Susanne Popp
"Jedes Institut" - so beginnt das Gutachten
des Direktors der Musiksammlung der
Österreichischen Nationalbibliothek, Hofrat Dr. Günter Brosche-, "das seine Aufgabe einem großen
Komponisten der Vergangenheit widmet, hat die legitime Aufgabe, die Originalhandschriften
'seines Meisters' zu sammeln. Wenn daher dem Max-Reger-Institut ein Angebot gemacht wird,
solche Stücke anzukaufen, so ist dieses
grundsätzlich zu begrüßen, zu prüfen und nach
Möglichkeit der Ankauf zu realisieren. Fällt die
sorgfältige Prüfung positiv aus, wäre es mehr als
bedauerlich, wenn dieser aus Mangel an finanziellen Mitteln nicht zustande käme. Dies wird
durch die Tatsache verstärkt, dass in den letzten
Jahren nur sehr wenige Reger-Originale auf
Auktionen und im Handel angeboten wurden."
Früher war die Marktsituation anders: Als
das Max-Reger-Institut 1947 von der Witwe des Komponisten Max Reger (1873-1916)
gegründet wurde, warteten seine in alle Welt
verteilten Autographen nur darauf, aufgespürt,
erworben und der Forschung wie der interessierten
Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt zu werden.
Dem ohne jedes Stiftungsvermögen gegründeten Institut kam die mangelnde Wertschätzung des ebenso unbequemen wie eigenwilligen
Komponisten, die sich in niedrigen
Manuskriptpreisen niederschlug, nur zugute. So konnte aus
privatem Engagement eine bedeutende Sammlung zusammengetragen werden, die heute als
Grundlage der Regerforschung weltweit genutzt wird.
Es zählt zu den bitteren Erfahrungen jedes Komponisten-Instituts, dass mit
erfolgreichem Einsatz für "seinen" Komponisten nicht nur
die Aufführungszahlen, sondern auch die Manuskriptpreise steigen. Öffentlich geförderte
Komponisten-Institute sehen sich folglich kaum
noch in der Lage, die marktüblichen Preise zu
zahlen, an deren Steigerung nicht zuletzt die Auktionshäuser ein vitales Interesse haben. So sind
sie, um ihre für die Wissenschaft
unverzichtbare Manuskriptensammlung weiter auszubauen,
auf ideell gesonnene Privatbesitzer angewiesen, denen Gewinnmaximierung nicht oberstes Ziel
ist. Dieser Glücksfall ist im Jahr 2000 für das
Max-Reger-Institut eingetreten: Aus amerikanischem Privatbesitz wurde ihm durch den
angesehenen Autographenhändler Professor Albi
Rosenthal (Oxford) ein Konvolut von
Reger-Manuskripten angeboten, das durch seine Geschichte und
seine Vielfalt Seltenheitswert hat. Es handelt
sich um die umfangreiche Partitur eines seiner
bedeutendsten Orchesterwerke "Symphonischer
Prolog zu einer Tragödie" für großes Orchester
op. 108 (1908) sowie um drei sehr originelle Auseinandersetzungen Regers mit der
musikalischen Tradition: die "Suite g-moll", aus den
Partiten und Englischen Suiten von Johann
Sebastian Bach zusammengestellt und instrumentiert (1915), sieben Instrumentierungen von
Liedern von Johannes Brahms, Edvard Grieg und Hugo Wolf (1914) und die Improvisation
"An der
schönen blauen Donau" von Johann Strauß für
Klavier zu 2 Händen (1898).
Zu den Werken
Das Spektrum der Manuskripte ist breit und bietet folglich einen charakteristischen
Überblick über das uvre dieses vielseitigen
Komponisten am Wendepunkt zur Moderne. Es umfasst
Werke aller Schaffensperioden (vom Frühwerk
über das zentrale Orchesterwerk der Leipziger
Reifezeit bis zum Spätwerk), verschiedener
Gattungen und unterschiedlicher Besetzung und
reicht von der Originalkomposition über die
Improvisation und freie Adaption bis zur Bearbeitung.
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Max Reger, "Symphonischer Prolog
zu einer
Tragödie"
für großes Orchester op. 108
1. Seite des Autographs
Max-Reger-Institut/Elsa-Reger-Stiftung
Karlsruhe
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"Symphonischer Prolog zu
einer Tragödie"
für großes Orchester op. 108
Das Kernstück des Konvoluts ist der "Symphonische Prolog zu einer Tragödie"
- eine
76 große Seiten umfassende Orchesterpartitur,
die Reger seinen "Herzblutwerken" zurechnete.
