Eine Ausstellung im Reichskammergerichtsmuseum Wetzlar
Gisela Sachse
Sage man sich daher, daß die schöne Literatur einer Nation nicht
erkannt, noch empfunden werden kann, ohne daß man den Komplex ihres ganzen Zustandes sich
zugleich vergegenwärtigt."

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Johann Wolfgang Goethe
nach einem Ölgemälde von Oswald May
Aufenthalt Goethes in Wetzlar 1772 |
Diese Aussage Goethes macht deutlich, daß ein Werk auch aus dem Umfeld
seiner Geschichte gesehen werden muß. So ist Goethes Götz von Berlichingen"
nicht nur ein Produkt eines Schriftstellers aus dem 18. Jahrhundert, sondern führt uns
zugleich in die Zeit der Reformation, des Humanismus und der Bauernkriege.
Bei den Vorbereitungen auf sein Praktikum am Reichskammergericht in
Wetzlar stieß Goethe 1771 auf die historische Gestalt des Ritters Götz von Berlichingen.
Der Konflikt des fehdegewohnten Ritters mit dem Gewaltmonopol des Reiches faszinierte den
jungen Juristen. Der historische Wendepunkt", den die Errichtung des
Reichskammergerichts 1495 darstellte und der sich aus heutiger Sicht als erster Ansatz zur
Ausbildung des neuzeitlichen Rechts- und Verwaltungsstaates darstellt, erschien Goethe
geeignet, eigene Empfindungen eines Zeitenwandels und Kritik an den Verhältnissen seiner
Zeit künstlerisch zu formulieren.
Der Urgötz" (1771), eine locker gefügte Szenenfolge ohne
Berücksichtigung der Möglichkeiten einer Bühnenrealisierung, wurde für die anonyme
Druckfassung (1773) überarbeitet und später von Goethe mehrfach umgestaltet. Die erste
Druckfassung begründete den Erfolg des Stücks, das beinahe zum Synonym für die
literarische Bewegung des Sturm und Drang" in Deutschland wurde.
Götz von Berlichingen" zeigt als Geschichtsdrama den
Übergang vom mittelalterlichen Ständestaat zum neuzeitlich geprägten Rechts- und
Verwaltungsstaat. Der hochbedeutende Wendepunkt der Staatengeschichte"
Deutschlands im frühen 16. Jahrhundert wird von Goethe aus dem Blickwinkel des späten
Ancien Regime gestaltet: Die Erfahrung fürstlicher Maßlosigkeit, Machtgier und
Sittenlosigkeit einerseits, der skrupellosen Instrumentalisierung des Rechts zu
egoistischen Zwecken andererseits und schließlich der prosaisch-materialistischen
Selbstzufriedenheit eines politisch weitgehend uninteressierten Bürgertums verdichten
sich in Goethes Jugenddrama zur vehementen Forderung nach einem
gesellschaftlich-politischen Neubeginn und einer grundlegenden Neustrukturierung des
Wertesystems, vor allem aber zur Forderung nach uneingeschränkter Selbstentfaltung des
sittlich autonomen Individuums.

