Zur Retrospektive der
Stiftung Deutsche Kinemathek auf der diesjährigen Berlinale
Wolfgang Jacobsen
Zwei Brüder aus Dresden: Robert, 1900 geboren
und 1973 gestorben, Curt, zwei Jahre später, 1902, geboren und heute in Kalifornien
lebend. Ihre Karriere beginnt 1929 mit dem Film "Menschen am Sonntag". Es folgen
gemeinsame und jeweils eigene Filme für die Ufa. 1933 verlassen beide Nazi-Deutschland.
Im Exil trennen sich ihre beruflichen Wege: Während Robert Siodmak in Frankreich seine
zweite Karriere beginnt und zum Beispiel mit den Schauspielern Louis Jouvet und Erich von
Stroheim arbeitet, reüssiert Curt Siodmak in London als Autor von Science-Fiction-Filmen.
Er geht 1937, Robert Siodmak 1939 in die USA.
Robert Siodmak etabliert sich in Hollywood als
Thriller-Spezialist und als ein Meister des "film noir" und prägt mit seinen
filmischen Psychostudien das amerikanische Kino der vierziger Jahre. Mit "Phantom
Lady" (Zeuge gesucht) dreht er 1943 einen Film, dessen Schwarzweiß-Stilisierungen
und großstädtischer Background auf seine klassischen Noir-Filme vorausweisen.
Stilistisch brillant entwirft er in Filmen wie "The Spiral Staircase" (Die
Wendeltreppe, 1945), "The Killers" (Rächer der Unterwelt, 1946), "Cry of
the City" (Schrei der Großstadt, 1948) und "Criss Cross" (Gewagtes Alibi,
1948) eine raffinierte Welt aus Licht und Schatten, mit fatalistischen und obsessiven
Zügen.
Mit "Die Ratten" (1955) und vor allem
mit "Nachts, wenn der Teufel kam" (1957) gelingen ihm nach seiner Rückkehr in
die Bundesrepublik zwei außergewöhnliche Produktionen im Nachkriegsdeutschland. In
beiden Filmen verstärkt Siodmak aktuelle Zeitbezüge. Die Handlung von "Die
Ratten" verlegt er in die fünfziger Jahre. In "Nachts, wenn der Teufel
kam" bündelt Siodmak noch einmal alle Möglichkeiten seines filmischen Erzählens
und findet in der Auseinandersetzung mit der Justiz des "Dritten Reiches" auch
ein Sujet, das seinem Skeptizismus angemessen ist.
Curt Siodmak profiliert sich in Hollywood mit
phantasievollen Horror- und visionären Science-Fiction-Filmen. 1941 schreibt Siodmak das
Drehbuch für George Waggners Film "The Wolf Man" mit Lon Chaney jr. Die von ihm
kreierte Figur des "Wolfsmenschen" wird zu einem Klassiker des Horrorgenres. Lon
Chaney jr. spielt einen jungen Mann, der, von einem Werwolf gebissen, selbst zu einem
Lykanthropen wird und von seinem Vater erschlagen werden muß, um von diesem Fluch befreit
zu werden. Geschickt verflicht Siodmak mythologische Motive. Die naive, gleichsam
unschuldige Erzählhaltung gibt dem Film einen märchenhaften und zeitlosen Touch.
Weltruhm erwirbt sich Curt Siodmak mit seinem
1942 erschienenen Roman "Donovans Brain" (Donovans Gehirn). Der Roman wird
in mehr als zehn Sprachen übersetzt und mehrere Male verfilmt, erstmals 1943/44 unter dem
Titel "The Lady and the Monster" mit Erich von Stroheim. Orson Welles adaptiert
den Roman für eine Hörfunkversion.
Für seine Stoffe zieht Curt Siodmak jeweils
aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse heran, er operiert von einer gesicherten
faktographischen Basis aus, reagiert seismographisch auf naturwissenschaftliche
Erfindungen der Zeit und auf Phänomene wie Unsichtbarkeit und Teleportation. Diese Themen
verbindet er mit einem Motivkanon: Jekyll-und-Hyde-Komplex, Einbruch des Irrationalen,
Nazi-Trauma und Holocaust, Ost-West-Konflikt.
Als Ehrengast der Berlinale war Curt Siodmak ein
gefragter Gesprächspartner, der vital und klug Auskunft über Zeit- und Filmgeschichte
gab (s. auch Gespräch mit Manuela Reichart in: Filmgeschichte Nr. 11/12, Newsletter der
Stiftung Deutsche Kinemathek) und der durch seine Präsenz wesentlichen Anteil am großen
Erfolg der diesjährigen filmhistorischen Retrospektive der Stiftung Deutsche Kinemathek
im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele Berlin hatte.
Zur Retrospektive hat die Kinemathek ein Buch publiziert: Wolfgang
Jacobsen/Hans Helmut Prinzler (Hg.), Siodmak Bros. Berlin-Paris-London-Hollywood, Berlin,
Argon Verlag 1998, 438 S., 88 DM. Mit Beiträgen von Rolf Aurich, Jörg Becker, Rolf
Giesen, Norbert Grob, Wolfgang Jacobsen und Karl Prümm. Mit Textdokumenten von Robert und
Curt Siodmak, Dolbin und Maxime Grandi.
Die Erinnerungen von Curt Siodmak (Unter Wolfsmenschen, Band
1: Europa, Band 2: Amerika) sind im Weidle Verlag, Bonn, erschienen.
