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Kulturberichte 2/98 - Sprachkultur oder Sprachverfall?

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Die deutsche Sprache vor der Jahrtausendwende - Ein Symposion der Gesellschaft für deutsche Sprache und des AsKI

Barbara Wieners-Horst

Leben wir kurz vor der Jahrtausendwende in einer Zeit der Sprachkultur oder in einer Zeit des Sprachverfalls? Wer sich am Morgen des 9. Dezember 1997 im Konferenzsaal des Hauses der Geschichte in Bonn umschaute, hatte vielleicht noch keine Antwort auf diese Frage, doch eines konnte er sicher wissen: Das provokative und plakative Gegensatzpaar, Thema des gemeinsamen Symposions von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) und dem AsKI, bewegt offensichtlich die sprachinteressierten Gemüter: Rund 120 Gäste des Symposions waren schon zu früher Stunde angereist. Manch einer mag vermutet haben, der annähernd achtstündige Vortragsmarathon werde allenfalls ein kleineres Publikum ohnehin eingeweihter Sprachfreunde locken und die Reihen würden sich erst zur abendlichen Podiumsdiskussion zum Thema Rechtschreibreform füllen. Doch solche Befürchtungen wurden gleich zu Beginn zerstreut. Ein bunt gemischtes Publikum füllte den Saal: sprachinteressierte Bürgerinnen und Bürger, Gäste aus der Wissenschaft, aus Politik und Verwaltung, zahlreiche Journalisten und Studierende. Begrüßt wurden sie von Dr. Barthold C. Witte, dem Vorsitzenden des AsKI, der an den Anlaß des Symposions erinnerte: fünfzig Jahre GfdS und dreißig Jahre AsKI.

Als Beispiel für eine "freie Bürgerinitiative" beweise die GfdS, daß Bürgerinnen und Bürger auch heutzutage durchaus bereit seien, sich zu engagieren, wenn sich ihnen eine lohnende Aufgabe biete und die Möglichkeit, etwas zu bewirken. Das jährlich gekürte Wort des Jahres sei allenfalls die "weithin sichtbare Spitze des Spracheisberges", als welchen man die GfdS mit ihrem vielseitigen Engagement bezeichnen könne. Engagement für die Kultur als bürgerschaftliche, als private Initiative sei auch kennzeichnend für die anderen der 23 Kulturinstitute aus den Sparten Sprache, Kunst, Literatur und Film, die sich im AsKI zusammengeschlossen haben. Vor allem angesichts des weitverbreiteten Rufes nach dem schlanken Staat sei der AsKI, so Dr. Witte, ein zukunftsträchtiges Modell, da privates mäzenatisches Engagement und die kulturpolitische Verpflichtung der öffentlichen Hände zusammenwirkten.

Häufig wird beklagt, die Kultur habe keine Lobby. Dem stellte der AsKI-Vorsitzende entgegen, die Lobby der Kultur seien ihre eigenen Organisationen. Diese müßten die Politik noch davon überzeugen, daß Kulturpolitik eine Pflichtaufgabe der öffentlichen Hände ist und so auch im Grundgesetz festgeschrieben werden sollte.

Etwas von diesem lebens(er)füllenden Engagement für die Sprache wurde deutlich, als Frau Dr. Karin M. Frank-Cyrus (Geschäftsführerin der GfdS), die den Vormittag moderierte, den ersten Referenten vorstellte, Dr. Uwe Förster. Der dienstälteste Mitarbeiter der GfdS eröffnete den Vortragsreigen mit seinen Ausführungen zur Geschichte des einen der beiden Jubilare: Im Dienste der Sprachkultur. Erkennen – Bewerten – Popularisieren. Ein Rückblick auf 50 Jahre Gesellschaft für deutsche Sprache. Wer tatsächlich meinte, ihm werde nicht mehr als das von Dr. Förster angekündigte "zeitliche Skelett" geboten, hatte sich getäuscht: Das Skelett gewann Fleisch und Blut durch die lebendige Darstellung der Stationen, die die GfdS in einem halben Jahrhundert passiert hat, durch eingestreute Anekdoten und zahlreiche persönliche Erinnerungen an Menschen und Ereignisse. Die Themen und Aufgaben, denen sich die Gesellschaft in diesen Jahrzehnten gestellt hat, wurden einprägsam geschildert, so z. B.: Sprachhilfen (= Textüberarbeitungen) für private und zahlreiche öffentliche Auftraggeber; die populärwissenschaftliche Mitgliederzeitschrift Der Sprachdienst und die wissenschaftliche Muttersprache; die Fingerzeige für die Gesetzes- und Amtssprache, in denen vorausschauend schon 1951 die deutsche Sprache als das "einigende Band im zersplitterten Deutschland" bezeichnet wurde, und andere wichtige Publikationen; das große Projekt der siebziger Jahre, die Mitarbeit an der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift; die Sprachberatung in Einzelfragen, die heutzutage auch und vor allem schnell am Telefon erbeten wird; die "Wörter des Jahres"; die Gründung von Zweigen in der ganzen Bundesrepublik, seit einigen Jahren auch im Ausland; und – ganz aktuell – die Suche nach Empfehlungen für den Fremdwortgebrauch im Deutschen. Dieses Thema stand auch im Mittelpunkt der anschließenden Diskussion. (Daß allen Vorträgen fast durchweg sehr lebendige Diskussionen folgten, sei an dieser Stelle nur erwähnt, ohne daß hierüber näher berichtet werden kann.)

