Zur AsKI-Jahresausstellung 2000 "Rückkehr in die
Fremde? Remigranten und Rundfunk in Deutschland 1945 bis 1955"
Ansgar Diller
Fritz Eberhard gehörte zu den führenden
Köpfen der ab 1945 nach Deutschland
zurückgekehrten Politiker und Publizisten, die sich für
den Wiederaufbau der Demokratie im zerstörten
Land einsetzten. Aus diesem Grund nimmt er in der AsKI-Jahresausstellung, erarbeitet von der
Stiftung Deutsches Rundfunkarchiv Frankfurt am Main - Potsdam-Babelsberg in Kooperation
mit der Stiftung Archiv der Akademie der
Künste Berlin und dem Arbeitskreis selbständiger
Kultur-Institute e.V. - AsKI - Bonn einen hervorgehobenen Platz ein. Da in Ausstellung und
Begleitband sein Wirken nur knapp gewürdigt
werden kann, soll im Folgenden etwas näher auf
seinen Lebensweg in Kaiserreich und Weimarer Republik, in Drittem Reich und Emigration,
in Besatzungszeit und Bundesrepublik eingegangen werden.
Fritz Eberhard, als Helmut von Rauschenplat am 2. Oktober 1896 in Dresden geboren,
schloss sich nach seinem Studium der
Staatswissenschaften, das er für drei Jahre Kriegsdienst
während des Ersten Weltkriegs unterbrechen musste,
und anschließender Promotion 1921 dem
Internationalen Jugend-Bund - einem linken Flügel
der bündischen Jugendbewegung - an, war von
1922 bis 1924 Mitglied der SPD und Funktionär
der Jungsozialisten. Von 1924 an arbeitete er als
Lehrer für Wirtschaftspolitik, wurde 1926 Ortsgruppenvorsitzender des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes (ISK), der sich an
"elitären antidemokratischen
Führerschaftsprinzipien" und dem Ziel einer "Erziehungsdiktatur (...),
die keiner Fremdkontrolle unterliegen dürfe"
(Karl-Heinz Klär) orientierte, und war von 1932 bis
zu deren Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahr darauf Wirtschaftsredakteur der
ISK-Zeitung "Der Funke".
Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und ein Haftbefehl gegen ihn
zwangen v. Rauschenplat in die Illegalität, in der er
unter vielen anderen auch seinen späteren Namen
Fritz Eberhard als Deckname benutzte. Er wurde
1934 Reichsleiter des ISK, baute das konspirative
politische Netzwerk einer unabhängigen
sozialistischen Gewerkschaft auf, veranstaltete
Schulungskurse und sorgte für die Verteilung heimlich
aus dem Ausland eingeschmuggelter Schriften. Trotzdem fand er noch Zeit unter einem
weiteren Pseudonym, Fritz Bergmann, von Sommer 1933 bis Ende 1936 mehr als 160 Artikel für
die "Stuttgarter Sonntagszeitung" zu schreiben.
Als die Zeitung 1937 verboten wurde und die Gestapo den ISK-Widerstand zu zerschlagen
begann, floh Eberhard über Zürich und Paris nach
London.
In der britischen Hauptstadt trennte sich Eberhard von der Exil-ISK, da die Organisation
direkte Widerstandsaktionen im Reich ablehnte. Stattdessen suchte er den Kontakt zur Union
deutscher sozialistischer Organisationen in
Großbritannien, in der sich Sozialdemokraten, Sozialisten und Gewerkschafter zu einer
gemeinsamen Kampffront zusammengeschlossen hatten. In
dieser Zeit erhielt Eberhard nicht nur die Chance, bei Sendungen des Deutschen Dienstes der
BBC mitzuwirken, sondern er publizierte - noch unter seinem Ursprungsnamen - Streitschriften gegen das Dritte Reich, wie das gemeinsam
mit Hilda Monte, seiner damaligen
Lebensgefährtin, verfasste Buch "How to Conquer Hitler. A
Plan of Economic and Moral Warfare on the Nazi Home Front" (London: 1940). Von 1940 bis
1942 betätigte sich Eberhard schließlich als
Redakteur und Sprecher des "Senders der Europäischen
Revolution", der auf Initiative von Mitgliedern
der sozialistischen Gruppe "Neu Beginnen"
zurückging.
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Presseausweis für Fritz Eberhard
Dezember 1946
Archiv der sozialen Demokratie
der Friedrich-Ebert-Stiftung e. V.
Nachlass Fritz Eberhard
Nr. 225 B (Vorder- und Rückseite) |
Obwohl Planung, Leitung und
Überwachung in der Hand britischer Geheimdienstmitarbeiter lagen, gestanden diese ihren
deutschen Redakteuren und Kommentatoren unter
Leitung von Waldemar von Knoeringen einen großen
politischen und journalistischen Freiraum zu. Neben Nachrichten, Kommentaren, Berichten
und Analysen zur politischen, militärischen und
sozialen Lage im Dritten Reich wurden in der
Spätphase auch Aufrufe zum Widerstand mit
detaillierten Anweisungen zu Sabotageakten ausgestrahlt. Die Sendungen propagierten nicht nur
den Sturz Hitlers, sie setzten sich auch für ein
geeintes Europa unter Führung der Arbeiterklasse
ein. Der "Sender der europäischen Revolution"
fiel zwar der veränderten britischen
Deutschlandpolitik zum Opfer, die keinen Unterschied
mehr zwischen Nazis und Deutschen zuließ,
dennoch tolerierten die Briten weiterhin Eberhards
propagandistisch-publizistische Tätigkeit, sowie
die anderer Emigranten. Eberhard redigierte sogar die Rubrik "Wege zum neuen Deutschland"
in der deutschsprachigen "Zeitung", die mit
Unterstützung der britischen Regierung erschien.
