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Kulturberichte 1/99: Erinnerungen eines Zeitzeugen

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Guy Stern

[ ... ] Ich bin 1922 in Hildesheim geboren und verstehe mich als einen Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Kultur, der in ein Umfeld deutscher Sprache und Kultur hineingeboren wurde, und der die prägendsten Jahre seiner Kindheit und Jugend in diesem für ihn damals in keiner Weise kontroversen Ambiente verbracht hat. Allerdings nicht bis zum bitteren Ende. Andernfalls könnte ich heute mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht über meine Erinnerungen als Zeitzeuge zu Ihnen sprechen.

Die Erinnerungen sind meine Erinnerungen. Sie erheben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Sie sind individuell und darum selektiv, sie sind nicht bewertbar als gut oder schlecht, als richtig oder falsch, oder, diesem Anlaß hier entsprechend, als opportun oder nicht. Sie sind, wie sie sind.

Also, ich erinnere mich:

Meine Großeltern mütterlicherseits, in den 1860er Jahren geboren, hießen noch Rebekka und Israel, meine Mutter erhielt schon den Vornamen Hedwig und wir, ihre Kinder, hießen, in der Reihenfolge unserer Geburt, Günther (der bin ich), Werner und Lore. Auf den ersten Blick könnte man annehmen, daß es sich dabei um einen generationsabhängigen schroffen Umdenkungs- oder Anpassungsprozeß handele. Dem war nicht so. Mein Großvater ging zwar häufiger in die Synagoge als seine Tochter und sein Schwiegersohn, aber er war in seiner Heimatstadt Vlotho in Westfalen auch aktives Mitglied der „Freiwilligen Feuerwehr" und überhaupt ein so angesehener Bürger, daß ihm die Freiwillige Feuerwehr zu seiner Silberhochzeit ein Ständchen brachte und der Bürgermeister der Stadt bei seinem Begräbnis im Jahr 1928 die Traueransprache hielt. Als fünf- und sechsjähriger gelegentlicher Besucher meiner Großeltern sonnte ich mich im Ansehen der Familie, wenn der Bäckermeister Sturhahn beim Brötchenholen mit dem Finger auf mich zeigte und die anderen Kunden wissen ließ, daß ich einer der Silberberg-Enkel sei.

Nichts hätte damals unserem Bewußtsein ferner gelegen, als diese als selbstverständlich gelebte Wirklichkeit gedanklich in Verbindung zu bringen mit heute geläufigen, allerdings auch umstrittenen Abstraktionen wie „deutsch-jüdische Symbiose" oder „jüdische Integration ins deutsche Geistesleben". [ ... ]

So lange ich mich zurückbesinnen kann, haben wir selbstverständlich an allen jüdischen kulturellen Veranstaltungen teilgenommen. Das hinderte uns jedoch nicht an unserer Begeisterung für das deutsche Theaterleben der Weimarer Zeit. Meine Eltern hatten ein Theater-Abonnement der Vereinigung „Freie Volksbühne". Schon als Sechsjähriger, nach einer Opernaufführung in Hannover, war ich hingerissen von dem christlichen Gralsritter „Lohengrin". Dieser unziemlichen Begeisterung setzte meine Mutter auf der Heimfahrt einen Dämpfer auf, nicht etwa aus divergierender religiöser und kultureller Überzeugung, sondern mit der Bemerkung, daß es doch „nicht gerade nett war, daß er Elsa so mir nichts dir nichts im Stich gelassen hat."

Ich weigere mich, diese gegenseitige selbstverständliche U n b e f a n g e n h e i t eine Symbiose zu nennen. [ ... ]

Oder war diese erlebte, als selbstverständlich gelebte, eben nicht reflektierte Unbefangenheit ein gefährlicher Irrtum, als in den Jahren nach 1933 zunächst vereinzelt, dann aber häufiger Gleichaltrige „Jud Itzig" hinter uns herriefen und schon 1935 ein Mitschüler in der Gesangsstunde aufstand und unseren Musiklehrer, den etwas weltfremden Herrn Kobelt, grobschlächtig aufforderte, „den Juden beim Singen urdeutscher Lieder gefälligst das Maul zu verbieten"? Ich glaube nicht (trotz Goldhagen!).

