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Kulturberichte 2/00: Fritz Bauer Institut: Cinematographie des Holocaust im Internet

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Ronny Loewy

Unter Federführung des Fritz Bauer Instituts arbeiten seit 1992 Filmarchivare, Filmhistoriker und Holocaust-Forscher zusammen mit Cinegraph, dem Hamburgischen Centrum für Filmforschung, dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main und dem Deutschen Filminstitut (DIF) in Frankfurt am Main an der Erschließung und Dokumentation von Filmen zum Holocaust. Im Rahmen des Projekts "Cinematographie des Holocaust" entsteht eine Datenbank mit Informationen zu Filmdokumenten. 

Eichmann-Prozeß - Foto: Pressebilderdienst Kindermann, Berlin

Prozess gegen den ehemaligen
SS-Obersturmbannführer 
Adolf Eichmann in Jerusalem
Verlesung der Anklageschrift
aus: Eichmann und das Dritte Reich
Regie: Erwin Leiser

Ab November 2000 wird ein erster, umfangreicher Datenbestand der "Cinematographie" im Internet zugänglich sein. Damit steht der Öffentlichkeit ein Informationssystem zur Verfügung, das alle für filmgeschichtliche und zeitgeschichtliche Forschungen relevanten filmografischen Informationen und Aspekte erfasst: Dies schließt auch die Verzeichnung bzw. Sicherung rezeptionsgeschichtlich bedeutsamer Quellen ein, Informationen zur Kopien- und Aufführungsgeschichte, Filmkritiken, Propagandamaterial, Stills, pädagogische Handreichungen, Zensurunterlagen etc.

Der Internet-Filmkatalog ist sehr einfach zu navigieren. Auf die in Deutsch und Englisch erschlossenen Filme kann über Schlagwörter, ein Personenregister oder die Filmtitelliste zugegangen werden. Beim Durchsuchen der Datenbank hilft ein Thesaurus, der dem Schlagwortverzeichnis zugrunde liegt. Eine Freitextsuche ermöglicht den Zugriff auf gesuchte Daten in den ausführlichen Filmbeschreibungen.

Die "Cinematographie des Holocaust" richtet sich sowohl an ein interessiertes Publikum allgemein wie auch spezifisch an Wissenschaftler (Zeitgeschichte, Kunstgeschichte, Filmgeschichte, Filmwissenschaft, Literaturwissenschaft, Psychologie, Holocaust Studies), Filmemacher und Fernsehjournalisten, Publizisten, Pädagogen und Künstler.

Bedeutung einer "Cinematographie des Holocaust"

Die wachsende Verbreitung der Bildspeichermedien erhöht zunehmend die gesellschaftliche Bedeutung visueller Quellen. Besonders im Bereich der Zeitgeschichte ist eine prekäre Situation entstanden, da die Geschichtswissenschaft bisher schriftgebundenen Dokumenten Vorrang eingeräumt hat. Es besteht deshalb erheblicher Nachholbedarf für die Aufarbeitung der kinematographischen Überlieferung und ihrer Bedeutung, sowohl für den Geschichtsprozess selbst, wie auch für die Formung des Geschichtsbewusstseins. Im Vergleich zu schriftlichen Quellen bieten die Bildquellen durch ihren scheinbar authentischen Charakter erhebliche pädagogische Chancen. Sie bergen aber aus demselben Grund auch Risiken und Probleme, die es zum Gegenstand rezeptionstheoretischer und quellenkritischer Forschung zu machen gilt.

Mit der Etablierung des Projekts "Cinematographie des Holocaust" in der deutschen Archivlandschaft und durch die internationale Struktur des Arbeitskreises wird dem Umstand Rechnung getragen, dass in Deutschland eine gezielte und auf die Singularität des Holocaust bezogene Archivierung, Erschließung und Datenerhebung von Filmdokumenten der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik nicht stattgefunden hat. Die Gründe dafür hängen mit den spezifischen Problemen der politischen Auseinandersetzung Nachkriegsdeutschlands mit den nationalsozialistischen Massenverbrechen zusammen. 

