Die deutsche Sprache vor der Jahrtausendwende - Ein
Symposion der Gesellschaft für deutsche Sprache und des AsKI
Barbara Wieners-Horst
Leben wir kurz vor der Jahrtausendwende in einer Zeit der
Sprachkultur oder in einer Zeit des Sprachverfalls? Wer sich am Morgen des 9. Dezember
1997 im Konferenzsaal des Hauses der Geschichte in Bonn umschaute, hatte vielleicht noch
keine Antwort auf diese Frage, doch eines konnte er sicher wissen: Das provokative und
plakative Gegensatzpaar, Thema des gemeinsamen Symposions von der Gesellschaft für
deutsche Sprache (GfdS) und dem AsKI, bewegt offensichtlich die sprachinteressierten
Gemüter: Rund 120 Gäste des Symposions waren schon zu früher Stunde angereist. Manch
einer mag vermutet haben, der annähernd achtstündige Vortragsmarathon werde allenfalls
ein kleineres Publikum ohnehin eingeweihter Sprachfreunde locken und die Reihen würden
sich erst zur abendlichen Podiumsdiskussion zum Thema Rechtschreibreform füllen. Doch
solche Befürchtungen wurden gleich zu Beginn zerstreut. Ein bunt gemischtes Publikum
füllte den Saal: sprachinteressierte Bürgerinnen und Bürger, Gäste aus der
Wissenschaft, aus Politik und Verwaltung, zahlreiche Journalisten und Studierende.
Begrüßt wurden sie von Dr. Barthold C. Witte, dem Vorsitzenden des AsKI, der an den
Anlaß des Symposions erinnerte: fünfzig Jahre GfdS und dreißig Jahre AsKI.
Als Beispiel für eine "freie Bürgerinitiative"
beweise die GfdS, daß Bürgerinnen und Bürger auch heutzutage durchaus bereit seien,
sich zu engagieren, wenn sich ihnen eine lohnende Aufgabe biete und die Möglichkeit,
etwas zu bewirken. Das jährlich gekürte Wort des Jahres sei allenfalls die "weithin
sichtbare Spitze des Spracheisberges", als welchen man die GfdS mit ihrem
vielseitigen Engagement bezeichnen könne. Engagement für die Kultur als
bürgerschaftliche, als private Initiative sei auch kennzeichnend für die anderen der 23
Kulturinstitute aus den Sparten Sprache, Kunst, Literatur und Film, die sich im AsKI
zusammengeschlossen haben. Vor allem angesichts des weitverbreiteten Rufes nach dem
schlanken Staat sei der AsKI, so Dr. Witte, ein zukunftsträchtiges Modell, da privates
mäzenatisches Engagement und die kulturpolitische Verpflichtung der öffentlichen Hände
zusammenwirkten.
Häufig wird beklagt, die Kultur habe keine Lobby. Dem
stellte der AsKI-Vorsitzende entgegen, die Lobby der Kultur seien ihre eigenen
Organisationen. Diese müßten die Politik noch davon überzeugen, daß Kulturpolitik eine
Pflichtaufgabe der öffentlichen Hände ist und so auch im Grundgesetz festgeschrieben
werden sollte.
Etwas von diesem lebens(er)füllenden Engagement für die
Sprache wurde deutlich, als Frau Dr. Karin M. Frank-Cyrus (Geschäftsführerin der GfdS),
die den Vormittag moderierte, den ersten Referenten vorstellte, Dr. Uwe Förster. Der
dienstälteste Mitarbeiter der GfdS eröffnete den Vortragsreigen mit seinen Ausführungen
zur Geschichte des einen der beiden Jubilare: Im Dienste der Sprachkultur. Erkennen
Bewerten Popularisieren. Ein Rückblick auf 50 Jahre Gesellschaft für
deutsche Sprache. Wer tatsächlich meinte, ihm werde nicht mehr als das von Dr.
