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Michael Knoche
Die Vorgeschichte der Bibliothek reicht bis ins
16. Jahrhundert zurück; doch gilt als eigentlicher Gründungsakt die Anweisung des
Herzogs Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar
(1662-1728) aus dem Jahr 1691, die fürstliche
Büchersammlung zu ordnen und zu verzeichnen. Von da
an wurde die Bibliothek, die zunächst im
Weimarer Residenzschloss untergebracht war,
zielgerichtet vermehrt und verwaltet. Eine größere
öffentliche Wirkung konnte sie jedoch erst in
einem eigenen Gebäude entfalten, das ab 1766 zur
Verfügung stand: Herzogin Anna Amalia (1739-1807) ließ das "Grüne Schlößchen" aus
dem 16. Jahrhundert als Bibliothek umbauen. Der Rokokosaal mit seinen Büchern und
Landkarten, Büsten und Bildern bildet das Herzstück des Baus.
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Herzogin Anna Amalia Bibliothek
Rokokosaal
Stiftung Weimarer Klassik
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Von 1797 bis 1832 stand die Bibliothek unter Goethes Oberleitung. Er gab ihr eine
moderne Bibliotheksordnung, sorgte für den
systematischen Ausbau der Bestände und legte den
Grund für den Aufschwung der Bibliothek, die mit
einem Bestand von damals 80.000 Bänden zu den bedeutendsten Sammlungen in Deutschland
zählte. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts
setzte eine Phase der Musealisierung ein. Im Jahr 1919 erhielt die Großherzogliche Bibliothek
den Namen Thüringische Landesbibliothek und
sollte im neu gebildeten Freistaat auch volksbildnerische Aufgaben erfüllen. 1969 wurde sie
mit der kleineren Institutsbibliothek der
Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten vereinigt
und übernahm deren Namen: "Zentralbibliothek
der deutschen Klassik". Von diesem Zeitpunkt an
hat sie sich auf das Spezialgebiet Deutsche
Literatur der Periode 1750 bis 1850 konzentriert und
die Funktionen einer Regionalbibliothek
allmählich aufgegeben. Seit 1991, dem 300-jährigen Bibliotheksjubiläum, nennt sie sich zu Ehren ihrer
wichtigsten Patronin "Herzogin Anna Amalia Bibliothek". Die Bibliothek will als
Forschungsbibliothek für Literatur- und
Kulturgeschichte umfassend günstige Bedingungen für die
Arbeit mit Quellenliteratur herstellen.
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Johannes Schöner, Himmelsglobus (vor 1534)
Herzogin Anna Amalia Bibliothek
Stiftung Weimarer Klassik
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Unter den historischen Beständen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek nehmen die
Quellenbestände aus dem Zeitraum 1750 bis 1850
quantitativ und qualitativ einen besonderen Rang
ein. Einen unersetzbaren Wert hat die
Privatbibliothek Goethes (5.424 Bände), die von der
Herzogin Anna Amalia Bibliothek verwaltet wird, aber
im historischen Wohnhaus am Frauenplan aufgestellt bleibt. Dort werden auch die Reste
der Privatbibliothek Schillers (486 Bände)
aufbewahrt. Die Bibliothek der Familie von Arnim (4.800 Bände) bildet im Bibliotheksbereich
des Stadtschlosses eine geschlossene Sammlung. Von den großen deutschen Autoren der
Aufklärung, Klassik, Romantik und des Vormärz fehlt in
den
Beständen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek kaum eine Originalausgabe. Auch die
ausländische Dichtung der Zeit ist an dem Ort, wo
Goethe sein Konzept der "Weltliteratur"
ausprägte, breit vertreten. Das gilt insbesondere für die
französische Literatur. Darüber hinaus sind die
Werke der Wissenschaften jener Zeit in
repräsentativer Auswahl gesammelt worden: von den
Künsten über die Rechtsgeschichte bis zur Botanik
und Militärwissenschaft. Einen besonders
dichten Bestand bilden die Almanache, Kalender und Taschenbücher der Zeit 1750 bis 1850, eine
Literaturgattung, die nur von wenigen Bibliotheken systematisch gesammelt wurde, obwohl
sie Publikationsort zahlreicher
Erstveröffentlichungen literarischer Texte war.
