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Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum Hannover /
Deutsches Museum für Karikatur und kritische Grafik
Hans Joachim Neyer
Wenn das Leiden überhand nimmt, sattle ich mein Pferd und verschwinde
im Wald, ... sprachlos wie das Begehren, sprachlos wie ich, denn ich bin nicht der lustige
Herr, den ihr kennt. ... Meine Seele ist in meinem Körper eingesperrt wie ein
ausgehungerter Tiger in einem eisernen Käfig, und meine schrecklichen Leidenschaften
heulen wie er. Die Menschen kommen mir so klein und armselig vor, ohne jegliche Größe,
Handlungsreisende in ihrer ärmlichen Sinnlichkeit. Ich wurde geboren mit einem Hang zu
all dem, was auf eine mächtige Art mit den heidnischen Kulten zusammenhängt. ... Alles,
wovor die Menschen mit ihrem kleinen körperlichen Verlangen und ihrer Angst vor
unaussprechbaren Liebkosungen zurückschrecken, schien mir seit meiner frühesten Jugend
einfach, natürlich und schön. Ein Mann, der dem Körper seiner Geliebten alle
Entrückungen schenkt, die sein Mund nur zu erfinden vermag; zwei Frauen, die sich
gegenseitig mit Küssen bedecken - ich hielt dies auf Erden schon immer für das
Schönste, was eine Feder oder ein Bleistift zu feiern vermögen. Daher auch mein Haß auf
die Dummköpfe und daher auch diese Kunst, die niemand mit mir zu realisieren wagte."
(Félicien Rops)

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Félicien Rops, Pornokratès, 1878
Aquarell und Pastell
mit Gouache gehöht, auf Papier
Collection de la Communauté
Française de Belgique |
Der belgische Künstler Félicien Rops ist 1833 in Namur geboren und
stirbt 1898 in der Nähe von Paris. Aus Anlaß des hundertsten Todestags zeigte das
Wilhelm-Busch-Museum eine Ausstellung, in der mit 180 Exponaten ein Querschnitt seines
Oeuvres präsentiert wurde. Die letzte vergleichbare Ausstellung in Deutschland fand vor
zwanzig Jahren in der Düsseldorfer Kunsthalle statt. In Hannover waren zum ersten Mal
umfassend die politischen Karikaturen zu sehen und - eine Premiere in Deutschland - seine
Hundert lockeren, unprätentiösen Skizzen zur Unterhaltung ehrbarer Leute" (Cent
légers croquis sans prétention pour réjouir les honnêtes gens), die zwischen 1878
und 1881 entstanden sind. Es handelt sich um eine Comédie humaine in 114 Blättern, in
der die Frau des 19. Jahrhunderts im Mittelpunkt steht - la ropsienne - gerade so knapp
gekleidet, daß ihre Nacktheit um so schärfer hervorsticht.
Epater les bourgeois
Rops beginnt in den 1850er Jahren als politischer Karikaturist. Seine
bissigen Lithographien erscheinen im belgischen Charivari", im
Uylenspiegel", den er mit seinem Freund Charles de Coster gegründet hat und
den er selbst finanziert, und in anderen satirischen Blättern von Brüssel. Rops
kritisiert die politische Allianz aus konservativen Liberalen und ultramontanen
Katholiken. Er persifliert die verstaubte Salonkultur und Malerei der Hauptstadt. Aber
Rops wirft sich nicht opportunistisch dem von Frankreich kommenden Realismus in die Arme.
Brüssel ist der Zufluchtsort vieler bekannter Politiker und unbekannter Demokraten, die
nach dem Scheitern der 1848er Revolutionen in Warschau und Wien, Berlin und Frankfurt und
vor allem in Paris ihre Heimat verlassen. Rops trifft und hört sie alle, die Dichter Hugo
und Baudelaire, den Maler Courbet und die Politiker von Proudhon bis Marx.
1864 schreibt Baudelaire in sein Arbeitsheft Armes Belgien":
Die Kunst hat sich aus dem Land zurückgezogen. Es gibt keine Künstler, Rops
ausgenommen. Komposition - unbekannt. Die ästhetischen Vorstellungen fallen sehr grob
aus. Konzepte à la Courbet." Rops geht deutlich auf Distanz zu Courbet. Die
Ausstellung zeigte seine Interpretation des berühmten Begräbnisses von
Ornans" in einer satirischen wallonischen" Fassung. Rops kritisiert
Proudhon, den prominentesten Vertreter des kleinbürgerlichen Sozialismus, in der
Ausstellung war Pornokratès" zu sehen, die berüchtigte nackte Frau mit dem
Schwein am Band. Drei Jahre vor der Entstehung dieses Bildes thematisiert Proudhon den
Zusammenhang von Kapitalismus und Prostitution in der Schrift Über die
Prostitution". Statt Moral zu predigen wie Proudhon, kitzelt Rops die Wollust des
Voy-eurs und benennt dennoch die ehernen Bande, die Dirne und Freier zusammenhalten: Das
Schwein lockt mit einem goldenen Schwänzchen.