Förster angekündigte "zeitliche Skelett" geboten, hatte sich getäuscht: Das
Skelett gewann Fleisch und Blut durch die lebendige Darstellung der Stationen, die die
GfdS in einem halben Jahrhundert passiert hat, durch eingestreute Anekdoten und zahlreiche
persönliche Erinnerungen an Menschen und Ereignisse. Die Themen und Aufgaben, denen sich
die Gesellschaft in diesen Jahrzehnten gestellt hat, wurden einprägsam geschildert, so z.
B.: Sprachhilfen (= Textüberarbeitungen) für private und zahlreiche öffentliche
Auftraggeber; die populärwissenschaftliche Mitgliederzeitschrift Der Sprachdienst
und die wissenschaftliche Muttersprache; die Fingerzeige für die Gesetzes- und
Amtssprache, in denen vorausschauend schon 1951 die deutsche Sprache als das
"einigende Band im zersplitterten Deutschland" bezeichnet wurde, und andere
wichtige Publikationen; das große Projekt der siebziger Jahre, die Mitarbeit an der
Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift; die Sprachberatung in Einzelfragen, die
heutzutage auch und vor allem schnell am Telefon erbeten wird; die "Wörter des
Jahres"; die Gründung von Zweigen in der ganzen Bundesrepublik, seit einigen Jahren
auch im Ausland; und ganz aktuell die Suche nach Empfehlungen für den
Fremdwortgebrauch im Deutschen. Dieses Thema stand auch im Mittelpunkt der anschließenden
Diskussion. (Daß allen Vorträgen fast durchweg sehr lebendige Diskussionen folgten, sei
an dieser Stelle nur erwähnt, ohne daß hierüber näher berichtet werden kann.)
Über den Wandel im öffentlichen Sprachgebrauch seit 1945
referierte Prof. Dr. Georg Stötzel: Öffentlicher Sprachgebrauch müsse immer im
Zusammenhang mit der Zeitgeschichte gesehen werden. So erläuterte der Referent anhand
zahlreicher Beispiele aus den Themengebieten Wirtschaft, Europa, Umwelt, Sexual- und
Partnerschaftsethik, wie und in welchen sachlichen Zusammenhängen sich die Bedeutung von
Begriffen gewandelt, verkürzt, verschoben, erweitert hat.
So war unmittelbar nach dem Krieg der Begriff Sozialismus
im öffentlichen Sprachgebrauch ein "Zauberwort", das zunächst auch in
politisch konservativen Kreisen positiv besetzt war. Doch vor allem Konrad Adenauer
bekämpfte die Formulierung christlicher Sozialismus als irreführend, und
letztlich gelang der CDU die Monosemierung des Wortes Sozialismus, d. h. die
Ausschaltung von unterschiedlichen Bedeutungen des Begriffes. Dagegen setzte Adenauer den
Begriff der sozialen Marktwirtschaft, das spätere Fahnenwort von CDU und CSU.
Am Themengebiet der Partnerschafts- und Sozialethik
veranschaulichte der Referent am Beispiel der ursprünglich juristischen und öffentlich
diskriminierenden Vokabel wilde Ehe, wie erst mit der Verbreitung dieser
Lebensform, ihrem Normal- und Toleriertwerden in der Gesellschaft auch sprachlich neutrale
Formulierungen vorrücken: eheähnliches Verhältnis, nichteheliche
Lebensgemeinschaft, unverheiratetes Paar, Ehe ohne Trauschein. Einen grundlegenden
Sprach- und Wertewandel zeige die Enttabuisierung des Sprechens über Sexualität, so auch
über die von gleichgeschlechtlichen Paaren. Die sprachlichen Strategien einzelner
betroffener Gruppierungen (z. B. die Selbstbezeichnung mit den einstigen Stigmawörtern Schwuler,
Lesbe, auch Hure) seien Zeichen für diesen Wandel. Auch die Sprache der
jüngeren Generation über Sexualität verdeutliche den Wertekonflikt in der Gesellschaft.
