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Kulturberichte 2/98 - Horst Janssen. Das Porträt

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Eine Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

Petra Krutisch

PortraitEine Ausstellung, die sich ausschließlich den Porträts Horst Janssens widmet, hat es bislang noch nicht gegeben. Sicherlich - Janssen-Ausstellungen waren in den letzten Jahren in großer Regelmäßigkeit und in vielen Städten des In- und Auslandes zu sehen, doch bevorzugte man andere, auf den ersten Blick enger zu greifende Themenstellungen. Dabei nimmt das Porträt im Oeuvre Janssens eine zentrale Stellung ein. Hunderte, ja gar ein paar tausend "Köpfe", wie der Künstler diese Arbeiten selbst lapidar nannte, hat er im Laufe seines Lebens gemalt, gezeichnet oder gedruckt. Daß die für die Nürnberger Ausstellung getroffene Auswahl aus dieser Unmenge an Material nicht unumstritten sein wird, ist gewiß. Genauso gewiß ist allerdings auch, daß Horst Janssen selbst großes Interesse an dieser Präsentation gehabt hat. Denn als vor einigen Jahren, genauer im Oktober 1994, die Idee zu dieser Ausstellung geboren wurde, sagte Janssen spontan jegliche Unterstützung zu, bat allerdings auch um eine deutlich frühere Terminierung.

Die unmittelbare, über Jahrzehnte währende Auseinandersetzung mit dem Thema "Porträt" und die Bedeutung, die es für Janssen ganz offensichtlich in seinen letzten Lebensjahren hatte, wird deutlich, wenn man in der ebenfalls 1994 erschienenen Publikation "Hundert Köpfe" blättert. Der Künstler selbst schreibt im Vorwort:

"Los geht's zu diesem Büchlein: 

Es ist kein Handbuch für Bildungsbürger. Es ist eine zufällige Ansammlung von 100 Köpfen aus ein paar 1000 Köpfen - zufällig 100 Köpfe, über die sich die Gesellschaft geeinigt hat, daß es ,berühmte‘ Köpfe sind. Für mich sind es vorzüglich Toten-Köpfe.

Zeichne mir sowieso so manches Ärgernis vom Herzen runter, so ist mir das ärgerlichste Ärgernis die Tatsache, daß ich sterben muß. Das Kind will einfach nicht das Sinnreiche des Todes anerkennen. Es ist höchst ärgerlich zu sterben - lächerlich - blöde! ABER es ist ein Definitiv, und da ist dann TROST angesagt, und kriegt dann auch das ,Berühmte‘ - der Ruhm seinen Sinn: wenn nämlich solche erlauchte Gesellschaft ebenfalls diesem Ärgernis unterworfen war/ist - wenn SOLCHE starben, na, dann ist es etwas leichter, ihnen zu folgen.

Dieser Gedanke taucht mir beim Konterfei zum Beispiel des Edgar Allan Poe auf - er taucht auf bei Nietzsche, bei Heine, bei Tolstoi, bei ..., bei ..., bei ...!

Dann kommt freilich hinzu, daß es sich in fast allen Fällen um ,Irre‘ und ,Kranke‘ handelte. Säufer, Epileptiker, Größenwahnsinnige, die das sogenannte Leiden zur Stimulans umkonstruierten. Ohne Schmerzen keine Euphorie. Und immer selber in Wut über die Gewöhnlichkeit ihrer Charaktere: Geiz - Verschwendungssucht, eitle Angst - eingebildetes Verantwortungsbewußtsein, Liebesverlangen - Arroganz - Mißgunst und Neid, eingeübter Großmut - Tücke und Selbstmitleid und Selbstgefälligkeit und pi-pa-po. Kurzum: alles, was einen gewöhnlichen Sterblichen so menschlich macht - nur alles um einiges gesteigert und offensichtlich heimlicher.

Bei solchen Betrachtungen kann man sich wohl gut vorstellen, wie gerne gerade ich mit diesen Köpfen plaudere, wo doch durch den ,Ruhm‘ alle diese Mißlichkeiten des Gewöhnlichen ins Außergewöhnliche transportiert sind.

Was nun das so oft zitierte Genie betrifft: Das Genie fühlt sich wohl am wohlsten im Menschen - EIN FEUERVOGEL IM DRECKNEST.

Ich ,plaudere‘ also gern mit solchen Geistern. Und wenn es stimmt, was man so sagt: ich könnte aus einem 200 Jahre alten Kupferstich-Blick ,sprechende Augen‘ herauszaubern, dann ergibt sich aus solcher Situation ,zwangsläufig‘ eine Unterhaltung; beredter Blick und permanent plapperndes Hirn."