Sein monumentalstes Orchesterwerk entstand zwischen Mai und Dezember 1908 und wurde am
9. März 1909 im Kölner Gürzenich-Saal
unter Fritz Steinbach uraufgeführt.
Zu Regers
Lebzeiten folgten 37 weitere Aufführungen in
allen wichtigen deutschen Städten, aber auch in
Basel, Boston, London, Prag und Wien unter illustren Dirigenten wie Arthur Nikisch,
Wilhelm Mengelberg, Hermann Suter und Fritz Busch.
Im formalen Rahmen eines einzigen großen Sinfoniesatzes stellt sich Reger hier die
kompositorische Aufgabe, den Inbegriff des
Tragischen abstrahierend in Musik umzusetzen - in
immer neu ansetzenden, bis zur Kulmination
führenden Steigerungsbögen, denen abrupte
Zusammenbrüche und Generalpausen folgen, mit einer
heimatlosen, durch Modulationen, Dissonanzen, Trugschlüsse und kirchentonartliche Wendungen
aufgeweichten Harmonik, mit gestischer Melodik und einer die grellen Ausbrüche wie die
fahlen Klänge malenden farbigen Instrumentation.
In der Handschriftensammlung des Max-Reger-Instituts bietet dieses Orchesterwerk die
sinnvolle Ergänzung zur "Sinfonietta" op. 90
(1905), Regers sinfonischem Erstlingswerk, zum "Konzert im alten Stil" op. 123 (1912), Regers
kompositorischer Auseinandersetzung mit dem
Barockkonzert, sowie zu den "Beethoven-Variationen" op. 86 (Orchesterfassung von 1915), der
eigentlichen Domäne des Variationskünstlers.
Bach-Reger-Suite g-moll für kleines Orchester
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J. S. Bach, Suite (g-moll) für
kleines Orchester
zusammengestellt und instrumentiert
von Max Reger
Titel des Autographs
Max-Reger-Institut/ElsaReger-Stiftung
Karlsruhe
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Regers Begeisterung für "Allvater
Bach" schlug sich nicht zuletzt in unzähligen
Bearbeitungen nieder, mit denen er Bachs Werke dem Hörer seiner Zeit nahe zu bringen hoffte.
Besonders originell und die Grenze zwischen
Bearbeitung und eigenständigem Werk streifend ist
die
"Suite g-moll für Orchester", die Reger aus
verschiedenen Sätzen von Bachs "Partiten"
und "Englischen Suiten" zusammenstellte, womit
er etwas durchaus Eigenständiges schuf. Seine
Eingriffe in den Originaltext sind nicht
unerheblich: Die Kombination schafft neue
Zusammenhänge, die Übertragung von teilweise lediglich
zweistimmiger Klaviermusik für ein Orchester
erfordert zusätzliche Stimmführungen, die
dynamische Differenzierung folgt dem
Klangempfinden seiner Zeit.
Liedinstrumentationen
Als Dirigent der berühmten Meininger Hofkapelle (1911-14) begann Reger,
Klavierliedern der Romantik, aber auch eigenen Liedern
ein neues, orchestrales Gewand zu geben, in dem "jede Note auf Klang berechnet" war. Die
vorliegenden Instrumentationen von vier Liedern Hugo Wolfs, zwei Liedern Edvard Griegs
und einem Lied von Johannes Brahms bilden konsequente Ergänzungen des
Sammlungsbestands: 1999 gelangten sieben Manuskripte von
Schubert-Liedinstrumentationen in den Besitz des
Instituts (vgl. "Kulturberichte" 2/99, S. 51-53),
zu denen eine bis heute unedierte Bearbeitung des Schumannlieds "Aufträge" aus der
Jugendzeit des Komponisten den aufschlussreichen
Kontrapunkt bildet.
Improvisation "An der schönen blauen Donau"
Das "Sahnehäubchen" des Konvoluts
bildet die Improvisation "An der schönen blauen
Donau" von Johann Strauß für Klavier zu 2
Händen, mit dem der oft sperrige Bajuware dem Wiener Walzerkönig seine Reverenz erwies
und den Pianisten kleine Fallstricke stellte. Die
ge
niale Paraphrase entstand in den überaus
produktiven Sommermonaten 1898, als Reger, von schwerer Krise genesen, in geradezu
eruptivem Ausbruch Werk auf Werk schuf - allen voran
die großen Orgelkompositionen, die ihm zum
Durchbruch verhalfen. Man darf sich auf einiges
gefasst machen, wenn Reger die Komposition mit den Worten ankündigte: "Geschrieben habe hier
mörderlich viel. Der ,Donauwalzer` ist fertig;
23 Seiten; Desdur; heillos schwierig, klingt aber
brillant!" (22. Juli 1898). In der Tat ist eine
geradezu abenteuerliche Fingerakrobatik erforderlich,
um diese "leichte" Komposition zu bewältigen,
die in ihrer Anhäufung von Überraschungen
und haarsträubenden Hürden Reger'schen
Humor beweist. Ihr improvisatorischer Charakter
lässt diese Paraphrase zu einem ergänzenden
Gegenstück der "ernsthaften" Variationen über
Themen Bachs, Beethovens und Telemanns werden.