So werde die Sprache einer Aids-Aufklärungsbroschüre, die sich an Jugendliche richtet,
von den einen als "Sprachverwilderung", als vulgär verunglimpft, hingegen
betonen die anderen "die Notwendigkeit einer jugendgemäßen Sprache, die nun den
Erwachsenen den Atem verschlägt" (Kluge). Auch heute gelingt es kaum, eine als
neutral und allgemein als angemessen empfundene Sprache zu finden, wenn unterschiedliche
Wertvorstellungen gelten. Mit Blick auf die sachlichen Zusammenhänge, in denen sich
Begriffe bilden und wandeln, warnte Stötzel vor Werturteilen und stellte fest, daß sich
solche Begriffe der pauschalen Perspektive Sprachkultur oder Sprachverfall entziehen.
Um Verständigungsfragen ganz anderer Art ging es im Vortrag
von Prof. Dr. Jürgen Eichhoff: Sterben die Dialekte aus? Ingesamt haben sich die
Prognosen, die Dialekte stürben bald aus, nicht bewahrheitet. Von einem Blühen der
Dialekte ist jedoch auch nicht zu sprechen. Die Kenntnis eines Dialekts unter der
Bevölkerung ist im südlichen Teil des Sprachgebiets noch am meisten verbreitet (mit bis
zu 78%) und nimmt nach Norden hin ab (unter 30%, im südlichen Brandenburg nur noch
weniger als 14%, Ausnahme: Schleswig-Holstein mit 64%). Eichhoff ging es darum zu zeigen,
unter welchen Bedingungen dialektales Wortgut in die regionalen Umgangssprachen und aus
diesen in die Standardsprache aufgenommen worden ist. Dialekte konnten sich als historisch
gewachsene Varietäten des Deutschen ungehindert weiterentwickeln, da nicht versucht
wurde, sie inhaltlich und formal in Regeln zu fassen wie die Standardsprache. Gefördert
wurden sie durch außersprachliche Einflüsse, z. B. die geringe Mobilität. Dagegen
führte z. B. die Einführung der allgemeinen Schulpflicht auch auf dem Lande zu besserer
Kenntnis der Hochsprache und beschleunigte damit den Dialektabbau.
Im Kontakt zwischen Dialekten und Standardsprache sind die
regionalen Umgangssprachen entstanden. Diese haben heute insofern den Platz der Dialekte
eingenommen, als sie zu ortsgebundenen Varietäten geworden sind "mit der größten
strukturellen Distanz zu der sie überdachenden Standardsprache"; sie übernehmen
Funktionen, die früher den Dialekten zukamen: z. B. Sprachschöpfungen wie die für das
Gemisch aus Bier und Limonade: Radler in München, Potsdamer in Berlin, Alsterwasser
in Hamburg. Anders als die Dialekte haben sich die regionalen Umgangssprachen in allen
Schichten durchgesetzt. Insgesamt sei die Gesellschaft in sprachlichen Dingen wesentlich
toleranter geworden, sprachliche Unterschiede würden nicht mehr so leicht als Mängel mit
Rückschlüssen auf Bildung und Charakter angesehen.
Das Fazit des Referenten: Dialekte werden dort, wo sie heute
noch im Gebrauch sind, weiterleben und weiterhin ein "Wirgefühl" schaffen. Doch
sie werden weiter und zunehmend von der Standardsprache beeinflußt werden. Regionale
Umgangssprachen, die der Standardsprache nahestehen, werden sich weiterhin entwickeln und
sich vermutlich einander immer mehr annähern. Dies erleichtere vor allem denjenigen, die
Deutsch als Fremdsprache lernen, im deutschsprachigen Raum zurechtzukommen. Mit Blick auf
das nächste Jahrtausend schloß der Referent mit der Vermutung, daß vielleicht
irgendwann einmal Deutsch und die anderen kontinentaleuropäischen Sprachen als
Regionalsprachen gesehen würden und Englisch als überdachende Gemeinsprache.
