Am 13. November 1997 verlieh der AsKI im Rahmen einer Festveranstaltung
in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main zum fünften Mal seine Maecenas-Ehrung.
Ausgezeichnet wurde der 91jährige Schweizer Dirigent und Musikmäzen Dr. h.c. mult. Paul Sacher für seine beispielgebende Förderung der zeitgenössischen
Musik. Zum Bedauern der zahlreich erschienenen Gäste hatte Paul Sacher die Teilnahme aus
Krankheitsgründen kurzfristig absagen müssen. Zahlreiche Genesungswünsche wurden
ausgesprochen. Auch konnte durch die tatkräftige Unterstützung des Deutschen
Rundfunkarchivs eine Videoaufzeichnung mit einem Interview des Geehrten eingespielt
werden. An Stelle Paul Sachers nahmen Vertreter der Paul Sacher Stiftung, Dr. Felix Meyer
und Sabine Hänggi-Stampfli, die Ehrengabe, ein Typoskript des Komponisten Richard
Strauss, aus den Händen des AsKI-Vorsitzenden, Dr. Barthold C. Witte, entgegen. Den
musikalischen Rahmen des Abends gestaltete auf besonderen Wunsch des Geehrten das Ensemble
der Schola Cantorum Basiliensis "Les haulz et Les bas" mit der Aufführung von
Bläsermusik des Mittelalters.
Nach der Begrüßung durch den Hausherrn, den Generaldirektor der
Deutschen Bibliothek Frankfurt und stellvertretenden Vorsitzenden der Stiftung Buchkunst,
Prof. Dr. Klaus-Dieter Lehmann, folgten Grußworte der Kulturdezernentin der Stadt
Frankfurt, Linda Reisch, und des Vertreters des Bundesministeriums des Innern,
Ministerialdirigent Dr. Waldemar Ritter. Die mit Spannung erwartete Laudatio hielt der mit
Paul Sacher befreundete Schriftsteller Rolf Hochhuth, der in seiner Rede scharf die
Kulturpolitik der öffentlichen Hand kritisierte.
Im folgenden drucken wir Auszüge aus den Grußworten und der Laudatio.
Linda Reisch:
"Viele internationale Preise und Auszeichnungen haben Paul
Sachers verdienstvolles Werk gewürdigt. Die Maecenas-Ehrung nimmt dabei für mich eine
besondere Stellung ein, weil sie eine Anerkennung durch die Kulturinstitute selbst ist,
die vielfach ihre Existenz bzw. ihre Arbeitsmöglichkeiten häufig Persönlichkeiten wie
Paul Sacher verdanken. Über Mäzene wird heute viel und gerne geredet, vor allen von
seiten der Politik. Nicht selten jedoch steht dabei das Bestreben im Vordergrund, den
Staat aus der finanziellen Verantwortung für Kultur scheibchenweise zu entlassen. Ich
möchte hier als Frankfurter Kulturdezernentin ganz deutlich sagen, daß da eine falsche
Rechnung aufgemacht wird. Private und staatliche Förderung bedingen einander, das eine
kann nicht das andere ersetzen. Die Möglichkeiten zur Kultur und die Freiheit der Kunst
können nur dann existieren, wenn der Staat sich selbst als Kulturermöglicher begreift
und wenn jeder - im Großen wie im Kleinen - Kunst fördert und fördern darf."
Dr. Waldemar Ritter:
"Den Grund, der uns hier und heute in dieser Feierstunde
zusammenführt, fand ich in Goethes Maximen und Reflexionen:
Die Kunst kann niemand fördern als der Meister.
[...] Paul Sacher hat nicht nur eine Stiftung und ein
musikwissenschaftliches Forschungsinstitut eingerichtet, das weltweit seinesgleichen
sucht. Paul Sacher praktiziert Mäzenatentum in seiner klassischen Form, indem er Lebens-
und Arbeitsvoraussetzungen für schaffende Künstler herstellt. Er fördert die
Entstehung, statt sich darauf zu beschränken, das ohnehin Entstehende zu sammeln. Sachers
Handeln ist Definition und Umsetzung der Zielsetzung des klassischen Mäzenatentums, bei
dem der Mäzen nicht Herr des Verfahrens, sondern Beteiligter in der Form eines
Impulsgebers ist. [...]
