Publikationen
Zur Buchmesse 1996 ist bei Reclam eine opulent ausgestattete
Publikation erschienen, die auf das Goethe-Jahr 1999 vorausweist: Johann Wolfgang
Goethe. Zeichnungen, herausgegeben und kommentiert von Petra Maisak.
Die Autorin, Museumsleiterin am Freien Deutschen
Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum und in dieser Funktion eng mit der Materie
vertraut, hat aus dem gesamten, etwa zweieinhalbtausend Blätter umfassenden uvre
eine repräsentative Auswahl von zweihundert Zeichnungen und Radierungen zusammengestellt.
Sie erscheinen erstmals in der chronologischen Abfolge ihres Entstehens, so daß sich der
Entwicklungsgang des Zeichners Goethe anschaulich nachvollziehen läßt. Konkret
zugeordnete Texte und Lebenszeugnisse der einzelnen Phasen erhellen die künstlerischen
Versuche, die vor diesem Hintergrund eine ganz neue Dimension gewinnen.
Dabei wird die immense Spannung deutlich, die den Zeichner
Goethe stets begleitete: Anfälle von "Zeichenfieber" wechselten immer wieder
mit depressiver Selbstkritik. "Ich bin jetzt ganz Zeichner. Habe Mut und
Glück", jubelte der Dreiundzwanzigjährige, um wenig später sein Talent prinzipiell
anzuzweifeln. Der alte Goethe bezeichnete Eckermann gegenüber seine Leidenschaft dann
nachsichtig als "falsche Tendenz", die ihm freilich viel genützt hätte - vor
allem, die Dinge der Erscheinungswelt so genau ins Auge zu fassen, daß sie sich seinem
eidetischen Gedächtnis dauerhaft einprägten. Außerdem sei das Zeichnen, so vermerkte er
noch im höchsten Alter, die ihm eigene Ausdrucksform einer bestimmten schöpferischen
Sehnsucht, die ihn ein Leben lang begleitet hätte.
Der Band erlaubt es, in den Zeichnungen wie in
Lebenserinnerungen zu blättern: Es beginnt mit den zaghaften Ansätzen der Frankfurter
Frühzeit, an die sich der künstlerische Aufbruch des Sturm und Drang anschließt. Die
Blätter der ersten Weimarer Jahre bestechen durch ihre freie Bildsprache und ihre aufs
äußerste verdichtete Atmosphäre, während das intensive Studium in Italien die ersehnte
Annäherung an ein normatives künstlerisches Ideal bringen soll. Diese Bemühung läßt
Goethe seine Grenzen erkennen, doch nach der Rückkehr aus Italien hört er keineswegs zu
zeichnen auf, wie oft behauptet wird, ganz im Gegenteil. Allerdings müht er sich nun
nicht mehr vergeblich um Professionalität, sondern betätigt sich - mit beachtlichem
Erfolg - als "praktischer Liebhaber" der Kunst, der sich einen subjektiven
Duktus erlauben darf.
Bildbeispiele von Goethes Lehrern und Anregern runden das
Ganze ab und ermöglichen eine Einordnung seiner Arbeit in den kunstgeschichtlichen
Kontext der Epoche. Dabei wird deutlich, daß ihm manchmal geradezu verblüffende
Leistungen gelangen, die ihren eigenen Stellenwert behaupten und stets auch die Fähigkeit
seines künstlerischen Sehens beweisen. Goethes Zeichnungen nicht zu kennen, wäre für
den am Gesamtwerk Interessierten ein bedauerlicher Mangel; in Ergänzung zu den poetischen
und wissenschaftlichen Schriften werfen sie ein bezeichnendes Licht auf einen
,Universalisten', nach dessen eigener Aussage alles auf eine umfassende
"Selbsttätigkeit" ankommt.
Johann Wolfgang Goethe. Zeichnungen. Von Petra Maisak,
336 Seiten, mit 206 z.T. farbigen Abbildungen, Format 26 x 39 cm, Leinen mit
Schutzumschlag, im Leinenschuber.
DM 178,- / öS 1299,- / sFr 158,-
ISBN 3-15-010422-X