Das Bild der Galeriesäle der Kunsthalle Bremen, das sich Besuchern
über die Jahre bis zur Schließung im März 1996 hinweg eingeprägt hatte, war durch eine
seltsame Atmosphäre von Reichtum und Ärmlichkeit zugleich gekennzeichnet.
Einerseits bietet die Gemälde- und Skulpturensammlung einen
eindrucksvollen Querschnitt durch sechs Jahrhunderte abendländischen Kunstschaffens. Eine
Reihe besonderer, umfangreicher Werkgruppen steht für den Rang des Instituts: Delacroix,
Liebermann, Corinth, Beckmann, Modersohn-Becker. Eine der bekanntesten Abteilungen bilden
die Gemälde der französischen Impressionisten, von Manet, Monet, über Renoir und Sisley
bis zu Cézanne und van Gogh, deren Erwerb schon am Jahrhundertbeginn sehr umstritten war
und im Falle des "Mohnfelds" von van Gogh zum "Protest deutscher
Künstler" führte.
Die eindrucksvollen Kunstwerke der Galerie werden noch übertroffen
durch diejenigen der Graphischen Sammlung: das Kupferstichkabinett mit seinen über
200.000 Zeichnungen, Aquarellen und Druckgraphiken. Zu dem in der Fachwelt hoch
respektierten Bestand gehören bedeutende Aquarelle Albrecht Dürers, auch dessen
Holzschnitte und Kupferstiche in nahezu vollzähligem Umfang, das gedruckte Werk Francisco
de Goyas, die Lithographien Picassos und fast unerschöpflich viel mehr. Das
Kupferstichkabinett stellt ohne Zweifel den kunstgeschichtlich herausragendsten Besitz der
Kunsthalle dar.
Andererseits befand sich seit langem der jämmerliche Zustand der Säle
in eklatantem Widerspruch zu diesen hochrangigen Exponaten. Die Lichtverhältnisse
entsprachen in keiner Weise heutigen Anforderungen, die klimatischen Verhältnisse
erreichten oft nicht die heute geltenden Normwerte - mal waren die Temperaturen zu hoch,
mal zu niedrig, die Raumfeuchte gab immer zu Sorgen Anlaß. Dem Besucher sprangen die
abgetretenen Fußbeläge ins Auge, die abgelösten Wandbespannungen, die Wasserschäden an
den Decken und die abgewetzten Sitzbezüge der Bänke.
Um diesen unhaltbaren Zuständen nicht mit bloßen Kleinreparaturen
entgegenzutreten, ist innerhalb des Kunstvereins in Bremen, dem privaten Träger der
Kunsthalle, 1995 ein Kuratorium "Rettet die Kunsthalle" unter der Führung des
Kaufmanns Harald Dieter Berghöfer gegründet worden, und binnen eines Jahres spendeten
Stifter und Mäzene sieben Millionen Mark. Mit dieser Summe, einem Drittel der
geschätzten Gesamtkosten, konnte erreicht werden, daß das Land Bremen und die
Bundesrepublik Deutschland jeweils einen gleichgroßen Beitrag bereitstellten. An alte
bürgerlich-mäzenatische Traditionen anzuknüpfen und damit ein Bündnis zwischen
privaten Geldgebern und Öffentlicher Hand zu stiften, das hat in Bremen eine lange
Tradition und führte zu einem nicht geringen Teil zur Verleihung des "Corporate Art
Preises" 1997, den der Verleger Dr. Hubert Burda ins Leben gerufen hat (s.
"Kulturberichte" 2/97).
Trotz des recht eindrucksvollen Gesamtbetrages von 21 Millionen DM war
die finanzielle Ausstattung der Sanierungskampagne eher bescheiden. Die Vorgehensweise bei
der Planung und Umsetzung der Baumaßnahmen war entsprechend zurückhaltend. In
regelmäßigen Abständen wurde geprüft, welche Maßnahmen mit dem gedeckelten Kostentopf
zu realisieren waren.
Viele der Probleme, die bei den Planungen und bei den laufenden Arbeiten
auftauchten, sind dem Umstand geschuldet, daß die Kunsthalle in mehreren Baustufen
errichtet bzw. umgestaltet wurde. Der Kern des Gebäudes stammt von 1849, er wurde 1902
wesentlich verändert und erweitert. Ein Kriegsschaden zerstörte 1944 einen
Gebäudeflügel, Wiederaufbau und Umgestaltung in den 50er Jahren fügten neue Strukturen
ein. Über die meisten Eingriffe gab es keine ausreichende Dokumentation; so konnten die
alten Luftkanalsysteme erst mit Hilfe der Thermographie verortet werden. Planen, bauen und
umplanen, wenn neue und unerwartete Situationen auftraten, das war in diesem Bauvorhaben
oft notwendig. Daraus ergaben sich z. T. Kostensteigerungen, die nicht alle mit den
Mitteln für Unvorhergesehenes kompensiert werden konnten. Dementsprechend mußten
einzelne Maßnahmen auf eine Nachrückerliste verschoben werden. Einige Positionen dieser
Liste wird man momentan nicht umsetzen können. Ihre Verwirklichung gehört zu den
Pflichten, die in den nächsten Jahren abgearbeitet werden.
