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Kulturberichte 2/98 - CD-Editionen des DRA

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Anke Leenings

Daß dem audiovisuellen Kulturerbe im breiten Verständnis der Öffentlichkeit ein immer stärkeres Interesse zukommt, beweist die zunehmende Zahl von Ausstellungen und Veranstaltungen, in denen audiovisuelle Dokumente verwendet werden, aber auch die Dokumentation ganzer (historischer) Sachverhalte in Produktionen als CD, CD-ROM oder Video.

Seit 1995 ediert die Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv in loser Folge und in enger Zusammenarbeit ggf. mit weiteren Kooperationspartnern (in der Regel dem Deutschen Historischen Museum in Berlin) CDs zu bestimmten zeithistorischen Themen unter dem Reihentitel "Stimmen des 20. Jahrhunderts". Bisher sind erschienen:
 

Die vorgelegte Auswahl aus über 800 Tondokumenten des Jahre 1945, die im Deutschen Rundfunkarchiv an den beiden Standorten Frankfurt am Main und Berlin archiviert sind, soll und kann weder den Verlauf des Krieges im Jahre 1945 nachzeichnen, noch sollen die Probleme beim Wiederaufbau Deutschlands vollständig dokumentiert werden. Statt dessen wird versucht, an Hand einiger exemplarischer Tonaufnahmen etwas von der Atmosphäre, vom sog. "Zeitgeist" des Jahres 1945 zu vermitteln. Daher war es notwendig, den Tondokumenten stets eine gewisse Dauer zuzugestehen, die über die eines bloßen Stimmporträts oder eines Originalton-Zitats hinausgeht.
 

Planwirtschaft oder Marktwirtschaft - das waren die Kampfparolen der politisch unterschiedlichen Systeme vor allem in den Gründerjahren der beiden deutschen Staaten nach 1949 bis 1955. Beide erhoben den Anspruch, ein soziales, demokratisches und erfolgreiches Deutschland wiederaufzubauen. Wohlstand und Frieden waren die für beide deutsche Staaten propagierten Ziele. Dennoch ging jeder seinen eigenen Weg: die Bundesrepublik den Weg einer offenen bürgerlichen Gesellschaft, die DDR den Weg der Parteidiktatur. Während die Bundesrepublik Deutschland Mitte der 50er Jahre dank ihrer Exportleistungen "Made in Germany" auf dem Weg zu einer erfolgreichen Konsum- und Leistungsgesellschaft war, zeigten sich in der DDR Probleme und Schwächen beim "planmäßigen" Aufbau des Sozialismus. Politische Ansprachen, Werbeaufnahmen und vieles andere mehr, nicht zuletzt aber auch die beiden Reportagen (Ost und West) vom Fußballweltmeisterschafts-Endspiel 1954 in Bern vermitteln eindrucksvoll das Lebensgefühl dieser Zeit.
 

Die prickelnde Atmosphäre der Live-Reportagen von den Wettkämpfen der XI. Olympischen Sommerspiele in Berlin sowie historisch einmalige Tondokumente von führenden Politikern, Sportlern und Sportfunktionären jener Zeit sind hier zusammengestellt. Mit damals modernster Technik inszenierten die Nationalsozialisten das bis dahin weltweit größte Medienspektakel, bei dem neben rund 1.800 Pressevertretern aus 59 Ländern 42 Rundfunkgesellschaften mit 120 Reportern akkreditiert waren. Insgesamt wurden 3.000 Rundfunkbeiträge von den Spielen ausgestrahlt, und erstmals konnte man aus Berlin auch "Live-Übertragungen" des Fernsehens bewundern.
 

Sechs für die Staatsbildung und das Staatsbewußtsein der DDR konstitutive Ereignisse sind hier in Reportagen und Rundfunkankündigungen überliefert: die Gründung der DDR am 7.10.1949, die Wahl Wilhelm Piecks zum Präsidenten der DDR am 11.10.1949, die Feierliche Festsitzung von Volkskammer und Länderkammer zu Ehren des 70. Geburtstags von Josef Stalin in der Berliner Staatsoper am 21.12.1949, die III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin 1951, Betriebsversammlungen nach dem 17. Juni 1953 und die Feier zum 10. Jahrestag der Gründung der DDR.
 