Vom Schicksal der Handschriften
Die Autographen haben ein besonderes Schicksal: Sie gehörten einst dem Besitzer des
Leipziger C. F. Peters-Verlags, dem Geheimen Kommerzienrat Dr. h. c. Henri Hinrichsen, der
bis 1933 zu den bedeutenden mäzenatischen
Honoratioren der Stadt Leipzig zählte. Reger war
ihm als seinem großzügigsten und vornehmsten
Verleger freundschaftlich verbunden, was sich in
der Schenkung zahlreicher Manuskripte niederschlug. 1938 erhielt Hinrichsen als Jude
Berufsverbot und sein Verlag wurde ihm im Zuge der sogenannten Arisierung genommen. 1940,
im Alter von 72 Jahren, gelang ihm mit seiner Frau - nur mit einem Koffer ausgestattet
- die
Flucht nach Belgien. In diesem Koffer befanden sich
die schönsten Stücke seiner privaten
Manuskriptsammlung, darunter die Reger-Handschriften. 1942 wurde Hinrichsen von der Gestapo
verhaftet, nach Auschwitz verschleppt und in
Birkenau umgebracht; 13 weitere Familienmitglieder
erlitten ein ähnliches Schicksal. Nur seinen
Söhnen Max und Walter gelang es, zu
emigrieren und in London und New York neue Verlage
aufzubauen. Die Spur des Koffers hatte sich verloren, die Manuskripte blieben trotz
intensiver Suche jahrzehntelang unerreichbar. Erst
heute lässt sich sagen, dass sie zu den nach
Amerika emigrierten Erben Hinrichsens gelangten.
Dass die amerikanischen Besitzer die Rückkehr dieser mit der deutschen Vergangenheit
tragisch verknüpften Partituren nicht nur
gewährten, sondern das insgesamt 200 Partiturseiten
umfassende Konvolut dem Max-Reger-Institut zu dem äußerst günstigen Preis von
insgesamt 210.000 DM überließen, obwohl mit
Gewissheit bei einer Versteigerung sehr viel mehr zu
erzielen gewesen wäre, ist nicht zuletzt das große
Verdienst des Vermittlers Albi Rosenthal, der
seine Überzeugung, dass die Manuskripte von
Komponisten in "ihre" Institute gehören, schon
viele Male unter Beweis gestellt hat. Zugleich
würdigt er nicht nur den mit Zähigkeit
verfolgten Weg des Max-Reger-Instituts, trotz
knapper Geldmittel die Sammlung konsequent
aufzubauen, sondern auch die wissenschaftliche
Arbeit und speziell die Herausgabe des reich
kommentierten Briefwechsels zwischen Max Reger und dem C. F. Peters-Verlag, die "Dem Andenken
an Henri Hinrichsen" gewidmet ist (vgl. "Kulturberichte" 1/96, S. 18-20).
In Anbetracht ihrer herausragenden
künstlerischen wie historischen Bedeutung darf die
Möglichkeit, diese Sammlung von
Musikautographen nach Deutschland zurückzuholen, nach dem
Gutachten von Professor Dr. Hermann Danuser, Humboldt-Universität Berlin, "als
ausgesprochener Glücksfall bezeichnet werden". Doch ist
das Max-Reger-Institut als kleines vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Karlsruhe
institutionell gefördertes Forschungsinstitut für Sammlungskäufe auf Sponsoren und Förderer
dringend angewiesen. Nachdem es zunächst im Mai
2000 die volle Kaufsumme vorfinanzierte, konnte das Institut bisher zwei Spenden von je 10.000
DM von privaten Förderern in Pforzheim und
Karlsruhe-Durlach dankbar entgegennehmen; mit 40.000 DM unterstützte die Ernst von
Siemens Stiftung den Erwerb und die Kulturstiftung
der Länder trug mit einem Zuschuss von 70.000
DM den Hauptanteil. Allen Förderern sei
herzlich dafür gedankt, dass durch ihre Unterstützung
die bestehende Sammlung um grundlegende Schätze erweitert werden konnte. Es bleiben also
noch 80.000 DM zu finanzieren, für die große und
kleine Spenden hoch willkommen sind.