Eine gänzlich unerwartete Aufgabe tat sich auf, als die
Sandsteinfassade von alten Schmutzablagerungen gereinigt wurde. Es stellte sich heraus,
daß drei Reliefs in Bogenfeldern über Fenstern des ersten Obergeschosses durch Hitze
beim Brand 1944 durchgeglüht waren und nun durch Abplatzungen und Risse vor ihrer
Zerstörung stehen. Um diese Bildwerke zu ersetzen, muß erneut Geld eingeworben werden.
Auch wenn die Mittel von Anfang an begrenzt waren, ist doch für die
Sanierung ein Ziel gesetzt worden: die Kunsthalle mit ihrem aus verschiedenen Epochen
stammenden Gebäudekomplex in einem ästhetisch stimmigen Gesamteindruck zu präsentieren
und gleichzeitig nicht nur die heute geltenden konservatorischen Bedingungen zu erfüllen,
sondern auch den zukünftigen Anforderungen Rechnung zu tragen.
Drei Bremer Architektenbüros war der Auftrag erteilt worden,
Vorentwürfe zu erstellen; aus diesen gingen die Pläne des Büros Dahms und Sieber als
die überzeugendsten hervor. Prof. Wolfram Dahms Entwurf sah als wesentliche Maßnahmen
den Abbruch des zentralen Treppenhauses vor und die Einrichtung einer Zentralhalle. Diese
sollte durch ein ovales Deckenauge den Blick ins 1. Obergeschoß freigeben. Eine neue
Treppe sollte im vorderen Westflügel eine Verbindung vom Keller- ins Dachgeschoß
herstellen. Im Keller konnten so für das Publikum bisher unzugängliche Räume als
Sanitär- und Garderobenbereich gestaltet werden. Der neue Zugang des bislang nur als
Dachboden verwendeten 2. Obergeschosses ermöglichte die Einrichtung von rund 500 m²
neuer Ausstellungsfläche. Der schönste Raum ist fraglos der, über dem sich das riesige
Glasdach des Mittelrisalits wölbt.
Die über die ganze Breite des Vorderbaues reichende Raumzone bildet nun
das neue Entrée. Anstelle der früheren dunkelfarbigen Glasfassade - die fast den
Eindruck erweckte, das Museum sei geschlossen - entstand eine transparente Glaswand mit
einer Drehtür als Haupteingang. Neben Kassenzone und Garderobe befindet sich der neue
Museumsshop, auch separat vom Museum zu erreichen. Im gleichen Flügel wurde eine zweite
Ebene eingezogen - auf dem Halbgeschoß soll ein großzügiger Aufenthaltsbereich
insbesondere für Gruppen und Klassen entstehen.
Im Servicebereich wurde auch ein Raum fest installiert, der für
Vorträge und Ausstellungseinführungen, z.B. durch Videoprogramme, vorgesehen ist. Der
Raum kann je nach Nutzung unterteilt werden - bei großen Ausstellungsprojekten wird hier
auch eine Zusatzgarderobe Platz finden.
Die Raumnot, unter der das Kupferstichkabinett in der Vergangenheit zu
leiden hatte, ist durch das Einziehen von Zwischenebenen in den Büroräumen beendet
worden. Ein speziell konstruiertes und fest eingebautes Schranksystem bietet Platz und
Schutz für Graphiken und Bücher.
Die technische Ausstattung ist hinter und in Wänden verborgen. Als
Heizung wird hier jetzt die Wand- und Bauteiltemperierung eingesetzt, ein System, das sich
im letzten Jahrzehnt im Museumsbau und bei denkmalgeschützten Bauten durchgesetzt hat. Es
bietet ein sehr stabiles Raumklima, ohne Wärmeströmungen im Saal zu erzeugen, also ohne
thermisch verursachte Staubflüge. Gleichzeitig stabilisiert sich mit dem
Temperaturgefüge auch die relative Feuchte; Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen
bewegen sich in sehr viel ruhigeren Verläufen als z.B. bei schnell und ständig
nachregelnden Vollklimaanlagen. Die Be- und Entlüftung aller Räumlichkeiten erforderte
die Verlegung umfangreicher Zu- und Abluftkanäle. Hier fügte es sich nahezu ideal, daß
die Kunsthalle 1902 mit einer Warmluftheizung ausgestattet worden war. Davon waren alle
Kanäle und Kamine in den Wänden noch vorhanden; sie konnten für das neue System
verwendet werden. Ohne diese günstige Voraussetzung wären die Rohrstränge überhaupt
nicht unterzubringen gewesen. Auch die Auslässe der Luftanlagen konnten nahezu unsichtbar
integriert werden. Von Beginn an enthielten die Säle z.T. drittelmeterhohe Wandsockel,
diese Holzverkleidung wurde so umgerüstet, daß die Quelluftsockel dem Auge verborgen
waren. Ähnlich wurde mit Aggregaten verfahren, die zukünftig Temperaturspitzen des
Sommers in den Räumen reduzieren: Luftkühler verschwinden in den Ledersitzbänken, die
in allen großen Sälen neu aufgestellt werden.
