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Kulturberichte 2/00: "Böhmen liegt am Meer, aber wo liegt Mitteleuropa?"

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Ein literarisches Wochenende mit Zsuzsanna Gahse, Péter Esterházy, Robert Schindel, Bernhard Setzwein und Dieter Heß im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg

Patricia Preuß

"Grenzt hier ein Wort an mich. so laß ich's grenzen.
Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder.
Und glaub ich noch ans Meer, so hoffe ich auf Land."
Ingeborg Bachmann

"Wo liegt Mitteleuropa?" - diese Frage wird seit dem Fall des Eisernen Vorhangs und den kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Balkan wieder neu diskutiert. Im Rahmen eines literarischen Wochenendes am 15./16. Juli 2000 im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg näherte man sich dem Thema von der literarischen und kulturhistorischen Seite. Zsuzsanna Gahse, Péter Esterházy, Robert Schindel und Bernhard Setzwein lasen und diskutierten anschließend unter der Moderation von Dieter Heß vom Bayerischen Rundfunk. Um es vorweg zu nehmen: Auf die Frage nach der Lage von Mitteleuropa gab es viele Antworten, die ihrerseits weitere Fragen erzeugten und den Facettenreichtum dieser schwer zu definierenden Landschaft beleuchteten.

Zsuzsanna Gahse, Jahrgang 1946, und Péter Esterházy, geboren 1950, vertraten den ungarischen Sprachraum. Beide sind in Budapest geboren, haben jedoch - biographisch bedingt - eine unterschiedliche Distanz zum heutigen Ungarn und zur ungarischen Sprache. Zsuzsanna Gahse hat einen großen Teil der Texte Péter Esterházys ins Deutsche übersetzt, ja ihn für den deutschen Sprachraum "höchstpersönlich entdeckt". Sie selbst schreibt auf Deutsch, ihre Zweisprachigkeit fördert ein sehr bewusstes, auch spielerisches Umgehen mit den Wörtern. Ihre ungarische Kindheit fand ein abruptes Ende durch den Ungarn-Aufstand 1956 und die Flucht der Familie nach Wien. Dort lernte sie die deutsche Sprache, und von dort zog die Familie nach Deutschland weiter. Nach mehr als 25 Jahren in Deutschland lebt sie heute in der Schweiz, nahe der deutschen Grenze. Erst in ihrem letzten Buch "Nichts ist wie oder Rosa kehrt nicht mehr zurück" (1999) setzt sich Zsuzsanna Gahse mit der Geschichte ihrer Flucht und ihrer Existenz als "Transmigrantin" in Form eines Romans auseinander. Lange hatte sie das Gefühl, aus der räumlichen Distanz nicht über Ungarn schreiben zu dürfen. Das Buch ist auch die Geschichte einer komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung. Am Ende verschwindet Rosa - die Mutter der Ich-Erzählerin, die dieses deutsche Wort nicht passend findet und als Kompromiss an das Deut sche die Abkürzung "M." verwendet. Die Erzählerin kehrt in das heutige Budapest zurück, öffnet sich der Stadt ihrer Kindheit in Ablösung von einem westlich geprägten Blick und stellt fest: "Allmählich kommen im ehemaligen Osten die Amerikaner an und verbringen ihr restliches Leben in den verhältnismäßig billigen Ländern, eventuell mit dem Müll, den es auch dort gibt."

Péter Esterházy las aus der deutschen Übersetzung seines neuen Buches "Thomas Mann mampft Kebab am Fuße des Holstentors". In den Texten "Ungarisches Tagebuch" und "Mai-Tagebuch" reflektiert er seine Existenz als Mitteleuropäer. Vordergründig mit Leichtigkeit und Ironie, auf den zweiten Blick jedoch mit dem Bewusstsein eines Verlustes, zeigen Esterházys Überlegungen zum Fall des Eisernen Vorhangs immer die zwei Seiten der Medaille. Der Gedanke an Mitteleuropa ist für ihn durch die jüngsten geschichtlichen Ereignisse ein geplatzter Traum: Die im Osten stets in ganz anderem Sinne geforderte "Vereinigung" führte schließlich - Ironie des Schicksals - zum Verschwinden der "Dedeer-Miezen", die "vom unteilbaren deutschen Geist umringt [waren], (...) das heißt, man war sofort in seinem ersehnten Europa". In der späteren Diskussion revidierte Esterházy auch seine eigene Aussage aus den Zeiten vor der Wende, für Mitteleuropäer sei die Kultur westlich, das Le ben östlich. Der Tagebuch-Schreiber Esterházy geht noch weiter und ersinnt die Eröffnung eines Europa-Strafkontos, nach dessen Tarifschlüssel das Denken und Sprechen über "europäische Identität" als Devisendelikt geahndet, der Gebrauch der Wendung "Europäisches Haus" gar mit Konfiszierung des gesamten Kapitals bestraft werde. Eine ironische Referenz an die westliche Kultur zeigt sich im Spiel mit der Tagebuch-Form: Das für die Öffentlichkeit geführte Schriftsteller-Tagebuch hat im Westen beste Tradition - siehe Thomas Mann -, im Osten jedoch wurde diese Gattung zu einer konspirativen, wie Bernhard Setzwein später im Zusammenhang mit der Entwicklung der tschechischen Literatur erwähnt. Dass Privatheit und Öffentlichkeit in dieser Form ineinander gehen können, ist für den mittelosteuropäischen Autor eine neue Möglichkeit. Am Monatsende, dem 32. Mai, lässt er sein Tagebuch, das er im Auftrag für einen Verlag führt, hinter sich: "Endlich arbeite ich richtig. Ich gehe, wohin die Sonne geht."

