem Gelände wiedergefunden. |
Der Bezug zu Berlin zieht sich wie ein roter Faden durch
den gesamten Bestand, von der Gründung der Akademie 1696 bis zur Bestätigung von Berlin
als Hauptstadt des vereinten Deutschland. Zu den bereits genannten kommen Archive von
Künstlern hinzu, die während des Nationalsozialismus in Deutschland geblieben waren:
Boleslaw Barlog, Boris Blacher, Jürgen Fehling, Heinz Hilpert, Herbert Ihering, Helmut
Käutner, Käthe Kollwitz, Eduard Künneke, Theo Lingen, Friedrich Luft, Heinz Tietjen,
Hans Scharoun, Rudolf Wagner-Régeny, Mary Wigman u. a. Auch Archive der von den
Nationalsozialisten ermordeten Künstler wie Hans Otto oder Erich Mühsam sind erhalten,
darunter viele Bestände des Sammelbereichs Jüdischer Kulturbund in Deutschland
(1933 - 1941)". Dieses letzte Kapitel deutsch-jüdischer Kulturgeschichte vor der
Shoah wird insbesondere im Archiv des Regisseurs und künstlerischen Leiters des
Kulturbundes, Fritz Wisten, bewahrt.
Kunst, Kultur und Kulturpolitik in der DDR bilden einen
weiteren Sammelschwerpunkt. Das ehemalige Ost-Archiv war das zentrale Künstlerarchiv der
DDR für das 20. Jahrhundert und hat, nicht nur unter den ehemaligen Emigranten, eine
Fülle von Nachlässen von in der DDR lebenden Künstlern gesammelt. Die Spannbreite
reicht von Gret Palucca und Franz Fühmann bis zu den Nachlässen von Kulturfunktionären
wie Alexander Abusch, Otto Gotsche und Alfred Kurella oder des Dichters und
Kulturministers Johannes R. Becher. Den Sammelschwerpunkt DDR-Kultur erheblich verstärkt
haben nach 1989 die Verwaltungsarchive der Künstlerverbände der DDR - der Bildenden
Künstler, der Theaterschaffenden, der Komponisten und der Schriftsteller -, die
Bibliothek des Kulturministeriums, die Bibliothek des Künstlerclubs Die
Möwe", das Archiv des für die Breitenkultur der DDR zuständigen Zentralhauses für
Kulturarbeit, Leipzig, sowie die Integration und Fortführung der vom Verband der
Theaterschaffenden betriebenen Theaterdokumentation.
Den letzten und zugleich zentralen Schwerpunkt bilden
die Archive der Mitglieder der Akademie der Künste. Der enge Zusammenhang zwischen
Akademie und Archiv begünstigt die Einrichtung von Archiven zu Lebzeiten oder Absprachen
über eine Archiveinrichtung nach dem Tode. Archive zu Lebzeiten haben eingerichtet: Benno
Besson, Frank Michael Beyer, Günter Grass, Walter Jens, Joachim John, Rainer Kirsch, Kurt
Mätzig, Rudolf Noelte, Ulrich Plenzdorf, Christoph Schroth, Werner Stötzer, George
Tabori, Hans Zender u. a. Von den zahlreichen anderen der insgesamt 160 Mitgliederarchive
seien stellvertretend die von Boris Blacher, HAP Grieshaber, Heiner Müller, Bernhard
Minetti, Hans Werner Richter, Konrad Wachsmann, Maria Wimmer und Bernd Alois Zimmermann
genannt. Ein vollständiges Verzeichnis liegt unter dem Titel Nachlässe und
Sammlungen zur deutschen Kunst und Literatur des 20. Jahrhunderts - Die Bestände der
Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin" (1995) mit Supplement für die
Jahre 1995-99 vor, es ist auch im Internet abrufbar. (s.u.)