Es gibt einen riesigen Skandal, als das Bild 1887 in Belgien ausgestellt
wird. Vielen Menschen machst Du Angst" schreibt ein Freund, dem Rops
sinngemäß antwortet: Das erfreut meine Gefühle. Da gerät eine vollgefressene,
fette, reiche, befriedigte Bourgeoisie außer sich, weil sie mit ihren Ohren, die nicht
hören wollen, das Grollen der kommenden Gewitter und der Stürme des Volkes hört. In
zwanzig Jahren wird nichts mehr übrig sein von dieser Leichenschauhalle, von diesen
Lastern und den Triumphen des Besitzes."

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Félicien Rops, L'amour mouché",
1878-1881
Pastell, Gouache und Steinkreide
Musée provincial
Félicien Rops, Namur |
Rops trifft Baudelaire in Belgien. Der Pariser Dichter überarbeitet
hier radikal seine Blumen des Bösen", von dessen berauschendem Duft sich der
zwölf Jahre jüngere
Zeichner anstecken läßt. Rops zieht nach Paris, wo er die Bücher der
berühmtesten Schriftsteller illustriert: neben Baudelaire sind Mallarmé, Verlaine,
Barbey d´Aurevilly, Huysmans stellvertretend für viele andere zu nennen. Er ist der
gefragteste Illustrator, weil er genial die Gedanken der Künstler zeichnerisch auf den
Punkt bringt.
Rops revolutioniert die grafische Kunst. Er entwickelt Techniken, die
ihm erlauben, Vervielfältigung und Seltenheit, Reproduktion und Original, Radierung und
Malerei zu verbinden. Nach seinem ersten Aufenthalt 1862 in Paris, wo er die besten
Aquafortisten der Zeit kennenlernt, entwickelt er selbst die Ätztechnik in Form des
Vernis-mou-Verfahrens weiter: Statt eines harten Grundes wird dabei ein weicher Decklack,
eben der weiche Grund" auf eine Metallplatte aufgetragen. Rops integriert neue,
photomechanische Verfahren in seine Arbeit. Auf die bereits helio-gravierte Platte radiert
er neu am Blattrand seine Assoziationen des Themas, die Anmerkungen". Auf diese
Weise produziert er nicht nur quali-tativ hochwertige und damit hohe, lukrative Auflagen,
er zerschneidet auch immer wieder große Platten, um von Teilen eigenständige Blätter
abzuziehen.
Satansbrut
Künstlerisch fühlt sich Rops den Symbolisten verbunden, einer
vornehmlich literarischen Sammelbewegung von unabhängigen Künstlern, die erst nach der
Commune" stärker öffentlich auftritt. Durch die Betonung der Autonomie der
Symbole problematisieren die Schriftsteller die in der Alltagssprache vorherrschende
Eindeutigkeit der Sprache. In der Verschlüsselung der Sprache liegt für den Leser die
Freiheit der Mehrdeutigkeit. Die Symbolisten wehren sich dagegen, nur zur Propagierung
eines flachen bürgerlichen Fortschrittsoptimismus mißbraucht zu werden.
Vor allem der Satanismus" bekämpft die vorherrschende
Wissenschaftsgläubigkeit, den Szientismus, und den positivistischen Empirismus, der
gleichsam zur Staatsreligion" der Dritten Republik geworden ist. Für Huysmans
bedeutet der Satanismus, sich von der Banalität und Mittelmäßigkeit der bürgerlichen
Welt abzusetzen und eine Gegenwelt aufzubauen, die in verzerrender Negativprojektion
positive Neuansätze vorstellt. Der Verlust des Unbewußten wird für Huysmans in dem
problematischen Verhältnis der Geschlechter zueinander, in der Sexualität schlechthin
offensichtlich. Sozialpsychologisch betrachtet sind der Satanskult und die Schwarze Messe
- das per-vertierte Gegenstück zur christlichen Messe - Ausdruck des stark tabuisierten
sexuellen Lebens im 19. Jahrhundert, aber auch ein Zeichen einer unbefriedigten
Religiosität. In den poetischen Bildern Baudelaires finden die Ausgestoßenen der
bürgerlichen Gesellschaft, die Armen, die Verbrecher und Dirnen, nur bei Satan Erlösung.
Schon bei der Abfassung der Hundert lockeren Skizzen" hegt
Rops den Plan, einen Kontrapunkt gegen das erotische Paradies zu setzen, das er bisher
favorisierte. 1882 zeichnet er eine Serie, die den Kreuzweg Christi als Triumphzug Satans
darstellt. Über die Aussaat der Hexenbrut (»Satan semant l´ivraie«) und die
Entführung der Hexe (»L´enlèvement«) gelangt Rops zum Cal-varienberg (»Le
Calvaire«), wo der Hexensabbat stattfindet. Souverän bedient sich der Künstler des
gesamten Bildarchivs der abendländischen Kultur, um eine Welt zu komponieren, in der alle
Tabus gebrochen werden. Satan tritt an die Stelle des Gekreuzigten, und Maria Magdalena,
die Büßerin, verfällt mit Wonne wieder der Fleischeslust. Die Ur-Instinkte, die im
modernen Leben verdrängt werden, sind frei.