Über den Wandel im öffentlichen Sprachgebrauch seit 1945 referierte Prof. Dr. Georg Stötzel: Öffentlicher Sprachgebrauch müsse immer im Zusammenhang mit der Zeitgeschichte gesehen werden. So erläuterte der Referent anhand zahlreicher Beispiele aus den Themengebieten Wirtschaft, Europa, Umwelt, Sexual- und Partnerschaftsethik, wie und in welchen sachlichen Zusammenhängen sich die Bedeutung von Begriffen gewandelt, verkürzt, verschoben, erweitert hat.

So war unmittelbar nach dem Krieg der Begriff Sozialismus im öffentlichen Sprachgebrauch ein "Zauberwort", das zunächst auch in politisch konservativen Kreisen positiv besetzt war. Doch vor allem Konrad Adenauer bekämpfte die Formulierung christlicher Sozialismus als irreführend, und letztlich gelang der CDU die Monosemierung des Wortes Sozialismus, d. h. die Ausschaltung von unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffes. Dagegen setzte Adenauer den Begriff der sozialen Marktwirtschaft, das spätere Fahnenwort von CDU und CSU.

Am Themengebiet der Partnerschafts- und Sozialethik veranschaulichte der Referent am Beispiel der ursprünglich juristischen und öffentlich diskriminierenden Vokabel wilde Ehe, wie erst mit der Verbreitung dieser Lebensform, ihrem Normal- und Toleriertwerden in der Gesellschaft auch sprachlich neutrale Formulierungen vorrücken: eheähnliches Verhältnis, nichteheliche Lebensgemeinschaft, unverheiratetes Paar, Ehe ohne Trauschein. Einen grundlegenden Sprach- und Wertewandel zeige die Enttabuisierung des Sprechens über Sexualität, so auch über die von gleichgeschlechtlichen Paaren. Die sprachlichen Strategien einzelner betroffener Gruppierungen (z. B. die Selbstbezeichnung mit den einstigen Stigmawörtern Schwuler, Lesbe, auch Hure) seien Zeichen für diesen Wandel. Auch die Sprache der jüngeren Generation über Sexualität verdeutliche den Wertekonflikt in der Gesellschaft. So werde die Sprache einer Aids-Aufklärungsbroschüre, die sich an Jugendliche richtet, von den einen als "Sprachverwilderung", als vulgär verunglimpft, hingegen betonen die anderen "die Notwendigkeit einer jugendgemäßen Sprache, die nun den Erwachsenen den Atem verschlägt" (Kluge). Auch heute gelingt es kaum, eine als neutral und allgemein als angemessen empfundene Sprache zu finden, wenn unterschiedliche Wertvorstellungen gelten. Mit Blick auf die sachlichen Zusammenhänge, in denen sich Begriffe bilden und wandeln, warnte Stötzel vor Werturteilen und stellte fest, daß sich solche Begriffe der pauschalen Perspektive Sprachkultur oder Sprachverfall entziehen.

