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Kulturberichte 1/98: Galerie der Goethezeit

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Suche Die neue Dauerausstellung im Frankfurter Goethe-Museum

Petra Maisak

Rechtzeitig zum hundertsten Geburtstag konnte das Freie Deutsche Hochstift - Frankfurter Goethe-Museum am 20. Juni 1997 wieder seine Pforten öffnen, nachdem Umbau und Sanierung des gesamten Gebäudes eine mehrjährige Schließung notwendig gemacht hatten.

Das Frankfurter Goethe-Museum wurde 1897 vom Freien Deutschen Hochstift, das bereits 1863 Goethes Elternhaus erworben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hatte, gegründet. Ziel war eine klare Funktionstrennung zwischen der Memorialstätte, die nun ganz als Wohnhaus im historischen Sinn eingerichtet wurde, und einem neuen Bibliotheks-, Archiv- und Museumstrakt. Das Museum beschränkte sich zunächst auf einen Raum, den Gartensaal; dort wurde eine Literaturausstellung gezeigt, die Leben und Werk vornehmlich des "Frankfurter" Goethe dokumentierte. In der Folge verschob sich der Akzent, weil neben Schriftzeugnissen vermehrt Objekte der bildenden Kunst gesammelt wurden. Als der langjährige Direktor Ernst Beutler 1932 in einem Gebäudeannex sein auf elf Räume erweitertes Museum eröffnete, konnte er die Präsentation zu Recht als eine "Biographie Goethes in Bildern" bezeichnen. 1944 im Krieg zerstört, wurde das Museum 1954 wiedererrichtet, nun innerhalb eines Rundgangs von vierzehn Räumen, dessen Grundriß auch während des jetzigen Umbaus beibehalten wurde.

Durch geschickte Ankäufe gelang es dem passionierten Kunstsammler Beutler, hauptsächlich in den fünfziger Jahren eine Gemäldesammlung zusammenzutragen, in der ein Großteil der maßgeblichen Künstler der Goethezeit vertreten war, darunter so klingende Namen wie Anton Graff, Johann Heinrich Füssli, Angelica Kauffmann, Philipp Hackert und Caspar David Friedrich. Einen wichtigen Sammelschwerpunkt bildeten seit jeher die Frankfurter Maler, die Goethe in seiner Jugend kennengelernt hatte. Mittels dieser Erwerbungen verwandelte sich die ursprüngliche Literaturausstellung allmählich in eine auf Goethe bezogene Galerie mit Gemälden, graphischen Blättern und Büsten aus der Epoche zwischen Spätbarock und Biedermeier. Nach Beutlers Vorstellung sollte sie dazu beitragen, "uns die Welt des Dichters zu versinnlichen und diese dadurch in ihren Bezügen menschlicher und literarischer Art tiefer zu verstehen. Die wechselseitige Erhellung der Künste, ihr soll hier gedient werden".

An dieses Programm knüpft das neu gestaltete Frankfurter Goethe-Museum an; es ist der Versuch, neben den literarisch ausgerichteten Goethe-Museen in Weimar, Düsseldorf und Rom einen eigenen Weg einzuschlagen. So ist eine Gemäldegalerie der Goethezeit entstanden, die Büsten und Plastik bereichern, während die Aquarelle und Graphiken, die früher zu sehen waren, wegen ihrer hohen Lichtempfindlichkeit zurückgezogen wurden. Zahlreiche Exponate, darunter wertvolle Leihgaben, sind dazugekommen. Jetzt steht allerdings nicht mehr das biographische Moment im Vordergrund, sondern Goethes - oft recht widerspruchsvolles - Verhältnis zur bildenden Kunst seiner Zeit.

Dieser methodische Ansatz wird durch sein lebenslanges, äußerst intensives Interesse an der Kunst in all ihren Erscheinungsformen gerechtfertigt. Goethe, der ausgeprägte Augenmensch, beschäftigte sich mit ihr als Dichter, Forscher und Theoretiker, aber auch als Sammler, Zeichner und Pädagoge, wobei er selbst von seiner "leidenschaftlichen Neigung für bildende Kunst" sprach. In "Dichtung und Wahrheit" bekannte er: "Das Auge war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt faßte. Ich hatte von Kindheit auf zwischen Malern gelebt, und mich gewöhnt, die Gegenstände wie sie in Bezug auf die Kunst anzusehen." Goethes Auseinandersetzung mit Kunst und Künstlern seiner Epoche im Spiegel ebendieser Kunst anschaulich zu machen, ist das erklärte Ziel der Ausstellung.