Hanna Schygulla und Robert Dietl - Foto: Filmverlag der Autoren

Hanna Schygulla und Robert Dietl
in: "Abrahams Gold" (1989)
Regie: Jörg Graser

Dazu zählen nicht nur gesellschaftliche Verdrängungsmechanismen, sondern auch die realen historischen Erfahrungen der Tätergesellschaft mit einem arbeitsteiligen und in sich höchst widersprüchlichen Prozess, der zur weitgehenden Auslöschung des europäischen Judentums geführt hat. Die Breite des zu erhebenden Datenmaterials resultiert aus der Notwendigkeit, die Ursachen und Wirkungen dieses Prozesses in der deutschen Gesellschaft, den Aufnahmeländern der Überlebenden und der Staatengemeinschaft überhaupt in ihrer Komplexität wahrzunehmen. So erschließt sich der Zivilisationsbruch durch den Holocaust aus der Perspektive einer auf die Sicht der Täter bezogenen Historiographie notwendigerweise fragmentarisch und in Kontexte eingebettet, die in der universalisierenden Perspektive der Opfer auf den Holocaust als Verbrechen gegen die Menschheit nicht aufgehen.

Es wird deutlich, dass eine "Cinematographie des Holocaust" auf eine Quellenvielfalt verwiesen ist, die nur durch internationale Kooperation erschlossen werden kann. Wenn vom Holocaust gleich einem Fokus die Rede ist, so ist mit diesem Begriff keine Begrenzung der Dokumentationsbreite zu verstehen, sondern ein thematischer und interpretatorischer Bezugspunkt für die Fülle des in Frage kommenden Materials. Er verweist darauf, dass neben der antisemitischen Vernichtungspolitik gegen das europäische Judentum auch andere Opfergruppen von nationalsozialistischen Massenverbrechen betroffen waren. Der Völkermord an den Sinti und Roma, die Versklavung "slawischer Völker", die nationalsozialistischen Krankenmorde wie auch die Ausbeutung der Zwangsarbeiter sollen daher ausdrücklich mit in die Dokumentation aufgenommen werden.

Materialkorpus der Filme

Aus dem Bestand überlieferter Filme des US-Army Signal Corps sowie anderer Filmdokumente der Alliierten soll eine umfangreiche Auswahl von Filmen erschlossen und dokumentiert werden. Diese Filme, welche die Befreiung der Vernichtungslager durch die alliierten Soldaten begleiten und das Leben von Holocaust-Überlebenden in den DP Camps schildern, bilden einen Fokus des Projekts. Einige dieser Filme sind von bekannten amerikanischen Filmregisseuren gedreht worden, wie z.B. die Befreiung des KZ Dachau von George Stevens.

In der Erschließung spielen Filmdokumente aus deutscher Produktion von vor 1945 eine zentrale Rolle: jene Dokumente aus "erster Hand", wie "Judenexekution in Libau" (1941) oder "Die Zusammenlegung der letzten Juden aus Dresden in das Lager am Hellerberg" (1942), aber auch Propagandafilme, wie "Der ewige Jude" (1940 D/Fritz Hippler), "Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet" (1944 D/Kurt Gerron).

 Dokumentarfilme nach 1945. Während sich die unterschiedlichen Spielfilmgenres eher zögerlich dem Holocaust als Thema zuwandten, spielten von 1945 an unterschiedlichste Dokumentarfilmformen eine erhebliche Rolle bei der Rezeption der Verbrechen, von den Wochenschauen, Fundraiser- und Reeducation-Filmen, bis zu Meisterwerken wie Claude Lanzmanns "Shoah" und einer sprunghaft wachsenden Zahl von TV-Reportagen.

Ca. 150 Antinazifilme, jene amerikanischen Spielfilme zum Thema, die von 1939-1945 produziert wurden, werden derzeit erschlossen. Eine Reihe weiterer "antifaschistischer" Spielfilme aus der Produktion der UdSSR der 30er- und 40er-Jahre werden hinzukommen.

Spielfilme nach 1945. In zahlreichen Filmen hat das amerikanische, europäische und israelische Kino den Holocaust thematisiert. Diese Filme sollen die Breite und die Kontinuität der Auseinandersetzung, vor allem aber auch die sich im Zeitverlauf verändernden Zugänge zum Thema (Stichwort: Fiktionalisierung) dokumentieren.

Nicht erst seitdem die "Shoah Foundation" in großem Umfang Zeitzeugeninterviews produziert, haben Opfer und Täter vor der Kamera ihre Erinnerungen im Zusammenhang des Holocaust mitgeteilt. Eine Auswahl von Zeitzeugeninterviews ist Gegenstand des Projekts, sowohl im Hinblick auf die Inhalte mitgeteilter Erinnerungen, wie auf die Formen der audiovisuellen Darstellungen sprachlich mitgeteilter Erinnerungen. 

