Städelsches Kunstinstitut - Neuerwerbung:
Sir Thomas Lawrence, Portrait der Kinder von Lord George Cavendish, 1790
Zaghaft und doch entschlossen - so stapft das kleine Mädchen an der Hand ihrer Brüder
dem Betrachter entgegen. Umhüllt von duftig-zarten Spitzen, richtet sie ihren neugierigen Blick
aus dem Bild.
1790, im Alter von erst 21 Jahren, schuf Thomas Lawrence das Portrait im Auftrag des
Lord Cavendish. Für diese Aufgabe war der als
Wunderkind geltende Maler in besonderer Weise berufen, denn der Ruhm des zunächst
vorwiegend mit Zeichnungen und Pastellen
hervorgetretenen Künstlers gründete auf seiner besonderen
Begabung zur Bildnismalerei. Das Cavendish-Portrait als sein erstes repräsentatives
Kinderportrait enthält alle Merkmale, die Lawrences Ruhm
als Maler von lebendigen und zugleich scharf beobachteten Portraits begründeten: Durch das
große Format erhält das Gemälde eine
raumfüllende Präsenz. Die anspruchsvolle Wirkung steht
in spannungsvollem Kontrast zu der lebendig erzählten Kinderszene: Die beiden Brüder
stehen ihrer mutig wirkenden Schwester bei ihren
ersten Gehversuchen bei. Kaum merklich aus dem Gleichgewicht geraten, wird sie von ihren
Brüdern sicher gehalten. Eine anrührende,
zärtliche Innigkeit und Zuneigung geht von den Geschwistern aus. Erstmalig stellt Lawrence hier sein
spezielles Interesse für einfühlsam
beobachtete Kinderszenen unter Beweis. Zugleich ist
das Cavendish-Portrait ein exzellentes Beispiel für
die unkonventionelle Malweise, die Lawrence zu einem der bedeutendsten englischen Maler
des frühen 19. Jahrhunderts machte:
Charakteristisch ist der für die Zeit ungewöhnlich flüssige
und spontane, beinahe unbekümmerte
Farbauftrag, die den fast autodidaktischen Maler auszeichnet.
Das Portrait der Kinder von Lord George Cavendish, das sich bis 1999 in Familienbesitz
befand, wurde noch im Jahr seines Entstehens in
der Royal Academy ausgestellt. Im folgenden Jahr wurde Lawrence in die Royal Academy
aufgenommen und 1792, nach dem Tod von Joshua Reynolds, zum ersten Maler des Königs George
III. Nicht nur hinsichtlich seines Renommees
als wichtigster Portraitmaler seiner Zeit bestehen
Parallelen zu dem gleichfalls in England
tätigen Anthonis van Dyck. Wie der Flame seinerzeit
stellte auch Lawrence die natürliche Darstellung
von Kindern und eine genaue Beobachtung ihrer Verhaltensweisen in den Mittelpunkt vieler
seiner Bildnisse. Sein unmittelbares Vorbild war
jedoch sein Lehrer Reynolds, dem er in der
Wiedergabe der Portraitierten in einer parkähnlichen
englischen Landschaft folgte. Diese unterstreicht
wirkungsvoll die Ungezwungenheit von Kindern in der Natur.
Mit dem Kinderportrait von Lawrence
eröffnet das Städel den neuen Sammlungsbereich
englischer Malerei und tritt damit neben München
und Berlin, den in Deutschland bislang einzigen Museen mit nennenswerten Beständen.
Zugleich erweitert es die durch Werke von Tiepolo,
Bellotto und Watteau im Städel hervorragend
vertretenen Bestände des 18. Jahrhunderts.
Der Erwerb dieses bedeutenden Gemäldes ist der Adolf und Luisa Haeuser-Stiftung für
Kunst- und Kulturpflege zu verdanken, die damit
dem Städelschen Kunstinstitut eine weitere ihrer "Kostbarkeiten" als Dauer-Leihgabe überlässt.