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Félicien Rops, Die Satanisten
Satan sät die Hexenbrut, 1882
Farbige Aquatinta
Musée provincial
Félicien Rops, Namur |
Das Ausgangsbild der Serie, die in Hannover vollständig zu sehen war,
zeigt den Grund der satanischen Handlung. Rops hat das Motiv des teuflischen Sämanns
schon 1867 dargestellt - ohne die Stadtansicht von Paris. 1882 ist diese deutlich
erkennbar. Joris-Karl Huysmans beschreibt ihre Topographie genau: In der Nacht über
dem schlafenden Paris nimmt ein ungeheurer Sämann den Himmel ein. Seine Füße in
schweren Holzschuhen treten auf die Dächer des rechten Seine-Ufers und die Turmspitzen
von Notre-Dame. Unter dem Bogen, den seine mageren Beine bilden, fließt die Seine weiß
wie Reiswasser, das der Mond glasiert, und seine Scheibe scheint wundgerieben vom
Wolkennebel."
Rops zeichnet das neue Paris - das sich nach 1855 und 1878 wieder auf
eine Weltausstellung vorbereitet, auf der der Eiffelturm als Kathedrale des technischen
Fortschritts gen Himmel ragen wird - als tote Stadt, über die der Mond sein fahles
Leichentuch ausbreitet. 1881/82 stellt der Republikaner Jules Ferry stolz die neueste
Errungenschaft der Dritten Republik vor: das Gesetz über die allgemeine, freie,
laizistische Schulpflicht". Die katholische Kirche unter dem mächtigen Bischof von
Paris, Louis Vuillot, entfacht einen wahren Religionskrieg. Beinahe täglich ruft »La
Croix«, die katholische Tageszeitung, zu neuen Aktionen gegen »La loi Ferry« auf.
Buß-prozessionen erregen die Gemüter der Menschen.
Bewußt provoziert Rops die ultramontane Kirche, um gleichzeitig zum
herrschenden Positivismus der Dritten Republik auf Distanz zu gehen. Das »Système de
politique positive« von Au-guste Comte ist die Bibel, mit deren Lehre gläubige Politiker
meinen, die gesellschaftlichen Probleme lösen zu können. So fordert Léon Bourgeois
(nomen est omen): Laßt uns politisch und sozial die Gesellschaft nach den Gesetzen
der Vernunft organisieren."
Conclusio
Man mußt ihn nicht politisch interpretieren. Rops selbst will niemanden
agitieren: Ich verabscheue das ganze große Publikum" schreibt er 1887 an einen
Freund, die Kunst hat nicht demokratisch, sozial, sozialistisch oder populär zu
sein. Im Gegensatz zu den Leuten, die glauben, daß ein Roman oder eine Skizze die Rettung
der Gesellschaft zur Mission hat oder die Aufklärung der Massen" meine ich,
daß die Kunst bei Strafe des Untergangs immer das eine war und sein wird: ein Druidismus.
Man müßte für zweihundert ausgewählte Augen in Europa ausstellen."
Rops folgt der Auffassung seines Freundes Mallarmé, daß der Künstler
elitär sein muß, aber er teilt auch dessen politische Motivation, die scheinbar den
künstlerischen Mitteln zuwiderläuft: Der Mensch kann Demokrat sein, der Künstler
sondert sich ab und muß Aristokrat sein" schreibt Mallarmé bereits 1862 in seiner
Schrift Die Kunst für alle" (L´art pour tous). Die Stunde, die jetzt
schlägt, ist ernst: die Bildung kommt ins Volk, große Doktrinen werden um sich greifen.
Macht, daß, wenn Popularisierung sein muß, eine der irdischen Güter kommt und nicht
eine Popularisierung der Kunst."
Ihn nicht politisch zu interpretieren setzt Rops gröbsten Verleumdungen
aus. Davor warnt man ihn schon zu Lebzeiten: Ach! bester Freund, sie müssen sich
darein fügen: für das Vulgum pecus, das in seinem Ungeschick Ihre machtvolle und
grausame Kunst kaum durchschaut, laufen Sie wohl Gefahr, niemals etwas anderes als ein
Pornograph zu sein, und ich rate Ihnen, dies ebenso fröhlich hinzunehmen wie wenn man Sie
Fély, den Infamen nennt..."
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Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog bei
Hatje/Cantz
erschienen: Félicien Rops. 1833-1898" (224 S., 121 überwiegend farbige Abb.,
58 DM)
Dr. Hans Joachim Neyer ist Direktor des Wilhelm-Busch-Museums, Hannover |
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