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Johann Wolfgang von Goethe,
Götz von Berlichingen 1773,
Titelblatt der Erstausgabe
Goethe-Museum Düsseldorf |
Das Drama ist nicht nur Rückblick in die Geschichte, sondern auch von
aktuellem Bezug. Das Problem des Faustrechts und der Selbsthilfe wird in allen
geschichtlichen Epochen bis in unsere heutige Zeit immer wieder virulent und gibt Anlaß,
sich mit den verschiedenen Versuchen einer Lösung zu beschäftigen. Das aktuelle
Bewußtsein von Wertewandel bzw. Werteverlust, Skepsis gegenüber der Integrität und
Leistungsfähigkeit des Rechtssystems, Erscheinungen von Politik- und
Staatsverdrossenheit, die pessimistische Rede vom Ende der Aufklärung" und das
offenbar immer noch unbefriedigte Bedürfnis nach nicht reglementierten Freiräumen zur
Entfaltung autonomer Individualität scheinen in ihrer Gesamtheit die neuerliche
Auseinandersetzung mit Goethes Ritterschauspiel zu begünstigen.
Die bei den jugendlichen Zeitgenossen Goethes sehr beliebte Gestalt des
physisch starken, schmerzunempfindlichen, menschlich sympathischen und unkompliziert
denkenden Helden, der im Konfliktfall sein Recht mit eiserner Faust" selbst
erstreitet, hat seit 1773 offenbar kaum etwas von ihrer Faszination eingebüßt. Die
Neigung zur Selbsthilfe", wenn das Rechts- und Gewaltmonopol des Staates nicht
die gewünschten Ergebnisse zeitigt, scheint als latente Versuchung auch heute noch - oder
vielleicht wieder - vorhanden zu sein.
In der Ausstellung Goethe, Götz und die Gerechtigkeit" - vom
2. Juli bis 3. Oktober 1999 im Reichskammergerichtsmuseum Wetzlar zu sehen - soll das in
jeder Hinsicht problematische Ideal des Selbsthelfers" zur Diskussion gestellt
und aktualisiert werden.
Das lokale Interesse Wetzlars am Ausstellungsthema ist offenkundig: Dem
Praktikum am Reichskammergericht bzw. dessen Vorbereitung verdankt der Autor die
Bekanntschaft mit dem Stoff und eine Reihe thematischer Einzelmotive und szenischer
Einfälle. Daß der historische Wendepunkt zudem am Paradigma von Recht, Gesetz,
Redlichkeit und Rechtlichkeit vorgeführt wird, für den die Gründung des
Reichskammergerichts und die Rezeption des römischen Rechts als historische Marken
stehen, verstärkt den lokalen Bezug und begründet das Engagement der Gesellschaft für
Reichskammergerichtsforschung und der Städtischen Sammlungen Wetzlar für das
Ausstellungsprojekt, dessen Schirmherrschaft die Präsidentin des
Bundesverfassungsgerichts, Frau Prof. Dr. Jutta Limbach, übernommen hat.
Dem Besucher soll gezeigt werden, daß Goethe während der Entstehung
des Götz" - in seiner Sturm- und Drangzeit" - dem einfachen
ritterlichen und bäuerlichen Denken stärker verhaftet war als in der späteren Epoche
seines Wirkens, in der er einer Friedens- und Rechtsordnung sowie dem Gewaltmonopol des
Staates den Vorrang gab. Die Ausstellung versucht, die Ambivalenz dieser Staatsauffassung
in jungen und älteren Jahren Goethes anhand von Originalbelegen darzustellen.
Folgende Themenschwerpunkte werden berücksichtigt:
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Die historische Gestalt des Götz von
Berlichingen; |
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Quellen, Anregungen, Entstehung des Urgötz" und der
Druckfassung von 1773; |
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Die zeitgenössische Rezeption dieses Stücks; |
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Götz am Wendepunkt der Staatengeschichte":
spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Rechtsauffassungen zwischen Fehde und
Reichskammergericht; |
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Zeitkritik Goethes am Beispiel des Götz" und die
Gesellschafts-, Moral- und Zivilisationskritik der jungen Generation um 1770; |
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Die Rezeption des Götz von Berlichingen" im 19. und 20.
Jahrhundert; |
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Der Selbsthelfer - Die Eisenhand - Der einsame Ritter: Drei Motive des
Götz" in der bildenden Kunst um 1900 und im Film. |
Der Kernbestand der Exponate setzt sich naturgemäß aus Bildern,
Grafiken und Büchern zusammen. Darüber hinaus sollen jedoch mit Hilfe von
Hörfunksendungen, Film und Fernsehen sowie durch kreative Rekonstruktionen alle Sinne des
Besuchers angesprochen werden.
Eine Götz-Inszenierung im Rahmen der Wetzlarer Festspiele, und eine
ausstellungsbegleitende Vortragsreihe sind ebenfalls geplant.

J.H.W. Tischbein, Illlustration zu Goethes Drama
Götz von Berlichingen"
Aquarell über Federzeichnung
Goethe-Museum Düsseldorf
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