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Kulturberichte 1/98: Klassisch - aber modern

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Wiedereröffnung der Kunsthalle Bremen im März 1998 nach umfangreicher Sanierung

Willy Athenstädt

Kunsthalle Bremen, Gemälde-Galerie, Oberlichtsaal
Kunsthalle Bremen
Gemälde-Galerie, Oberlichtsaal

Das Bild der Galeriesäle der Kunsthalle Bremen, das sich Besuchern über die Jahre bis zur Schließung im März 1996 hinweg eingeprägt hatte, war durch eine seltsame Atmosphäre von Reichtum und Ärmlichkeit zugleich gekennzeichnet.

Einerseits bietet die Gemälde- und Skulpturensammlung einen eindrucksvollen Querschnitt durch sechs Jahrhunderte abendländischen Kunstschaffens. Eine Reihe besonderer, umfangreicher Werkgruppen steht für den Rang des Instituts: Delacroix, Liebermann, Corinth, Beckmann, Modersohn-Becker. Eine der bekanntesten Abteilungen bilden die Gemälde der französischen Impressionisten, von Manet, Monet, über Renoir und Sisley bis zu Cézanne und van Gogh, deren Erwerb schon am Jahrhundertbeginn sehr umstritten war und im Falle des "Mohnfelds" von van Gogh zum "Protest deutscher Künstler" führte.

Die eindrucksvollen Kunstwerke der Galerie werden noch übertroffen durch diejenigen der Graphischen Sammlung: das Kupferstichkabinett mit seinen über 200.000 Zeichnungen, Aquarellen und Druckgraphiken. Zu dem in der Fachwelt hoch respektierten Bestand gehören bedeutende Aquarelle Albrecht Dürers, auch dessen Holzschnitte und Kupferstiche in nahezu vollzähligem Umfang, das gedruckte Werk Francisco de Goyas, die Lithographien Picassos und fast unerschöpflich viel mehr. Das Kupferstichkabinett stellt ohne Zweifel den kunstgeschichtlich herausragendsten Besitz der Kunsthalle dar.

Andererseits befand sich seit langem der jämmerliche Zustand der Säle in eklatantem Widerspruch zu diesen hochrangigen Exponaten. Die Lichtverhältnisse entsprachen in keiner Weise heutigen Anforderungen, die klimatischen Verhältnisse erreichten oft nicht die heute geltenden Normwerte - mal waren die Temperaturen zu hoch, mal zu niedrig, die Raumfeuchte gab immer zu Sorgen Anlaß. Dem Besucher sprangen die abgetretenen Fußbeläge ins Auge, die abgelösten Wandbespannungen, die Wasserschäden an den Decken und die abgewetzten Sitzbezüge der Bänke.

Um diesen unhaltbaren Zuständen nicht mit bloßen Kleinreparaturen entgegenzutreten, ist innerhalb des Kunstvereins in Bremen, dem privaten Träger der Kunsthalle, 1995 ein Kuratorium "Rettet die Kunsthalle" unter der Führung des Kaufmanns Harald Dieter Berghöfer gegründet worden, und binnen eines Jahres spendeten Stifter und Mäzene sieben Millionen Mark. Mit dieser Summe, einem Drittel der geschätzten Gesamtkosten, konnte erreicht werden, daß das Land Bremen und die Bundesrepublik Deutschland jeweils einen gleichgroßen Beitrag bereitstellten. An alte bürgerlich-mäzenatische Traditionen anzuknüpfen und damit ein Bündnis zwischen privaten Geldgebern und Öffentlicher Hand zu stiften, das hat in Bremen eine lange Tradition und führte zu einem nicht geringen Teil zur Verleihung des "Corporate Art Preises" 1997, den der Verleger Dr. Hubert Burda ins Leben gerufen hat (s. "Kulturberichte" 2/97).

Trotz des recht eindrucksvollen Gesamtbetrages von 21 Millionen DM war die finanzielle Ausstattung der Sanierungskampagne eher bescheiden. Die Vorgehensweise bei der Planung und Umsetzung der Baumaßnahmen war entsprechend zurückhaltend. In regelmäßigen Abständen wurde geprüft, welche Maßnahmen mit dem gedeckelten Kostentopf zu realisieren waren.