Die alten Jugendstiltüren, die hölzernen Sockel, die Friese und die
Staubdecken - alles behielt sein ursprüngliches Aussehen. Völlig neu dagegen ist der
Fußboden. Alle Ausstellungsräume haben nun ein Eichenparkett, das mit einem umlaufenden
dunklen Streifen einesteils die Raumfläche faßt, andernteils eine optische Barriere vor
den Hängeflächen darstellt. In Anknüpfung an die Ausgestaltung der Kunsthalle zur
Jahrhundertwende werden die Säle wieder farbig gestrichen, in pastellroten, -grünen,
-gelben, -blauen Farbtönen, dadurch werden dann auch Gliederungen für die Neuhängung
der Sammlung geschaffen.
Da das Kunsthallengebäude ein Oberlichthaus ist, wurde die Beleuchtung
- in Form von Tageslicht oder elektrischen Leuchtkörpern - in den Glaskuppeln über den
großen Sälen angeordnet, was ein homogenes Licht in den Räumen erzeugt. Die
effektvollere Lichtführung mit Strahlern bleibt hier nur wenigen Objekten, in der Regel
Skulpturen vorbehalten.
Im wesentlichen kam es darauf an, die Museumsräume so zu sanieren und
zu renovieren, daß sie einen in sich geschlossenen Eindruck vermitteln, der sich wiederum
am traditionellen Erscheinungsbild orientiert. Diese Mischung aus Erneuerung in den
Funktionsbereichen und Einrichtung der Galerie in ihrer klassisch anmutenden Ausstattung
war die Intention der Planungsgruppe. Dies ist, so kann man jetzt nach Abschluß der
Renovierung feststellen, auf eindrucksvolle Weise gelungen.
Auch über den Tag der Wiedereröffnung im März 1998 hinaus wird die
Bausanierung der Kunsthalle Bremen noch so manche Aufgabe bereithalten; nicht alle
Probleme konnten auf Dauer gelöst werden. Dennoch ist der nun erreichte Stand ein guter
Ausgangspunkt für den Weg des Museums ins nächste Jahrtausend, und die Anzahl der
Schwierigkeiten hat sich auf ein zu bewältigendes Maß reduziert.
Mit der Erweiterung der technischen Anlagen für das Klima, die
Beleuchtung und die Sicherheit sind auch die Betriebskosten wesentlich gestiegen.
Einerseits sind die neuen Anlagen für sich gesehen energiesparend und mit geringerem
Personalaufwand zu steuern und zu warten. Andererseits wurden nun Maschinen und Systeme in
einem Umfang eingebaut, wie sie nie zuvor vorhanden waren, ohne die man aber heute keine
konservatorisch erforderlichen Klimawerte erzeugen kann. Der Kunstverein in Bremen und die
Stadtgemeinde Bremens sind seit Jahrzehnten in einem Vertrag miteinander verbunden, auf
dessen Grundlage die Stadt die Übernahme der Betriebs- und Personalkosten des Museums
garantiert. Über die Finanzierung der nun wesentlich gestiegenen Kosten gibt es für 1997
noch einen Dissens zwischen den beiden Partnern. Für die Jahre 1998 und 1999 hat die
Stadtgemeinde zugesagt, die Mehrkosten von 1 Million DM zu tragen. Für die Zukunft strebt
der Vorstand unter der Führung des Vorsitzers Georg Abegg eine langfristige vertragliche
Regelung an.
Die Wiedereröffnung der Galerie der Kunsthalle wird begleitet von einer
Ausstellung, die das Kupferstichkabinett mit seinen Schätzen in den Vordergrund stellt.
"100 Meisterwerke auf Papier" - Aquarelle, Gouachen und Zeichnungen aus den
letzten fünf Jahrhunderten, das heißt vom Landschaftsaquarell Dürers bis zu
Feuer-Aquarellen von John Cage - bieten einen Einblick in die außergewöhnlichen
Bestände der graphischen Sammlung (März - 10. Mai 1998).