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fortgesetzt von I
Eine Reise durch die Filmgeschichte
Filmmuseen mit Ausstellungen gibt es inzwischen in Brüssel, Düsseldorf, Frankfurt am
Main, London (zurzeit in Überarbeitung),
Mailand, New York, Paris (leider oft geschlossen),
Oslo, Potsdam und Turin.
Je nach Standort haben
sie eine erstaunlich hohe Besucherfrequenz. Filmmuseen sind keine nostalgischen
Requisitenkammern, in denen man sich an die gute alte
Zeit erinnert. Sie erklären und deuten ein
Phänomen der Kulturindustrie, dessen Faszination tief
ins Bewusstsein der Gesellschaft wirkt: die suggestive Kraft bewegter Bilder.
Filmmuseen fixieren filmische Vorgänge.
Sie ermöglichen den Blick hinter die Kulissen.
Sie belegen Zusammenhänge zwischen Traum und Realität, Mode und Macht, Kunst und
Kommerz. Sie sind populär, weil sie Orte für eine
besondere Neugier sind, wie es sie in der Literatur,
der Bildenden Kunst oder der Musik in dieser Form kaum gibt. Die schwer zu durchschauenden
Produktionsvorgänge des Films, seine
komplizierte Technik, seine tiefgreifenden Mythen, seine
vielfältigen Beziehungen zum Theater, zur
Musik,
zur Malerei - all das schafft die Neugierde, "hinter" den Film zu schauen, hinter die Kamera,
ins Innere eines schöpferischen Prozesses.
Die umfangreichen Sammlungen der Deutschen Kinemathek sind der Grundstock für
das Filmmuseum Berlin, in dem die interessantesten Dokumente und Exponate der Öffentlichkeit
gezeigt werden. Zwei Themen präsentiert die
Dauerausstellung: 1. Die deutsche Filmgeschichte
mit Exkursionen nach Hollywood (1.100 qm; Konzeption: Wolfgang Jacobsen, Hans
Helmut Prinzler, Werner Sudendorf). 2. Die
künstlichen Welten des Fantasy- und
Science-Fiction-Films (400 qm; Konzeption: Rolf Giesen).
Für das erste Thema wird der Besucher
durch 14 Räume geführt. Jeder Raum bekommt
durch Gestaltung, Licht und Ton einen eigenen Charakter. Man kommt in einen Vorraum, sieht
Bilder von Kinofassaden, liest Kinonamen (Filmpalast, Ufa-Palast, Zoo-Palast), hört
Projektionsgeräusche. Dann beginnt eine Zeitreise.
Man betritt einen verspiegelten Raum mit drei Projektionsflächen, sieht kurze
Filmausschnitte. Motiv: Blicke. Zuerst in Farbe aus den
letzten vierzig Jahren. Dann in Schwarzweiß, aus
der Zeit von 1930 bis 1960, mit Ton. Schließlich
aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, schwarzweiß, stumm. Damit ist man am
Anfang der Filmgeschichte.
Es sind die Jahre 1895 bis 1918. Kaiserreich. Die Erfindungen von Thomas Edison (USA)
und den Brüdern Lumière (Frankreich), von den
Brüdern Skladanowsky, Oskar Messter und Guido Seeber führen zur Projektion bewegter
Bilder. Gefilmt werden Aktualitäten oder kleine
Geschichten. Als die erzählten Geschichten
etwas komplizierter werden, gewinnen die Schauspieler an Bedeutung: Zu den ersten Filmstars
gehören Henny Porten aus Berlin, Asta Nielsen
aus Kopenhagen, Fern Andra aus Natzeka, Illinois (USA). Die leidende Madonna, die
moderne Frau, die quirlige Artistin. Es entstehen
frühe Formen der Vermarktung, weil sich das
Zuschauerinteresse sehr auf Darsteller konzentriert.