Jedoch begann damals die Unbefangenheit abzubröckeln. Die Frage unserer Identität, eine Vorstellung von Anderssein drängte sich in unser Bewußtsein. Damals begann das, was man „Rückbesinnung auf die jüdische Tradition" nennt. Es war keine plötzliche Bewußtseinsveränderung, es war ein graduell fortschreitender Prozeß. [ ...]

Ich lebe aber auch mit den wundervollen Erinnerungen an das sinnliche und spirituelle Erleben meiner Synagoge in Hildesheim.

Ich sehe sie noch vor mir, die nur i h r eigentümlichen Formen und den Akkord ihrer Farben:

inmitten spitzgiebeliger Häuser die Rundungen ihrer orientalischen Architektur,

das uns entgegenleuchtende Hellgelb ihres Äußeren,

das warme Weinrot ihrer Teppiche im Innern,

das strahlende Silber der rituellen Gefäße,

die Schnitzereien des Thoraschrankes,

die bunten Gobelins,

das geheimnisvolle Schimmern des Ewigen Lichts.

Diese Synagoge gab den prachtvollen Rahmen ab für das wichtigste spirituelle Ereignis meiner Jugend. In diesem Raum war ich, inmitten meiner großen Verwandtschaft, die aus ganz Deutschland, insbesondere aus Westfalen und Hessen angereist war, eine Hauptperson. Man feierte meine Bar-Mizwa an einem Sabbath im Januar 1935. Noch heute, um Oskar Loerke zu zitieren, „kommt der Knabe mich besuchen", jener Knabe, der damals die Empore bestieg, um sein Kapitel aus der Thora vorzusingen.

Der „Knabe" erwuchs zum Mann, ein glücklicher Zufall, - der Tempel wurde im Feuer zu Schutt und Asche.

Vor einigen Jahren sprach mich anläßlich eines Gastvortrages im Ruhrgebiet ein Arzt aus Bottrop an. Er war, so stellte es sich heraus, während der Nazijahre ein Schulkamerad meines vier Jahre jüngeren Bruders Werner. Er erzählte mir folgendes, was ich hier wörtlich wiedergebe:

„Wir waren bis zur Quarta zusammen, Ihr Bruder und ich, damals im Josephinum in Hildesheim. Ich und einige andere Mitschüler bewunderten ihn. Gedichte konnte er vortragen, wie kein anderer. Sogar aus den recht trivialen Gedichten, die wir damals auswendig lernen mußten, konnte er etwas herausholen. Zum letztenmal sah ich ihn am 9. November 1938. Wir hatten gerade die schlimme Nachricht gehört. Die Synagoge am Lappenberg brannte. Ihr Bruder verkroch sich während der großen Pause in eine Ecke des Schulhofes. Er heulte. Einer unserer Lehrer ging auf ihn zu, ich folgte ihm. Der Lehrer sagte zu ihm, kaum hörbar: ,Geh du man ruhig nach Hause. Ich glaube, es ist jetzt sowieso vorbei.' "

Der Lehrer sollte im furchtbarsten Sinn recht behalten. Mein Bruder und meine ganze Familie sind im Warschauer Ghetto umgekommen.

Ich selbst jedoch war am 9. November 1938 nicht mehr in Hildesheim. Mit der Hilfe eines zwar unbemittelten, aber bereitwilligen Onkels in St. Louis und eines nachsichtigen Generalkonsuls in Hamburg hatte ich 1937 nach Amerika auswandern können.

Nichtsahnend machte ich mich ein Jahr später, an jenem Novembermorgen 1938, von meinem neuen Zuhause aus auf den Weg zu meiner High School. Wie an jedem Wochentag kam mir unser Zeitungsjunge entgegen, wie immer rief er die Schlagzeile aus. An diesem Morgen lautete sie: „Synagogues are burning in Germany! Read all about it!"

Noch heute gellt mir bei bestimmten Anlässen und an bestimmten Orten das Schreien dieses Zeitungsausrufers, zum Gebrüll verzerrt, in den Ohren. [ ... ]

Fünfzig Jahre nach der von den Nazis so bezeichneten „Reichskristallnacht" hielt ich im Jahr 1988 am Lappenberg in Hildesheim eine kurze Ansprache bei der Enthüllung eines Denkmals zum Andenken an die verbrannte Synagoge. Nicht nur das von vier bekannten Bildhauern gestaltete Denkmal, auch der aufrichtige Trauer widerspiegelnde Gesang eines Schülerchors haften in meiner Erinnerung. „Ihr seid das Saatkorn einer neuen Welt", sagte ich damals den Schülern in den Worten Ludwig Uhlands, der vor 150 Jahren dem ersten freiheitlichen deutschen Parlament angehörte. Ich wiederhole sie heute für die hier anwesenden Schüler und Schülerinnen.