Prof. Dr. Rainer Wimmer stellte in seinem Vortrag Sprachkritik
als Sprachpflege die Frage, ob diese beiden Begriffe nicht wie Feuer und Wasser seien.
Vor allem seit der europäischen Aufklärung werden sie als Gegensätze empfunden; die
eher negativen Konnotationen bei Kritik und die eher positiven Vorstellungen bei Pflege
(i. S. v. Verbesserung) wirken bis heute. Doch wem die Verwendung des Begriffs Sprachpflege
innerhalb des aggressiven Sprachpurismus des 19. Jahrhunderts bewußt sei, wer die
entsprechenden Absichten und Appelle kenne, der werde ergänzend auch diesen Begriff mit
negativ besetzten Attributen in Verbindung bringen: willkürlich, unseriös, pedantisch,
ideologisch-verzerrt, nationalistisch, regelbesessen so in einem
sprachwissenschaftlichen Handbuch aus den achtziger Jahren.
Auch der neueren Sprachwissenschaft gelte der Begriff als
wissenschaftlich fragwürdig: Heutige Sprachwandeltheorien sehen, daß sich die Sprache
evolutionär entwickelt, ohne daß der einzelne Sprachteilnehmer direkten Einfluß auf die
Sprachentwicklung nehmen könnte. Dagegen suggeriert Sprachpflege ein Pflegeobjekt,
dessen Pflegebedürftigkeit feststeht und von dem man weiß, wie es sich durch die
pflegenden Eingriffe entwickeln wird. Darüber hinaus werde der Begriff auch heute noch im
alten sprachpuristisch-kämpferischen Sinne abgrenzend gegen andere Sprachen verwendet und
zur negativen Bewertung anderer Sprachformen herangezogen. Dies alles im Blick, bezweifelt
der Referent, daß der Begriff der Sprachpflege es wert sei, weiterhin gepflegt zu
werden, und rückt ihn eher in die Nähe der "belasteten Begriffe". Besser als Sprachpflege
sei Sprachkritik heute geeignet, Maßnahmen der Sprachförderung und der
Sprachberatung zu charakterisieren.
Zu seinem eigenen Verständnis von Sprachkritik stellte
Wimmer vier Thesen auf:
Sprachkritik bietet kein umfassendes Konzept, sondern
geht immer von aktuellen Sprach- bzw. Kommunikationsproblemen aus. Daher ist sie immer
reaktiv, greift nur punktuell in das Sprachgeschehen ein, ohne sich ein Urteil über den
Zustand der Sprache, einer Sprachvarietät o. ä. anzumaßen.
Sprachkritik ist dialogisch angelegt, sie will
Auseinandersetzung über Kommunikationsprobleme anregen.
Sprachkritik ist immer auch Sprachnormenkritik, sie
analysiert auch die Maßstäbe, Regeln und Normen und bringt einen selbstreflexiven Aspekt
in die Auseinandersetzungen um den Sprachgebrauch hinein.
Trotz modischer Erweiterungen des Kritikbegriffs in
den letzten dreißig Jahren steht Sprachkritik seit der europäischen Aufklärung
in einer guten wissenschaftlichen Tradition und knüpft an den
analytisch-wissenschaftlichen Anspruch des Begriffs an.
Ziel der Sprachkritik ist reflektierter Sprachgebrauch.
Kennzeichen hierfür sind die Fähigkeit und die Bereitschaft, den eigenen Sprachgebrauch
in Lern- oder Konfliktsituationen zur Diskussion zu stellen.
