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Kulturberichte 2/98 - Wertvolle Bereicherungen für die Sammlungen des Beethoven-Hauses in Bonn

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Michael Ladenburger

Durch testamentarische Verfügung von Frau Anne Liese Henle (1908-1997) konnten die Sammlung des Beethoven-Hauses um eine besonders wertvolle Originalhandschrift bereichert werden. Das Autograph der Klaviersonate A-Dur op. 101 war das letzte noch nachweisbare Autograph einer Beethovenschen Klaviersonate in Privatbesitz. Im Beethoven-Haus bildet es nun den Schlußstein unter diesen Bereich der Sammlungen, der mit den Originalhandschriften der "Mondschein"-Sonate cis-Moll op. 27 Nr. 2, der Sonate D-Dur op. 28, der "Waldstein"-Sonate op. 53, sowie den Sonaten Fis-Dur op. 78, G-Dur op. 79, der erst vor wenigen Jahren erworbenen Sonate e-Moll op. 90 und je einem Satz der beiden letzten Sonaten As-Dur op. 110 und c-Moll op. 111 ohnehin schon einen Schwerpunkt der Sammlungen ausmachte. Nun sind zwei Drittel aller erhaltenen Klaviersonaten-Autographen in Bonn vereint.

Mit der kompositorischen Arbeit an der Sonate A-Dur op. 101 hatte Beethoven bereits im Frühjahr 1815 begonnen, sich dann aber den beiden Sonaten für Violoncello und Klavier op. 102 zugewandt. Die Hauptarbeit an der Klaviersonate fällt ins Jahr 1816. Das Autograph schließt nun einen umfangreichen Bestand an weiteren Dokumenten zu diesem Werk in den Sammlungen des Beethoven-Hauses krönend ab. In der Sammlung H.C. Bodmer befinden sich zwei Skizzenblätter mit Skizzen zum 1., 2. und 4. Satz, die den Kompositionsprozeß anschaulich machen. Sie sind schon deswegen von besonderem Interesse, weil Beethoven mit dieser Sonate nicht nur ein formvollendetes Meisterwerk, sondern auch ein wesentlicher Schritt zur Ausbildung seines Spätstiles gelang. Paradigmatisch zu erkennen ist dieser Schritt in eine bisher "unerhörte" Tonsprache an der erstmaligen Verwendung des Kontra-E, einem Ton in der tiefsten Lage des Klaviers, der nur auf den allerneuesten Instrumenten vorhanden war. Der Ton war so neu und ungewohnt, daß selbst Beethoven gelegentlich Probleme hatte, ihn korrekt zu notieren. Dieser Ton beschäftigte Beethoven bereits in einem der Skizzenblätter, er kehrt als separate Notation auf dem Titelblatt, auf S. 7 und auf der letzten beschriebenen Seite des Autographes sowie in mehreren anderen Quellen immer wieder.

Das Autograph trägt folgenden Titel: "Neue Sonate / für Piano / von L. van Beethoven / 1816 / im Monath / November". Es handelt sich um eine Reinschrift, die allerdings zahlreiche Ergänzungen mit Bleistift und Rötel von Beethovens Hand (dynamische Angaben, Artikulationszeichen, Tonbuchstaben etc.) enthält, von denen er selbst einige mit Tinte nachgezogen hat. Das Autograph bietet weitgehend die Fassung letzter Hand. Die Abbildung zeigt S. 23, unten mit einer ausgiebigen eigenhändigen Ergänzung mit Bleistift: "N[ota]b[ene]: die Buchstaben auch im Stechen drunter gesezt". Diese Anweisung wurde beim Stich der Originalausgabe allerdings dann doch nicht umgesetzt. In der vorletzten Akkolade ist eine große Rasur zu erkennen, die ein Loch im Papier hinterlassen hat. Es ist jene Stelle, wo zum ersten Mal das Kontra-E vorkommt.

In einer Sonderausstellung aus Anlaß der Übergabe des Autographes durch die Familie Henle an das Beethoven-Haus waren zahlreiche eigenhändige Briefe Beethovens an seine Verleger zu sehen, die zeigen, wie minutiös der Komponist auf die Gestaltung der Originalausgabe Einfluß genommen hat. Sigmund Anton Steiner und Tobias Haslinger starteten mit dieser Sonate eine neue Verlagsreihe, "Museum für Klaviermusik", in die nur besonders gediegene und kunstvoll gearbeitete Kompositionen aufgenommen werden sollten. Beethoven legte in dieser Sonate erstmals Wert auf die deutsche Bezeichnung des Pianoforte. Um den passenden deutschen Begriff zu finden, wurde sogar ein "Sprachverständiger" eingeschaltet. Nach langer Diskussion einigte man sich schließlich auf "Hammerklavier". Auch die Tempoangaben wollte Beethoven in deutscher Sprache gedruckt sehen.

Am 150. Todestag Franz Gerhard Wegelers, dem 7. Mai 1998, übergab der Vorstand der Julius-Wegelerschen-Familienstiftung, Koblenz, seine wertvolle Beethoven-Sammlung dem Beethoven-Haus als Dauerleihgabe. Die "Sammlung Wegeler" geht in ihrem Kern unmittelbar auf den langjährigen freundschaftlichen Kontakt zwischen Franz Gerhard Wegeler (1769-1848) und Ludwig van Beethoven zurück.