Ab Ende November 1998 wird nun das Germanische Nationalmuseum Nürnberg in Zusammenarbeit mit dem Verlag St. Gertrude (Hamburg) etwa 300 Porträts aus der Hand Horst Janssens zeigen. Zahlreiche, vor allem private Leihgeber haben sich bereit erklärt, ihre Werke für gut drei Monate zur Verfügung zu stellen. So ist es möglich, einen Querschnitt aus der gesamten Schaffenszeit Janssens zu präsentieren. Mit den ausgewählten Bildnissen wird der Versuch unternommen, ein möglichst breites Spektrum von diesem den Künstler offensichtlich faszinierenden Thema zu geben. So handelt es sich bei den dargestellten weiblichen und männlichen Personen in erster Linie um "Klassiker" aus Kunst und Kultur (Dichter, Komponisten, Philosophen, Künstler, Schauspieler), aber auch um Staatsmänner, Zeitgenossen, Freunde und - wenngleich in geringer Anzahl - um Selbstbildnisse. Auffällig dabei ist, daß Janssen eine Vielzahl von unterschiedlichen Techniken für seine Porträts benutzte: Neben vereinzelten Ölbildern der frühen Zeit findet man vor allem Zeichnungen, Aquarelle, Holzschnitte, Monotypien, Radierungen, Lithographien und Collagen.

Daß Janssen seine "Köpfe" nicht alle persönlich kannte oder auch nur kennen konnte, ist offensichtlich. Gerade Persönlichkeiten aus der Literatur und Kunst vergangener Epochen schienen den Künstler zu reizen, man betrachte nur die Bildnisse von Edgar Allan Poe oder Theodor Fontane. Inspiriert haben ihn häufig bildliche oder literarische Vorlagen, wobei die detailgetreue Wiedergabe des Porträtierten nicht unbedingt im Vordergrund der Arbeit stand. Vielmehr versuchte Janssen, die dargestellten Personen durch seine bildnerischen Umsetzungen zu analysieren bzw. zu charakterisieren. Er hat die Menschen in vielerlei Posen dargestellt, sie in den verschiedensten Rollen festgehalten, häufig jedoch still, wartend, in sich gekehrt. Daß seine "Köpfe" teilweise durch ironische Übertragungen wie Karikaturen wirken, hat einige der Porträtierten dazu bewegt, ihn auf die Diskrepanz zwischen Person und Bild hinzuweisen. Sie fanden sich nicht ähnlich genug - doch inwieweit dies eher auf einer irrtümlichen Vorstellung von der eigenen Person beruhte, also die Eitelkeit ins Spiel kam, als daß es sich um einen tatsächlichen Vorwurf handelte, mag dahingestellt bleiben.

Sich selbst hat Janssen unzählige Male dargestellt. Obwohl das Selbstporträt für ihn ein ganz besonders wichtiges Ausdrucksmittel war, mit dem er sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder - ja fast ununterbrochen - sehr intensiv auseinandergesetzt hat, nimmt dieser Bereich in der Ausstellung nur einen relativ kleinen Umfang ein. Sieht man sich das 1993 im Verlag St. Gertrude erschienene Buch zu diesem Thema an und berücksichtigt ferner, daß es etwa 2000 Selbstbildnisse von Janssen gibt, so drängt sich die Idee auf, hierzu einmal eine eigenständige Ausstellung zu konzipieren. Auf der anderen Seite gliedern sich die Selbstbildnisse nahtlos in die Reihe der Porträts anderer Personen ein: So stellte sich Janssen teilweise in einer "Rolle" dar oder scheint mit einer anderen Person wie mit einer Maske zu verschmelzen - etwa in der Gouache mit dem bezeichnenden Titel "Gehändelt"(1983) oder in dem "Selbstbildnis - nach Rembrandt" (1981). Nicht uninteressant mag dabei der Aspekt sein, daß sich empfindliche oder verwundbare Punkte der eigenen Person natürlich unbefangener im Bildnis eines anderen Menschen spiegeln als im eigenen Porträt: "Exterritoriale Selbstbildnisse" nennt der Hamburger Ausstellungskatalog "Zwiesprache" (1995) derartige Blätter.

300 Porträts von Horst Janssen, dicht an dicht gehängt - eine für den Besucher zunächst schier unübersehbare Menge von Exponaten. Der häufig gehegte Vorbehalt, eine derart große Zahl von Werken innerhalb einer Ausstellung würde den einzelnen Arbeiten schaden, wird sich unseres Erachtens in Nürnberg nicht bewahrheiten. Vielmehr werden sich die einzelnen Bildnisse ergänzend gegenüberstehen, Zusammenhänge erkennen lassen, die Überfülle im Schaffen Horst Janssens demonstrieren.

Denn schon vor Jahren kommentierte der Künstler selbst eine wegen der von ihm geforderten Exponatzahl abgelehnte Ausstellung wie folgt: "Es sieht nicht nach Überfülle aus - es ist Überfülle!"

Die Ausstellung "Horst Janssen. Das Porträt" ist entstanden als Kooperation zwischen dem Germanischen Nationalmuseum und dem Verlag St. Gertrude (Hamburg). Sie wird in Nürnberg zu sehen sein vom 26. November 1998 bis zum 28. Februar 1999. Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher, mehrfarbiger Katalog, von dem zusätzlich eine Vorzugsausgabe mit einer eingelegten Originalgrafik Horst Janssens erhältlich ist.

 

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Dr. Petra Krutisch, Leiterin des Ausstellungsreferates im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg

 

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