Dorothee
Hock
Ich habe hier durchaus verschwiegen, daß heute mein
Geburtstag sei, und dachte beim Aufstehen: sollte mir denn von Hause nichts zur Feier
kommen?"
(Rom, 28.8.1787)
Auch wenn er seinen Festtag damals verschwieg: Der wohl berühmteste
Rom-Besucher hätte sicher nichts dagegen einzuwenden, daß sein Jubiläumsjahr auch in
der geliebten Hauptstadt der Welt" gebührend gefeiert wird. Der 250.
Geburtstag des Dichters steht 1999 im Mittelpunkt der Vorhaben der Casa di Goethe, die mit
dem Goethe-Institut Rom und dem Kulturreferat der Comune di Roma ein gemeinsames Programm
entworfen hat; weitere deutsche und italienische Partner werden an der Realisierung des
römischen Goethe-Jahrs beteiligt sein. Als Mitveranstalter und Garant für Resonanz und
Akzeptanz ist die Stadt Rom dabei ein besonders wichtiger Partner. Entscheidend soll die
Sicht der italienischen Wissenschaftler und Künstler sein: Die Schwerpunkte liegen
deshalb vor allem auf italienischsprachigen Veranstaltungen, Publikationen und Events -
der runde Geburtstag soll in Italien dazu genutzt werden, diejenigen mit dem
Dichterfürsten vertraut zu machen, die mit dem Namen Johann Wolfgang Goethe noch nichts
oder nur wenig anfangen können. Außerdem bietet das Jahr 1999 - als Einstimmung auf das
Jubeljahr 2000 - eine ganz besondere Chance für das noch junge Haus, mit zahlreichen
anderen Institutionen zusammenzuarbeiten und seinen festen Platz in der römischen
Kulturszene zu finden.
In Rom fand zum Auftakt des Goethe-Jahrs am 12. und 13. November 1998
ein internationales Symposium Goethe und die Antike" in Zusammenarbeit mit der
römischen Universität La Sapienza" und der Heinrich-Heine-Universität
Düsseldorf statt. Die wissenschaftlichen Koordinatoren Mauro Ponzi und Bernd Witte legten
den Kongreß interdisziplinär an: Die zahlreichen Referate aus unterschiedlichen
Fachbereichen trugen dazu bei, neue Erkenntnisse über Goethes Verhältnis zur Antike zu
gewinnen und einem breiteren Publikum in Rom vorzustellen.
Eine ganz andere Einstimmung auf das Jubiläumsjahr stellte die vom Deutschen
Rundfunkarchiv Frankfurt a.M. - Berlin, der Casa di Goethe und dem Hörverlag München
Ende 1998 herausgegebene Goethe-CD Gesang der Geister" dar, eine
akustische Anthologie", die einen Beitrag liefern soll zu einer neuen
Erschließung Goethes in historischen Tondokumenten aus den Beständen der Stiftung
Deutsches Rundfunkarchiv. Zu hören sind u.a. Oskar Werner, Gustav Gründgens, Albert
Schweitzer und Thomas Mann.
Die Spannung zwischen Gegenwart und Vergangenheit steht auch 1999 im
Mittelpunkt des Ausstellungsprogramms des römischen Goethe-Museums. Die nach
Barlach und Goethe" zweite Wechselausstellung der Casa di Goethe Frank
Horvat: Goethe in Sizilien. Fotografien" wurde im Dezember 1998 unter Anwesenheit des
Künstlers eröffnet. Horvat, Jahrgang 1928, reiste 1981 und 1982 auf den Spuren Goethes
durch Sizilien und versuchte, in seinen Schwarzweißfotografien das festzuhalten, was
Goethe auf seiner Reise 1787 sah. Horvats Bilder machen das Wesentliche der Sizilienreise
Goethes deutlich: die durch die sinnliche Qualität der Landschaft auf ihn ausgeübte
Faszination, sein Interesse für Geologie und Mineralogie und seine Überlegungen zur
Urpflanze. Die Ausstellung der Frankfurter Kuratoren Konrad Heumann und Lorenzo Horvat,
die zuerst im Freien Deutschen Hochstift zu sehen war, wurde für Rom durch eine Leihgabe
des Goethe-Museums Düsseldorf/Anton-und-Katharina-Kippenberg-Stiftung ergänzt:
Ausgestellt ist ein 1804 auf einer Reise nach Sizilien entstandenes Skizzenbuch, das man
bisher für ein Werk von Christoph Heinrich Kniep, Goethes Auftragszeichner und Begleiter
während der gemeinsamen Sizilienreise 1787, gehalten hat, das nach neuesten Forschungen
von Georg Striehl (s. S.23) jedoch wohl Carl Gotthard Graß zugeschrieben werden muß. Die
Schwarzweißreproduktionen einiger Zeichnungen ermöglichen dem Besucher der Ausstellung
einen Vergleich zwischen der damaligen und heutigen Rezeption dieser Reise.
