Guy Stern[
... ] Ich bin 1922 in Hildesheim geboren und verstehe mich als einen Menschen jüdischen
Glaubens und jüdischer Kultur, der in ein Umfeld deutscher Sprache und Kultur
hineingeboren wurde, und der die prägendsten Jahre seiner Kindheit und Jugend in diesem
für ihn damals in keiner Weise kontroversen Ambiente verbracht hat. Allerdings nicht bis
zum bitteren Ende. Andernfalls könnte ich heute mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht über
meine Erinnerungen als Zeitzeuge zu Ihnen sprechen.
Die Erinnerungen sind meine Erinnerungen. Sie erheben keinen Anspruch
auf Allgemeingültigkeit. Sie sind individuell und darum selektiv, sie sind nicht
bewertbar als gut oder schlecht, als richtig oder falsch, oder, diesem Anlaß hier
entsprechend, als opportun oder nicht. Sie sind, wie sie sind.
Also, ich erinnere mich:
Meine Großeltern mütterlicherseits, in den 1860er Jahren geboren,
hießen noch Rebekka und Israel, meine Mutter erhielt schon den Vornamen Hedwig und wir,
ihre Kinder, hießen, in der Reihenfolge unserer Geburt, Günther (der bin ich), Werner
und Lore. Auf den ersten Blick könnte man annehmen, daß es sich dabei um einen
generationsabhängigen schroffen Umdenkungs- oder Anpassungsprozeß handele. Dem war nicht
so. Mein Großvater ging zwar häufiger in die Synagoge als seine Tochter und sein
Schwiegersohn, aber er war in seiner Heimatstadt Vlotho in Westfalen auch aktives Mitglied
der Freiwilligen Feuerwehr" und überhaupt ein so angesehener Bürger, daß ihm
die Freiwillige Feuerwehr zu seiner Silberhochzeit ein Ständchen brachte und der
Bürgermeister der Stadt bei seinem Begräbnis im Jahr 1928 die Traueransprache hielt. Als
fünf- und sechsjähriger gelegentlicher Besucher meiner Großeltern sonnte ich mich im
Ansehen der Familie, wenn der Bäckermeister Sturhahn beim Brötchenholen mit dem Finger
auf mich zeigte und die anderen Kunden wissen ließ, daß ich einer der Silberberg-Enkel
sei.
Nichts hätte damals unserem Bewußtsein ferner gelegen, als diese als
selbstverständlich gelebte Wirklichkeit gedanklich in Verbindung zu bringen mit heute
geläufigen, allerdings auch umstrittenen Abstraktionen wie deutsch-jüdische
Symbiose" oder jüdische Integration ins deutsche Geistesleben". [ ... ]
So lange ich mich zurückbesinnen kann, haben wir selbstverständlich an
allen jüdischen kulturellen Veranstaltungen teilgenommen. Das hinderte uns jedoch nicht
an unserer Begeisterung für das deutsche Theaterleben der Weimarer Zeit. Meine Eltern
hatten ein Theater-Abonnement der Vereinigung Freie Volksbühne". Schon als
Sechsjähriger, nach einer Opernaufführung in Hannover, war ich hingerissen von dem
christlichen Gralsritter Lohengrin". Dieser unziemlichen Begeisterung setzte
meine Mutter auf der Heimfahrt einen Dämpfer auf, nicht etwa aus divergierender
religiöser und kultureller Überzeugung, sondern mit der Bemerkung, daß es doch
nicht gerade nett war, daß er Elsa so mir nichts dir nichts im Stich gelassen
hat."
Ich weigere mich, diese gegenseitige selbstverständliche U n b e f a n
g e n h e i t eine Symbiose zu nennen. [ ... ]
Oder war diese erlebte, als selbstverständlich gelebte, eben nicht
reflektierte Unbefangenheit ein gefährlicher Irrtum, als in den Jahren nach 1933
zunächst vereinzelt, dann aber häufiger Gleichaltrige Jud Itzig" hinter uns
herriefen und schon 1935 ein Mitschüler in der Gesangsstunde aufstand und unseren
Musiklehrer, den etwas weltfremden Herrn Kobelt, grobschlächtig aufforderte, den
Juden beim Singen urdeutscher Lieder gefälligst das Maul zu verbieten"? Ich glaube
nicht (trotz Goldhagen!).
