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Hans Helmut Prinzler
Der lange Weg zum Filmmuseum
Der Platz für das Filmmuseum der Deutschen Kinemathek war im Januar 1983 gefunden.
Bei einer Begehung der Reste des ehemaligen Hotels "Esplanade" in der Bellevuestraße
(Tiergarten), mit unmittelbarem Blick auf die Mauer
am Potsdamer Platz, entdecken der Kultursenator Volker Hassemer und Heinz Rathsack,
Vorstand der Kinemathek, den Reiz
denkmalsgeschützter Halbruinen in der Randlage Westberlins.
Grundstück und Gebäude gehören der
bundeseigenen Industrie-Verwaltungs-Gesellschaft (IVG),
mit der man wohl handelseinig werden sollte. Hassemer, ein Senator mit Visionen,
Rathsack, gleichzeitig Direktor der Deutschen Film-
und Fernsehakademie Berlin (DFFB), und Erika & Ulrich Gregor, Betreiber des "Arsenal"-Kinos
der "Freunde der Deutschen Kinemathek",
entscheiden sich schnell für das Esplanade als Ort
des seit längerer Zeit geplanten "Filmhauses".
Hier sollen die DFFB, das Arsenal und die Kinemathek mit dem Filmmuseum ihren Platz
finden. Zur 750-Jahr-Feier Berlins, 1987, könnte der
Bau bezugsfertig sein.
Aber es dauert schließlich alles ein
bisschen länger. Von der Entdeckung des Platzes bis
zur Eröffnung des Museums vergehen siebzehn
Jahre und acht Monate. In dieser Zeit wird
zunächst geplant, verhandelt, kalkuliert, auf politische
Entscheidungen gewartet und ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben, den Herman
Hertzberger aus Amsterdam gewinnt. Man hofft auf die Beteiligung des Bundes, und als sie ausbleibt, wird der Berliner Alleingang beschlossen
(Zuschuss: 40 Millionen DM). Zur 750-Jahr-Feier veranstaltet die Kinemathek immerhin eine
Filmausstellung im Esplanade, und Billy Wilder signiert anlässlich der Eröffnung einen
Grundstein für das Filmhaus. Ein Bauträger wird
gesucht, das Projekt im Herbst 1988 noch einmal vom
Abgeordnetenhaus beschlossen, neu kalkuliert, die Planung überarbeitet - bis im November
1989 die Mauer fällt. Plötzlich ist der Potsdamer
Platz keine Randlage mehr, sondern begehrtes
Terrain für internationale Investoren. Anke Martiny
hat inzwischen als Kultursenatorin die Nachfolge von Volker Hassemer angetreten.
Im Februar 1989 hatte das Land Berlin das Esplanade-Grundstück (rund 30.000 qm) von
der IVG erworben, im Juni 1991 verkauft das Land das Areal an den Sony-Konzern. Das
Filmhaus gerät dabei allerdings nicht in Vergessenheit.
Der Kaufvertrag enthält die Vereinbarung, dass
Sony auf dem Gelände neben anderen Gebäuden
als geldwerte Leistung ein Filmhaus mit 15.000 qm vermietbarer Fläche zu errichten und für 25
Jahre zu einem relativ günstigen Preis an das
Land zu vermieten hat. Der Hertzberger-Entwurf ist vom Tisch, es wird neu geplant.
Den Architektenwettbewerb gewinnt im August 1992 Helmut Jahn aus Chicago. In der
Jury sitzt neben dem Regierenden
Bürgermeister Eberhard Diepgen ein neuer Kultursenator:
Ulrich Roloff-Momin. Er vertritt auch die Interessen der künftigen Filmhausnutzer. Jahns
Entwurf ist mit Abstand der Beste, das Filmhaus
scheint gut platziert. In der Optimierungsphase des
Sony-Projekts werden dem Haus verschiedene Standorte zugewiesen, bis es seine endgültige
Position erreicht hat, eine bessere sogar als in der ersten Planung. Interne Bezeichnung: Gebäude B
1. Adresse: Potsdamer Straße 2. In die
Konzeption des Filmhauses ist 1993 ein vierter Nutzer
aufgenommen worden: die "Deutsche
Mediathek". Die Gründung dieses "Programm-Museums
für Hörfunk und Fernsehen" zieht sich über
Jahre hin, die gegenwärtigen Aussichten sind gut.
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George Hurrell, Marlene Dietrich
um 1937, Vintage Print
Filmmuseum Berlin - Deutsche Kinemathek
Marlene-Dietrich-Collection |
Immer wieder wird neu geplant und sparsamer kalkuliert. Jahns Architektur macht durch
ihre eigenwillige Geometrie und die inneren Versorgungskerne Vorgaben, denen sich die
Funktionen schwer anpassen lassen. Es gibt viele
Gespräche, auch Kontroversen, und natürlich
Kompromisse. Die Sitzungsprotokolle und die
jeweils neuen Entwürfe füllen dicke Aktenordner.