Um Verständigungsfragen ganz anderer Art ging es im Vortrag von Prof. Dr. Jürgen Eichhoff: Sterben die Dialekte aus? Ingesamt haben sich die Prognosen, die Dialekte stürben bald aus, nicht bewahrheitet. Von einem Blühen der Dialekte ist jedoch auch nicht zu sprechen. Die Kenntnis eines Dialekts unter der Bevölkerung ist im südlichen Teil des Sprachgebiets noch am meisten verbreitet (mit bis zu 78%) und nimmt nach Norden hin ab (unter 30%, im südlichen Brandenburg nur noch weniger als 14%, Ausnahme: Schleswig-Holstein mit 64%). Eichhoff ging es darum zu zeigen, unter welchen Bedingungen dialektales Wortgut in die regionalen Umgangssprachen und aus diesen in die Standardsprache aufgenommen worden ist. Dialekte konnten sich als historisch gewachsene Varietäten des Deutschen ungehindert weiterentwickeln, da nicht versucht wurde, sie inhaltlich und formal in Regeln zu fassen wie die Standardsprache. Gefördert wurden sie durch außersprachliche Einflüsse, z. B. die geringe Mobilität. Dagegen führte z. B. die Einführung der allgemeinen Schulpflicht auch auf dem Lande zu besserer Kenntnis der Hochsprache und beschleunigte damit den Dialektabbau.

Im Kontakt zwischen Dialekten und Standardsprache sind die regionalen Umgangssprachen entstanden. Diese haben heute insofern den Platz der Dialekte eingenommen, als sie zu ortsgebundenen Varietäten geworden sind "mit der größten strukturellen Distanz zu der sie überdachenden Standardsprache"; sie übernehmen Funktionen, die früher den Dialekten zukamen: z. B. Sprachschöpfungen wie die für das Gemisch aus Bier und Limonade: Radler in München, Potsdamer in Berlin, Alsterwasser in Hamburg. Anders als die Dialekte haben sich die regionalen Umgangssprachen in allen Schichten durchgesetzt. Insgesamt sei die Gesellschaft in sprachlichen Dingen wesentlich toleranter geworden, sprachliche Unterschiede würden nicht mehr so leicht als Mängel mit Rückschlüssen auf Bildung und Charakter angesehen.

Das Fazit des Referenten: Dialekte werden dort, wo sie heute noch im Gebrauch sind, weiterleben und weiterhin ein "Wirgefühl" schaffen. Doch sie werden weiter und zunehmend von der Standardsprache beeinflußt werden. Regionale Umgangssprachen, die der Standardsprache nahestehen, werden sich weiterhin entwickeln und sich vermutlich einander immer mehr annähern. Dies erleichtere vor allem denjenigen, die Deutsch als Fremdsprache lernen, im deutschsprachigen Raum zurechtzukommen. Mit Blick auf das nächste Jahrtausend schloß der Referent mit der Vermutung, daß vielleicht irgendwann einmal Deutsch und die anderen kontinentaleuropäischen Sprachen als Regionalsprachen gesehen würden und Englisch als überdachende Gemeinsprache.

Prof. Dr. Rainer Wimmer stellte in seinem Vortrag Sprachkritik als Sprachpflege die Frage, ob diese beiden Begriffe nicht wie Feuer und Wasser seien. Vor allem seit der europäischen Aufklärung werden sie als Gegensätze empfunden; die eher negativen Konnotationen bei Kritik und die eher positiven Vorstellungen bei Pflege (i. S. v. Verbesserung) wirken bis heute. Doch wem die Verwendung des Begriffs Sprachpflege innerhalb des aggressiven Sprachpurismus des 19. Jahrhunderts bewußt sei, wer die entsprechenden Absichten und Appelle kenne, der werde ergänzend auch diesen Begriff mit negativ besetzten Attributen in Verbindung bringen: willkürlich, unseriös, pedantisch, ideologisch-verzerrt, nationalistisch, regelbesessen – so in einem sprachwissenschaftlichen Handbuch aus den achtziger Jahren.