Prof. Dr. Albrecht Greule, der Moderator des
Nachmittagsprogramms, leitete den zweiten Teil des Symposions ein, und der Vortrag des
GfdS-Vorsitzenden Prof. Dr. Günther Pflug über Mediensprache zwischen Neugier und
Moral provozierte genug, um müde Mittagsgeister abzuschütteln. Pflug stellte die
drei Charakteristika der Mediensprache vor, die nach seiner Ansicht die
Informationsstruktur der letzten Generation grundlegend verändert haben: Moralisierung,
Emotionalisierung, Verbildlichung der Mediensprache.
Zunächst beschäftigte er sich mit der folgenden These des
Soziologen Niklas Luhmann: Die Massenmedien informieren nicht über eine Realität, sie
erzeugen vielmehr eine Realität, die es ohne sie nicht gibt. Die Auswahl der Themen sowie
die Unmöglichkeiten, Fakten und Meinungen zu trennen, lassen eine subjektive, eine
gelenkte Wirklichkeit entstehen, eine virtuelle Medienwelt, in der Gut und Böse eindeutig
verteilt sind. Denn für Luhmann ist das entscheidende Kriterium, in dem sich Alltagswelt
und Medienwelt unterscheiden, die Moral. Nach seiner Überzeugung "kranken" die
Medien an ihrem "ungeheuren Verbrauch von Moral, die im normalen Leben gar nicht
nötig ist". Diese Moral dient als Beurteilungsmaßstab, den die Medien an
Sachverhalte und Zusammenhänge anlegen, die jedoch der einzelne in seiner
Entscheidungsfindung im Alltag nicht benötigt. (Von der Moral unterscheidet Luhmann die
Ethik als eine Forderung an den Menschen selbst, die sein Verhalten im Alltag lenkt.)
Damit geht einher die Ausweitung der sogenannten Wirklichkeit durch die Medien: Denn die
Gegenstände der Berichterstattung haben in der Regel nichts mit der Alltagsrealität des
Hörers oder Lesers zu tun. Er kann (oder will) sich keine eigenen Vorstellungen davon
machen oder ihre Realität überprüfen und übernimmt daher die Sicht und Beurteilung der
Medien. "Weltverdoppelung" in eine Lebens- und eine Medienwelt lasse sich seit
Beginn des Pressewesens in Deutschland beobachten. Informationen, z. B. aus fernen
Ländern und fremden Kulturen, die den menschlichen Urtrieb der Neugier befriedigen, sei
schon immer der Vorrang vor Lokalereignissen gegeben worden. Doch habe sich seitdem der
Anspruch der Medien und der Leser und Hörer grundlegend geändert: Seit dem 20.
Jahrhundert, so führte Pflug aus, muß auch der Bericht über Fernes und Fremdes einen
Lebensbezug enthalten, um für den Leser interessant zu sein. Da sich dieser Lebensbezug
nicht aus dem Inhalt der Information ableiten läßt, wird er aus ihrer Bewertung
hergeleitet es entsteht eine Medienmoral, indem die individuell geltenden ethischen
Lebensgrundsätze verallgemeinert und auf das Fremde übertragen werden.
Am Beispiel der Menschenrechtsdiskussion zeigte der Referent,
daß hier ein Bewertungssystem, das in einem ganz bestimmten historischen und sozialen
Zusammenhang entstanden ist, auf andere Kulturräume übertragen wird, die ursprünglich
nach anderen Prinzipien organisiert sind. Die Idee der Menschenrechte beruht auf einer
bestimmten anthropologischen und sozialen Weltvorstellung. Wenn die Medien diese Idee
verallgemeinern, so unterstellen sie zum einen, daß es anthropologische Bereiche gibt,
die keinem historischen Wandel unterliegen. Zum anderen verlangt der Glaube an die
Menschenrechte von ihren Verfechtern, ihre Entdeckung (Erfindung?) und Durchsetzung als
Fortschritt zu sehen. Solch ein Fortschrittsglaube gilt der postmodernen
Informationstheorie als überholt, da alle Ausdrucksformen, die die Menschheit je
entwickelt hat, als gleichwertig betrachtet werden. Dagegen führe ethischer Rigorismus
dazu, daß ein wesentliches ethisches Prinzip verlorengeht, das mit Blick auf andere
Kulturen immer wieder angemahnt wird die Toleranz: eine Haltung, die Abweichungen
von einer vorgegebenen ethischen Norm zuläßt, wenn diesen Abweichungen ein anderes
Normsystem mit anderen ethischen Prinzipien zugrunde liegt.