Viele der Probleme, die bei den Planungen und bei den laufenden Arbeiten auftauchten, sind dem Umstand geschuldet, daß die Kunsthalle in mehreren Baustufen errichtet bzw. umgestaltet wurde. Der Kern des Gebäudes stammt von 1849, er wurde 1902 wesentlich verändert und erweitert. Ein Kriegsschaden zerstörte 1944 einen Gebäudeflügel, Wiederaufbau und Umgestaltung in den 50er Jahren fügten neue Strukturen ein. Über die meisten Eingriffe gab es keine ausreichende Dokumentation; so konnten die alten Luftkanalsysteme erst mit Hilfe der Thermographie verortet werden. Planen, bauen und umplanen, wenn neue und unerwartete Situationen auftraten, das war in diesem Bauvorhaben oft notwendig. Daraus ergaben sich z. T. Kostensteigerungen, die nicht alle mit den Mitteln für Unvorhergesehenes kompensiert werden konnten. Dementsprechend mußten einzelne Maßnahmen auf eine Nachrückerliste verschoben werden. Einige Positionen dieser Liste wird man momentan nicht umsetzen können. Ihre Verwirklichung gehört zu den Pflichten, die in den nächsten Jahren abgearbeitet werden.

Eine gänzlich unerwartete Aufgabe tat sich auf, als die Sandsteinfassade von alten Schmutzablagerungen gereinigt wurde. Es stellte sich heraus, daß drei Reliefs in Bogenfeldern über Fenstern des ersten Obergeschosses durch Hitze beim Brand 1944 durchgeglüht waren und nun durch Abplatzungen und Risse vor ihrer Zerstörung stehen. Um diese Bildwerke zu ersetzen, muß erneut Geld eingeworben werden.

Auch wenn die Mittel von Anfang an begrenzt waren, ist doch für die Sanierung ein Ziel gesetzt worden: die Kunsthalle mit ihrem aus verschiedenen Epochen stammenden Gebäudekomplex in einem ästhetisch stimmigen Gesamteindruck zu präsentieren und gleichzeitig nicht nur die heute geltenden konservatorischen Bedingungen zu erfüllen, sondern auch den zukünftigen Anforderungen Rechnung zu tragen.

Drei Bremer Architektenbüros war der Auftrag erteilt worden, Vorentwürfe zu erstellen; aus diesen gingen die Pläne des Büros Dahms und Sieber als die überzeugendsten hervor. Prof. Wolfram Dahms Entwurf sah als wesentliche Maßnahmen den Abbruch des zentralen Treppenhauses vor und die Einrichtung einer Zentralhalle. Diese sollte durch ein ovales Deckenauge den Blick ins 1. Obergeschoß freigeben. Eine neue Treppe sollte im vorderen Westflügel eine Verbindung vom Keller- ins Dachgeschoß herstellen. Im Keller konnten so für das Publikum bisher unzugängliche Räume als Sanitär- und Garderobenbereich gestaltet werden. Der neue Zugang des bislang nur als Dachboden verwendeten 2. Obergeschosses ermöglichte die Einrichtung von rund 500 m² neuer Ausstellungsfläche. Der schönste Raum ist fraglos der, über dem sich das riesige Glasdach des Mittelrisalits wölbt.

Die über die ganze Breite des Vorderbaues reichende Raumzone bildet nun das neue Entrée. Anstelle der früheren dunkelfarbigen Glasfassade - die fast den Eindruck erweckte, das Museum sei geschlossen - entstand eine transparente Glaswand mit einer Drehtür als Haupteingang. Neben Kassenzone und Garderobe befindet sich der neue Museumsshop, auch separat vom Museum zu erreichen. Im gleichen Flügel wurde eine zweite Ebene eingezogen - auf dem Halbgeschoß soll ein großzügiger Aufenthaltsbereich insbesondere für Gruppen und Klassen entstehen.

Im Servicebereich wurde auch ein Raum fest installiert, der für Vorträge und Ausstellungseinführungen, z.B. durch Videoprogramme, vorgesehen ist. Der Raum kann je nach Nutzung unterteilt werden - bei großen Ausstellungsprojekten wird hier auch eine Zusatzgarderobe Platz finden.

Die Raumnot, unter der das Kupferstichkabinett in der Vergangenheit zu leiden hatte, ist durch das Einziehen von Zwischenebenen in den Büroräumen beendet worden. Ein speziell konstruiertes und fest eingebautes Schranksystem bietet Platz und Schutz für Graphiken und Bücher.

Die technische Ausstattung ist hinter und in Wänden verborgen. Als Heizung wird hier jetzt die Wand- und Bauteiltemperierung eingesetzt, ein System, das sich im letzten Jahrzehnt im Museumsbau und bei denkmalgeschützten Bauten durchgesetzt hat. Es bietet ein sehr stabiles Raumklima, ohne Wärmeströmungen im Saal zu erzeugen, also ohne thermisch verursachte Staubflüge. Gleichzeitig stabilisiert sich mit dem Temperaturgefüge auch die relative Feuchte; Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen bewegen sich in sehr viel ruhigeren Verläufen als z.B. bei schnell und ständig nachregelnden Vollklimaanlagen. Die Be- und Entlüftung aller Räumlichkeiten erforderte die Verlegung umfangreicher Zu- und Abluftkanäle. Hier fügte es sich nahezu ideal, daß die Kunsthalle 1902 mit einer Warmluftheizung ausgestattet worden war. Davon waren alle Kanäle und Kamine in den Wänden noch vorhanden; sie konnten für das neue System verwendet werden. Ohne diese günstige Voraussetzung wären die Rohrstränge überhaupt nicht unterzubringen gewesen. Auch die Auslässe der Luftanlagen konnten nahezu unsichtbar integriert werden. Von Beginn an enthielten die Säle z.T. drittelmeterhohe Wandsockel, diese Holzverkleidung wurde so umgerüstet, daß die Quelluftsockel dem Auge verborgen waren. Ähnlich wurde mit Aggregaten verfahren, die zukünftig Temperaturspitzen des Sommers in den Räumen reduzieren: Luftkühler verschwinden in den Ledersitzbänken, die in allen großen Sälen neu aufgestellt werden.

