Willy Athenstädt Während
der Schließung der Kunsthalle Bremen hat das Kuratorenteam um Direktor Wulf Herzogenrath
neben intensiver Ausleihtätigkeit eine Reihe von Ausstellungen in Zusammenarbeit mit
anderen Häusern realisiert. Die umfangreichste und bedeutendste Schau kam auf Einladung
der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland zustande. "Die
Kunsthalle Bremen zu Gast in Bonn" war der Titel der Ausstellung, zu der ca. 200
Gemälde sowie Skulpturen und etwa 200 Arbeiten auf Papier nach Bonn geschickt wurden. Die
größten Schätze aus den Sammlungen präsentierten sich auf zwei inhaltlichen Wegen: Ein
nördlicher Weg führte zu Dürer, weiter zur holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts
und dann zur deutschen Kunst der Romantik, zum deutschen Impressionismus und schließlich
zur Klassischen Moderne. Auf dem südlichen Weg begegnete der Besucher insbesondere der
Malerei des Barock und der französischen Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Einen
besonderen Bereich bildeten Arbeiten von z.B. John Cage und Nam June Paik als Ausblick auf
die jüngsten künstlerischen Tendenzen.
In der Reihe der "Meisterwerke aus sechs Jahrhunderten" waren
u.a. zu sehen Monets "Camille" (1866), Manets "Zacharie Astruc"
(1863), van Goghs "Mohnfeld" (1889), Liebermanns "Papageienallee"
(1902), Beckmanns "Selbstbildnis mit Saxophon" (1930). Paula Modersohn-Beckers
Bedeutung als Wegbereiterin der Moderne unterstrich die Ausstellung durch eine
repräsentative Werkauswahl. Mit Modersohn-Becker wie mit van Gogh dokumentiert sich ein
Stück deutscher Museumsgeschichte, waren es doch die Arbeiten dieser beiden Künstler,
die Gustav Pauli (Direktor der Kunsthalle von 1899 - 1914) frühzeitig ankaufte und
deswegen vehementem Protest aus Besucher- und Künstlerkreisen ausgesetzt war.
Das Kupferstichkabinett zeigte in einer eigens für seine Bedürfnisse
konstruierten Raumflucht zahlreiche Zeichnungen, Aquarelle, Druckgraphiken und
Illustrierte Bücher. Die Werkauswahl von Dürer über die Italiener und Niederländer des
17. und 18. Jahrhunderts zu den Deutschen und Franzosen des 19. Jahrhunderts bis hin zu
Vertretern des Expressionismus, der Klassischen Moderne und aktuellen Zeitgenossen konnte
nur einen Überblick geben über die umfangreichen Bestände der Graphischen Sammlung, die
in Bremen bewahrt werden.
Die Ausstellung, die in Bonn vom 10. Oktober 1997 bis zum 11. Januar
1998 zu sehen war, trug als Untertitel einen Ausspruch Rainer Maria Rilkes anläßlich der
Eröffnung der neuen Kunsthalle im Jahre 1902: " ... hier in diesem Haus wird mancher
sehend für ein ganzes Leben." Angesichts der Exponatfülle, die von Bremern und
nichtbremischen Kunstliebhabern oft zu wenig wahrgenommen wird, unterstrich die Bonner
Präsentation die fortgeltende Berechtigung des Dichterworts.
Als Begleitprogramm organisierte die Kunsthalle Bremen in Zusammenarbeit
mit der Landesvertretung Bremen und der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik
Deutschland im Oktober/November 1997 drei Sonderveranstaltungen:
Im Rahmen des "Internationalen Bremer Klavierwettbewerbs 1997"
konzertierten die drei ersten Preisträger im Forum der Bundeskunsthalle; das renommierte
Bremer Tanztheater führte in einem Gastspiel die von Urs Dietrich choreographierte
Produktion "DO RE MI FA SO LATITOD" auf, und in der Landesvertretung Bremen fand
eine kulturpolitische Podiumsdiskussion zum Thema "Öffentliche und private
Kunstförderung" statt (s. dazu auch nachfolgenden Beitrag).
Als weitere Besonderheit konnte der "Kunstpreis der
Böttcherstraße in Bremen", der alle zwei Jahre durch einen Stifterkreis des
Kunstvereins in Bremen ausgerichtet wird, in diesem Jahr dankenswerterweise im Bonner
Kunstverein verliehen werden. Aus dem Kreis der zehn Kandidatinnen und Kandidaten, die von
einer Auswahljury vorgeschlagen worden waren, nahm der in Berlin lebende und arbeitende
Olafur Eliasson den mit 30.000 DM dotierten Preis entgegen.