Aus bürgerlicher Initiative zum Museum von
Weltrang
Susanne Kujer
"Der hiesigen Stadt zu einer wahren Zierde und der Bürgerschaft
nützlich": Was das Städelsche Kunstinstitut gegenüber staatlichen oder
fürstlichen Kunstsammlungen wie München oder Dresden auszeichnet, ist, daß es als
Stiftung im Geist der Aufklärung aus einer bürgerlichen Initiative entstand und von ihr
bis heute getragen wird.
Den Grundstein legte 1815 der Frankfurter Bankier und Handelsmann Johann
Friedrich Städel: In die Stiftung für ein Kunstinstitut brachte er testamentarisch seine
Kunstsammlung mit Gemälden, Handzeichnungen und Kupferstichen ein sowie seine Bibliothek
und ein beachtliches Vermögen. Bedingung dieser Stiftung war der Auf- und Ausbau einer
qualitativ hochrangigen Sammlung, die für jeden Bürger zugänglich sein sollte.
In über anderthalb Jahrhunderten hat das Städel Weltruf erlangt mit seiner
exemplarischen Sammlung abendländischer Malerei vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Viele
Menschen haben dazu beigetragen: Mit Schenkungen und Stiftungen von Kunstfreunden, mit
Unterstützung des Städelschen Museums-Vereins, der Stadt, des Landes und des Bundes
sowie den Spenden der Bürger konnte die Sammlung durch wichtige Werke immer wieder
ergänzt und die Forschungs- und Bildungsarbeit gefördert werden.
Von Anfang an ist das Städel untrennbar mit der Stadt Frankfurt am Main und
ihren Bürgern verbunden - für viele Frankfurter war und ist der Besuch des Städel in
der Schulzeit eine erste Begegnung mit der Kunst. Jährlich zieht das Städel über 100
000 Besucher aus dem In- und Ausland allein in seine Dauerausstellung. Viele weitere
Kunstinteressierte besuchen die wechselnden Sonderausstellungen oder nehmen an dem
vielseitigen Veranstaltungsprogramm teil.
Raum für die Kunst
Einen Museumsbau zu errichten, der "dem Zweck desselben vollständig
entspricht, mithin allerdings auch künstlerisch würdig und bedeutend" ist: So
lautete der Auftrag an Oskar Sommer, Lehrer für Baukunst am Städelschen Institut und
Semper-Schüler, der das 1878 eröffnete Gebäude am südlichen Mainufer schuf - bis heute
das Domizil des Städelschen Kunstinstituts. 1921 wurde dieser Bau zum Garten hin mit
einem Flügel erweitert, der die 1907 gegründete Städtische Galerie mit dem Schwerpunkt
"Zeitgenössische Kunst" aufnahm.
Nach erheblichen Kriegsschäden wurde 1966 der Wiederaufbau abgeschlossen.
Auf die Rekonstruktion des prächtigen Teils - des reich dekorierten Treppenhauses -
mußte damals verzichtet werden. Vor allem im Innern des Gebäudes wurde vieles im
Geschmack der Nachkriegszeit verändert.
In den 80er Jahren stand die Sanierung der Dächer an, der Umbau der
Bibliothek und die Errichtung des Erweiterungsbaus, der 1990 eröffnet wurde. Seit 30
Jahren hat das Städel keine stringente Überarbeitung erfahren können, weder die
Raumästhetik noch das Präsentationskonzept der Kunstwerke.
Auch neuen Aufgaben muß sich das Museum heute gewachsen zeigen. Zu den
herkömmlichen Zielen des Sammelns, Bewahrens, der Forschung und der publikumswirksamen
Vermittlung sind Erwartungen offener Kommunikationsformen getreten. Das Museum soll nicht
nur der Ort des Dialogs mit der Kunst sein, sondern auch des Gesprächs über
die Kunst: über die Bedeutung von Kunstwerken für das Verständnis von Geschichte, für
das Begreifen der uns komplex gegenüberstehenden Gegenwart und als Wegweiser für
Zukunftsvisionen.
Um hierfür eine kreative Atmosphäre zu schaffen und gleichzeitig die
höchst qualitätvolle Kunst in einem adäquaten Rahmen zu zeigen, waren nun umfangreiche
Erneuerungen nicht länger aufzuschieben - so begann im Dezember 1996 die Renovierung des
Museums.
Das Städel auf dem Weg in die Zukunft
Das Architekturbüro Jourdan und Müller PAS, Frankfurt am Main, wurde nach
der Ausschreibung eines Wettbewerbs mit der Planung und Durchführung der gesamten
Umbaumaßnahmen beauftragt. In ihrem neuen, schöneren Rahmen wird die Kunst im Städel
voraussichtlich Mitte 1999 zu sehen und zu erleben sein.
Wände, Raum und Licht sind die grundlegenden architektonischen Komponenten,
um Kunst erlebbar zu machen. Offenheit und Klarheit, die durch die Bau- und
Umbaumaßnahmen erzielt werden, die Neugestaltung der Räume sollen es ermöglichen, die
Kunst im Städel in einen spannungsvollen Kontext zu setzen.