Auch der neueren Sprachwissenschaft gelte der Begriff als wissenschaftlich fragwürdig: Heutige Sprachwandeltheorien sehen, daß sich die Sprache evolutionär entwickelt, ohne daß der einzelne Sprachteilnehmer direkten Einfluß auf die Sprachentwicklung nehmen könnte. Dagegen suggeriert Sprachpflege ein Pflegeobjekt, dessen Pflegebedürftigkeit feststeht und von dem man weiß, wie es sich durch die pflegenden Eingriffe entwickeln wird. Darüber hinaus werde der Begriff auch heute noch im alten sprachpuristisch-kämpferischen Sinne abgrenzend gegen andere Sprachen verwendet und zur negativen Bewertung anderer Sprachformen herangezogen. Dies alles im Blick, bezweifelt der Referent, daß der Begriff der Sprachpflege es wert sei, weiterhin gepflegt zu werden, und rückt ihn eher in die Nähe der "belasteten Begriffe". Besser als Sprachpflege sei Sprachkritik heute geeignet, Maßnahmen der Sprachförderung und der Sprachberatung zu charakterisieren.

Zu seinem eigenen Verständnis von Sprachkritik stellte Wimmer vier Thesen auf:

– Sprachkritik bietet kein umfassendes Konzept, sondern geht immer von aktuellen Sprach- bzw. Kommunikationsproblemen aus. Daher ist sie immer reaktiv, greift nur punktuell in das Sprachgeschehen ein, ohne sich ein Urteil über den Zustand der Sprache, einer Sprachvarietät o. ä. anzumaßen.

– Sprachkritik ist dialogisch angelegt, sie will Auseinandersetzung über Kommunikationsprobleme anregen.

– Sprachkritik ist immer auch Sprachnormenkritik, sie analysiert auch die Maßstäbe, Regeln und Normen und bringt einen selbstreflexiven Aspekt in die Auseinandersetzungen um den Sprachgebrauch hinein.

– Trotz modischer Erweiterungen des Kritikbegriffs in den letzten dreißig Jahren steht Sprachkritik seit der europäischen Aufklärung in einer guten wissenschaftlichen Tradition und knüpft an den analytisch-wissenschaftlichen Anspruch des Begriffs an.

Ziel der Sprachkritik ist reflektierter Sprachgebrauch. Kennzeichen hierfür sind die Fähigkeit und die Bereitschaft, den eigenen Sprachgebrauch in Lern- oder Konfliktsituationen zur Diskussion zu stellen.

Prof. Dr. Albrecht Greule, der Moderator des Nachmittagsprogramms, leitete den zweiten Teil des Symposions ein, und der Vortrag des GfdS-Vorsitzenden Prof. Dr. Günther Pflug über Mediensprache zwischen Neugier und Moral provozierte genug, um müde Mittagsgeister abzuschütteln. Pflug stellte die drei Charakteristika der Mediensprache vor, die nach seiner Ansicht die Informationsstruktur der letzten Generation grundlegend verändert haben: Moralisierung, Emotionalisierung, Verbildlichung der Mediensprache.

Zunächst beschäftigte er sich mit der folgenden These des Soziologen Niklas Luhmann: Die Massenmedien informieren nicht über eine Realität, sie erzeugen vielmehr eine Realität, die es ohne sie nicht gibt. Die Auswahl der Themen sowie die Unmöglichkeiten, Fakten und Meinungen zu trennen, lassen eine subjektive, eine gelenkte Wirklichkeit entstehen, eine virtuelle Medienwelt, in der Gut und Böse eindeutig verteilt sind. Denn für Luhmann ist das entscheidende Kriterium, in dem sich Alltagswelt und Medienwelt unterscheiden, die Moral. Nach seiner Überzeugung "kranken" die Medien an ihrem "ungeheuren Verbrauch von Moral, die im normalen Leben gar nicht nötig ist". Diese Moral dient als Beurteilungsmaßstab, den die Medien an Sachverhalte und Zusammenhänge anlegen, die jedoch der einzelne in seiner Entscheidungsfindung im Alltag nicht benötigt. (Von der Moral unterscheidet Luhmann die Ethik als eine Forderung an den Menschen selbst, die sein Verhalten im Alltag lenkt.) Damit geht einher die Ausweitung der sogenannten Wirklichkeit durch die Medien: Denn die Gegenstände der Berichterstattung haben in der Regel nichts mit der Alltagsrealität des Hörers oder Lesers zu tun. Er kann (oder will) sich keine eigenen Vorstellungen davon machen oder ihre Realität überprüfen und übernimmt daher die Sicht und Beurteilung der Medien. "Weltverdoppelung" in eine Lebens- und eine Medienwelt lasse sich seit Beginn des Pressewesens in Deutschland beobachten. Informationen, z. B. aus fernen Ländern und fremden Kulturen, die den menschlichen Urtrieb der Neugier befriedigen, sei schon immer der Vorrang vor Lokalereignissen gegeben worden. Doch habe sich seitdem der Anspruch der Medien und der Leser und Hörer grundlegend geändert: Seit dem 20. Jahrhundert, so führte Pflug aus, muß auch der Bericht über Fernes und Fremdes einen Lebensbezug enthalten, um für den Leser interessant zu sein. Da sich dieser Lebensbezug nicht aus dem Inhalt der Information ableiten läßt, wird er aus ihrer Bewertung hergeleitet – es entsteht eine Medienmoral, indem die individuell geltenden ethischen Lebensgrundsätze verallgemeinert und auf das Fremde übertragen werden.

