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Kulturberichte 1/98: Museumsfest in Rom

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Casa di Goethe, Via del Corso 18

Ursula Bongaerts

9. Szene. Museum. Schreibtisch. Innen. Tag.
Goethe sitzt am weißen Schreibtisch und schreibt.
Goethe (Off)
Mein zweytes Wort soll an dich gerichtet seyn, nachdem ich dem Himmel herzlich gedanckt habe, daß er mich hierher gebracht hat.
Ich kann nun nichts sagen als ich bin hier, ich habe nach Tischbeinen geschickt.
Tischbein nähert sich ihm. Er bleibt vor ihm stehen. Sie lächeln sich an.
Tischbein war bey mir. Ein köstlich guter Mensch. Ich fange nun erst an zu leben, und verehre meinen Genius.
Morgen mehr.

(Drehbuch zum Video "Ich kann nun nichts sagen als ich bin hier", Casa di Goethe Rom 1997, S. 27. Video: Textauswahl: Renata Crea, Regie: Roberto Giannarelli, mit Paolo Lorimer, Daniela Giordano, Glauco Gaia und der freundlichen Mitwirkung von Ulrich Pape-Tischbein. Produktion: Mario Mazzarotto für INTELFILM)

Am 30. Oktober 1786 zog Johann Wolfgang Goethe zu seinem Malerfreund Johann Heinrich Wilhelm Tischbein in eine Künstlerwohngemeinschaft in der Via del Corso 18. Am 30. Oktober 1997 feierte die Casa di Goethe diesen Jahrestag und zugleich ihr fünfmonatiges Bestehen in Rom: Bis Mitternacht stand das Haus allen Interessierten bei freiem Eintritt offen.

Das Filmteam zusammen mit den Mitarbeitern der Casa di Goethe
Dreharbeiten zum Video der Casa di Goethe
v.l.m.r.: Mefistofele (Glauco Gaia), 
Johann Wolfagang Goethe (Paolo Lorimer),
Faustina (Daniela Giordano)
und Ulrich Pape-Tischbein in der Rolle
von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein

Alle, die kamen und mitfeierten, konnten erleben, wie in einem aus diesem Anlaß produzierten und den ganzen Tag im Museum laufenden Videofilm Goethe erneut in die Wohnung am Corso zog und u. a. von seinem Freund Tischbein - dargestellt von einem direkten Nachkommen des Malers, Ulrich Pape-Tischbein - empfangen wurde. Der in italienischer Sprache produzierte Film lockte viele in das römische Goethe-Haus: Fast 700 Menschen, in der Mehrzahl Italiener, darunter erfreulich viele junge Besucher, feierten mit, schlenderten durch die Ausstellung, sahen das Video, ließen sich auf Gespräche und Diskussionen ein und trugen so dazu bei, daß die Casa di Goethe - ganz im Sinne des Flairs der ehemaligen Künstlerwohngemeinschaft - ein lebendiger, atmosphärisch offener Ort war, ein Ort der Begegnung und Auseinandersetzung. Der Andrang war zeitweise so groß, daß erstmals Besucher auf der Straße warten mußten.

Zwei Tage zuvor fanden sich Barthold C. Witte (Vorsitzender des AsKI), Uli Kostenbader (Daimler-Benz AG), Marino Freschi (Germanist aus Rom), Luca Lombardi (Komponist aus Rom) und Peer Meinert (Leiter der dpa-Rom) im Museum zur konstituierenden Sitzung für das Casa di Goethe-Stipendium zusammen. Die Daimler-Benz AG, die schon den Ankauf der Wohnung mitfinanziert und ermöglicht hatte, fördert dieses internationale Stipendium-Programm, das sich an junge Künstler und Wissenschaftler richtet, die sich in ihrer Arbeit dem Kulturaustausch zwischen Deutschland und Italien widmen und mit Leben und Werk Goethes auseinandersetzen. Für drei bis sechs, maximal zwölf Monate kann künftig ein Stipendiat am historischen Ort, in einem in der Museumsetage befindlichen Appartement leben und arbeiten (s. dazu auch den Ausschreibungstext).

Das Bestehen des neuen Goethe-Hauses hatten die Germanistik-Ordinarien der drei römischen Universitäten - Paolo Chiarini, Marino Freschi und Lia Secci - zum Anlaß genommen, am 29. Oktober, dem Jahrestag von Goethes Eintreffen in Rom, eine Goethe-Gesellschaft in Italien zu gründen. Werner Keller, der Präsident der Internationalen Goethe-Gesellschaft in Weimar, gab auf der Gründungsversammlung seiner Freude darüber Ausdruck, daß nun, wo es in über 40 Ländern Goethe-Gesellschaften gebe, auch eine in Italien existiere, einem Land, das für Goethe von so entscheidender Bedeutung war.

Werner Keller ließ es sich natürlich nicht nehmen, auch bei der Feier in der Casa di Goethe am 30. Oktober dabeizusein. In seinem Grußwort beschrieb er Goethes "Wiedergeburt" in Rom mit des Dichters eigenen Worten als "ein Gefühl von freierem Leben ..." und wünschte allen künftigen Besuchern, daß sie "einen Hauch davon spüren, der im Alltag vorhält". Eine besondere Freude war es schließlich, an diesem Festtag auch etwas Neues, etwas Dauerhaftes für das Museum erhalten zu haben.

Das Filmteam zusammen mit den Mitarbeitern der Casa di Goethe
Das Filmteam zusammen mit
 den Mitarbeitern der Casa di Goethe

Der AsKI-Vorsitzende Barthold C. Witte übergab nach seinem Festvortrag über die drei Deutsch-Römer Johann Wolfgang Goethe, Barthold Georg Niebuhr und Friedrich Preller zusammen mit seiner Schwester, Barbara von Mirbach, dem römischen Goethe-Haus eine im Besitz seiner Familie befindliche Goethe-Locke als Dauerleihgabe. Diese Locke hatte Goethes Schwiegertochter Ottilie 1832 dem Maler Friedrich Preller als Dank für eine Zeichnung übergeben, die Goethe unmittelbar nach seinem Tod zeigt und heute im Düsseldorfer Goethe-Museum aufbewahrt wird.

In den gerade fünf Monaten ihres Bestehens haben mehr als 8.500 Menschen die Casa di Goethe besucht: ein Anlaß, nochmals allen ganz herzlich Dank zu sagen, die über viele Jahre mitgeholfen haben, dieses Projekt allen Widrigkeiten zum Trotz zu realisieren.

Stellvertretend für die vielen in Deutschland und Italien sei an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich Konrad Scheurmann genannt, der langjährige, derzeit für das Projekt Weimar - Kulturstadt Europas 1999 beurlaubte Geschäftsführer des AsKI, der ganz wesentlich Konzeption, Planung und Realisierung verantwortet hat und ohne dessen Ideenreichtum und Durchsetzungsvermögen das Projekt in dieser Form nicht hätte realisiert werden können. Ein ganz besonderer Dank gebührt aber auch meinem kleinen Team der Casa di Goethe, das nicht nur die schwierige Eröffnungsphase erfolgreich hinter sich gebracht hat, sondern seither mit großem Engagement und Einsatz die täglichen und nichtalltäglichen Aufgaben bewältigt.

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Ursula Bongaerts ist Leiterin der Casa di Goethe, Rom
 

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