Die alten Jugendstiltüren, die hölzernen Sockel, die Friese und die Staubdecken - alles behielt sein ursprüngliches Aussehen. Völlig neu dagegen ist der Fußboden. Alle Ausstellungsräume haben nun ein Eichenparkett, das mit einem umlaufenden dunklen Streifen einesteils die Raumfläche faßt, andernteils eine optische Barriere vor den Hängeflächen darstellt. In Anknüpfung an die Ausgestaltung der Kunsthalle zur Jahrhundertwende werden die Säle wieder farbig gestrichen, in pastellroten, -grünen, -gelben, -blauen Farbtönen, dadurch werden dann auch Gliederungen für die Neuhängung der Sammlung geschaffen.

Da das Kunsthallengebäude ein Oberlichthaus ist, wurde die Beleuchtung - in Form von Tageslicht oder elektrischen Leuchtkörpern - in den Glaskuppeln über den großen Sälen angeordnet, was ein homogenes Licht in den Räumen erzeugt. Die effektvollere Lichtführung mit Strahlern bleibt hier nur wenigen Objekten, in der Regel Skulpturen vorbehalten.

Im wesentlichen kam es darauf an, die Museumsräume so zu sanieren und zu renovieren, daß sie einen in sich geschlossenen Eindruck vermitteln, der sich wiederum am traditionellen Erscheinungsbild orientiert. Diese Mischung aus Erneuerung in den Funktionsbereichen und Einrichtung der Galerie in ihrer klassisch anmutenden Ausstattung war die Intention der Planungsgruppe. Dies ist, so kann man jetzt nach Abschluß der Renovierung feststellen, auf eindrucksvolle Weise gelungen.

Auch über den Tag der Wiedereröffnung im März 1998 hinaus wird die Bausanierung der Kunsthalle Bremen noch so manche Aufgabe bereithalten; nicht alle Probleme konnten auf Dauer gelöst werden. Dennoch ist der nun erreichte Stand ein guter Ausgangspunkt für den Weg des Museums ins nächste Jahrtausend, und die Anzahl der Schwierigkeiten hat sich auf ein zu bewältigendes Maß reduziert.

Mit der Erweiterung der technischen Anlagen für das Klima, die Beleuchtung und die Sicherheit sind auch die Betriebskosten wesentlich gestiegen. Einerseits sind die neuen Anlagen für sich gesehen energiesparend und mit geringerem Personalaufwand zu steuern und zu warten. Andererseits wurden nun Maschinen und Systeme in einem Umfang eingebaut, wie sie nie zuvor vorhanden waren, ohne die man aber heute keine konservatorisch erforderlichen Klimawerte erzeugen kann. Der Kunstverein in Bremen und die Stadtgemeinde Bremens sind seit Jahrzehnten in einem Vertrag miteinander verbunden, auf dessen Grundlage die Stadt die Übernahme der Betriebs- und Personalkosten des Museums garantiert. Über die Finanzierung der nun wesentlich gestiegenen Kosten gibt es für 1997 noch einen Dissens zwischen den beiden Partnern. Für die Jahre 1998 und 1999 hat die Stadtgemeinde zugesagt, die Mehrkosten von 1 Million DM zu tragen. Für die Zukunft strebt der Vorstand unter der Führung des Vorsitzers Georg Abegg eine langfristige vertragliche Regelung an.

Die Wiedereröffnung der Galerie der Kunsthalle wird begleitet von einer Ausstellung, die das Kupferstichkabinett mit seinen Schätzen in den Vordergrund stellt. "100 Meisterwerke auf Papier" - Aquarelle, Gouachen und Zeichnungen aus den letzten fünf Jahrhunderten, das heißt vom Landschaftsaquarell Dürers bis zu Feuer-Aquarellen von John Cage - bieten einen Einblick in die außergewöhnlichen Bestände der graphischen Sammlung (März - 10. Mai 1998).

invisible.gif (85 Byte) Willy Athenstädt ist Baubeauftragter der Kunsthalle Bremen, Museumspädagoge und Referent für Öffentlichkeitsarbeit
 

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