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Eine Ausstellung der Graphischen Sammlung im
Städelschen Kunstinstitut, Frankfurt am Main
Ulrike Goeschen

Maxim Kantor
"Ödland. Ein Atlas"
Blatt 19: Nasse Schuhe und Heizung
Radierung, Aquatinta, Hochdruck
1999-2000
Sammlung Dr. Rudolf Hirsch
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Eine Premiere: Als erste Station zeigt die Graphische Sammlung im Städelschen
Kunstinstitut vom 2. September bis zum 28. Oktober 2001 die jüngste Arbeit des russischen
Künstlers Maxim Kantor. Dabei handelt es sich
um einen umfangreichen druckgraphischen Zyklus zu einem altbekannten und jetzt wieder
aktuellen Thema: Russland zwischen Ost und West, zwischen Asien und Europa. Mit diesem
Zyklus hat Kantor nicht nur seine bislang dichteste Auseinandersetzung mit dem Medium
der Malergraphik vorgenommen, sondern auch in einem umfangreichen begleitenden Text,
der im Katalog mit veröffentlicht wird, seinen
künstlerischen Standort neu definiert.
Der 1957 in Moskau geborene Kantor ist dem deutschen Publikum vorwiegend als Maler
bekannt. Seine plakative Farbigkeit, der heftige malerische Gestus und die Drastik seiner
sozialkritischen Themen haben dazu geführt, dass man vor allem seine Bezüge zum
westeuropäischen Expressionismus wahrgenommen und ihn als Neoexpressionisten
verstanden hat. Damit ist aber nur ein charakteristischer Zug seines Werks beschrieben, der
sich vor allem Ende der 80er- bis Anfang der 90er-Jahre zeigte. Das veranschaulichte bereits
die letzte große Einzelausstellung seiner
Werke 1998 in der Frankfurter Schirn, auf der erstmals auch druckgraphische Werke in
größerem Umfang zu sehen waren. So wird an Kantors Frühwerk deutlich, dass ihm auch die
Reduktionen des Magischen Realismus nahe stehen und es in seinen Bildern von Anfang
an eine Tendenz zur Transzendierung des gegenständlichen Bildsinns gibt, in der er sich
als ein Max Beckmann verwandter Geist erweist.
Dem Besucher soll ein solcher Vergleich
durch die momentan in der Graphischen Sammlung ausgestellten zwei Mappenwerke von
Beckmann aus dem Jahr 1922, den "Jahrmarkt"
und die "Berliner Reise", nahe gebracht werden. Mit den aufeinander folgenden Ausstellungen ist aber nicht nur beabsichtigt, den
Besuchern zwei Sonderpositionen des Expressionismus, eines Sammlungsschwerpunktes
des Hauses, vorzustellen. Es soll darüber
hinaus erhellt werden, inwieweit Kantor über
seine deutlich ablesbaren westeuropäischen
Bezüge hinaus den russischen Traditionen
verpflichtet ist.

Maxim Kantor
"Ödland. Ein Atlas"
Blatt 7: Einsame Masse
Radierung, Aquatinta, Hochdruck
1999-2000 |
Der Zyklus "Ödland. Ein Atlas" umfasst
70 großformatige Blätter, die in einer
kombinierten Technik von Radierung und Aquatinta
in schwarzweiß sowie in einem
Hochdruckverfahren rot gedruckt sind. Die
Bildgegenstände nehmen zu einem nicht geringen Teil
Themen und Motive auf, wie sie Kantor seit Beginn
seines Schaffens Ende der 70er-Jahre entwickelt hat. Diese Treue zu seinen
Bildgegenständen und ihre nur allmähliche Erweiterung ist
ein wesentliches Merkmal seiner Kunst. Die als existentielle Metaphern zu verstehenden
Bilder von Menschen, familiären Beziehungen, lebensweltlichen Bedingungen und
sozialen Phänomenen werden in dem Zyklus mit
Sinnbildern für historische Ereignisse
verschränkt. Sie sind mit einem in Russland seit Peter
dem Großen in historischen Umbruchzeiten
immer wieder auftauchenden Thema verknüpft,
das auch den Hintergrund für die aktuellen
politischen und kulturellen Diskussionen bildet:
Die Frage, inwieweit sich Versuche der
Europäisierung als segensreich erweisen und welche
russischen Besonderheiten ihr entgegenstehen, wird von Kantor mit polemischer Schärfe,
aber auch mit äußerster persönlicher
Aufrichtigkeit neu gestellt. Seine Bildwelt wird durch
diese Kontextualisierung um eine nationale Thematik erweitert.
Kantors erklärte Absicht ist es, mit dem Zyklus einen Kodex als ethisches Regelwerk
für die Gegenwart bereitzustellen. Schon
früher klang in den bildlichen Werken, wie in
seinen immer wieder auch schriftlich formulierten
Äußerungen, an, in wie starkem Maße es ihm
um eine Erneuerung der Werte der russischen Kultur geht. Für diese unter den neuen
Bedingungen des russischen Alltags allgemein
gültige Bezugspunkte zu finden, die eine
Rückbindung an die russische Geschichte
ermöglichen, wird auch als ein wesentliches
Anliegen in seinen zu dem Zyklus gehörigen sieben
Briefen deutlich. Sie sind an zwei imaginäre
Gesprächspartner, eine Geliebte und einen Freund in Ost und West, abwechselnd
gerichtet und nehmen die Form der berühmten "Philosophischen Briefe" von Pjotr Tschaadajew
auf, die, 1836 erstmals veröffentlicht, den historischen Auftakt zu den nachfolgenden
Slawophilen-Westler-Debatten bildeten. Anders
als Tschaadajew unterzieht Kantor in ihnen aber auch die westliche Gesellschaft einer
scharfen Kritik, die in eine überraschende Umwertung der Werte der Gegenwartskunst mündet.
Maxim Kantor
"Ödland. Ein Atlas"
Blatt 64: Haus und Baum
Radierung, Aquatinta, Hochdruck, 1999-2000
Kantor ist mit seinem bezugsreichen und äußerst reflektierten Werk eine singuläre
Erscheinung in der gegenwärtigen Kunstlandschaft in Russland. Was dem westlichen
Rezipienten fremd erscheint, sollte als Ausdruck einer kulturellen Differenz und eines
anders gearteten Denkens verstanden werden, das sich in der Geschichte des
deutsch-russischen Kulturverhältnisses stets als fruchtbar
erwiesen hat. Welche Resonanz Kantors provokantes Ringen um eine neue Verankerung
der Kunst im Humanen hier zu Lande finden wird, ist mit Spannung zu erwarten.
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Der bei Cantz erscheinende Katalog beinhaltet
alle 70 Druckgraphiken des Zyklus
(Originalgraphik-Auflage: 75 Mappen), sieben künstlerische Briefe
und einen wissenschaftlichen Text. |
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Dr. Ulrike Goeschen ist freie Mitarbeiterin in
der Graphischen Sammlung des Städelschen Kunstinstituts, Frankfurt am Main
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