Zentralbestand englischsprachiger Filme zum Holocaust

Seit Juni 1999 kann dieses Projekt mit Unterstützung der Hoechst AG seinen ehrgeizigen Zielen wieder ein großes Stück näher kommen. Es waren vor allem die Filme des US-Army Signal Corps, die unmittelbar nach der Befreiung den Kernbestand von Filmbildern zur Darstellung der Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten bildeten. Vor allem die Kompilationsfilme, aber auch jene zahlreichen Dokumentarfilme, die die Berichte von Zeitzeugen filmisch bearbeiten, sogar die Filmsprache von Spielfilmen, wie es sich beispielsweise an "Schindler's List" nachweisen lässt, bezogen sich immer wieder direkt oder indirekt auf jene Aufnahmen, die die Alliierten 1945 in Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau u. a. gemacht hatten, während die Aufnahmen russischer Kameraleute in Auschwitz (zum Teil einige Wochen nach der Befreiung gefilmt) erst zeitverzögert Eingang in das filmische Gedächtnis fanden. 

Maria Schrader und Dani Levy - Foto: X Filme Creative Pool GmbH

Maria Schrader und Dani Levy
in: "Meschugge" (1999)
Regie: Dani Levy

Das Teilprojekt ermöglicht es, einen Zentralbestand jener Dokumentar- und Spielfilme, die von 1945 bis heute im englischsprachigen Raum produziert worden sind, zu erschließen. An diesem Bestand wird die - sowohl für die Holocaust-Forschung wie für die Filmgeschichtsschreibung - bemerkenswerte Nachhaltigkeit von Filmbildern zum Holocaust in repräsentativer Weise nachvollziehbar. Die Bedeutung des Holocaust und seiner filmischen Zeugnisse für die kulturellen Gedächtnisse seit 1945 bildet darüber hinaus einen wichtigen Faktor auch innerhalb der unterschiedlichen historiographischen und moralischen Deutungen der Geschichte und ihrer Wirkung auf die Gegenwart, wie auch für die unterschiedlichsten literarischen und künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust. 

Die Durchführung des Projekts mit Unterstützung der Hoechst AG wird vom Fritz Bauer Institut in Kooperation mit dem Historiker Peter Hayes (Northwestern University, Chicago) und dem Deutschen Filmmuseum Frankfurt am Main durchgeführt und findet im Rahmen des Gesamtprojekts "Cinematographie des Holocaust" statt. Die Ergebnisse des geförderten Projekts und deren Aufbereitung für eine Konfiguration im Internet wurden im Rahmen der internationalen Konferenz "Lessons and Legacies" in der Northwestern University in Chicago vom 17.-20. November 2000 öffentlich vorgestellt.

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Ronny Loewy ist Mitarbeiter des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt a.M. und Betreuer des Projektes "Cinematographie des Holocaust" im Internet

Dokumentarfilme aus der DDR

Seit Januar dieses Jahres fördert die DEFA-Stiftung ein weiteres Teilprojekt unter der Themenstellung "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden 1933-1945 als Thema in DEFA-Filmen und anderen deutschen Filmproduktionen" und damit die inhaltliche und formale Erschließung von ca. 80 Dokumentarfilmen aus der DDR zum Thema.

Jahrestagungen

Seit 1992 veranstaltet die Arbeitsgruppe "Cinematographie des Holocaust" Jahrestagungen mit internationalen Teilnehmern, die jeweils von den verschiedenen Mitgliedern der Arbeitsgruppe ausgerichtet werden. Schwerpunkthemen bisheriger Tagungen waren u. a. "Antisemitische Bilder - Antisemitismus im Bild"; "Home Movies and the Jewish Experience. Am Beispiel der Filmsammlung Lisa Lewenz, New York", "Die Vergangenheit in der Gegenwart. Konfrontationen mit dem Holocaust in den Spielfilmen der deutschen Nachkriegsgesellschaft in Ost und West". Die nächste Jahrestagung findet vom 18.-20. Januar 2001 in Hamburg statt zum Thema "Trivialisierung und Popularisierung des Holocaust in Film und Fernsehen".

 

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