Hier publizierte er auch sein Plädoyer, dass die
von ihm als "Retorte" bezeichnete Emigration die
moralische Pflicht habe, "von den Möglichkeiten
ruhigen Nachdenkens und Diskutierens zur Vorbereitung der Zukunft Gebrauch zu machen".
Eberhard gehörte zu den ersten Emigranten, die nach Deutschland zurückkehrten: Im
Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes sollte er
über die soziale, politische und wirtschaftliche
Lage in Deutschland Informationen sammeln. Nicht nur sein Widerstand gegen das Dritte
Reich machte ihn und andere für den Geheimdienst
interessant, in den Emigrationsjahren hatte er zudem Vorstellungen für ein
Nachkriegsdeutschland entwickelt, die zwischen dem Hoffen
auf eine revolutionäre Situation und der
resignierenden Feststellung schwankten, dass "die
Chancen für den Beginn eines primitiven
Wiederaufbaues geringer sein werden, als wir uns heute
denken können". Anfang Mai 1945 kam
Eberhard in Stuttgart an, traf jedoch nicht auf die
Amerikaner als Besatzungsmacht, sondern zunächst
auf die Franzosen, die über seinen Auftrag nicht
unterrichtet waren. Er trat der
wiedergegründeten SPD bei, für die er bei den ersten
Landtagswahlen nach dem Krieg 1946 in das Stuttgarter
Landesparlament gewählt wurde.
Noch vor seinem erneuten politischen Engagement hatte Eberhard begonnen sich neben
seiner Berichterstattung für den amerikanischen
Geheimdienst publizistisch zu betätigen:
Zeitungen entsandten ihn als Korrespondenten zu den
Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher nach Nürnberg, und Radio Stuttgart
- inzwischen
unter amerikanischer Leitung - engagierte ihn als "Programmberater". Aus der Radiostation
wollte er "ein Instrument zur Umorientierung
machen (um das Wort Umerziehung zu vermeiden)",
wie er darlegte, und nutzte dafür die Reihen "Echo des Tages" und die "Radiowochenschauen",
in denen er viele internationale Themen behandelte.
Anstelle von Vorträgen zog er
Diskussionen vor und steuerte Wochenkritiken und
Kommentare bei - im deutschen Rundfunk bisher unbekannte Programmelemente. Die Art, wie er
seine Vorstellungen umsetzte, ging auf die Erfahrungen der Exilzeit zurück, die er nun als
Remigrant den in Deutschland verbliebenen Journalistenkollegen vermitteln wollte. Von den
elitären undemokratischen Vorstellungen des
Internationalen Sozialistischen Kampfbundes zurzeit der Weimarer Republik hatte er sich
abgewandt und vertrat nunmehr die während der Exilzeit in Großbritannien erlebten und in
den sozialistischen Gruppierungen herausgearbeiteten Prinzipien der parlamentarischen
Demokratie. Es "zeigt sich deutlich, dass er ebenso
wie andere Remigranten in vielen Fällen eine
in Deutschland bis 1945 unbekannte oder durch den Nationalsozialismus zerstörte
politische Kultur im geistigen Gepäck mitbrachte und
damit die überfälligen
Modernisierungsprozesse förderte." (Irene Stuiber).
Nachdem die Amerikaner Eberhard zunächst sehr protegiert hatten, ließen sie ihn im
Frühjahr 1946 fallen und ernannten ihn nicht - wie
erwogen - zum deutschen Leiter von Radio
Stuttgart. Formal wurden Abstimmungsprobleme
innerhalb der amerikanischen Militärregierung dafür
angegeben, verbunden mit dem Vorwurf, er stehe nicht loyal zum (neuen) amerikanischen Chef
des Senders, was auf sein allzu selbständiges
Auftreten hindeutet.
Eberhard widmete sich danach wieder mehr der Politik. Ab Anfang 1947 leitete er als
Staatssekretär das Deutsche Büro für Friedensfragen - eine Art Vorläufer des späteren
Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland - und wurde 1948 Mitglied des Parlamentarischen
Rats, in dem es ihm gelang, das Grundrecht auf
Kriegsdienstverweigerung im Grundgesetz festschreiben zu lassen. Von September 1949 bis
August 1958 amtierte er als Intendant des
Süddeutschen Rundfunks, engagierte sich kompromisslos
für die Unabhängigkeit des
öffentlich-rechtlichen Mediums gegen die Bevormundungsversuche
der Politik, trat für die Auseinandersetzung mit
dem Nationalsozialismus ein und warnte vor Militarismus sowie Kommunismus; diese
Sendungen lösten zahlreiche kontroverse Diskussionen
aus. Von den Konservativen als "linker" Intendant
angegriffen, bot auch seine Exil-Vergangenheit Zündstoff, vor allem einige Passagen aus
dem Buch "How to Conquer Hitler". Von 1961
bis 1968 wirkte Eberhard als Direktor des
Instituts für Publizistik an der Freien Universität
Berlin, wo er noch das Aufbegehren der Studenten
gegen die tradierten gesellschaftlichen Strukturen und Verhaltensweisen erlebte. Eberhard starb
am 29. März 1982 in Berlin.