Am Beispiel der Menschenrechtsdiskussion zeigte der Referent, daß hier ein Bewertungssystem, das in einem ganz bestimmten historischen und sozialen Zusammenhang entstanden ist, auf andere Kulturräume übertragen wird, die ursprünglich nach anderen Prinzipien organisiert sind. Die Idee der Menschenrechte beruht auf einer bestimmten anthropologischen und sozialen Weltvorstellung. Wenn die Medien diese Idee verallgemeinern, so unterstellen sie zum einen, daß es anthropologische Bereiche gibt, die keinem historischen Wandel unterliegen. Zum anderen verlangt der Glaube an die Menschenrechte von ihren Verfechtern, ihre Entdeckung (Erfindung?) und Durchsetzung als Fortschritt zu sehen. Solch ein Fortschrittsglaube gilt der postmodernen Informationstheorie als überholt, da alle Ausdrucksformen, die die Menschheit je entwickelt hat, als gleichwertig betrachtet werden. Dagegen führe ethischer Rigorismus dazu, daß ein wesentliches ethisches Prinzip verlorengeht, das mit Blick auf andere Kulturen immer wieder angemahnt wird – die Toleranz: eine Haltung, die Abweichungen von einer vorgegebenen ethischen Norm zuläßt, wenn diesen Abweichungen ein anderes Normsystem mit anderen ethischen Prinzipien zugrunde liegt.

Mittlerweile regt sich Widerstand gegen die Moralisierung in der Scheinwelt der Medien. Doch wird die Folgerung, nämlich die Politik und die Information zu entmoralisieren und sie als reine Vertretung nationalen Interesses zu definieren, vor allem von den Medien selbst für zynisch gehalten.

Ein weiterer grundsätzlicher Wandel in der Mediensprache hat sich durch die elektronischen Medien vollzogen: An die Stelle der abstrakten Darstellung von Fakten in Schriftform treten die unmittelbare mündliche Äußerung und das Bild. Dabei wird unterstellt, daß die unmittelbare Äußerung im Interview, in der Regel die Meinung des Betroffenen, einen besseren Einblick in die Sachzusammenhänge gibt als die sachliche Darstellung des Außenstehenden. Und auch das Bild werde als Träger sachlicher Informationen überbewertet. Diente es vormals eher dazu, die rationale sprachliche Aussage zu illustrieren, so beansprucht es zunehmend den Rang des primären Informationslieferanten, dem sich das Wort erläuternd unterzuordnen habe. Doch hat die Hirnforschung mittlerweile nachgewiesen, daß Bilder anders als Worte keinerlei logische Struktur vermitteln. (Gabriel Samuel: Bilder muß man erkennen, Worte verstehen.) Bilder können demnach nur Emotionen beim Betrachter auslösen – angenehme oder unangenehme – und tragen damit ebenfalls zur Moralisierung der Information bei.

Moralisierung, Emotionalisierung, Verbildlichung der Mediensprache – diese drei Entwicklungen haben die Mediensprache grundlegend verändert, wie der Referent zum Abschluß wiederholend feststellte (und sich damit von Luhmann distanzierte, der seinerseits die von ihm festgestellte Moralisierung der Mediensprache negativ bewertet).