Grundlegende Aufgabe des Archivs ist die Erwerbung, Ordnung und Verzeichnung der
Bestände, um sie über Findmittel (Datenbank und ausgedrucktes Findbuch des
Einzelbestands) der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ein kostenlos
erhältlicher Leitfaden" in formiert über Benutzungsbedingungen, Abteilungen,
Standorte und Namen der Einzelarchive. Die eher unspektakulären Studien im Lesesaal
wirken wesentlich weiter, als vielen bewusst ist. Nicht jeder Leser von Brecht, Heinrich
Mann oder Grass weiß, dass den Werkausgaben die in der Stiftung befindlichen Materialien
zugrunde liegen. Die wenigsten Besucher der Konzerte von Dessau, Eisler, Goldschmidt oder
B. A. Zimmermann ahnen, dass sich die Aufführungen auf Unterlagen des Archivs stützen.
Für viele Inszenierungen des Sprech- und Musiktheaters werden dramaturgische Vorarbeiten
an Originalen der Stiftung geleistet, nicht nur an Manuskripten, sondern auch an
Regiebüchern oder Unterlagen der Inszenierungsdokumentationen.
Auch die Mitarbeiter der Stiftung selbst sind in einer breiteren Öffentlichkeit
wirksam. Lesungen, Konzerte und Gespräche stellen neue Bestände vor. Die Stiftung
entleiht nicht nur jährlich ca. 1000 Exponate für nationale und internationale
Ausstellungen, sondern zeigt ihre Bestände auch in eigenen Akademie-Ausstellungen. Im
letzten Jahr wurden dem Architekten Thilo Schoder, Bertolt Brecht, Hanns Eisler und Heiner
Müller Ausstellungen gewidmet. Stiftungseigene Publikationen erschienen 1998 zu den
Archiven von Benno Besson, Frank Michael Beyer, Harry Buckwitz, Hanns Eisler, Heiner
Müller, Bernd Alois Zimmermann sowie, innerhalb einer Reihe zur musikalischen
Unterhaltungskunst, CDs mit historischen Aufnahmen von Friedrich Hollaender, Ralph
Benatzky und Mischa Spoliansky. Derzeit werden Werkverzeichnisse zu Bernd Alois
Zimmermann, Paul Dessau und zum zeichnerischen Werk von Johann Gottfried Schadow
erarbeitet, und die Akademie ist an der Edition der Werke von Arnold Zweig und Heiner
Müller beteiligt. Als Museum mit Führung betreut die Stiftung die Lebens- und
Arbeitsräume von Helene Weigel und Bertolt Brecht in der Brecht-Weigel-Gedenkstätte
sowie die Wohnung von Anna Seghers.
Die vielfältigen Aktivitäten der Stiftung haben das
eine zentrale Anliegen, Kunst, ihren Entstehungszusammenhang und ihren historischer
Kontext für die heutige wie die kommenden Generationen im originalen Dokument zugänglich
zu machen. Angesichts der vielfältigen Manipulationsmöglichkeiten durch digitale
Verfahren und im Internet wird dem Bewahren wachsende Bedeutung zukommen; in der Welt der
neuen Medien kann allein der Rückgriff aufs Original Authentizität verbürgen. Das
Bewahren aber hat den konkreten Zweck, die Begegnung mit dem authentischen Dokument zu
ermöglichen und es immer wieder gegenwärtig wirksam werden zu lassen. Mit dem für das
Jahr 2001 geplanten Umzug von Akademie und Archiv an den Pariser Platz 4, den
historischen, 1907 bezogenen Standort der Preußischen Akademie der Künste, bezieht die
Kulturgeschichte dieses Jahrhunderts ihren Platz im Zentrum der Hauptstadt.

Günter Behnisch & Partner
Geplanter Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz 4
Modellfoto, 1996
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Stiftung Archiv der Akademie der Künste
Hanseatenweg 10, 10557 Berlin-Tiergarten
Tel. (030)39076-160, Fax (030)39076-198, E-Mail: archiv@adk.de
S-Bhf.Bellevue, U-Bhf. Hansaplatz, Bus 123, 341 Bestandsübersicht
im Internet:
Die Stiftung Archiv der Akademie der Künste ist mit der Bestandsübersicht und
weiterführenden Informationen unter http://www.adk.de
im Internet vertreten. |
| Dr. Wolfgang Trautwein ist Direktor der Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin |
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