Umfassende Retrospektive in der
Kunsthalle in Emden
Achim Sommer
Die Kunsthalle in Emden zeigt vom 14. Februar bis zum 18. April 1998 in
Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus,
München, als dritte und einzige Station in Norddeutschland eine retrospektive Ausstellung
mit Werken von Christian Schad, der als ein Hauptvertreter der Malerei der "Neuen
Sachlichkeit" gilt. Da ein Schwerpunkt der Sammlung Henri Nannen auch in diesem
Bereich liegt, ist es besonders erfreulich, das schmale und in der ganzen Welt verstreute
Werk dieses "berühmten Unbekannten" in Emden zeigen zu können; es ist zudem
die erste umfassende Präsentation seit der Retrospektive in der Staatlichen Kunsthalle
Berlin 1980, zwei Jahre vor Schads Tod.
Die konzentrierte Auswahl von Gemälden, Zeichnungen, Druckgraphiken,
Photogrammen und Holzreliefs zeigt Christian Schads künstlerischen Weg auf, von den
expressionistischen Anfängen und den dadaistischen Experimenten und Erfindungen über die
neusachliche Malerei der zwanziger und dreißiger Jahre bis hin zum magisch-realistischen
Spätstil.
Der 1894 im oberbayerischen Miesbach geborene und in München in einer
kultivierten, bildungsbürgerlichen Atmosphäre aufgewachsene Schad studiert 1913 Malerei,
verläßt die Münchner Akademie aber bereits nach einem Semester. Der Zwanzigjährige
entzieht sich der Einberufung zum Militärdienst durch Simulation eines Herzfehlers und
geht 1915 in die Schweiz, zunächst nach Zürich, wo er mit den Künstlern im Umfeld des
Züricher Dadaismus verkehrt und den Schriftsteller Walter Serner kennenlernt, mit dem er
für die kommenden zwölf Jahre freundschaftlich verbunden bleibt. 1916 übersiedelt Schad
nach Genf. 1920 reist er wieder nach München und noch im selben Jahr nach Rom und Neapel,
wo er zur gegenständlichen Malerei zurückfindet. 1925 zieht der Künstler nach Wien um,
1928 nach Berlin. Bis 1930 entstehen seine neusachlichen Porträts. Obwohl Schad sich bis
1942 an Ausstellungen beteiligt, verdient er jedoch seinen Lebensunterhalt seit 1935 als
Geschäftsführer des Berliner Depots einer bayerischen Brauerei. 1943 wird sein Berliner
Atelier zerstört, und Schad übersiedelt nach Aschaffenburg, wo er den Auftrag zur Kopie
der "Stuppacher Madonna" von Matthias Grünewald für die dortige Stiftskirche
erhält und mit Unterbrechnungen bis 1947 ausführt. Nach dem Bau eines Atelierhauses in
Keilberg im Spessart 1961 lebt und arbeitet Schad dort, von einigen Reisen unterbrochen,
zurückgezogen bis zu seinem Tod im Jahre 1982.
Neben den sogenannten Schadographien, "Photographien ohne Kamera",
bei denen Schad Gegenstände auf lichtempfindlichem Papier arrangierte und dann einer
Lichtquelle aussetzte - er entdeckte damit 1919 in Genf vor Man Ray und László
Moholy-Nagy eine neue, wegweisende Technik für die künstlerische Photographie - sind es
vor allem seine eindringlichen Porträts der zwanziger Jahre, die als seine Hauptwerke
gelten und das Herzstück der Ausstellung bilden. Wohl kaum ein Betrachter, der diesen
Bildern begegnet, kann sich der Faszination und irritierenden Sogkraft entziehen, die von
ihrer altmeisterlichen Präzision und kühlen Distanz ausgehen. Der Maler erfaßt den
modernen Menschen in einer Reihe von markanten Individuen aus der großen Welt und der
Halbwelt. Bohrende Blicke aus fast überzeichneten Augen, gefrorene Leidenschaften,
morbide Erotik, treffende und bloßlegende Schärfe der Charakterisierung treten uns in
Schads strengen Bildinszenierungen entgegen. Er porträtiert wie kein anderer darin auch
den Zeitgeist der zwanziger Jahre.
Zu seinen bekanntesten und berühmtesten Bildern gehört sicherlich sein
Wiener Selbstporträt aus dem Jahr 1927 (s. Titelseite der "Kulturberichte"), in
dem er sich mit einem Frauenakt darstellt. Zu diesem Doppelbildnis bemerkt Schad, daß
seine Bilder "in keiner Weise illustrativ" sind. "Sie sind eher
Sinnbilder." In der "Bildlegende", die Schad für viele seiner Werke im
Rückblick formulierte und uns so über die Umstände ihrer Entstehung, über Personen und
Requisiten in Kenntnis setzt, ist zu lesen:
"Was ich 1927 in Wien für mein Selbstporträt gefunden habe, sind zum
Teil Reminiszenzen, zum Teil Sinnbilder: Vom Narzismus ist wohl niemand ganz frei. Sieht
man aber von vornherein alles durch diesen Spiegel, ist man gewarnt und tut sich leichter.
Die Essen im Hintergrund des Bildes vor dem stahlblauen Nachthimmel sind
vermutlich eine leichte Sehnsucht nach Paris.
Der schöne Frauenkörper, das Gesicht entstellt durch eine Sfregio - eine
Gesichtsnarbe, wie sie damals in Süditalien, vor allem in Neapel, die von ihrem
eifersüchtigen Mann oder Liebhaber so defigurierten Frauen mit großem Stolz zur Schau
trugen als sichtbares Zeichen dafür, wie leidenschaftlich sie geliebt wurden -, und das
verwühlte Bett sollen wohl für die Situation des ,Après' stehen.
Meinen Akt durch ein Hemd aus dem Stoff zu sehen, der in der Antike auf der
Insel Kos gewebt wurde, schien mir vermutlich malerisch reizvoller, als zwei Akte
hintereinander.
Die Hand der Frau sah ich bei einem Schiessbudenmädchen im Prater. Leichtes
Deshabillée sind das Bändchen am Handgelenk und, eben noch sichtbar, der rote Strumpf.
Alles Fragmente physischer und psychischer Art, die einzeln banal und nichts
sind, zusammen aber ein gutes Bild ergeben, wie ich meine."
Die Ausstellung wird begleitet von einem umfassenden Katalog (264 Seiten mit
85 Farb- und zahlreichen SW-Abbildungen), der fünf Beiträge zum Schaffen Christian
Schads sowie eine gründliche Dokumentation der ausgestellten Werke enthält
(Preis an der Museumskasse 58,- DM).