Schon mit dem Eintritt ins Museum sollen der Charakter und die
"Vision", die das Museum für die Zukunft transportieren will, verdeutlicht
werden. Der Charakter und die Prinzipien der Architektur, die Professor Johannes Krahn in
den 60er Jahren entwickelte und die das Gebäude im Gegensatz zu seiner äußeren
Erscheinung im Inneren leicht und schwerelos erscheinen lassen, sollen auch in Zukunft
weiterhin Bestand haben.
Nach der Fertigstellung erhält das Hauptfoyer seine eigentliche Funktion
zurück. Es wird Treffpunkt für Kunstliebhaber und zudem eine künstlerische
Ausgestaltung erfahren. Katalogverkauf, Garderobe, Kunstbuchhandlung und der neue
Museums-Shop werden zukünftig in der rechten Eingangshalle eingerichtet. In der linken
Eingangshalle entsteht ein neuer Fixpunkt für Freunde der Graphischen Sammlung. Diese
erhält einen spezifisch ausgestatteten Raum für wechselnde Ausstellungen aus ihren
kostbaren Beständen.
Um den Vortragssaal - den berühmten Nazarener-Saal - entsteht ein völlig
neuer Bereich, der die Raumfunktion erheblich erweitert und das Städel um eine besondere
Attraktion bereichert: Das Alte Foyer vor dem Nazarener-Saal wird rekonstruiert, der
Nazarener-Saal öffnet sich zum Garten mit fünf hohen Türen und einer großen Terrasse
und wird somit zum Garten-Saal.
Im Innenhof zur Holbeinstraße entsteht die neue Museums-Cafeteria mit
Öffnung zum Skulpturengarten. Garten-Saal, Altes Foyer und Museums-Cafeteria werden sich
flexibel miteinander verbinden lassen und auch für größere kulturelle und
gesellschaftliche Veranstaltungen Räume mit einzigartiger Atmosphäre bieten.
Während der Bauarbeiten sind die Sammlungen für Besucher weitgehend
zugänglich, der Umbau erfolgt in zwei Phasen: in der ersten die Erneuerung des
Main-Flügels am Schaumainkai, die voraussichtlich Mitte 1998 abgeschlossen sein wird, in
der zweiten die Erneuerung des zum Garten gelegenen Gebäudeflügels sowie der Bau der
Museums-Cafeteria, der Kunstbuchhandlung und des Museumsshops.
"Gunst-Sammlung - Ich steh' zum Städel"
Um diese Maßnahmen durchzuführen, ist jetzt erneut bürgerliche Hilfe
gefragt. Zur Finanzierung wurde ein Fund-Raising-Konzept entwickelt, das, auf insgesamt
fünf Jahre angelegt, kurzfristig eingesetzt werden konnte. Dieses Konzept ist ein Teil
einer Kommunikationsstrategie "Das neue Städel", die künftig das Städel
begleiten soll.
"Wetterhexen" waren es, die einem früheren Aberglauben zufolge die
Fähigkeiten besaßen, die Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft heraufzubeschwören, um
ihre Zaubertaten zu vollbringen. Eine "Wetterhexe" aus Hans Baldungs Gemälde
wurde zum Logo für die "Gunst-Sammlung - Ich steh' zum Städel". Zu dieser
Aussage haben sich nach über einem Jahr viele Bürgerinnen und Bürger bekannt und das
Museum in diesem Sinne finanziell unterstützt. Das Aktionskonzept der
"Gunst-Sammlung" enthält zahlreiche sich ergänzende Maßnahmen und begleitende
Veranstaltungen. Alle Erlöse aus diesen Aktivitäten kommen uneingeschränkt der
Erneuerung des Städel zugute.
Am 30. November 1996 wurden die Gemälde der "Alten Meister" für
die Zeit der Renovierung verabschiedet. Über 4.000 Besucher feierten in den Sälen der
Gemäldegalerie ein rauschendes Fest - bis weit nach Mitternacht. Mit dem Städel-Fest
"Klassik-Open-Air" in der Holbeinstraße wurde im Sommer 1997 diese
Veranstaltungreihe für die "Gunst-Sammlung" fortgesetzt mit dem Ziel, viele
Freunde zu finden, die die Renovierung des Museums weiterhin finanziell unterstützen. Im
Mittelpunkt standen Gespräche über den Stand der Arbeiten. Die wissenschaftlichen
Mitarbeiter erläuterten das Hängekonzept und die architektonischen Neuerungen, die zum
Tragen kommen werden.
Bekannte Persönlichkeiten wie Jean-Christophe Ammann, Michael Groß oder
Martin Hecht engagieren sich als Fürsprecher für die "Gunst-Sammlung".
Benefizveranstaltungen mit Peter Stein und Alfred Brendel - ebenfalls Freunde des Museums
- haben besonders dazu beigetragen, daß zusätzliche Einnahmen für die
Städel-Erneuerung erzielt wurden. Weitere Veranstaltungen mit bekannten Künstlern sind
geplant. Ein Benefizkonzert in der Alten Oper Frankfurt gemeinsam mit den Frankfurter
Chören wird am 14. März 1998 folgen.
(Unter Verwendung der Texte aus den begleitenden
Kommunikationsmitteln der
"Gunst-Sammlung")