Auch die meisten AsKI-Institute verdanken ihre Entstehung einer
solchen Initialzündung von Privatpersonen mit ausgeprägtem Kunst- und
Geschichtsverständnis und der Bereitschaft der Übernahme kultureller Verantwortung. Bis
in die heutige Zeit trägt bei einigen Mitgliedsinstituten das vorbildliche Zusammenwirken
von staatlichem und privatem Engagement zur effektiven und produktiven Arbeit und nicht
zuletzt auch zu ihrem hohen Ansehen bei. Gerade in Zeiten knapper Kassen [...] kommt dem
Zusammenwirken öffentlicher Hände und privater Kräfte eine besondere, wenn nicht gar
existentielle Bedeutung zu. [...] Dabei ist es an der Zeit, neben den herkömmlichen Wegen
auch ungewohnte, neue Wege zu beschreiten. So bleibt beispielsweise die Verbesserung der
rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen, bei denen auch das Bundesinnenministerium
immer wieder die Anliegen unserer Kulturträger einbringen wird, ein Thema, welches
innovativen und gestaltenden Ansätzen zugänglich sein muß. Die aktive Einmischung in
diese Themen bleibt auch in Zukunft eine Aufgabe des AsKI und der anderen
Kulturinstitutionen, Verbände und Interessengemeinschaften, so wie es in der
Vergangenheit immer wieder zu fruchtbarem und erfolgreichem Tätigwerden insbesondere
durch Einbringen von beachtenswerten Konzeptionen gekommen ist. Es ist eine Aufgabe von
uns allen. Die Diskussion um die Substanz des Kulturstaates muß Bürgersache werden.
[...]
Ich darf Ihnen versichern, daß auf Bundesebene alle Anstrengungen
unternommen werden, um die Kulturförderung als Pflichtaufgabe des Staates, als
staatlichen Beitrag zur Existenz der Gesellschaft zu sichern. Und dies möchte ich gerade
hier betonen, daß trotz schwieriger Haushaltslage der Kulturetat des Bundes im
wesentlichen ungeschmälert geblieben ist. Es gehört zum Grundverständnis der
Bundesrepublik Deutschland, daß Kunst und Kultur eine der Grundlagen für die
Lebensbedingungen der Menschen und somit von existentieller Bedeutung sind."
Rolf Hochhuth:
"Du, Paul, Demokrat von Hause, weil Schweizer, gehörst zu den
heute an zwei Händen abzuzählenden europäischen Mäzenen, denen der Einsatz für neue
Kunst niemals ein Thema war, weil eine Selbstverständlichkeit. Ich gehe weiter, ich sage
sehr überlegt und bewußt: Du bist der einzige, der genuin dafür gelebt hat, weil Du -
nachweislich - auch der einzige warst, der das mit zwanzig Jahren schon begonnen und
geleistet hat, lange bevor Dir dank Deiner Verheiratung auch finanziell die Möglichkeit,
die Mittel dafür gegeben waren. Dein Wirken, das auf Intimität mit den Künstlern, auf
Kenntnis ihrer Person und Produktion gründet, zeitlebens gegründet war, ist vor allem
auch der Beweis, daß allein Geld künstlerisch noch zu gar keinen Resultaten führt.
Denn Geld, ja viele Milliarden haben dank der Subventionen, so
empörend überhöht wie niemals in der Geschichte, ja auch in den drei deutschsprachigen
Landen die Opern- und Theater-Intendanten, aber sie machen doch nichts daraus, fast keine
zeitgenössische Kunst, sondern meist nur Reproduktionen bereits bewährter Kunst [...]
Weil Du, Paul, nicht bist ,wie diese da', habe ich meine Dankrede
überschrieben ,Die zu neuen Ufern fahren': letzter Satz Deiner Dankrede für den Basler
Kunstpreis, der Dir 1972 zugesprochen wurde. Du hast da Dein Lebensziel, Deine
Lebensleistung zusammengefaßt:
,Ich empfinde es als glückliche Fügung, mehr noch, als vom
Schicksal gewährte Gnade, daß ich in diesem unruhigen, alles in Frage stellenden
Jahrhundert die Vision meiner Jugend verwirklichen durfte. In dieser langen Frist ist für
jeden Musikfreund selbstverständlich geworden, was bis zur Mitte dieses Jahrhunderts neu
und unbekannt war. Damals lagen für Schatzsucher und Pioniere noch grenzenlos weite
Felder unerschlossen. Aber es werden sich jeder Generation neue Wege öffnen. Wer aus dem
Rahmen des Gewohnten ausbricht, ist allein auf sich gestellt und muß seiner Sache sicher
sein. Wer nur rückwärts schaut, lebt außerhalb seiner Epoche. Ich werde keinen
künstlerisch Empfindsamen je verstehen, der nicht die Botschaft seiner eigenen Zeit
empfangen will, selbst wenn sie Unheil kündet. Darum gilt alle meine Zuneigung
denjenigen, die zu neuen Ufern fahren auf dem Strom, der auch uns getragen hat.'
