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Kulturberichte 1/98: Christian Schad 1894 - 1982

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Umfassende Retrospektive in der Kunsthalle in Emden

Achim Sommer

Die Kunsthalle in Emden zeigt vom 14. Februar bis zum 18. April 1998 in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München, als dritte und einzige Station in Norddeutschland eine retrospektive Ausstellung mit Werken von Christian Schad, der als ein Hauptvertreter der Malerei der "Neuen Sachlichkeit" gilt. Da ein Schwerpunkt der Sammlung Henri Nannen auch in diesem Bereich liegt, ist es besonders erfreulich, das schmale und in der ganzen Welt verstreute Werk dieses "berühmten Unbekannten" in Emden zeigen zu können; es ist zudem die erste umfassende Präsentation seit der Retrospektive in der Staatlichen Kunsthalle Berlin 1980, zwei Jahre vor Schads Tod.

Die konzentrierte Auswahl von Gemälden, Zeichnungen, Druckgraphiken, Photogrammen und Holzreliefs zeigt Christian Schads künstlerischen Weg auf, von den expressionistischen Anfängen und den dadaistischen Experimenten und Erfindungen über die neusachliche Malerei der zwanziger und dreißiger Jahre bis hin zum magisch-realistischen Spätstil.

Der 1894 im oberbayerischen Miesbach geborene und in München in einer kultivierten, bildungsbürgerlichen Atmosphäre aufgewachsene Schad studiert 1913 Malerei, verläßt die Münchner Akademie aber bereits nach einem Semester. Der Zwanzigjährige entzieht sich der Einberufung zum Militärdienst durch Simulation eines Herzfehlers und geht 1915 in die Schweiz, zunächst nach Zürich, wo er mit den Künstlern im Umfeld des Züricher Dadaismus verkehrt und den Schriftsteller Walter Serner kennenlernt, mit dem er für die kommenden zwölf Jahre freundschaftlich verbunden bleibt. 1916 übersiedelt Schad nach Genf. 1920 reist er wieder nach München und noch im selben Jahr nach Rom und Neapel, wo er zur gegenständlichen Malerei zurückfindet. 1925 zieht der Künstler nach Wien um, 1928 nach Berlin. Bis 1930 entstehen seine neusachlichen Porträts. Obwohl Schad sich bis 1942 an Ausstellungen beteiligt, verdient er jedoch seinen Lebensunterhalt seit 1935 als Geschäftsführer des Berliner Depots einer bayerischen Brauerei. 1943 wird sein Berliner Atelier zerstört, und Schad übersiedelt nach Aschaffenburg, wo er den Auftrag zur Kopie der "Stuppacher Madonna" von Matthias Grünewald für die dortige Stiftskirche erhält und mit Unterbrechnungen bis 1947 ausführt. Nach dem Bau eines Atelierhauses in Keilberg im Spessart 1961 lebt und arbeitet Schad dort, von einigen Reisen unterbrochen, zurückgezogen bis zu seinem Tod im Jahre 1982.

Neben den sogenannten Schadographien, "Photographien ohne Kamera", bei denen Schad Gegenstände auf lichtempfindlichem Papier arrangierte und dann einer Lichtquelle aussetzte - er entdeckte damit 1919 in Genf vor Man Ray und László Moholy-Nagy eine neue, wegweisende Technik für die künstlerische Photographie - sind es vor allem seine eindringlichen Porträts der zwanziger Jahre, die als seine Hauptwerke gelten und das Herzstück der Ausstellung bilden. Wohl kaum ein Betrachter, der diesen Bildern begegnet, kann sich der Faszination und irritierenden Sogkraft entziehen, die von ihrer altmeisterlichen Präzision und kühlen Distanz ausgehen. Der Maler erfaßt den modernen Menschen in einer Reihe von markanten Individuen aus der großen Welt und der Halbwelt. Bohrende Blicke aus fast überzeichneten Augen, gefrorene Leidenschaften, morbide Erotik, treffende und bloßlegende Schärfe der Charakterisierung treten uns in Schads strengen Bildinszenierungen entgegen. Er porträtiert wie kein anderer darin auch den Zeitgeist der zwanziger Jahre.

Zu seinen bekanntesten und berühmtesten Bildern gehört sicherlich sein Wiener Selbstporträt aus dem Jahr 1927 (s. Titelseite der "Kulturberichte"), in dem er sich mit einem Frauenakt darstellt. Zu diesem Doppelbildnis bemerkt Schad, daß seine Bilder "in keiner Weise illustrativ" sind. "Sie sind eher Sinnbilder." In der "Bildlegende", die Schad für viele seiner Werke im Rückblick formulierte und uns so über die Umstände ihrer Entstehung, über Personen und Requisiten in Kenntnis setzt, ist zu lesen:

"Was ich 1927 in Wien für mein Selbstporträt gefunden habe, sind zum Teil Reminiszenzen, zum Teil Sinnbilder: Vom Narzismus ist wohl niemand ganz frei. Sieht man aber von vornherein alles durch diesen Spiegel, ist man gewarnt und tut sich leichter.

Die Essen im Hintergrund des Bildes vor dem stahlblauen Nachthimmel sind vermutlich eine leichte Sehnsucht nach Paris.

Der schöne Frauenkörper, das Gesicht entstellt durch eine Sfregio - eine Gesichtsnarbe, wie sie damals in Süditalien, vor allem in Neapel, die von ihrem eifersüchtigen Mann oder Liebhaber so defigurierten Frauen mit großem Stolz zur Schau trugen als sichtbares Zeichen dafür, wie leidenschaftlich sie geliebt wurden -, und das verwühlte Bett sollen wohl für die Situation des ,Après' stehen.

Meinen Akt durch ein Hemd aus dem Stoff zu sehen, der in der Antike auf der Insel Kos gewebt wurde, schien mir vermutlich malerisch reizvoller, als zwei Akte hintereinander.

Die Hand der Frau sah ich bei einem Schiessbudenmädchen im Prater. Leichtes Deshabillée sind das Bändchen am Handgelenk und, eben noch sichtbar, der rote Strumpf.

Alles Fragmente physischer und psychischer Art, die einzeln banal und nichts sind, zusammen aber ein gutes Bild ergeben, wie ich meine."

Die Ausstellung wird begleitet von einem umfassenden Katalog (264 Seiten mit 85 Farb- und zahlreichen SW-Abbildungen), der fünf Beiträge zum Schaffen Christian Schads sowie eine gründliche Dokumentation der ausgestellten Werke enthält
(Preis an der Museumskasse 58,- DM).

  Dr. Achim Sommer ist wissenschaftlicher Leiter der Kunsthalle in Emden

   

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