Bernhard Setzwein, geboren 1960 in München, lebt seit 1990 in unmittelbarer Nähe zur deutsch-tschechischen Grenze im oberpfälzischen Waldmünchen. Als Kenner der tschechischen Literaturlandschaft war er für den verhinderten Jirí Gruša eingesprungen. Die mitteleuropäische Tagespolitik hatte das kulturelle Forum zum Thema "Mitteleuropa" eingeholt: Gruša, tschechischer Botschafter in Wien, musste sich kurzfristig mit österreichischen Kernkraftgegnern wegen des Atomkraftwerks im tschechischen Temelin auseinandersetzen. In seinem Essay "Zwischen Bestseller-Industrie und Underground. Zur derzeitigen tschechischen Literaturszene" plädiert Setzwein für mehr Aufmerksamkeit gegenüber der jungen tschechischen Autorengeneration, die zu Unrecht im Vergleich mit den älteren Autoren der tschechischen Dissidenten-Literatur immer noch zu oft in die hintere Reihe gestellt wird. Dazu gehört der junge Prager Jáchym Topol mit seinen Romanen "Die Schwester" und "Engel EXIT", die beide bereits ins Deutsche übersetzt sind. Auch Michal Ajvaz und Jiéi Kratochvil aus Brünn gehören zu dieser neuen Generation, die die Lust am Fabulieren wieder entdeckt und sich verschiedensten Strömungen der Weltliteratur öffnet. Nach diesem Ausflug in die tschechische Literaturszene lud Setzwein in den Münchner Stadtteil Mittersendling ein, in das Wirtshaus an der "Oberländer EckeDaiser", so der Titel seines "buchlangen" Gedichts. In der Wirtsstube des Setzwein-Opas treffen sich Jean Paul, Bert Brecht, Oskar Maria Graf, Karl Valentin, Oskar Panizza und der toten Dichter mehr zu einem merkwürdigen Schriftstellerkongress, der sich über die bayerisch-böhmische Grenze zu einer "kleinen Ausflucht ans Meer in die Mitte Europas" begibt.

Der Wiener Robert Schindel, 1944 als Sohn jüdischer Eltern in Bad Hall geboren, las Gedichte aus seinem neuen Gedichtband "Immernie. Gedichte vom Moos der Neunzigerhöhlen" und anschließend aus seinem Essay "Mein Wien", einer kritisch-ironischen Hommage an seine Heimatstadt, in der Schindel drei Wien-typische Aspekte beleuchtet: den Antisemitismus, den Tod und den Witz. Beeindruckend unpathetisch, wohl aber mit der Präsenz seiner ganzen Person las er Gedichte aus dem Sarajevo-Zyklus des neuen Bandes. Diese Gedichte sind poetische Korrektive zu den medial vermittelten Bildern des vom Krieg gezeichneten Bosniens:"Über den zentralen Alpen trennen sich die Wörter von sich (...) und der Kontinent plappert / Die Gegend zu dort frühere Bauern und Ärztinnen / Einstige Kinder und Soldaten ein stilles Equipment ergeben" heißt es in "Die Reise der Wörter I (Inmitten des Karstes)". Von großer Sprachmächtigkeit zeugen diese Texte, und zugleich von Trauer, die sich ohne die geringste Spur von Larmoyanz mitteilt. In dem Gedicht "Ein Frieden (Für Rachel Salamander)" fällt der Blick auf die militärischen Besatzer, zu denen auch deutsche Soldaten gehören, die nun "im Café Bosnia" sitzen. Plötzlich dominiert das Englische (auch die Sprache der Militärs) die Mitteleuropa-Debatte. Der schnaubende Milo Dor tritt auf und erhebt zornig seine Stimme: "... alle reden / Englisch, das soll ein Mitteleuropa sein?"