Dieses Bekenntnis zum Neuen, das heißt in der Kunst immer auch: zum
Riskanten, zum Umstrittenen, zum vielleicht Mißlingenden, zum Gefährdeten wie
Gefährdenden - nämlich den gefährdend, der es macht, ebenso wie den, der es der
Öffentlichkeit, die es meist zurückweist, aufzwingen will -, erst dieser Wagemut adelt
den Mäzen. Kunst kaufen und ausstellen oder aufführen, die schon so bewährt und
anerkannt ist und wertesicher wie ein Goldbarren, ist medioker - ja: amoralisch. Du hast
stets das Gegenteil getan - hast nie im Leben das Risiko gescheut, sondern anderen sogar
abgenommen, indem Du mit Deinem Namen für Newcomer eingetreten bist. Wie selten geschieht
das heute durch Berühmte. [...]
Immerhin ist es ein Trost, daß jene Interpreten, die sich scheuen,
für Zeitgenossen einzutreten, niemals Nachwelt haben. Hat jemals Herr von Karajan die
Haut für einen noch nicht Klassischen zu Markte getragen? Wir kennen aber Max Reinhardt
heute nicht mehr, weil er entdeckt hat, der damals für unspielbar geltende
,Sommernachtstraum' biete doch herrliche Inszenierungsmöglichkeiten, sondern wir kennen
diesen Regisseur nur deshalb, weil er umstrittene, ja verachtete oder auch noch völlig
namenlose Dramatiker inszeniert hat, weil er sich der immer machtvollen Meute der
Konventionellen stellte, an der Seite zum Beispiel Gorkis, Hauptmanns, Hofmannsthals,
Schnitzlers, Shaws, Pirandellos.
Deshalb allein kennen wir Reinhardt noch; schwacher Trost allerdings
für Zeitgenossen solcher Machthaber in den Kunsttempeln, die Lebende derart unterdrücken
wie heute unsere staatlich durch unverantwortlich überhöhte Subventionen abgesicherten
Generalintendanten, die meine und schon die vorangegangene Generation Deutschschreibender,
also von Zuckmayer bis Frisch, von Dürrenmatt bis Thomas Bernhard ruchlos liquidiert
haben: Nicht mehr drei Prozent der Spielpläne großer Bühnen - Opern und Theater, ich
spreche nicht von Kellerbühnen - werden noch von lebenden Deutschschreibenden oder gar
Komponierenden bestückt. [...]
Gibt es eine deutsche Stadt, in deren Oper - wir haben zahllose
Opernhäuser - man Gelegenheit hätte, ein Meisterwerk wie Aribert Reimanns ,,Lear"
zu hören? Daß so allmächtige Opernchefs wie unsere ungerührt zusehen, wie unsere
Komponisten hungern - haben die nicht eine Dozentur, so kann ihrer keiner mehr von den
Tantiemen leben, bei vier Milliarden (!) Subventionen, die Bund, Länder und Gemeinden den
Opern und Theatern größtherzig schenken. Es gibt keinen deutschen Komponisten heute, der
an der Oper so viel verdiente wie der Portier einer Oper. Nichts gegen Portiers, aber
alles gegen Intendanten, die ausnahmslos zusehen, persönlich königlich versorgt durch
Gage und Pension.
