Barthold C. Witte
Es geschehen noch Zeichen und Wunder: In diesem Jahr figuriert die
Kulturpolitik unter den Wahlkampfthemen, und das mit Schlagzeilen auf der ersten
Zeitungsseite! Bei aller Kontroverse um den, der diese Medienaufmerksamkeit schuf, sei
ihm, Michael Naumann, dafür Dank gesagt. Jetzt und in den kommenden Monaten wird es
freilich nötig sein, vom Wahlkampfgetöse zum politischen Handeln zu finden - ganz
gleich, wie die Bundestagsmehrheit nach dem 27. September aussieht. Welche
kulturpolitischen Reformen und Akzente, welche Ergebnisse sind für die kommende
Legislaturperiode des Bundestages zu erhoffen? Dazu sei den neuen Parlamentariern (und
neuen Ministern) jetzt schon einiges ins Stammbuch geschrieben:
Deutschland, so sagt jeder ausländische Besucher und Freund, darf sich die
dichteste Kulturlandschaft der Welt nennen - mit unzähligen Opern- und
Schauspielhäusern, Orchestern, Kunstsammlungen und Kunsthallen, Bibliotheken,
schöngeistigen Verlagen, freien Kulturgruppen, Sommerfestspielen et cetera. Sie ist zu
erhalten, basta; so kann man von vielen hören. Wer näher hinsieht, gewahrt freilich,
daß so dicht nur die Vermittlungsinstitutionen gesät sind. Bei den
"Kulturproduzenten", von den Komponisten bis zu den Autoren, von den
Filmemachern bis zu den Stars der musikalischen, darstellenden und bildenden Kunst sieht
es schon weniger überzeugend aus. Kriterium internationaler Kulturmarkt: Die deutsche
Literatur tut sich da so schwer wie der deutsche Film. Nicht nur der weltweite Film- und
Fernsehmarkt, ebenso der Bestsellermarkt ist fest in amerikanisch-britischer Hand. Darum
will Michael Naumann ja nach Hollywood reisen.
Überdies wächst im eigenen Land die Kluft zwischen Kulturpatrioten und
Weltbürgern. Beispiel deutsche Sprache: Nach der überzogenen Rechtschreibdebatte kommt
jetzt das Problem der Anglizismen in den Blick, in die Kontroverse. Groß ist auch die
Verlegenheit beim kulturellen Umgang mit den dauerhaft hier lebenden Ausländern -
Integration, Ghetto oder Multikulti? Und über all dem schwebt die Frage, ob und wie es
gelingen kann, dem sich integrierenden Europa eine Seele zu geben, also eine kulturelle
Identität, die Einheit und Vielfalt miteinander verbindet und beispielsweise die
bewährte nationale Buchpreisbindung nicht einer europäischen Markttheorie opfert.
So viele Probleme, so viele Aufgaben für die deutsche Kulturpolitik, und
dies auf allen Ebenen, von den Kommunen über die Länder bis nach Brüssel, nicht zuletzt
auch weltweit im Dialog der Kulturen. Gewiß kann, wie Theodor Heuss gesagt hat, mit
Politik nicht Kultur "gemacht" werden. Aber alle kulturelle Kreativität und
Vermittlungskunst hängt entscheidend davon ab, welche Rahmenbedingungen die Politik für
beides schafft. Da geht es nicht bloß um Geld, auch um gesetzliche Vorgaben.
Vier Ziele sind einer in diesem Sinn kreativen deutschen Kulturpolitik für
die kommenden vier Jahre, vor und nach dem Millennium, vor allem gesetzt.
Erstens: Der Staat muß die private Kulturförderung deutlich erleichtern. Wo
alles nach dem "schlanken Staat" ruft und die Kulturetats allenfalls stagnieren,
wenn nicht sinken, müssen nichtstaatliche Institutionen (so wie die Mitglieder des AsKI)
und private Unterstützer (Stifter, Spender, Sponsoren) an die Front. Dazu sind das
Stiftungs- und Steuerrecht kulturfreundlich zu reformieren. In der letzten Kulturdebatte
des Bundestages haben dies Bundeskanzler Helmut Kohl und alle Fraktionen zugesagt.
Zweitens: Der unfruchtbare, belastende Streit zwischen Bund und Ländern
darüber, wer was kulturpolitisch tun oder nicht tun darf, muß ein Ende haben. Beide,
dazu die Kommunen, sollten sich endlich vertragen. Das geht nur durch klare, im
Grundgesetz zu verankernde Regelungen, die dem Bund geben, was er braucht, und das
allermeiste den Ländern lassen. Es geht außerdem nur, wenn sich die Länder als
Gemeinschaft besser als bisher organisieren, mithin weg von der Einstimmigkeitsnot der
Kultusministerkonferenz, hin zu Mehrheitsentscheidung durch den Bundesrat.
Drittens: Der deutsche Beitrag zur allmählich wachsenden europäischen
Kulturpolitik darf sich nicht auf Weimar 1999 und den Kampf für die Buchpreisbindung
beschränken. Die deutsche Kulturnation muß sichtbarer, wirksamer als bisher zur
europäischen Einheit in Vielfalt beitragen. Nicht Bürokratie, sondern Fantasie ist hier
gefragt!
Viertens: Wir brauchen dringend eine umfassende, offene, öffentliche Debatte
über das Verhältnis von Weltbürgertum und Nationalstaat (um ein berühmtes Buch
Friedrich Meineckes zu zitieren), anders gesagt, darüber, wie die weltoffene, europäisch
gesonnene nationale Identität der Deutschen im nächsten Jahrhundert aussehen kann und
wie wir mit den Fremden im eigenen Land auf Dauer umgehen wollen. An der Kultur
entscheidet sich dies alles, nicht an der Ökonomie und auch nicht an den politischen
Institutionen.
Man darf gespannt sein: Wird die Regierungserklärung solche
Impulse aufnehmen? Wann wird der Bundestag über Kulturpolitik nicht nur debattieren,
sondern beschließen (was in diesem Jahr mißlang)? Werden sich Bund, Länder und
Gemeinden in einem großen Kulturpakt miteinander vertragen? Noch können wir hoffen. An
passender Begleitmusik soll es, was uns betrifft, nicht fehlen.
