Kunstmultiple und Tagebuch-Faksimile
Gerd Korinthenberg
Gäbe es den Zöllner alter Zeiten noch, der streng das Gepäck
der Reisenden visitiert, bei manch einem Italienrückkehrer könnte er seltsame Dinge
finden: Kästchen aus Spanplatten, Aktenköfferchen nicht unähnlich, die mal zwei
Porzellanteller mit den Namenszügen "Johann Wolfgang" und
"Charlotte", mal drei Wasserflaschen in den Farben der italienischen Trikolore
oder sechs Worte Italienisch enthalten. Zudem bemerkt besagter Zöllner jeweils eine
beigepackte Buchkassette, die wie antik wirkt - ohne es aber wirklich zu sein. Zur
Eröffnung des Goethe-Museums in Rom, der Casa di Goethe, genau in der Wohnung, die sich
der Weimaraner 1786/88 mit dem Malerfreund Tischbein teilte, hat der Hannoveraner
Künstler Dieter Froelich im Auftrag des AsKI eine Edition aus drei verschiedenen
Kunstobjekten geschaffen, mit der er ironisch die Grundbedürfnisse jedes Reisenden in
seine künstlerisch-literarischen Schatullen packt.
Neben dem Notwendigsten zur Nahrung und Kommunikation legt der
als Stipendiat der Villa Massimo (1996) dazu besonders prädestinierte Künstler das
faksimilierte Tagebuch der "Italiänischen Reise" bei, das der Geheime Rat
postalisch der fernen Frau von Stein zukommen ließ. Mit seinen "Coffergen"
(Goethe) in drei verschiedenen Ausführungen reiht sich Städel-Absolvent Froelich ein in
die Nachfolge von Marcel Duchamps mutig zu Kunstwerken erklärten Ready-Mades, die der
Franzose 1941 in seinen Koffer "La boîte-en-valise" packte, oder die kecken
Verfremdungen des Alltags mittels der Fluxusobjekte von Robert Filliou bis Georges Brecht.
Zwischen Spanplatten ist spielerisch auch der Gedanke verwahrt, der Goethes Italienische
Reise zu einem der "folgenreichsten Unternehmungen der deutschen
Geistesgeschichte", so Rolf Hochhuth, gemacht hat: die enge Verbindung von Kunst und
Literatur.
Den reizvollen Faksimile-Nachdruck des zwischen Karlsbad und Rom
geschriebenen Goethe-Tagebuchs, dessen Original im Goethe-Schiller-Archiv der Stiftung
Weimarer Klassik bewahrt wird, haben Konrad Scheurmann und Jochen Golz zur Feier der
römischen Museumseröffnung herausgegeben. Zwar - wohl aus Gründen des Preises -
lediglich fotografisch reproduziert und damit nicht im engeren Sinne faksimiliert, erfreut
den Literaturliebhaber dennoch ein Hauch der Aura, die sich auf 440 Seiten aus
Schriftbild, rasch skizzierten Zeichnungen und wechselnden Papierformaten ergibt. Wer die
Handschrift Goethes, deren Duktus zwischen Karlsbad und der Ankunft in Rom am 29. Oktober
1786 immer schwungvoller, großzügiger wird, nicht entziffern mag, dem hilft die
buchstabengetreue Transkription Wolfgang Albrechts. Zwischen sachlichen Reisenotaten,
wissenschaftlichen Betrachtungen etwa zur Geologie und Reflexionen über das eigene
Erleben ("Auch ists recht gut daß ich allein bin, denn gewiß man wird durch
anhaltende Bedienung vor der zeit alt und unfähich"), funkelt wie ungeschliffener
Diamant der Text, der dem Dichter rund ein viertel Jahrhundert später zum Baustein der
"Italienischen Reise" werden wird.
Als "Cicerone" durch die Casa di Goethe, das erste
deutsche Museum im Ausland, dient der zweibändige Katalog, der in den Essays des ersten
Bandes den kultur- und geistesgeschichtlichen Hintergrund der Italienreise Goethes
schildert. Im zweiten Band wird die Eröffnungsausstellung mit ihren über 260 Exponaten
in Wort und Bild lebendig (Hrsg.: Ursula Bongaerts-Schomer/ Konrad Scheurmann). Nicht als
verstaubtes Erlebnis für Bildungstouristen, sondern als ein bis heute wirkendes Kapitel
der europäischen Geistesgeschichte vermögen beide Bände die Begegnung des Dichters mit
dem Süden nahezubringen.
Sind einige der Essays zwar etwas abseits der engeren Thematik
angesiedelt, so werden dennoch die bestürzend aktuellen Gedanken Goethes etwa zu Fragen
des Föderalismus, zur Überwindung nationaler Grenzen durch Kunst oder Wissenschaft und
seine Wertschätzung der "Hoheit und sittliche[n] Kultur des Christentums"
unabhängig aller Konfessionen deutlich. Zwei Aufsätze zum Kunsterleben Goethes in Rom
betonen zu Recht diesen bedeutenden Aspekt der ästhetischen Formung des Weimaraners an
antiker Plastik, der Malerei Raffaels und der Architektur Palladios. Detektivisch mutet
schließlich die Geschichte der Identifizierung des authentischen, von Goethe mit
Tischbein geteilten "klein Stübgen" in der Via del Corso an.
Symbolisch für den Bezug des Dichters zur Moderne steht am
Beginn der Ausstellungsexponate Andy Warhols 1982 verfremdetes Goethe-Porträt nach
Tischbeins Campagna-Bildnis. Zwischen historischen Belegstücken, Büchern, Zeichnungen,
Zeitdokumenten stets die Brücke zur Gegenwart: So lehrt eine Eisenplastik des Spaniers
Andreu Alfaro, der 1984 die Linien des Aquarells "Goethe am Fenster seiner römischen
Wohnung" (1787) wiederaufnimmt, das einfühlsame Kunstwerk Tischbeins viel deutlicher
sehen.