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Robert Wiene
"Das Cabinet des Dr. Caligari"
Deutschland 1920
Bildmitte: Werner Krauss in
der Rolle des Dr. Caligari
Filmmuseum Berlin - Deutsche Kinemathek |
Ein erster Mythos: "Das Cabinet des Dr. Caligari" (1920). Der expressionistische Film
von Robert Wiene mit Conrad Veidt, Werner Krauss und Lil Dagover handelt von Traumata und
Ängsten nach einem verlorenen Krieg. Die
Spielorte - Kleinstadt, Jahrmarkt, Irrenanstalt - sind
gemalte Architektur. Das einzige erhaltene Drehbuch aus dem Nachlass von Werner Krauss
ist im Besitz des Filmmuseums Berlin. Hermann Warm, der Szenograf, hat in den sechziger
Jahren ein Ateliermodell nachgebaut.
Film in der Weimarer Republik: Zwischen 1918 und 1933 erlangte der deutsche Film
Weltgeltung. Vor allem vier große Regisseure
haben
die Zeit geprägt: Ernst Lubitsch, Friedrich
Wilhelm Murnau, Fritz Lang, Georg Wilhelm Pabst. Ihnen und einigen wichtigen
Protagonisten (Emil Jannings, Peter Lorre, Louise
Brooks) ist der Raum gewidmet. Aber es geht auch
um die Großstadt, den Bergfilm, den
proletarischen Film. Und: Chaplin in Berlin; die
Zensurfälle "Bronenosez Potemkin" (Panzerkreuzer Potemkin) und "All Quiet on the Western Front"
(Im Westen nichts Neues).
Ein spezieller Mythos: "Metropolis"
(1927). Der Science-Fiction-Film von Fritz Lang
mit Heinrich George, Gustav Fröhlich und
Brigitte Helm ist eine frühe Meisterleistung der
Filmarchitektur und der Effekte. 36.000 Statisten, futuristische Studiobauten, eineinhalb
Jahre Drehzeit, Produktionskosten in Rekordhöhe.
In der Ausstellung sind Figuren (Maschinen-Maria, Der Tod und die sieben Todsünden),
Entwürfe, Dokumente, Plakate zu sehen. Und
Katastrophen-Szenen aus Fritz Lang-Filmen. Im "Metropolis"-Bereich steigen die Besucher vom
dritten ins zweite Obergeschoss hinab.
Wer Ruhm und Geld vermehren möchte, geht in den zwanziger Jahren von Berlin nach
Hollywood: Transatlantik. Das Raummotiv ist ein Schiffsdeck. Ernst Lubitsch wandert schon
1922 nach Amerika aus, Friedrich Wilhelm Murnau 1926, Wilhelm Dieterle 1929. Der deutsche
Darsteller Emil Jannings erhält für zwei seiner
amerikanischen Filme 1929 den ersten je an einen Schauspieler vergebenen "Oscar" (ein
besonders wertvolles Exponat). Für eine
deutsch-amerikanische Verbindung stehen auch Luis
Trenker, Paul Leni, Paul Kohner - und Marlene Dietrich.
Deutschlands einziger Weltstar: Marlene Dietrich. Nach der Uraufführung des
"Blauen
Engel" (1930) folgt sie ihrem Regisseur Josef von
Sternberg nach Hollywood. Sie macht Karriere
und erleidet Krisen. Sie ist umgeben von friends
and lovers, spielt Haupt- und Nebenrollen in 52
Filmen. 1978 nimmt sie Abschied von der
Öffentlichkeit. Sie stirbt 1992 in Paris und wird in
ihrer Geburtsstadt Berlin beerdigt. In ihrem Nachlass, der im Filmmuseum Berlin betreut
wird, sind alle Phasen ihres Lebens aufbewahrt. Fo
tos, Kostüme, Requisiten, Briefe, Dokumente.
Es war auch ein politisches Leben. Die Dauerausstellung widmet Marlene Dietrich drei Räume.