Sprachverfall? Wie steht es um die sprachlichen Fähigkeiten der Deutschen? fragte Prof. Dr. Rudolf Hoberg in seinem Vortrag. Weit verbreitet ist die Auffassung, die sprachlichen Fähigkeiten, besonders die der Jugendlichen, seien heute wesentlich schlechter als früher. Die Sorge gilt der Lesekultur, der Rechtschreibung, der Grammatik und den "Ausdrucksfähigkeiten" im Sinne von Stilistik und Rhetorik. Häufig blieben solche Befürchtungen jedoch unbewiesen, entsprechende und umfangreiche Untersuchungen hierzu gebe es kaum. Den Befürchtungen in bezug auf die Lesekultur hielt der Referent entgegen: Es sei vermutlich noch nie so viel gelesen worden wie heute. Dafür sprächen die ständig steigende Zahl von Druckerzeugnissen, die wachsende Anzahl der Berufe, in denen Lesefähigkeiten verlangt werden, die Zahl der Schuljahre.

Anders als die Lesekultur werden die Rechtschreibfähigkeiten häufig getestet. Aus den zugegebenermaßen schlechten Ergebnissen könne jedoch nicht geschlossen werden, daß diese Fähigkeiten früher besser waren. Mit Blick auf die Grammatik wies der Referent darauf hin, daß wirkliche grammatische Fehler beim Schreiben und Sprechen kaum gemacht werden. Dagegen seien die Kenntnisse über grammatische Zusammenhänge tatsächlich häufig mangelhaft, was jedoch allenfalls bei denen, die sich analytisch mit Sprache beschäftigen, nicht hinnehmbar ist.

Der Klage, daß die "Ausdrucksfähigkeit" verkomme, begegnete Hoberg u. a. mit der Erklärung, daß Sprache in der Schule als etwas Statisches gelernt werde, mit Normen, die als so unverrückbar wie Naturgesetze empfunden werden. Sprachwandel, vor allem wenn er sich in der jüngeren Generation zeige, werde daher nur mit großem Unbehagen wahrgenommen. Außerdem scheine an den Schulen heute weniger geschrieben zu werden: Diese Entwicklung zugunsten der gesprochenen Sprache sei wohl zu Lasten der geschriebenen gegangen.

Zur Zeit untersucht Hoberg die sprachlichen Fähigkeiten von Abiturienten: 523 Abituraufsätze aus fünf Schulen aus den alten Bundesländern von den vierziger Jahren bis in die neunziger Jahre sind im Rahmen eines Darmstädter Projekts gesammelt und computerlesbar gemacht worden, mit 147 Aufsatzthemen und 605.000 Wörtern.

Fest steht bislang erst, daß die Wortschatzdifferenzierung der heutigen Schüler größer ist als früher. So wie der Wortschatz zugenommen hat, hat auch die Zahl der Rechtschreibfehler zugenommen (um 81%), wobei vor allem die Fehler bei der Zeichensetzung zu Buche schlagen.

Als vorläufiges Fazit der Untersuchung hielt Hoberg fest: Es gibt keine Gründe für die Behauptung, daß die sprachlichen Fähigkeiten in der alten Bundesrepublik generell schlechter geworden sind, eher sind sie besser geworden.

Einer pauschalen Klage um allgemeinen Sprachverfall wollte sich auch Prof. Dr. Eva Neuland nicht anschließen. Jugendsprache – Bedrohung oder Bereicherung der Standardsprache? hieß ihr Thema. Sowohl die positive als auch die negative Antwort auf diese Frage lassen sich nachweisen: So wurde um die Jahrhundertwende die Studentensprache als "Quell" der Erneuerung der Standardsprache gesehen. Kennzeichnend für diese Wertung ist die Metapher der Sprache als Strom: "Der Besitzstand wechselt von Tag zu Tag, es ist ein fortwährendes Fluten. Immerfort wird Neues zugeführt, geht Altes verloren."

Anfang der sechziger Jahre dominierte die pessimistische Bewertung der Jugendsprache: Der Jugend fehle das Verständnis für die Sprache als "heiligstes Gut der Nation", und sie habe "das Bewußtsein für den Rangunterschied zwischen gehobenem und vulgärem Sprachgebrauch verloren" (Joachim Stave). Kritik am "Halbstarkenchinesisch", "Teenagerjargon" war verbreitet.