Damit das Museum in der Phase der Bauplanung nicht in Vergessenheit gerät, ediert die
Kinemathek gemeinsam mit dem Museumspädagogischen Dienst ein Buch: "Deutsche
Kinemathek - Das Filmmuseum" (Dietrich Reimer
Verlag 1994). Im Vorwort geht Ulrich Roloff-Momin von einer Vollendung des Filmhauses
spätestens 1998 aus und schreibt: "Berlin hat dann den
öf
fentlichen Ort, an dem mit Exponaten und Dokumenten sowie Veranstaltungen zur
deutschen und internationalen Filmgeschichte auch
heranwachsenden Generationen die Bedeutung des wichtigsten Mediums dieses Jahrhunderts
lebendig vor Augen geführt wird." Der Senator
hatte kurz zuvor entscheidenden Anteil am Erwerb
des größten Schatzes, den die Kinemathek hütet:
des Nachlasses von Marlene Dietrich, der 1993 mit Hilfe der Stiftung Deutsche Klassenlotterie
Berlin erworben wurde.
1995 übt die Kinemathek noch einmal
extern, wie ein Filmmuseum funktionieren könnte.
Im Martin-Gropius-Bau veranstaltet sie die 100-Jahre-Film-Ausstellung "Kino * Movie *
Cinéma". Ein Gang durch die deutsche und
internationale Filmgeschichte, durch 23 Themenräume,
gestaltet von dem Bühnenbildner und
Ausstellungsarchitekten Hans Dieter Schaal. Er ist auch
für die Inszenierung der Dauerausstellung des
Filmmuseums verantwortlich.
Parallel wird weiterhin für das Filmmuseum im Filmhaus am Potsdamer Platz geplant.
Im Oktober 1996 findet die Grundsteinlegung
für das Sony Center statt, im Februar 1997
unterschreibt der neue Kultursenator Peter
Radunski den Mietvertrag für das künftige Filmhaus,
im September 1998 wird Richtfest gefeiert. In der Info-Box am Potsdamer Platz kann man das
Haus im Modell und virtuell längst sehen, in der
Realität wächst es zur stattlichen Höhe von 39
Metern. Auf 60 Millionen DM beziffert der Investor Sony die Baukosten des Hauses, 32
Millionen DM sind zusätzlich für die speziellen
Innenausbauten der künftigen Nutzer aufzubringen,
der Bund beteiligt sich daran mit 13 Millionen.
Der Berliner Architekt Jakob Lehrecke betreut den Innenausbau. Die Übergabe des Hauses an
das Land Berlin verzögert sich bis Februar 2000.
Die gerade gewählte Kultursenatorin Christa
Thoben bleibt so kurz im Amt, dass sie vom
Filmhaus nur zur Kenntnis nimmt, wie wenig Vorsorge
ihr Vorgänger für die Finanzierung der dort
geplanten Aktivitäten getroffen hat.
"Filmhaus" steht nun in roten Lettern an
der Fassade. Im Untergeschoss präsentieren die
bei den "Arsenal"-Kinos (236 und 75 Plätze)
ihre Programme historischer, künstlerischer und
innovativer Filme. Das "Arsenal 2" soll
künftig auch Begleitvorführungen zu den
Ausstellungen des Museums anbieten. Im Erdgeschoss
befinden sich das Bistro "Billy Wilder's", der Museumsshop und das Foyer mit der Kasse des Museums. Im ersten Geschoss gibt es Räume
für Veranstaltungen und Sonderausstellungen
und das OnlineCenter für Informationen zu Film
und Fernsehen. Hinter der verschlossenen Fassade
der zweiten und dritten Etage verbirgt sich die
Dauerausstellung (1.500 qm). Im vierten Geschoss werden die Einrichtungen der Deutschen
Mediathek, im fünften die Bibliothek des
Filmmuseums untergebracht. Im sechsten Stock befinden sich die Geschäftsräume des Arsenals,
der Mediathek und des Ausstellungsbereichs, im siebten Stock werden die Sammlungen des
Filmmuseums Berlin verwahrt. Das achte und neunte Geschoss ist Produktions- und
Seminarbereich der Filmschule (DFFB).
In der näheren Umgebung liegen die Philharmonie, die Neue Nationalgalerie, die
Gemäldegalerie, die neue Staatsbibliothek, der
Martin-Gropius-Bau, das Abgeordnetenhaus, und auch die Internationalen Filmfestspiele haben hier ihren Platz gefunden. Zur unmittelbaren
Nachbarschaft gehören die Entertainment-Areale "Cine Star" (acht Kinos),
"CinemaxX" (19
Kinos), Imax (zwei), Music-Box, Musicaltheater.
Im September ist die Dauerausstellung des Filmmuseums in Anwesenheit des
Staatsministers für Kultur, Michael Naumann, und des
neuen Kultursenators Christoph Stölzl eröffnet
worden. So wird nach mehr als siebzehn Jahren eine Vision seines Vorvorvorvorvorgängers
endlich Wirklichkeit.
Fortsetzung
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Hans Helmut Prinzler ist Direktor des Filmmuseums
Berlin / Deutsche Kinemathek
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