Beethovens Bonner Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler, 1769 in Bonn geboren, ging nach seinem Studium in Bonn - wie Beethoven 1787 und 1792 - mit einem Stipendium des Kurfürsten Maximilian Franz zur Weiterbildung nach Wien. Die Wiener medizinische Schule genoß einen hervorragenden Ruf. Auch Beethoven sollte später mit dem einen oder anderen ihrer Exponenten in persönlichen Kontakt treten. Als er im Spätjahr 1789 zurückkehrte, erhielt Wegeler sogleich eine Professur an der Bonner Universität, deren Rektor er 1793/1794 wurde, ehe die französische Invasion im Herbst 1794 seiner Tätigkeit und 1798 schließlich der ganzen Universität ein jähes Ende setzte. Wegeler floh für knapp zwei Jahre nach Wien, wo sich Beethoven gerade erste Anerkennung in den Salons des hochmusikalischen Adels erwarb. Zurück in Bonn nahm er zunächst seine Lehrtätigkeit an der Universität wieder auf, wurde nach deren Aufhebung Lehrer an einer neugegründeteten Zentralschule, verdingte sich schließlich als praktischer Arzt, ehe er 1807 Bonn verließ und in Koblenz in preußischen Diensten zum hochgeachteten Königlich Preußischen Geheimen Medizinalrat und Ritter des roten Adler-Ordens II. Klasse und des Eisernen Kreuzes aufstieg. Er hat die Gesundheitspflege im Rheinland auf ein zuvor nicht gekanntes Niveau gehoben.

Welche Bedeutung Wegeler als Mediziner hatte, läßt sich an folgendem Umstand festmachen. Den "rothen Adler-Orden 2ter Klasse" erwähnte Beethoven selbst in seinem Brief an Wegeler vom 7. Dezember 1826. Daß er diesen Orden als Dank für die Widmung der 9. Symphonie op. 125 an König Friedrich Wilhelm III. von Preußen erhalten könnte, war offenbar im Gespräch und wäre Beethoven "in diesem Zeitalter wegen Manchen Andern nicht unlieb" gewesen. Was Beethoven versagt blieb - er erhielt "nur" einen Brillantring - gereichte Wegeler zur Ehre. Er mag sich dieser Diskrepanz bei der Verleihung bewußt gewesen sein.

Die aus über 300 Objekten bestehende Sammlung enthält als Kernstück vier eigenhändige Musikhandschriften Beethovens (von denen zwei aus der Bonner Zeit stammen) sowie Briefe Beethovens an F.G. Wegeler (8 Stück), an Eleonore von Breuning (2), an Ferdinand Ries (4), an Johann Nepomuk Kanka (1), an Ignaz von Gleichenstein (2) sowie "Sinnsprüche" (ägyptische Inschriften), die das Wesen der Gottheit beschreiben. Beethoven hat sie aus Friedrich Schillers Abhandlung "Die Sendung Moses" abgeschrieben. Dieser wesentliche Baustein seiner Lebensphilosophie stand stets auf seinem Arbeitstisch. Zur Sammlung gehört auch eines von nur drei erhaltenen Blättern aus Beethovens Tagebuch von 1812-1818 sowie zwei Beethoven-Porträts in Druckgraphik mit eigenhändigen Widmungen an Wegeler, schließlich ein Stammbuchblatt Beethovens für Lorenz von Breuning. Hinzu kommen Briefe, Stammbuchblätter und Neujahrsglückwünsche Dritter an Eleonore von Breuning ergänzt durch Porträtminiaturen sowie Familienkorrespondenz der Familie von Breuning, die für Beethoven in seiner Bonner Jugendzeit besonders nach dem Tod seiner Mutter und der Entmündigung des Vaters eine zweite Heimstatt wurde. Der Kontakt blieb nicht auf Bonn beschränkt. Neben Franz Gerhard Wegeler selbst zog es auch Beethovens Klavierschüler Lorenz von Breuning und seine Brüder in die kaiserliche Residenzstadt. In Briefen an die in Bonn verbliebenen Familienmitglieder wurde nicht nur Persönliches ausgetauscht. Sie enthalten auch sehr interessante, weil authentische und unverblümte Berichte über Beethovens persönliche und künstlerische Entwicklung in den ersten Wiener Jahren. Wegeler hat im März 1802 in die Familie eingeheiratet. Eleonore von Breuning wurde seine Frau. Zahlreiche auf sie bzw. ihren Bruder Lorenz bezogene Schriftstücke wurden auf diesem Wege ebenfalls Bestandteil der Sammlung Wegeler. Eleonores Bruder Stephan von Breuning blieb gleichfalls mit Beethoven in engstem Kontakt. Er war ihm treuer Freund seit früher Kindheit bis in die letzte Stunde.