Die Jugendsprache begegnet zwei Bedürfnissen: Einerseits trägt sie zur Identifikation mit der jeweiligen Peergroup bei. Auf der anderen Seite dient sie auch der Abgrenzung von der älteren, zum Teil auch von der jüngeren Generation. Die Andersartigkeit von jugendlichem Sprachgebrauch zeigt sich in Normverstößen, in Neuschöpfungen, Umdeutungen, Bedeutungsverschiebungen und Anspielungen, die sich demjenigen, der in die jeweilige Kommunikationsgeschichte und Erfahrungswelt nicht eingebunden ist, nur schwer erschließen. Unbestritten ist, daß jugendsprachliche Ausdrücke in die Standardsprache eindringen und von ihr übernommen werden bis hin zur Berücksichtigung in den Wörterbüchern. Dies zeigt der Vergleich von drei standardsprachlichen Wörterbüchern über mehrere Auflagen. Im Rahmen ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit geht die Referentin vor allem der Frage nach, ob und wie sich mit der Übernahme der Stilwert jugendsprachlicher Ausdrücke, ihre Konnotationen verändern. Welche Bedeutungen wandeln Jugendliche wie ab, in welchen lexikalischen Bereichen tun sie dies? Hat dies einen Einfluß auf die Standardsprache?

Wenn jugendsprachliche Ausdrücke in den allgemeinen Sprachgebrauch übernommen werden (befördert durch die Medien, von der Werbung und von allen, die sich mit dem Prestigewert der Jugend schmücken wollen), so verlieren sie damit ihre Funktion für die Jugendlichen selbst. So wird der Prozeß der Stilbildung, der Stilverbreitung, der Stilübernahme bis hin zur Stilauslöschung immer wieder neu ausgelöst. Dies erklärt den raschen Wandel der Jugendsprache. Dabei gehen sozial-stilistische, subkulturelle Konnotationen häufig wieder verloren, und Begriffe durchlaufen einen Prozeß der Restandardisierung.

Die Referentin plädiert dafür, die Jugendsprache als einen Beitrag zur Vielfalt, zur Erneuerung, zur Belebung der Standardsprache zu sehen, und empfiehlt Toleranz. Jugendliche unterschieden sehr genau, in welchen Situationen sie welches sprachliche Register zögen.

Den thematischen Abschluß des Symposions bildete die Podiumsdiskussion zum Thema Rechtschreibreform. Es sollten Wege aus der Kontroverse gesucht werden. Vielleicht war ja mit dem Untertitel auch beabsichtigt, allzu erbitterte Diskutanten ein wenig in konsensgerichtete Bahnen zu lenken. Auf jeden Fall wurde sehr engagiert und dennoch erstaunlich wenig polemisch diskutiert, wenn man den Vergleich mit anderen Diskussionsrunden zu diesem Thema zieht.

Unter der Moderation von Prof. Hoberg diskutierten Prof. Dr. Gerhard Augst (Vorsitzender der Kommission für Rechtschreibfragen), Dr. Friedrich Besch (Staatssekretär im Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen), Horst Eylmann (Vorsitzender des Rechtsausschusses des Deutschen Bundestages), Otto Schily (Mitglied der Bundestagsfraktion), Erika Steinbach (Kulturbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) und zahlreiche Gäste aus dem Publikum. Die Beiträge auch nur ansatzweise zu würdigen hieße den Rahmen dieses Berichts sprengen. (In der geplanten Dokumentation des gesamten Symposions wird auch diese Podiumsdiskussion ausführlich berücksichtigt werden.) Es war nicht zu erwarten, daß die beiden Seiten, Gegner und Befürworter der Reform, sich im Grundsätzlichen würden "bekehren lassen". Doch gab es, wie Hoberg zum Abschluß der rund dreistündigen Diskussion herausstellte, einen allgemeinen Konsens darüber, daß man sich in Richtung Konsens bewegen solle – ein Ergebnis, das beim derzeitigen Stand der öffentlichen Diskussion nicht so selbstverständlich war, wie es der flüchtige Beobachter vielleicht meinen wollte.

Bei einem Glas Wein konnten sich die Teilnehmer des Symposions endlich von den Strapazen des Tages erholen. Und spätestens hier kamen die auf ihre Kosten, deren Gemüt beim Thema Rechtschreibreform nicht gar so leidenschaftlich brodelt, vielleicht, weil sie den ganzen Streit um die rechte Schreibung für Erbsenzählerei halten: Es gab Erbsensuppe.

(Leicht gekürzte Fassung eines Beitrags, erschienen im "Sprachdienst", Hefte 1/98 und 2/98)

 

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Barbara Wieners-Horst, Redaktionsstab der Gesellschaft für deutsche Sprache beim Deutschen Bundestag

  

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