Mittlerweile regt sich Widerstand gegen die Moralisierung in
der Scheinwelt der Medien. Doch wird die Folgerung, nämlich die Politik und die
Information zu entmoralisieren und sie als reine Vertretung nationalen Interesses zu
definieren, vor allem von den Medien selbst für zynisch gehalten.
Ein weiterer grundsätzlicher Wandel in der Mediensprache hat
sich durch die elektronischen Medien vollzogen: An die Stelle der abstrakten Darstellung
von Fakten in Schriftform treten die unmittelbare mündliche Äußerung und das Bild.
Dabei wird unterstellt, daß die unmittelbare Äußerung im Interview, in der Regel die
Meinung des Betroffenen, einen besseren Einblick in die Sachzusammenhänge gibt als die
sachliche Darstellung des Außenstehenden. Und auch das Bild werde als Träger sachlicher
Informationen überbewertet. Diente es vormals eher dazu, die rationale sprachliche
Aussage zu illustrieren, so beansprucht es zunehmend den Rang des primären
Informationslieferanten, dem sich das Wort erläuternd unterzuordnen habe. Doch hat die
Hirnforschung mittlerweile nachgewiesen, daß Bilder anders als Worte keinerlei logische
Struktur vermitteln. (Gabriel Samuel: Bilder muß man erkennen, Worte verstehen.) Bilder
können demnach nur Emotionen beim Betrachter auslösen angenehme oder unangenehme
und tragen damit ebenfalls zur Moralisierung der Information bei.
Moralisierung, Emotionalisierung, Verbildlichung der
Mediensprache diese drei Entwicklungen haben die Mediensprache grundlegend
verändert, wie der Referent zum Abschluß wiederholend feststellte (und sich damit von
Luhmann distanzierte, der seinerseits die von ihm festgestellte Moralisierung der
Mediensprache negativ bewertet).
Sprachverfall? Wie steht es um die sprachlichen
Fähigkeiten der Deutschen? fragte Prof. Dr. Rudolf Hoberg in seinem Vortrag. Weit
verbreitet ist die Auffassung, die sprachlichen Fähigkeiten, besonders die der
Jugendlichen, seien heute wesentlich schlechter als früher. Die Sorge gilt der
Lesekultur, der Rechtschreibung, der Grammatik und den "Ausdrucksfähigkeiten"
im Sinne von Stilistik und Rhetorik. Häufig blieben solche Befürchtungen jedoch
unbewiesen, entsprechende und umfangreiche Untersuchungen hierzu gebe es kaum. Den
Befürchtungen in bezug auf die Lesekultur hielt der Referent entgegen: Es sei vermutlich
noch nie so viel gelesen worden wie heute. Dafür sprächen die ständig steigende Zahl
von Druckerzeugnissen, die wachsende Anzahl der Berufe, in denen Lesefähigkeiten verlangt
werden, die Zahl der Schuljahre.
Anders als die Lesekultur werden die Rechtschreibfähigkeiten
häufig getestet. Aus den zugegebenermaßen schlechten Ergebnissen könne jedoch nicht
geschlossen werden, daß diese Fähigkeiten früher besser waren. Mit Blick auf die
Grammatik wies der Referent darauf hin, daß wirkliche grammatische Fehler beim Schreiben
und Sprechen kaum gemacht werden. Dagegen seien die Kenntnisse über grammatische
Zusammenhänge tatsächlich häufig mangelhaft, was jedoch allenfalls bei denen, die sich
analytisch mit Sprache beschäftigen, nicht hinnehmbar ist.
