Andreas EckhardtDie
Rahmenbedingungen für Kulturinstitute haben sich stark verändert. Ein breit
abgesicherter Konsens über den Stellenwert von Kunst und Kultur in unserer Gesellschaft
besteht nicht oder nicht mehr. Die Zeiten, in denen Kultur als unverzichtbarer Bestandteil
bürgerlicher Bildung galt und damit den beinahe hunderprozentig öffentlich getragenen
Kostenaufwand legitimierte, sind offensichtlich vorbei. Pessimisten - und unter den
Kulturleuten gibt es eine stattliche Anzahl - sehen nun Kultureinrichtungen einem
Rentabilitätsanspruch unterworfen, der, wie sie sagen, die schöpferische Freiheit der
Kunst und die Unabhängigkeit der Institute gefährdet. Sie befürchten, daß gleichsam
ein kultureller Darwinismus entsteht, der nur die dem Markt am besten angepaßten
Institute überleben läßt.
Ein solches Menetekel gibt die politische Wirklichkeit nicht angemessen,
sondern einseitig wieder. Allerdings, ein Faktum ist nicht zu leugnen: Die Einstellung zur
Kultur, das Denken über Kunst, ihre Präsentation und Vermittlung, bis hin zur
Verpackung", hat sich gravierend geändert. Es ist festzustellen, daß die sog.
Eventkultur (man denke an das Beispiel mit den 3 Tenören) das Interesse auf populistische
oder circensische Momente lenkt und als Wert an sich deklariert; die Eventkultur stellt
sich also vorrangig in außerkulturelle Zusammenhänge der Freizeitwirtschaft oder der
sog. Umwegrentabilität. Dieser durch die Massenmedien übermäßig - also in der falschen
Relation - ins öffentliche Bewußtsein gehobenen Talmikultur geht es mehr um das
Wie" als um das Was". Was wir jedoch brauchen, ist ein festes
Fundament, eine gesicherte Infrastruktur des Kulturlebens, in der kontinuierliche
künstlerisch-kreative, wissenschaftlich-forschende und bildungsbezogene Prozesse
stattfinden können, die auch die Kulturfähigkeit der nächsten, der jungen Generation
fördern. Wir brauchen eine in kulturellen Fragen urteilsfähige Gesellschaft, denn nur
dann kann Kultur jenen geistigen Boden darstellen, der - nach Richard von Weizsäcker -
unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.
Dieser dem gängigen shareholder value-Denken entzogene Raum muß
weiterhin als grundlegende Aufgabe staatlicher Verantwortung, also als bonum
commune" gesehen wer-den. Sie kann und sollte ergänzt werden durch privates
Engagement. Dieses sollte aber nicht das für wenige Augenblicke hochgerissene Ereignis
stützen, wie man es z.B. mit dem fehlgeschlagenen Experiment in Baden-Baden versucht hat,
sondern das Fundament sichern helfen, auf dem dann das Außerordentliche, also sich über
die Routine erhebende, gedeiht und sich normalerweise auch selbst trägt. Darüber hinaus
steigt in einer durch die Medien total entzauberten Welt bei immer mehr Menschen das
Bedürfnis nach Geheimnisvollem, auch nach dem Zauberton der Musik", zumindest
aber nach der Überwindung des Banalen. Diese Sicherung des Fundaments in Kultur,
Wissenschaft und Bildung ist vorrangige Aufgabe nicht nur der Kultur, sondern einer
verantwortungsvollen Gesellschaftspolitik. Kunst, schöpferische und interpretatorische,
muß ermöglicht werden, das Wissen über Kunst muß durch Forschung weiterentwickelt
werden, und Bildung muß den wichtigen Weitergabeprozeß an die jeweils nächste
Generation leisten.