Das akustische Bild der frühen DDR wird durch Nachrichten, Rundfunksendungen, Lieder und Ansprachen aus den Jahren 1949 bis 1958 authentisch vermittelt. Beginnend mit der Übergabe von Verwaltungsfunktionen an die Provisorische Regierung der DDR spannt sich der Bogen über das Nationale Aufbauprogramm Berlin, die Kulturpolitik der SED, die Aktivistenbewegung um Adolf Hennecke bis hin zur Einweihung der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald. Zu hören sind dabei Karl Steinhoff, Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Walter Ulbricht, Johannes R. Becher u.v.m.
 

Die vorgelegten Tondokumente vermitteln einen kleinen akustischen Rückblick auf die Geschichte der lenkbaren Luftschiffe. Sie reichen zurück bis ins Jahr 1908, in dem sich Graf Zeppelin für die Nationalspende bedankt, die es ihm ermöglicht hat, den Bau der Zeppeline fortzuführen. Ludwig Dürr, der Chefkonstrukteur, wie auch die Kapitäne der Luft, Hugo Eckener und Hans von Schiller, kommen zu Wort und berichten über die Arktis-Expedition (1931) und die Atlantiküberquerung (1924). Die großen Erwartungen an einen regelmäßigen Passagierverkehr zwischen Europa und Amerika endeten jäh mit der Katastrophe des Luftschiffs LZ 129 "Hindenburg" bei seiner Landung in Lakehurst (USA). Die Reportage vom 6. Mai 1937 ist eines der erschütterndsten Tondokumente der Luftfahrt.
 

Die Tondokumente aus der ersten Hälfte der 50er Jahre spiegeln das Ausmaß des Stalin-Kults in der DDR ebenso wie den Aufbauwillen des jungen Staates wider. Zwei Vorzeigeprojekte des sozialistischen Deutschland trugen Stalins Namen: eine Prachtstraße in der Hauptstadt Berlin und eine neue Stadt, die in der Nähe der Stadt Fürstenberg an der Oder entstand. Reportagen und Interviews, Lieder und Ansprachen dokumentieren Ereignisse, mit denen die Staatsführung versuchte, die Bevölkerung für das neue System zu begeistern. Neben Bürgern Berlins und Stalinstadts sind Friedrich Ebert, Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl und Walter Ulbricht zu hören.
 

Die Abteilung Dokumentation und Archive des Hessischen Rundfunks in Frankfurt und der Frankfurter Standort des Deutschen Rundfunkarchivs haben aus Anlaß der Tage der offenen Tür am 20. und 21. September 1997 eine gemeinschaftlich produzierte CD mit ausgewählten Tonbeispielen aus beiden Archiven vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart vorgelegt. Amüsantes und Erheiterndes - sei es das Original des durch Loriot bekannt gewordenen "Rennbahn"-Sketches - bis hin zu tagesaktuellen Ereignissen - etwa einem Interview mit dem Sieger der Tour de France 1997 Jan Ullrich - lädt zum akustischen Verweilen ein.
 

Das Deutsche Historische Museum Berlin, das DRA und der SDR Stuttgart haben 41 Origi-nalaufnahmen als Dokumente der gesellschaftlichen, politischen, künstlerischen und alltäglichen Lebenswirklichkeit von Frauen im 20. Jahrhundert zusammengestellt. Berücksichtigung finden sowohl Aspekte der Frauenbewegung, der Kampf um die juristische Gleichberechtigung und die Beteiligung am öffentlichen Leben. Die Auswahl beginnt mit der englischen Frauenrechtlerin Christabel Pankhurst, die mit einer 1908 gehaltenen Rede, in der sie ein gesetzlich verbrieftes Frauenwahlrecht fordert, zu Wort kommt; sie endet mit einer Ansprache der Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach über Solidarität und Förderung von Frauen aus dem Jahre 1997.
 