Jedoch begann damals die Unbefangenheit abzubröckeln. Die Frage unserer
Identität, eine Vorstellung von Anderssein drängte sich in unser Bewußtsein. Damals
begann das, was man Rückbesinnung auf die jüdische Tradition" nennt. Es war
keine plötzliche Bewußtseinsveränderung, es war ein graduell fortschreitender Prozeß.
[ ...]
Ich lebe aber auch mit den wundervollen Erinnerungen an das sinnliche
und spirituelle Erleben meiner Synagoge in Hildesheim.
Ich sehe sie noch vor mir, die nur i h r eigentümlichen Formen und den
Akkord ihrer Farben:
inmitten spitzgiebeliger Häuser die Rundungen ihrer orientalischen
Architektur,
das uns entgegenleuchtende Hellgelb ihres Äußeren,
das warme Weinrot ihrer Teppiche im Innern,
das strahlende Silber der rituellen Gefäße,
die Schnitzereien des Thoraschrankes,
die bunten Gobelins,
das geheimnisvolle Schimmern des Ewigen Lichts.
Diese Synagoge gab den prachtvollen Rahmen ab für das wichtigste
spirituelle Ereignis meiner Jugend. In diesem Raum war ich, inmitten meiner großen
Verwandtschaft, die aus ganz Deutschland, insbesondere aus Westfalen und Hessen angereist
war, eine Hauptperson. Man feierte meine Bar-Mizwa an einem Sabbath im Januar 1935. Noch
heute, um Oskar Loerke zu zitieren, kommt der Knabe mich besuchen", jener
Knabe, der damals die Empore bestieg, um sein Kapitel aus der Thora vorzusingen.
Der Knabe" erwuchs zum Mann, ein glücklicher Zufall, - der
Tempel wurde im Feuer zu Schutt und Asche.
Vor einigen Jahren sprach mich anläßlich eines Gastvortrages im
Ruhrgebiet ein Arzt aus Bottrop an. Er war, so stellte es sich heraus, während der
Nazijahre ein Schulkamerad meines vier Jahre jüngeren Bruders Werner. Er erzählte mir
folgendes, was ich hier wörtlich wiedergebe:
Wir waren bis zur Quarta zusammen, Ihr Bruder und ich, damals im
Josephinum in Hildesheim. Ich und einige andere Mitschüler bewunderten ihn. Gedichte
konnte er vortragen, wie kein anderer. Sogar aus den recht trivialen Gedichten, die wir
damals auswendig lernen mußten, konnte er etwas herausholen. Zum letztenmal sah ich ihn
am 9. November 1938. Wir hatten gerade die schlimme Nachricht gehört. Die Synagoge am
Lappenberg brannte. Ihr Bruder verkroch sich während der großen Pause in eine Ecke des
Schulhofes. Er heulte. Einer unserer Lehrer ging auf ihn zu, ich folgte ihm. Der Lehrer
sagte zu ihm, kaum hörbar: ,Geh du man ruhig nach Hause. Ich glaube, es ist jetzt sowieso
vorbei.' "
Der Lehrer sollte im furchtbarsten Sinn recht behalten. Mein Bruder und
meine ganze Familie sind im Warschauer Ghetto umgekommen.
Ich selbst jedoch war am 9. November 1938 nicht mehr in Hildesheim. Mit
der Hilfe eines zwar unbemittelten, aber bereitwilligen Onkels in St. Louis und eines
nachsichtigen Generalkonsuls in Hamburg hatte ich 1937 nach Amerika auswandern können.
Nichtsahnend machte ich mich ein Jahr später, an jenem Novembermorgen
1938, von meinem neuen Zuhause aus auf den Weg zu meiner High School. Wie an jedem
Wochentag kam mir unser Zeitungsjunge entgegen, wie immer rief er die Schlagzeile aus. An
diesem Morgen lautete sie: Synagogues are burning in Germany! Read all about
it!"