Ein Raum zum Film "Olympia" (1938) von
Leni Riefenstahl, jener Starregisseurin im Nationalsozialismus, die sich bis heute im
Spannungsfeld zwischen Ruhm und Verachtung befindet. Sie gilt einerseits als geniale
Bildgestalterin und andererseits als ehemalige
Hitler-Gefolgsfrau, die sich für ihren politischen
Sündenfall nie entschuldigt hat. Ihre
Schlüsselfilme sind "Triumph des Willens" und "Olympia"
(zwei Teile). Die Ausstellung präsentiert ein Modell
des Berliner Olympia-Stadions und dokumentiert, wie Riefenstahl ihre Kameras positioniert hat.
Auch der folgende Raum handelt vom Film im Nationalsozialismus. Propaganda,
Kinoalltag,
Opfer des "Dritten Reichs". Wie sich die
Regisseure Hans Bertram, Hans H. Zerlett und Veit Harlan vom Regime vereinnahmen ließen.
Flucht aus dem Alltag ins Kino zu Lilian Harvey
und Willy Fritsch, Zarah Leander, Heinz
Rühmann und Hans Albers. Die Verfolgung und
Ermordung des Schauspielers Kurt Gerron. Die
dunklen Kapitel deutscher Filmgeschichte werden mit
Dokumenten und Filmausschnitten deutlich gemacht.
Flucht vor dem Nationalsozialismus: das deutsche Exil. In Hollywood war die Agentur
Paul Kohner ein Zentrum der Hilfe und Vermittlung. Zu den Klienten zählten Ralph Benatzky,
Curt Bois, Bertolt Brecht, Fritz Lang, Peter Lorre,
Joe May, Max Ophüls, Luise Rainer, Billy
Wilder. Die Dokumente in der Ausstellung bezeugen Erfolg und Misserfolg, Hoffnung und Not.
Ein Raum für Nachkrieg und Gegenwart, die Zeit von 1946 bis 2000: Ost und West,
Sozialismus und Wirtschaftswunder, die Mauer, der
junge westdeutsche Film, das Fernsehen, Teilung und Einigung. Die Ausstellung konzentriert
sich auf Filme zur deutschen Geschichte und Gegenwart mit zehn Schauspielern: Hildegard
Knef, Gert Fröbe, Günther Simon, Heinz
Rühmann, Romy Schneider, Angelica Domröse,
Mario Adorf, Hanna Schygulla, Otto Sander,
Götz George.
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Klaus Kinski in dem Film
"Aguirre, der Zorn Gottes"
von Werner Herzog
BR Deutschland 1972
Filmmuseum Berlin - Deutsche Kinemathek |
Die dazu gehörenden Regisseure
sind Wolfgang Staudte, R. A. Stemmle, Kurt Maetzig und Konrad Wolf, Ernst Marischka,
Helmut Käutner, Heiner Carow, Volker Schlöndorff,
Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Hajo Gies. Zwei spezielle Exponate: Die
"Nosferatu"-Maske von Klaus Kinski und ein Requisit
aus "Lola rennt" von Tom Tykwer. 55 Jahre
deutscher Filmgeschichte (45 getrennt in Ost und West), rigoros reduziert.
Sonderausstellungen werden diese Zeit weiter auffächern. Regisseure und Schauspieler stehen im Mittelpunkt bei dem Gang durch die deutsche
Filmgeschichte. Aber auch das Wirken von Produzenten, Autoren, Kameraleuten, Szenografen
und Komponisten wird gewürdigt. An mehreren
Stellen geht der Blick nach Amerika. Noch immer ist Hollywood ein Synonym für
Filmkarrieren. Seit fast hundert Jahren werden Künstler
und Techniker auch aus Deutschland von den offenbar unbegrenzten Möglichkeiten des
amerikanischen Films angezogen. So erweist sich "Transatlantik" als ein Thema mit vielen Variationen.