Der Klage, daß die "Ausdrucksfähigkeit" verkomme,
begegnete Hoberg u. a. mit der Erklärung, daß Sprache in der Schule als etwas Statisches
gelernt werde, mit Normen, die als so unverrückbar wie Naturgesetze empfunden werden.
Sprachwandel, vor allem wenn er sich in der jüngeren Generation zeige, werde daher nur
mit großem Unbehagen wahrgenommen. Außerdem scheine an den Schulen heute weniger
geschrieben zu werden: Diese Entwicklung zugunsten der gesprochenen Sprache sei wohl zu
Lasten der geschriebenen gegangen.
Zur Zeit untersucht Hoberg die sprachlichen Fähigkeiten von
Abiturienten: 523 Abituraufsätze aus fünf Schulen aus den alten Bundesländern von den
vierziger Jahren bis in die neunziger Jahre sind im Rahmen eines Darmstädter Projekts
gesammelt und computerlesbar gemacht worden, mit 147 Aufsatzthemen und 605.000 Wörtern.
Fest steht bislang erst, daß die Wortschatzdifferenzierung
der heutigen Schüler größer ist als früher. So wie der Wortschatz zugenommen hat, hat
auch die Zahl der Rechtschreibfehler zugenommen (um 81%), wobei vor allem die Fehler bei
der Zeichensetzung zu Buche schlagen.
Als vorläufiges Fazit der Untersuchung hielt Hoberg fest: Es
gibt keine Gründe für die Behauptung, daß die sprachlichen Fähigkeiten in der alten
Bundesrepublik generell schlechter geworden sind, eher sind sie besser geworden.
Einer pauschalen Klage um allgemeinen Sprachverfall wollte
sich auch Prof. Dr. Eva Neuland nicht anschließen. Jugendsprache Bedrohung oder
Bereicherung der Standardsprache? hieß ihr Thema. Sowohl die positive als auch die
negative Antwort auf diese Frage lassen sich nachweisen: So wurde um die Jahrhundertwende
die Studentensprache als "Quell" der Erneuerung der Standardsprache gesehen.
Kennzeichnend für diese Wertung ist die Metapher der Sprache als Strom: "Der
Besitzstand wechselt von Tag zu Tag, es ist ein fortwährendes Fluten. Immerfort wird
Neues zugeführt, geht Altes verloren."
Anfang der sechziger Jahre dominierte die pessimistische
Bewertung der Jugendsprache: Der Jugend fehle das Verständnis für die Sprache als
"heiligstes Gut der Nation", und sie habe "das Bewußtsein für den
Rangunterschied zwischen gehobenem und vulgärem Sprachgebrauch verloren" (Joachim
Stave). Kritik am "Halbstarkenchinesisch", "Teenagerjargon" war
verbreitet.
Die Jugendsprache begegnet zwei Bedürfnissen: Einerseits
trägt sie zur Identifikation mit der jeweiligen Peergroup bei. Auf der anderen Seite
dient sie auch der Abgrenzung von der älteren, zum Teil auch von der jüngeren
Generation. Die Andersartigkeit von jugendlichem Sprachgebrauch zeigt sich in
Normverstößen, in Neuschöpfungen, Umdeutungen, Bedeutungsverschiebungen und
Anspielungen, die sich demjenigen, der in die jeweilige Kommunikationsgeschichte und
Erfahrungswelt nicht eingebunden ist, nur schwer erschließen. Unbestritten ist, daß
jugendsprachliche Ausdrücke in die Standardsprache eindringen und von ihr übernommen
werden bis hin zur Berücksichtigung in den Wörterbüchern. Dies zeigt der Vergleich von
drei standardsprachlichen Wörterbüchern über mehrere Auflagen. Im Rahmen ihrer eigenen
wissenschaftlichen Arbeit geht die Referentin vor allem der Frage nach, ob und wie sich
mit der Übernahme der Stilwert jugendsprachlicher Ausdrücke, ihre Konnotationen
verändern. Welche Bedeutungen wandeln Jugendliche wie ab, in welchen lexikalischen
Bereichen tun sie dies? Hat dies einen Einfluß auf die Standardsprache?