"Wenn Böhmen am Meer liegt, wo liegt dann Mitteleuropa?" fragte Moderator Dieter Heß vom Bayerischen Rundfunk am nächsten Tag in die Autorenrunde. Schon der Versuch einer geopolitischen Definition gestaltete sich schwierig. Robert Schindel erwog eine geographische Entsprechung des heutigen Mitteleuropas mit dem Gebiet der früheren Donaumonarchie, deren Staatsvolk die mitteleuropäischen kaisertreuen Juden waren. Er zitierte Milo Dors Satz, dass der Untergang Mitteleuropas einherging mit dem Untergang der mitteleuropäischen Juden. Nach dem Ende des kalten Krieges gäbe es eine neue Chance für Mitteleuropa als eine dritte Kraft zwischen Westen und Osten, als einen Bereich, in dem gleichermaßen westliche und östliche Einflüsse wirkten. Formulierte Schindel optimistisch, Mitteleuropa sei ein "magischer Ort", so sprach der skeptische Péter Esterházy von einem "schwarzen Loch" zwischen West und Ost. Den magischen Ort könne er zwar als Ort der Bücher sehen, nicht aber im politischen Alltag. Nicht einmal eine geographische Festlegung wollte Bernhard Setzwein gelten lassen: Für ihn sei es geradezu charakteristisch, dass sich die Grenzen nicht eindeutig festlegen lassen. Mitteleuropa bewege sich "wie ein immer feuchtbleibender Tintenklecks über die Landkarte", wer sich schlecht betrage, wie Österreich oder Serbien, würde zeitweise ausgeschlossen. In Rekurs auf Robert Schindels Gedicht wurde auch das Prob lem der sprachlichen Verständigung angeschnit ten. Das Englische stellt sich in diesem Zusammenhang als vermeintlich international heraus. Nur für westliche Mitteleuropäer funktioniert es als gemeinsame sprachliche Basis. Von der Geschichte her argumentierend forderte Zsuzsanna Gahse auf, doch beim Deutschen, dieser "schönen, elastischen Sprache" zu bleiben. Als selbstbewusste Mitteleuropäerin präsentierte sie sich mit ihrem Hinweis: "Europa ist eine Frau", die von Jupiter in Gestalt eines Stieres aus Afrika geraubt, über den Bosporus verschleppt und dort von ihrer Familie gesucht wurde.

Eine Suchbewegung über Grenzen hinweg war auch dieses literarische Wochenende. Vier bei allen Widersprüchen und offenen Fragen eindeutig mitteleuropäisch positionierte Autoren aus drei Ländern begaben sich in Sulzbach-Rosenberg, an einem der vielen Mittelpunkte Europas, in ein lebhaftes, kurzweiliges und zur weiteren Auseinandersetzung anregendes Gespräch.

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Patricia Preuß, M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg

Bibliographische Hinweise

Zsuzsanna Gahse

"Zero", München 1983, List Verlag; "Berganza", München 1984, List Verlag; "Stadt Land Fluss. Geschichten", München 1988, List Verlag; "Nachtarbeit", Prosa, Warmbronn 1992, Kreicher Verlag; "Essig und Öl", Prosa, Hamburg 1992, Europäische Verlagsanstalt; "Übersetzt. Eine Entzweiung", Berlin 1993, Literarisches Colloquium / Aufbau Verlag; "Passepartout. Prosa", Klagenfurt 1994, Wieser Verlag; "Kellnerroman", Hamburg 1996, Europäische Verlagsanstalt; "Wie geht es dem Text", Hamburg 1997, Europäische Verlagsanstalt 1997; "Nichts ist wie oder Rosa kehrt nicht mehr zurück", Hamburg 2000, Rotbuch Verlag / Europäische Verlagsanstalt 

Péter Esterházy

"Produktionsroman", Salzburg 1979, Residenz Verlag; "Kleine ungarische Pornographie", Salzburg 1984, Residenz Verlag ; "Donau abwärts", Roman, Salzburg 1992, Residenz Verlag; "Das Buch Hrabals", Frankfurt/M.1994, Fischer Verlag; "Eine Frau", Salzburg 1995, Residenz Verlag; "Thomas Mann mampft Kebab am Fuße des Holstentors", Salzburg 1999, Residenz Verlag 

Bernhard Setzwein

"vareck. Bairische Lyrik, Prosa; Szenen", Feldafing 1978, Verlag Friedl Brehm; "OberländerEckeDaiser", München 1983, A1 Verlag; "Hirnweltlers Rückkehr", München 1987, Verlag P. Kirchheim; "HinterBayern", Viechtach 1996, Verlag Lichtung; "Watten, Wagner, Wichs", Theaterstück, Viechtach 1998, Verlag Lichtung; "Das Buch der sieben Gerechten", Roman, Innsbruck 1999, Haymon Verlag; "Nicht kalt genug", Roman, Innsbruck 2000, Haymon Verlag 

Robert Schindel

"Ohneland. Gedichte vom Holz der Paradeiserbäume", Frankfurt/M. 1986; "Geier sind pünktliche Tiere", Gedichte, Frankfurt/M. 1987; "Im Herzen die Krätze", Gedichte, Frankfurt/M. 1988; "Ein Feuerchen im Hintennach", Gedichte, Frankfurt/M. 1992; "Gebürtig", Roman, Frankfurt/M. 1994; "Gott schütz uns vor den guten Menschen. Jüdisches Gedächtnis - Auskunftsbüro der Angst", Reden und Vorträge, Frankfurt/M. 1995; "Die Nacht der Harlekine", Erzählung, Frankfurt /M. 1997; "Immernie. Gedichte vom Moos der Neunzigerhöhlen", Frankfurt/M. 2000; "Mein Wien", In: "Österreich. Berichte aus Quarantanien", hrsg. von Isolde Charim und Doron Rabinovici, Frankfurt/M. 2000 - sämtlich erschienen im Suhrkamp Verlag

 

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