Die Chronologie und die Themen machen deutlich, wie eng in der Ausstellung die
Geschichte des deutschen Films mit der politischen
Geschichte Deutschlands verzahnt ist. Dieser Kontext erscheint unabdingbar. Gleichwohl ist
die Ausstellung keine lückenlose Dokumentation
des deutschen Films von seinen Anfängen bis in
die Gegenwart. Sie lässt vieles aus, sie setzt
Akzente, sie basiert mit ihren Exponaten auf den Schwerpunkten der Sammlungen des Hauses.
Sie regt hoffentlich dazu an, Lücken durch
Lektüre zu schließen und den Überblick im Kino zu
gewinnen.
Eine Filmausstellung braucht bewegte Bilder. Als Belege, als Verweise, zur Erinnerung an
das Kino. Ideal wären Dauerprojektionen ohne
Verschleiß des Materials, mit den
unverwechselbaren Geräuschen des Projektors. Beamer
und Videoeinspielungen auf Monitoren sind Hilfsmittel, die uns die fortschreitende Technik bietet.
Der Gang durch die deutsche Filmgeschichte
wäre ohne Bilder, ohne Zitate kaum denkbar. Die
Filmausschnitte erklären die Exponate und
erzählen im eigenen Fluss möglicherweise ganz
unabhängig eine spezielle, zugespitzte Geschichte.
Eine weitere Ebene der Vertiefung und der aktuellen Verknüpfung bieten "Multimedia-Stationen". Sie sollen dem Besucher die
Möglichkeit geben, aktiv am Geschehen
teilzunehmen. Ihre Titel: "Visit your Star", "Bewegte
Großstadt", "Transatlantik", "Licht und
Schatten", "Idole in Ost und West", "Starometer". Hier
wird vor allem das jugendliche Publikum angesprochen. Die Terminals mit ihren
multimedialen Installationen bieten die Chance, Bezüge
außerhalb der Ausstellungschronologie
herzustellen und einige Themen bis in die Gegenwart zu
verfolgen.
Das Drehbuch der Ausstellung wurde in der Deutschen Kinemathek geschrieben. Die
Inszenierung lag in den Händen von Hans
Dieter Schaal. Bei einer Filmausstellung ist der
Gestalter so etwas wie der Regisseur. Die Exponate - da es sich nicht um Kunstwerke, sondern um Bilder und
"Dinge" handelt - müssen ein
Umfeld bekommen, das sie zur Geltung bringt. Die Wissenschaftler erarbeiten das inhaltliche
Konzept. Sie geben das historische Material vor,
bestimmen die Exponate, sorgen für den
Kontext. Der Regisseur gestaltet.
"Die Raumdramaturgie folgt musikalischen Prinzipien: Stille und verhaltene Zonen
gehen über in laute und schrille Bereiche,
Brüche, Schnitte, Melodien, Harmonien und
Disharmonien. So kann der Weg durch die
Filmgeschichte auch zu einem Weg durch das menschliche Bewusstsein werden." (Hans Dieter Schaal)
Zur Inszenierung einer Filmausstellung gehören Raumkompositionen, visuelle
Installationen, Licht, Farbe (bei Hans Dieter Schaal:
Weiß, Schwarz, Grau in allen Abstufungen),
Töne, Schriften, Wegführung, Wände, Bauten in
verschiedenen Materialien, Spiegel, Großfotos, hinterleuchtete Dias, Medieninstallationen,
Metaphorik, Atmosphäre, auch Vitrinen und
Exponate.
Zu einer Ausstellung gehört ein Katalog. Herausgegeben von Wolfgang Jacobsen, Hans Helmut Prinzler und Werner Sudendorf, erschien
er im Juli in der Nicolaischen Verlagsbuchhandlung. Seit September kann man sich davon überzeugen, dass die Ausstellung hält, was der
Katalog verspricht.
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