Die Sammlung wuchs auch nach Beethovens Tod. Ergänzung fand sie in den Briefen von Anton Schindler an Ignaz Moscheles, von denen zwei noch im Auftrag Beethovens geschrieben und von ihm unterzeichnet wurden, sowie durch fünf Schreiben an denselben Empfänger von Sebastian Rau und Jakob Hotschewar. Dieser Teil der Sammlung wird komplettiert durch 37 Briefe von Ferdinand Ries bzw. fünf Briefe von Schindler an Wegeler selbst, hauptsächlich die geplante Beethoven-Biographie betreffend, die ursprünglich Stephan von Breuning, Wegeler und Schindler gemeinsam herausgeben wollten. Dazu kam es nicht zuletzt wegen des frühen Todes von Stephan von Breuning nicht. Später haben dann Wegeler und Ries durch die von ihnen im Jahre 1838 zum Druck gebrachten "Biographischen Notizen über Ludwig van Beethoven" unsere Kenntnis der Biographie Beethovens entscheidend gemehrt.

Spätere Generationen der Familie Wegeler hielten das Ansehen Beethovens hoch. Sie hüteten den Schatz und suchten ihn sogar zu erweitern. Ein augenscheinlicher Ausdruck dieser Wertschätzung ist der aufwendig gestaltete Schrein, den der Kölner Goldschmied Gabriel Hermeling um 1890 im Auftrag der Familie anfertigte. (Die Ansichten auf der Rückseite zeigen das Beethoven-Haus und das Wohnhaus der Familie von Breuning am Münsterplatz, in dem im Februar 1889 die Gründungsversammlung des Vereins Beethoven-Haus stattgefunden hatte.) In ihm wurde die Sammlung lange Zeit aufbewahrt. Soweit sich Möglichkeiten ergaben, wurde die Sammlung erweitert, im Jahre 1913 etwa um das Blatt mit den Sinnsprüchen.

Carl Wegeler erwarb zudem Beethovens Briefe an Ignaz von Gleichenstein aus dem Spätjahr 1808 und an Ferdinand Ries vom 8.3.1819. Die Sammlung Wegeler überstand glücklicherweise unbeschadet und (bis auf einen Verlust) vollständig die Wirren der 1. Hälfte unseres Jahrhunderts. Im 2. Weltkrieg war sie in einer Bleikassette verwahrt 20 Meter tief in einem Weinberg der Familie vergraben. Erst 1969 wurde die Kassette geöffnet und die Sammlung in Augenschein genommen.

Die Beethoven-Sammlung und die nun schon mehr als ein Jahrhundert währende Förderung des Koblenzer Musiklebens durch die Familie Wegeler bzw. die Julius-Wegelersche-Familienstiftung führte zu Ergänzungen der Sammlung, die bedeutend, wenn auch ohne direkten Bezug zu Beethoven sind. Johannes Brahms, selbst leidenschaftlicher Sammler von Beethoven-Autographen, wird - wie mehrere Briefe und Widmungsblätter mit Notenincipits von seiner Hand beweisen - die Chance, Einblick in die Sammlung zu nehmen, ebenso geschätzt haben wie die Geselligkeit und die guten Weine im Hause des Geheimrats Julius Wegeler. Die Sammlung enthält ferner Briefe von Nikolaus Simrock, Johann Nepomuk Hummel, Franz Liszt, Max Bruch u.a. Endlich runden eine große Zahl von Druckschriften - so etwa Zeitungsausschnitte zur Vorgeschichte des Beethoven-Denkmals auf dem Bonner Münsterplatz oder Rezensionen der "Biographischen Notizen" - die Sammlung ab.

Gut 50 wertvolle Objekte sind in einer Sonderausstellung "Beethovens Bonner Freundeskreis. Ausgewählte Objekte aus der Sammlung Wegeler" zu sehen, die noch bis zum 23. September 1998 im Beethoven-Haus gezeigt wird. Zur Ausstellung erschien ein Katalog sowie ein kommentiertes Faksimile jenes berühmten Briefes, den Beethoven am 29. Juni 1801 an Wegeler richtete. In diesem Brief blickt Beethoven nicht nur in bewegten Worten auf die Bonner Jugendzeit zurück, sondern er beschreibt zum ersten Mal überhaupt und streng vertraulich seine zunehmende Schwerhörigkeit, die ihn immer mehr belastete, ja sogar Selbstmordgedanken aufkommen ließ.

Die Sammlung, sicherlich die bedeutendste Beethoven-Sammlung, die sich noch in Privatbesitz befand, bereichert nun die Sammlungen des Beethoven-Hauses in besonders einschlägiger Weise, enthält sie doch einen Großteil jener Dokumente, aus denen Beethovens Bonner Freundeskreis und der Geist, in dem er Freundschaft übte, erfahrbar wird. Es handelt sich um den größten Zuwachs seit der Übernahme der Sammlung Bodmer im Jahre 1956. Dem Wunsch, Bonn in der Zukunft stärker als Beethoven-Stadt zu profilieren, hat diese großherzige Dauerleihgabe ganz neue Möglichkeiten der Realisierung eröffnet.

 

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Dr. Michael Ladenburger, Kustos der Sammlungen des Beethoven-Hauses, Bonn
 

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