Verewigung durch Einbalsamierung
Neuerwerbung des Museums für Sepulkralkultur
Dank einer überaus großzügigen Stiftung des Deutschen
Instituts für Thanatopraxie GmbH in Düsseldorf gelangte im September 1996 eine
unge-wöhnliche Neuerwerbung in den Bestand des Museums für Sepulkralkultur in Kassel. Es
handelt sich um ein Instrumentarium zur Einbalsamierung von Leichen des Pariser
Herstellers für medizinische Instrumente Charrière aus der Zeit um 1840. Dieses
"Nécessaire Embaumement" nach der Methode Gannal befand sich ehemals im Besitz
des Arztes Poyet in Roanne, Département de la Loire; es konnte über einen Schweizer
Antiquitätenhändler aus Privatbesitz erworben werden.
Das Einbalsamierungsset besteht aus einem klappbaren, mit
Bleiplatten überzogenen Eichentisch mit Messingfüßen und -stützen und vier
Nußbaumkästen (mit einzelnen Messingteilen), die innen mit rotem Leder- bzw. Papierbezug
ausgestattet sind. Die Kästen enthalten Flakons mit verschiede-nen Essenzen, weiterhin
Pasten, Mullbinden, unterschiedliche Instrumente, 28 Porzellanaugen, zwei Stempel und eine
Schrift mit "Notizen über das Einbalsamieren". Das Deckblatt dieser
Erläuterungsschrift weist eine graphische Darstellung auf, die eine Mumie mit einer Toten
und eine neugotische Grabkapelle mit Pyramiden in einer Landschaft mit Pappeln und Palmen
zeigt. Damit wird ein direkter Bezug zu Ägypten und den Mumifizierungen in der Antike
hergestellt. Ägypten war bekanntermaßen ein aktuelles Thema in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts in Europa. Der Ägyptenfeldzug Napoleons 1798 hatte zu einer
Wiederentdeckung der Hochkultur des alten Ägypten geführt, die eine regelrechte Mode des
"egyptian revival" nach sich zog. Im Zusammenhang damit scheint auch das
Interesse an der Konservierung von Leichen zugenommen zu haben.
Ägyptische Mumifizierungstechniken haben Herodot und Diodor
beschrieben. Intendierte die ägyptische Einbalsamierung der Leichname jedoch einen
Ewigkeitscharakter, so war das Ziel der Konservierung im Mittelalter und in der Neuzeit in
Europa, den Körper für einen gewissen Zeitraum vor der Verwesung zu bewahren. Der
niederländische Anatom Frederik Ruysch (1638-1731) entwickelte erstmals ein
Konservierungsverfahren von Leichnamen durch Injektion von Substanzen in das
Gefäßsystem. Diese Technik des Injizierens vervollkommnete dann William Hunter
(1718-1783). Eine weitere Ausbildung der injizierenden Konservierungsmethode schuf
1835-1838 der französische Offizier, Chemiker und Pharmazeut Jean-Nicolas Gannal
(1791-1852). Sie sah das Einspritzen von schwefelsaurer Tonerde oder Aluminiumchlorid in
das Gefäßsystem vor. Nach der Gannalschen Methode sollen u. a. die Leichname des
Bürgerkönigs Louis Philippe (1773-1850) und des Adjutanten Napoleons, A. F. L. V. de
Marmont (1774-1852), konserviert worden sein. Gannals Konservierungstechnik wurde durch
einen Schüler auch in den USA bekannt und verbreitet. Sie kam insbesondere während des
Sezessionskrieges bei der Einbalsamierung gefallener Soldaten zur Anwendung.
Das reich ausgestaltete Einbalsamierungsset der
"Méthode Gannal" weist in seiner Druckgraphik die Widmung "Den
Unsterblichen" auf. Es bezeugt damit das immerwährende Verlangen des Menschen nach
Verewigung. "Qui mortem evitare non possunt, corporis saltem gaudeant duratione"
(Manget).