In der Zeit der Oberaufsicht Goethes wurden insbesondere die mittelalterlichen
Handschriften um wichtige Stücke ergänzt (z. B. durch
die Biblia Pauperum aus dem Erfurter Petrikloster um 1340, orientalische Handschriften),
die Schriften zur Reformationszeit und die Barockliteratur, die wertvolle Kartensammlung (z.
B. um die beiden Weltkarten von Diego Ribeiro 1527 und 1529) sowie die Literatur aus und
über Italien (vor allem durch den Nachlass
Anna Amalias). An Quellenwerken aus der Zeit 1450 bis 1750 besitzt die Bibliothek mehr als
100.000 Drucke. Dieser "vorgoethesche" Bestand
mit europäischem Profil hat die zusätzliche
Bedeutung, dass er eine wichtige geistige
Rüstkammer der Weimarer Autoren gewesen ist. Es sind
die Druckwerke, mit denen Wieland, Goethe, Herder und Schiller gearbeitet haben und die
Goethe verwaltet und ergänzt hat.
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Aus dem Journal des Luxus der Moden, Bd. 14
(1799), Kupfertafel: 14
Herzogin Anna Amalia Bibliothek
Stiftung Weimarer Klassik
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Aus der Zeit nach 1850 sind die geschlossen aufgestellten (und um die internationale
Forschungsliteratur ergänzten)
Privatbibliotheken Liszts und Nietzsches hervorzuheben.
Insbesondere die 775 aus dem Nachlass des
Philosophen überlieferten Bücher stoßen auf großes
Interesse der Wissenschaftler, weil
Rezeptionsspuren Nietzsches (Anstreichungen,
Randkommentare) vielfach nachweisbar sind und Aufschluss
über die geistigen Quellen seines Werks geben.
Die Sammlung Haar enthält bibliophile Drucke
aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts (darunter
fast alle Werke aus der Cranach-Presse, die Harry Graf Keßler zwischen 1903 und 1931 in
Weimar geleitet hat). Besonders wertvoll sind
außerdem die Buchbestände der Goethe-Gesellschaft
und die Bibliothek der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft. Mit 13.000 Titeln beherbergt die
Herzogin Anna Amalia Bibliothek auch die weltweit umfangreichste Sammlung zum Thema
Faust. Breiter als in anderen wissenschaftlichen
Bibliotheken wurde die schöne Literatur
gesammelt, so dass sich z. B. die Erstausgaben expressionistischer Lyriker, die Romane Thomas Manns,
die Dramen Heiner Müllers oder die Gedichte
Durs Grünbeins im Bestand befinden.
Die Bibliothek verfügt heute über einen
Benutzer-Lesesaal im Hauptgebäude und
einen zweiten Arbeitsraum im Stadtschloss. Die
Buchmagazine sind auf fünf Standorte in der
Stadt verteilt. Im Hauptgebäude befindet sich nur
noch 20 Prozent des Gesamtbestandes. Die Stiftung Weimarer Klassik plant, das Grüne Schloß,
das dringend sanierungsbedürftig ist, zu
restaurieren und an einem zweiten Standort, dem so
genannten Gelben und Roten Schloß in
unmittelbarer Nähe, die Buchbestände der Bibliothek
zusammenzuführen und moderne Lesesäle für die
wissenschaftlichen Benutzer einzurichten. Aufgrund eines europaweiten Wettbewerbs hat die
Architektengemeinschaft
Barz-Malfatti/Rittmannsperger/Schmitz aus Weimar/Erfurt im Mai 2000
den Planungsauftrag erhalten.
Die Herzogin Anna Amalia Bibliothek ist eine der wenigen aktiven Bibliotheken, die
Denkmalwert haben und besichtigt werden können.
Im Kulturstadtjahr 1999 wollten etwa 250.000 Menschen die Bibliothek besuchen, nur 10
Prozent jedoch fanden Einlass, weil eine strenge
Limitierung der Besucherzahl aufgrund des
gefährdeten baulichen Zustands nicht zu vermeiden
war.
Legende der Heiligen Elisabeth von Franz Liszt
Titelblatt
Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Stiftung Weimarer Klassik
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Dr. Michael Knoche ist Direktor der Herzogin
Anna Amalia Bibliothek, Stiftung Weimarer Klassik |
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