Im März 1999 wurde die Ausstellung des 1929 in Valencia geborenen
Künstlers Andreu Alfaro Dialog mit Goethe" eröffnet. Der spanische Bildhauer
hat sich wie kaum ein anderer zeitgenössischer Künstler mit dem Werk Goethes
auseinandergesetzt und dazu bisher mehr als 100 Arbeiten geschaffen. Die Casa di Goethe,
die inzwischen einige Alfaro-Arbeiten ankaufen konnte und bereits mehrere Leihgaben des
Künstlers ausgestellt hat, zeigt den eigens für das Goethe-Jahr konzipierten Zyklus mit
Lithographien zu den Römischen Elegien" und abstrakt-figurative Skulpturen. Zu
sehen sind u. a. Portraits des Dichters (Goethe am Fenster seines Hauses in
Rom", Goethe in der Campagna"), und seiner Freunde und
Zeitgenossen, wie z.B. Christiane von Goethe, Cornelia Goethe, Herder, Bettina Brentano
oder Lili Schönemann. Neben den bestehenden deutsch-italienischen
Kulturbeziehungen ermöglichen dieses Ausstellungsprojekt und die Planung der
Begleitveranstaltungen eine konkrete Zusammenarbeit mit dem spanischen Kulturinstitut in
Rom. Die Ausstellung wird im kommenden Jahr auch von zwei AsKI-Instituten übernommen: Sie
wird im Frankfurter Goethe-Museum sowie in Weimar zu sehen sein.
Das Ausstellungsprogramm der Casa die Goethe endet 1999 mit der vom
Goethe Nationalmuseum in Weimar erarbeiteten Ausstellung Meisterzeichnungen aus
Goethes Besitz", die im Jubiläumsjahr eine besondere Verbindung zur Kulturhauptstadt
`99 herstellt. Ab Oktober ist die Casa di Goethe nach Weimar die zweite Station für diese
Ausstellung, die einen repräsentativen Querschnitt durch Goethes nahezu 10.000 Blätter
umfassende graphische Sammlung vermitteln soll. U. a. werden zahlreiche Blätter aus dem
späten 18. Jahrhundert zu sehen sein, die unmittelbar in Goethes römischem
Künstlerkreis entstanden sind.
Neben diesen Wechselausstellungen zeigt die Casa di Goethe auch 1999
eine Dauerausstellung zum Thema Goethe in Rom", die den Italienaufenthalt des
Dichters und die Auswirkungen auf sein Werk anhand von Gemälden, Zeichnungen,
Handschriften, Graphiken, Skulpturen und Büchern dokumentiert.
In der ständigen Ausstellung ist u.a. eine Kopie des in den Räumen der
Casa di Goethe 1786/1787 entstandenen Gemäldes Goethe in der Cam-pagna di
Roma" von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein zu sehen. Das zu einer Ikone gewordene
bekannte Bildnis steht im Mittelpunkt eines Schüler-Malwettbewerbs, den die Casa di
Goethe und das Goethe-Institut Rom gemeinsam ausgeschrieben haben: Kinder und Jugendliche
aus italienischen Schulen setzen sich dabei nach einem Museumsbesuch mit dem
Campagna-Motiv auseinander und schaffen eigene künstlerische Arbeiten, von denen die
besten prämiert und im April 1999 ausgestellt werden sollen.
Eine Publikation als Beilage zu der wichtigen italienischen Tageszeitung
La Repubblica" wird die breite Öffentlichkeit auf den runden Geburtstag des
deutschen Dichters aufmerksam machen. In der Veröffentlichung, die schwerpunktmäßig
Goethes Romaufenthalt thematisiert, sollen auch italienische Wissenschaftler, Künstler
und Intellektuelle zu Wort kommen, die ihre persönliche Meinung zu Goethe und seinem Werk
formulieren.
Natürlich werden auch in Rom zum Goethe-Jahr eine Fülle von
Vorträgen, Filmvorführungen, Lesungen, kleinen Theateraufführungen, Konzerten,
Buchpräsentationen, Tagungen usw. ausgerichtet, die hier im einzelnen nicht alle
aufgeführt werden können.
Am 28. August wird für den Jubilar eine große Geburtstagsparty
ausgerichtet. Die Casa di Goethe ist bis Mitternacht geöffnet, und es gibt dort und an
vielen anderen Orten der Stadt Musik, Rezitationen und Events.
So feiert auch Rom einen Deutschen, der das Italienbild der
nachfolgenden Generationen ganz entscheidend geprägt und dem die Stadt viel zu verdanken
hat.

Rembrandt, Christus vertreibt die Verkäufer und Wechsler
aus dem Tempel, 1635
Radierung,
Goethes Kunstsammlungen
Stiftung Weimarer Klassik