Seiner frühen Beziehung zu den Frankfurter Malern läßt sich zunächst im Elternhaus nachspüren, wo 1996 das Gemäldekabinett Johann Caspar Goethes aufgrund einschlägiger Quellen nach niederländischem Vorbild so eingerichtet wurde, wie es ursprünglich ausgesehen haben muß. Dicht an dicht hängen hier in schwarzen Rahmen mit goldenen Leisten die spätbarocken Gemälde von Johann Georg Trautmann, Justus Juncker, Christian Georg Schütz d.Ä., dem Darmstädter Hofmaler Johann Conrad Seekatz und anderen. Im Goethe-Haus und nebenan im Gartensaal findet sich zudem ein bedeutender Teil der Bilder wieder, die von denselben Malern im Auftrag des französischen Königsleutnants Thoranc angefertigt wurden, als dieser im Siebenjährigen Krieg im Haus am Großen Hirschgraben einquartiert war.

Im Museum zeichnet dann die chronologisch strukturierte Abfolge der vierzehn Räume Stationen von Goethes Kunsterfahrung nach und wirft zugleich ein Licht auf sein Leben und auf seine Zeitgenossen. Ein Relief mit Apoll und dem Tanz der Musen auf dem Helikon nach Bertel Thorvaldsen schmückt als Supraporte und Signet den Eingang. Jeder Raum konzentriert sich auf ein bestimmtes Thema, das ein kurzer Text auf einer Stele vorstellt. Auch die Exponatschilder enthalten knappe Erläuterungen, wobei Goethes eigene Stellungnahme natürlich eine besondere Rolle spielt.

Raum 8
Raum 8
 mit J.H.W. Tischbeins 'Vernunftbild'
und italienischen Landschaften von
J.P. Hackert

Am Beginn (Raum 1) stehen die niederländisch beeinflußten Frankfurter Maler, hier mit Selbstbildnissen und Atelierbildern. Dazu kommt eine kulturhistorische Rarität aus der Werkstatt der Malerfamilie Morgenstern, das "Miniaturcabinet" mit 75 stark verkleinerten Gemäldekopien, das Goethe 1814 in Frankfurt bewundernd einen "Hausaltar der Kunst" nannte.
Beispiele höfisch und bürgerlich geprägter Malerei des 18. Jahrhunderts schließen sich an (Raum 2), die den Stilwandel von der betonten Künstlichkeit des Rokoko zum Ideal einer neuen Natürlichkeit erkennen lassen, wie sie auch vom jungen Goethe propagiert wurde. Einen entschiedenen Kontrast bilden dazu die furiosen, literarisch inspirierten Gemälde Johann Heinrich Füsslis (Raum 3), zu denen u.a. die "Wahnsinnige Kate" und der berühmte "Nachtmahr" zählen.
Über den gemeinsamen Freund Lavater lernte Goethe in der Phase des Sturm und Drang Arbeiten des eigenwilligen Künstlers kennen, der ihn tief beeindruckte, weil er so ganz den Vorstellungen der Genie-Ästhetik entsprach. Das Frankfurter Goethe-Museum besitzt die größte deutsche Füssli-Sammlung, die nun als ein Kernstück präsentiert wird. Es folgen Porträts von Anton Graff (Raum 4), welcher der Kunst durch seine psychologisch charakterisierenden Darstellungen wichtige Impulse verliehen hat. Näher an Goethes Biographie führen Weimarer Arbeiten des Hofmalers Johann Ernst Heinsius und des Hofbildhauers Gottlieb Martin Klauer heran (Raum 5).