Junge und nicht mehr so junge Deutsche, denen ich in Washington und New York, in Tel Aviv und Beer Sheva in den folgenden Jahren begegnet bin, leisten freiwillige Dienste, manche unter der „Aktion Sühnezeichen". Ich traf sie in jüdischen Waisen- und Krankenhäusern, in Holo-caust-Museen, bei der New Yorker deutsch-jüdischen Zeitung „Aufbau", in den Kibuzzim Is-raels.

Und damit möchte ich zurückkommen zum Anfang meiner Rede, zum Anfang meiner Erinnerungen an eine jüdische Kindheit und Jugend in Deutschland, die n o c h frei war von der Vorstellung von „Tätern" und „Opfern", die heute in unserem Bewußtsein verankert ist, mit der wir leben müssen. [ ... ]

Fast bin ich versucht, mit Martin Luther King zu sagen „I have a dream." Ich träume von der damals von keinerlei Bewußtsein des Andersseins getrübten Unbefangenheit des Umgangs miteinander in meiner Kindheit und Jugend. Doch zwischen damals und heute liegt der Sündenfall des Jahrhunderts, von dem wir alle so oder so betroffen sind, von dem wir wissen, den wir nicht vergessen sollen und können. [ ... ]

In vier Semestern als Gastprofessor an den deutschen Universitäten Freiburg, Frankfurt, Leipzig und Potsdam habe ich erfahren, daß mein Traum kein leerer Traum ist. Meine jungen deutschen Studenten in Ost und West haben den amerikanischen Germanisten, der aus Deutschland hatte fliehen müssen, weil er ein Jude war, der in lebenslanger Forschungsarbeit die Verfolgung der Juden in Deutschland, die Vertreibung aus der Heimat und deren Folgen thematisiert hat, mit größter Selbstverständlichkeit als ihren Professor akzeptiert, dem sie mit Interesse zuhörten, für den sie mit Fleiß und Eifer Seminararbeiten schrieben.

Ich sehe also an diesem heutigen Gedenktag nicht nur „einen Funken Hoffnung", wie Ernst Bloch meint. Sondern meinen Traum, der bereits anfängt Wirklichkeit zu werden.

Ich schließe mich dem Gedankengang der aus dem Exil zurückgekehrten Dichterin Hilde Domin an, die uns anrät, dem Wunder Hoffnung „Wie einem Vogel die Hand hin[zu]halten". Damit meinen weder Ernst Bloch noch Hilde Domin und ich ein passives Warten. Es ist die gemeinsame Aufgabe aller Betroffenen - und das sind wir - das Wissen zu bewahren und als Wissende sich aufzulehnen gegen Ungeheuerlichkeiten jeder Provenienz.

Nur so finden wir den Weg zurück und den Weg vorwärts in die Unbefangenheit.

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Gekürzte Fassung der Rede von Guy Stern, gehalten am 9. November 1998 anläßlich der Veranstaltung „Als die Synagogen brannten".
 

Foto von Guy Stern entnommen aus: Guy Stern, Literarische Kultur im Exil, Gesammelte Beiträge zur Exilforschung / Literature and Culture in Exile, Collected Essays on the German-Speaking Emigration after 1933, (1989-1997), Philologica, Dresdner Beiträge zur Literatur-, Kultur- und Mediengeschichte, hg. v. Walter Schmitz, Redaktion: Johann S. Koch, Reihe A - Band 1, Dresden University Press, 1998

Guy Stern, geb. 1922 in Hildesheim, emigrierte als 15jähriger in die USA. Nach Studium und Lehrtätigkeit an verschiedenen amerikanischen Universitäten, u.a. an der Hofstra University, der Columbia University und an der University of Cincinnati, wurde er 1978 an die Wayne State University in Detroit berufen, wo er seit 1981 als Distinguished Professor für Deutsche Literatur- und Kulturgeschichte lehrt. Wiederholt führten ihn Gastprofessuren nach Deutschland, zuletzt nach Frankfurt am Main (1993), Leipzig (1997) und Potsdam (1998).

 

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