Ein Gegenbeispiel
Der Glücksfall leuchtet umso strahlender
vor dem Hintergrund eines Ereignisses, das sich
zur gleichen Zeit abspielte.
Seit Jahren war das Max-Reger-Institut zwei Reger-Handschriften auf der Spur, die in
Elsa Regers Besitz gewesen waren, als sie, in
München ausgebombt, bei entfernten Verwandten
in Bonn Aufnahme fand: Die Partitur von Regers Hebbel-Vertonung "Die Weihe der Nacht"
für Altsolo, Männerchor und Orchester op.
119 (1911) und die Klavierfassung seines ersten
großen Orgelwerks, der "Orgelsuite e-moll" op.
16 (1896), waren damals die letzten ihr verbliebenen Autographen aus einem ehemals
reichen Bestand. Da das Max-Reger-Institut zum
Alleinerben Elsa Regers eingesetzt wurde, hätten
diese beide Stücke nach dem Tod der
Reger-Witwe den Grundstein der Autographensammlung
der Stiftung bilden sollen; erhielt das Institut
doch von der Stifterin den ausdrücklichen Auftrag,
die Autographen aufzuspüren und zu sammeln.
Doch sind die beiden Handschriften dem Institut
nach Elsa Regers Tod im Jahr 1951 aus heute nicht mehr rekonstruierbaren Gründen nicht
übergeben worden. Erst 1998 war es nach
zahlreichen vergeblichen Anläufen möglich, in Elsa
Regers Bonner Sterbehaus nach den Autographen zu suchen. Zwar wurde dort vieles für die
Wissenschaft Interessante, darunter die gesamte
Korrespondenz Elsa Regers aus drei Jahrzehnten, zu Tage gefördert; allein die beiden
Musikhandschriften tauchten nicht wieder auf - die
Hausbesitzerin verwies nur auf die leeren Hüllen,
aus denen sie gestohlen worden seien.
Als jedoch Mitte Mai 2000 der Vorankündigung der Autographenhandlung J. A.
Stargardt für die Auktion vom 4. und 5. Juli in Berlin
zu entnehmen war, dass genau diese beiden vermissten Autographen dort versteigert
werden sollten, meldete das Max-Reger-Institut
sofort seinen Eigentumsanspruch beim Berliner Versteigerungshaus an. Nach Aussage des
Juniorchefs des Hauses, Herrn Wolfgang
Mecklenburg, lag es durchaus auch im Interesse der Autographenhandlung, die Angelegenheit möglichst
bald zu klären; daher vermittelte er eine
Verbindung zwischen dem Einlieferer der Manuskripte
und dem Max-Reger-Institut. Schon am 3. Juni 2000 kam es zu einem Vergleich zwischen dem
Institut und der damaligen Besitzerin, welche die Ansprüche des Instituts ernst genug nahm,
um beide Autographen aus der Versteigerung
zurückziehen und anzukündigen, sie dem
Max-Reger-Institut zu einem günstigen Preis überlassen
zu wollen. Umso konsternierter waren beide Seiten, als das Auktionshaus Stargardt auf seinem
Vertrag bestand und trotz ihres Einspruchs die beiden Autographen zur Versteigerung brachte;
beide Handschriften aus Elsa Regers Nachlass gingen ins Ausland.
Dass auch in Auktionshäusern heute noch Glücksfälle möglich sind, belegt ein
aktuelles Beispiel in zeitlicher und räumlicher
Nachbarschaft: Im Juli 2000 konnte buchstäblich in
letzter Minute die Versteigerung von zehn wertvollen Gemälden aus Schloss Favorite bei
Rastatt verhindert werden, die 1945 gestohlen
worden und auf großen Umwegen zu Sotheby's in
New York gelangt waren. Nach schwierigen Verhandlungen zog sie der damalige Besitzer von
der Auktion zurück. Da sich auch das
Auktionshaus Sotheby's in New York kooperativ verhielt, konnte das Land Baden-Württemberg die Gemälde
zu einem Preis zurückgewinnen, der unter
einem Fünftel des zu erwartenden Versteigerungsergebnisses lag. Wie schon der glückliche Erwerb
der Reger-Autographen aus dem Hinrichsen-Nachlass zeigt auch dieses positive Beispiel, dass
es nicht immer und überall nur um das liebe
Geld, sondern auch um die Kunst und ihre passende Heimat geht.