Wenn jugendsprachliche Ausdrücke in den allgemeinen
Sprachgebrauch übernommen werden (befördert durch die Medien, von der Werbung und von
allen, die sich mit dem Prestigewert der Jugend schmücken wollen), so verlieren sie damit
ihre Funktion für die Jugendlichen selbst. So wird der Prozeß der Stilbildung, der
Stilverbreitung, der Stilübernahme bis hin zur Stilauslöschung immer wieder neu
ausgelöst. Dies erklärt den raschen Wandel der Jugendsprache. Dabei gehen
sozial-stilistische, subkulturelle Konnotationen häufig wieder verloren, und Begriffe
durchlaufen einen Prozeß der Restandardisierung.
Die Referentin plädiert dafür, die Jugendsprache als einen
Beitrag zur Vielfalt, zur Erneuerung, zur Belebung der Standardsprache zu sehen, und
empfiehlt Toleranz. Jugendliche unterschieden sehr genau, in welchen Situationen sie
welches sprachliche Register zögen.
Den thematischen Abschluß des Symposions bildete die
Podiumsdiskussion zum Thema Rechtschreibreform. Es sollten Wege aus der
Kontroverse gesucht werden. Vielleicht war ja mit dem Untertitel auch beabsichtigt,
allzu erbitterte Diskutanten ein wenig in konsensgerichtete Bahnen zu lenken. Auf jeden
Fall wurde sehr engagiert und dennoch erstaunlich wenig polemisch diskutiert, wenn man den
Vergleich mit anderen Diskussionsrunden zu diesem Thema zieht.
Unter der Moderation von Prof. Hoberg diskutierten Prof. Dr.
Gerhard Augst (Vorsitzender der Kommission für Rechtschreibfragen), Dr. Friedrich Besch
(Staatssekretär im Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes
Nordrhein-Westfalen), Horst Eylmann (Vorsitzender des Rechtsausschusses des Deutschen
Bundestages), Otto Schily (Mitglied der Bundestagsfraktion), Erika Steinbach
(Kulturbeauftragte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) und zahlreiche Gäste aus dem Publikum.
Die Beiträge auch nur ansatzweise zu würdigen hieße den Rahmen dieses Berichts
sprengen. (In der geplanten Dokumentation des gesamten Symposions wird auch diese
Podiumsdiskussion ausführlich berücksichtigt werden.) Es war nicht zu erwarten, daß die
beiden Seiten, Gegner und Befürworter der Reform, sich im Grundsätzlichen würden
"bekehren lassen". Doch gab es, wie Hoberg zum Abschluß der rund dreistündigen
Diskussion herausstellte, einen allgemeinen Konsens darüber, daß man sich in Richtung
Konsens bewegen solle ein Ergebnis, das beim derzeitigen Stand der öffentlichen
Diskussion nicht so selbstverständlich war, wie es der flüchtige Beobachter vielleicht
meinen wollte.
Bei einem Glas Wein konnten sich die Teilnehmer des
Symposions endlich von den Strapazen des Tages erholen. Und spätestens hier kamen die auf
ihre Kosten, deren Gemüt beim Thema Rechtschreibreform nicht gar so leidenschaftlich
brodelt, vielleicht, weil sie den ganzen Streit um die rechte Schreibung für
Erbsenzählerei halten: Es gab Erbsensuppe.
(Leicht gekürzte Fassung eines Beitrags, erschienen im
"Sprachdienst", Hefte 1/98 und 2/98)