Die nächsten Räume vergegenwärtigen das Italienerlebnis Goethes, der, wie Winckelmann, in Rom "die hohe Schule für alle Welt" fand (Raum 6). Seinem alten Wunschtraum gemäß wollte Goethe sich von allen gesellschaftlichen Zwängen lösen, um als Künstler unter Künstlern leben und seine Kunstkenntnisse in jeder Hinsicht vertiefen zu können. Der Antike, paradigmatisch veranschaulicht durch Abgüsse der Juno Ludovisi und der Medusa Rondanini, kam dabei besondere Bedeutung zu. Von größter Wichtigkeit war auch der freundschaftliche Umgang mit Angelica Kauffmann, Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Philipp Hackert und anderen deutschen, in Italien lebenden und vom Klassizismus beeinflußten Künstern und Kennern. "Auch ich in Arcadien", das Motto der "Italienischen Reise", läßt sich auf eine Gruppe von Landschaften Hackerts, Kauffmanns Porträt der "schönen Mailänderin" und Goethes apollinisch idealisierte Büste von Alexander Trippel übertragen (Raum 7).
In großzügiger Hängung beeindrucken sodann Landschaftsgemälde von Hackert aus der Umgebung Roms, die Ideal und Wirklichkeit unter der Prämisse klassischer Schönheit und Ausgewogenheit vereinen (Raum 8). Sie werden durch eine Kopie von Tischbeins unverzichtbarem "Goethe in der Campagna" ergänzt, zu der nun als Neuerwerbung ein Original des Malers tritt, das "Vernunftbild" von 1787, auch als "Stärke des Mannes" bekannt. Es entstand, als Goethe in Tischbeins Atelier am Corso wohnte und regen Anteil an dessen Arbeit nahm; die "Italienische Reise" enthält eine würdigende Beschreibung der Komposition.

Raum 9
Blick in Raum 9 auf das 
Goethe-Porträt von J.J. Schmeller
und Büsten von C.F. Tieck

Nach Weimar zurückgekehrt, versuchte Goethe zusammen mit Schiller und den "Weimarischen Kunstfreunden" die deutschen Künstler im Sinn des Klassizismus zu beeinflussen. Etwas davon spiegeln die repräsentativen Bildnisse des "klassischen Weimar" wider (Raum 9). Das anschließende Kabinett (Raum 10) ist dem Theologen, Philosophen und Schriftsteller Johann Gottfried Herder gewidmet.
Biographische Zusammenhänge bestimmen auch den nächsten Raum (11), der die Romantiker Clemens Brentano, Bettine und Achim von Arnim sowie deren Familie vorstellt. Zeugnisse der romantischen, in Dresden entwickelten Landschaftsmalerei, zu der Goethe in widerspruchsvollem Verhältnis stand, gehören zu den Glanzstücken der Sammlung (Raum 12). So ist Caspar David Friedrich mit drei atmosphärisch dichten Bildern vertreten, dem "Abendstern", den "Schwänen im Schilf" und dem "Weidengebüsch bei tiefstehender Sonne"; dazu kommen Gemälde seines Schülers Carl Gustav Carus und eine Ölstudie des Vesuv von Carl Blechen. Auf die literarische Romantik und deren Zentren Heidelberg, Jena und Berlin verweist eine Reihe ausgewählter Bildnisse (Raum 13). Den Rundgang beschließen Zeugnisse der Goethe-Rezeption in Porträts, Illustrationen und Denkmalsentwürfen (Raum 14).

Das Museum hat sich gegenüber früher nicht nur durch die Auswechslung von Exponaten und die themenbezogene Hängung verändert, sondern vor allem durch die neue innenarchitektonische Gestaltung, die einer Vielzahl von sicherheits- und klimatechnischen Anforderungen Rechnung tragen muß. Um dieses sehr sachlich wirkende Ambiente mit dem spezifischen Charakter der Sammlung vereinbaren zu können, wurden die Wände nicht einheitlich weiß, sondern farbig gefaßt.
Das subtile Kolorit der Gemälde des 18. und 19. Jahrhunderts und ihre oft recht anspruchsvolle Rahmung lassen sich auf dunklem Grund wesentlich besser als auf hellem zur Geltung bringen, zumal dies an die Gewohnheiten ihrer Entstehungszeit anknüpft. In der Raumfolge lösen harmonisch zusammenklingende Rot-, Grün-, Grau- und Blautöne, die auf die entsprechenden Bildgruppen abgestimmt sind, einander ab. Goethes theoretische Überlegungen zur Wirkung der Farbe und die kräftig getönten Wände, die er im Weimarer Wohnhaus als Folie für seine Kunstsammlung wählte, gaben den Ausschlag, im Frankfurter Goethe-Museum einen ähnlichen, wenn auch den konkreten Verhältnissen angepaßten Versuch zu unternehmen.

Das Ergebnis zu beurteilen soll dem Besucher überlassen bleiben, denn es kommt ja, wie Goethe sagt, alles aufs eigene Anschauen an.

invisible.gif (85 Byte) Dr. Petra Maisak ist Museumsleiterin am Freien Deutschen Hochstift/Frankfurter Goethe-Museum
 

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