Noch heute gellt mir bei bestimmten Anlässen und an bestimmten Orten
das Schreien dieses Zeitungsausrufers, zum Gebrüll verzerrt, in den Ohren. [ ... ]
Fünfzig Jahre nach der von den Nazis so bezeichneten
Reichskristallnacht" hielt ich im Jahr 1988 am Lappenberg in Hildesheim eine
kurze Ansprache bei der Enthüllung eines Denkmals zum Andenken an die verbrannte
Synagoge. Nicht nur das von vier bekannten Bildhauern gestaltete Denkmal, auch der
aufrichtige Trauer widerspiegelnde Gesang eines Schülerchors haften in meiner Erinnerung.
Ihr seid das Saatkorn einer neuen Welt", sagte ich damals den Schülern in den
Worten Ludwig Uhlands, der vor 150 Jahren dem ersten freiheitlichen deutschen Parlament
angehörte. Ich wiederhole sie heute für die hier anwesenden Schüler und Schülerinnen.
Junge und nicht mehr so junge Deutsche, denen ich in Washington und New
York, in Tel Aviv und Beer Sheva in den folgenden Jahren begegnet bin, leisten freiwillige
Dienste, manche unter der Aktion Sühnezeichen". Ich traf sie in jüdischen
Waisen- und Krankenhäusern, in Holo-caust-Museen, bei der New Yorker deutsch-jüdischen
Zeitung Aufbau", in den Kibuzzim Is-raels.
Und damit möchte ich zurückkommen zum Anfang meiner Rede, zum Anfang
meiner Erinnerungen an eine jüdische Kindheit und Jugend in Deutschland, die n o c h frei
war von der Vorstellung von Tätern" und Opfern", die heute in
unserem Bewußtsein verankert ist, mit der wir leben müssen. [ ... ]
Fast bin ich versucht, mit Martin Luther King zu sagen I have a
dream." Ich träume von der damals von keinerlei Bewußtsein des Andersseins
getrübten Unbefangenheit des Umgangs miteinander in meiner Kindheit und Jugend. Doch
zwischen damals und heute liegt der Sündenfall des Jahrhunderts, von dem wir alle so oder
so betroffen sind, von dem wir wissen, den wir nicht vergessen sollen und können. [ ... ]
In vier Semestern als Gastprofessor an den deutschen Universitäten
Freiburg, Frankfurt, Leipzig und Potsdam habe ich erfahren, daß mein Traum kein leerer
Traum ist. Meine jungen deutschen Studenten in Ost und West haben den amerikanischen
Germanisten, der aus Deutschland hatte fliehen müssen, weil er ein Jude war, der in
lebenslanger Forschungsarbeit die Verfolgung der Juden in Deutschland, die Vertreibung aus
der Heimat und deren Folgen thematisiert hat, mit größter Selbstverständlichkeit als
ihren Professor akzeptiert, dem sie mit Interesse zuhörten, für den sie mit Fleiß und
Eifer Seminararbeiten schrieben.
Ich sehe also an diesem heutigen Gedenktag nicht nur einen Funken
Hoffnung", wie Ernst Bloch meint. Sondern meinen Traum, der bereits anfängt
Wirklichkeit zu werden.
Ich schließe mich dem Gedankengang der aus dem Exil zurückgekehrten
Dichterin Hilde Domin an, die uns anrät, dem Wunder Hoffnung Wie einem Vogel die
Hand hin[zu]halten". Damit meinen weder Ernst Bloch noch Hilde Domin und ich ein
passives Warten. Es ist die gemeinsame Aufgabe aller Betroffenen - und das sind wir - das
Wissen zu bewahren und als Wissende sich aufzulehnen gegen Ungeheuerlichkeiten jeder
Provenienz.
Nur so finden wir den Weg zurück und den Weg vorwärts in die
Unbefangenheit.