Dagegen nun Paul Sacher, der unvergleichliche Anreger, ohne den die
Geschichte der Musik des 20. Jahrhunderts gar nicht zu schreiben wäre. Sacher sagte, als
1973 erstmals eine Auswahl seiner Autographen ausgestellt war, und ich zitiere dies, weil
das eine heute völlig ausgestorbene vorbildliche und werkschaffende Intimität von
Anreger und Urheber bezeugt, von Komponist und Interpret, wie sie von keinem anderen
Menschen mehr, von keinem außer Paul Sacher, dem 91jährigen, gepflegt wird:
,Was Sie im neuen Saal ausgestellt sehen, ist keine Sammlung im
üblichen Sinne. Diese Dokumente sind letzten Endes nichts anderes als Zeugnisse meiner
Beziehungen zu Komponisten, meiner Verbindung, meiner Freundschaft mit ihnen. Die Noten
wurden nicht zusammengetragen oder aufbewahrt, um eine Sammlung anzulegen. Sie hat sich
eher absichtslos ergeben, weil im Lauf der Zeit das eine zum andern kam. Ich selbst kann
darin nichts anderes sehen als ein zusätzliches Ergebnis meiner Tätigkeit als Dirigent.
Beim Erteilen eines Kompositionsauftrages habe ich jeweils nur das Recht auf die
Uraufführung des Werkes verlangt. Wenn es mein Ziel gewesen wäre, eine stolze Reihe von
Manuskripten zu besitzen, hätte ich auch die Ablieferung der Originalpartitur zur
Bedingung machen müssen. Rückblickend könnte man vielleicht sagen, ich habe eine große
Gelegenheit verpaßt! In siebenundvierzig Jahren stellten mir etwa sechzig Komponisten
rund hundertsechzig Werke zur Verfügung.'
Wer nicht selber heute angewiesen ist auf jene, die darüber
entscheiden - sie entscheiden stets diskussionslos, allein; die letzten Absolutisten in
einer vergleichsweise demokratischen Umwelt -, die entscheiden, ob ein neues Werk, Musik
oder Drama aufgeführt wird, der kann nicht ermessen, was Paul Sacher als der einzige
Uraufführer von über zweihundert Stücken für Künstler, besonders auch für sehr viele
Nichtprominente geleistet hat durch seine immer von Staat und Behörden unabhängige Art
der Kunstförderung, ihrer Praktizierung und Kunst-Hervorbringung. Denn was hülfe es den
Unzähligen, die Sacher zum Komponieren angeregt und denen er das ermöglicht hat, würde
Sacher dann nicht auch uraufführen, was er initiierte. Sachers schöpferische,
werkschaffende Intimität ist ein rührender Anachronismus geworden.
Den Mächtigen - besonders der Kunstszene - ist wie den Politikern
der BRD, die ,ihre' Kunstbonzen inthronisieren, weil finanzieren, der Gedanke völlig
fremd, mit den Künstlern auch nur zu reden. Oder sahen Sie je ein Foto, das sogenannte
Spitzenpolitiker - Willy Brandt ist lange tot - mit Künstlern im Gespräch zeigte?
Ergebnis dieser geistigen Abstinenz: Niemals gab es in der deutschen Geschichte so wenige
neue Dramen oder Opern wie heute, da Theater und Opern mehr Geld haben als jemals zuvor,
mit ihren Milliarden Subventionen. Mithin: Ohne private Mäzene ist der Künstler verloren
in unserer Gesellschaft, weil die zwar so viel Geld für Bühnen ausgibt wie bei weitem
niemals in der Geschichte, weil sie aber diese Milliarden fast niemals denen gibt, die
Texte und Kompositionen hervorbringen, sondern allein den Hausherren der staats- oder
städteeigenen Bühnen, also ihren Kunstbeamten, die ihnen schon deshalb - logisch - aus
der Hand fressen, weil die Theatermachthaber den Parteileuten ihren Job verdanken; und
weil von den Parteien allein es abhängt, wie lange sie den behalten und wie hoch ihre
Subventionen und ihr persönliches Gehalt sind. Ein perverser Kreislauf: gesetzgeberisch
sanktionierte Korruption. [...]
Ohne Mäzene, also Privatleute, wären Künstler verloren in unserer
Republik, die ja grundgesetzwidrig auch die Privattheater vernichtet hat, denn das
Grundgesetz garantiert Chancengleichheit; wo aber Bund, Länder, Gemeinden allein
nichtprivate subventionieren, da haben private keine Chance mehr.
[...] Paul Sacher hat früh gewußt, daß zwischen dem Mäzen und
dem Staat, den Behörden kein so inniges Verhältnis aufkommen darf: Sollen doch Mäzene
gerade das fördern, was die Behörden links liegenlassen oder gar bekämpfen: Das
Oppositionelle, das Neue, das Überraschende, das noch nicht 'Standesgemäße'."