Die Tondokumente zu den zahlreichen Feierlichkeiten, mit denen im Frühjahr 1948 der gescheiterten Märzrevolution des Jahres 1848 gedacht wurde, spiegeln die beginnenden Spaltung Deutschlands und Berlins wider. Auch wenn Berlin zu dieser Zeit formell noch den vier Besatzungsmächten unterstellt war, verwiesen getrennte Veranstaltungen und Kundgebungen bereits auf Konflikte innerhalb des Kontrollrates, die Vorboten für 40 Jahre deutsche Teilung sein sollten. Ansprachen und Reportagen, aufgenommen zwischen dem 17. März und dem 18. Mai 1948, lassen neben dem Schriftsteller Fritz von Unruh zahlreiche Politiker zu Wort kommen: Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck, Paul Löbe, Jakob Kaiser sowie Ernst Reuter. Sie verdeutlichen die Bedeutung der Märzrevolution für die Herausbildung von Demokratie und Parlamentarismus in Deutschland.

1945 - Kapitulation und Wiederaufbau
Wir sind wieder wer
XI. Olympische Sommerspiele 1.-16. August 1936 in Berlin
Parteiauftrag: Ein neues Deutschland I
Parteiauftrag: Ein neues Deutschland II
Der Zeppelin in Deutschland 1900 bis 1937
Stalinallee - Stalinstadt
Hör doch mal hin... - Fundstücke aus den Rundfunkarchiven an der Bertramstraße
Frauenstimmen 1908-1997
1848 - geteiltes Erbe

(Die genannten CDs sind zum Preis von DM 9,95 pro Stück zzgl. Versandkosten zu beziehen unter folgender Adresse:
Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv Frankfurt am Main - Berlin, D-60620 Frankfurt am Main.)

Darüber hinaus hat das DRA unter dem Titel "An die Nachgeborenen" eine Doppel-CD zum 100. Geburtstag von Bertolt Brecht in Kooperation mit dem HörVerlag in München publiziert. Ziel der Edition von 15 Tondokumenten ist es, das künstlerische Werk Brechts möglichst in seiner ganzen Vielfalt zu präsentieren und ihn auch als konsequenten Gegner von Krieg und Faschismus zu Wort kommen zu lassen. Als ältestes Tondokument des Brechtschen Oeuvres sind Ausschnitte aus der "Dreigroschenoper" von 1929 zu hören, das jüngste Tondokument sind Regieanweisungen während einer Probe des Berliner Ensembles für "Das Leben des Galilei" am 18.2.1956, wenige Monate vor Brechts Tod. (Die CD ist über den Handel zu beziehen.)

In Zusammenarbeit mit dem Sender Freies Berlin, dem DeutschlandRadio Berlin und dem Zentrum für Berlin-Studien konnte eine Doppel-CD unter dem Titel "O-Ton Berlin. Kalter Krieg im Äther" anläßlich der gleichnamigen Berliner Ausstellung vom 18.9.-29.11.1997 vorgelegt werden. Ausgewählt wurden Tondokumente aus der Hoch-Zeit des Kalten Krieges zwischen 1947 und 1961, von den Tumulten in der letzten gemeinsamen Berliner Parlamentssitzung 1948, dem Deutschlandtreffen der Jugend 1950 im Osten und dem Kongreß für kulturelle Freiheit im Westen, der Einweihung der Stalinallee, der Grünen Woche unter dem Funkturm, dem Aufstand am 17. Juni 1953, dem 1. Mai 1959 in Ost- und West-Berlin bis hin schließlich zum Bau der Mauer am 13. August 1963.

(Die CD ist zum Preis von DM 29,95 pro Exemplar zzgl. Versandkosten zu beziehen unter folgender Adresse: Zentrum für Berlin-Studien, Breite Straße 35/36, 10178 Berlin)

 

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Anke Leenings M.A., Referentin des Vorstands des Deutschen Rundfunkarchivs Frankfurt am Main - Berlin

 

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