Barbara
Baumann-Eisenack / Patricia Preuß
Das im November 1977 von Walter Höllerer
in seiner Geburtsstadt gegründete
Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg feiert in diesem Jahr
sein 25-jähriges Bestehen. Zu Beginn einer Reihe
von Veranstaltungen wird vom 5.-7. Juli 2002 ein
literarisches Sommerwochenende stattfinden, das mit mehreren Autorenlesungen und einer
Ausstellung weiterhin den Intentionen des
Archivgründers folgt, die jeweils aktuelle Literatur zu
vermitteln und zu diskutieren, nach ihrem Umfeld
zu fragen und Autoren und Leser miteinander ins produktive Gespräch zu bringen. Dieses
Wochenende wird von einem Festakt mit
Staatsminister Hans Zehetmair begleitet und von Musik und
bildender Kunst umrahmt.
Ingeborg Bachmann-Ausstellung
"Ein Spiegel will uns die Gründe zeigen"
Mit einer Sonderausstellung zu Leben und Werk Ingeborg Bachmanns (1926-1973)
widmet sich das Literaturarchiv der jüngeren
Literaturgeschichte, die auch in den Sammlungen des
Archivs präsent ist. Die Ausstellung "Ein Spiegel
will uns die Gründe zeigen" mit bisher
unveröffentlichten Fotografien von Baldi Schwarze ist
aus dem umfangreichen Bestand von Christine Koschel und Inge von Weidenbaum
zusammengestellt, die die Werkausgabe Ingeborg
Bachmanns betreuten und mit ihr befreundet waren. Zu
sehen sind Handschriften, Skizzen, Entwürfe
und Bücher. Im Bestand des Literaturarchivs
befinden sich Briefe Ingeborg Bachmanns aus der Zeit
ihrer Beiträge für die Literaturzeitschrift "Akzente".
Die Ausstellung wird am Freitag, 5. Juli 2002, eröffnet und ist bis zum 18. Oktober 2002 im
Literaturarchiv zu sehen.
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Die gestundete Zeit
Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.
Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.
Ingeborg Bachmann
In: Ingeborg Bachmann, Werke Bd. I, Gedichte,
Hörspiele, Libretti, Übersetzungen
Piper-Verlag 1978 (Neuausgabe 1993)
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"Chronik, Spiegel, Poesie - Literatur als
Mitschrift der Zeit"
Unter diesem Thema werden am Wochenende des 6./7. Juli 2002 Eva
Demski, die auch
schon bei der Gründung des Literaturarchivs dabei
war,
und die Autoren Marcel Beyer, Durs Grünbein, Michael Hofmann und Thomas Lehr zu
Lesungen und einem gemeinsamen Gespräch ins Literaturarchiv kommen.
Die Romane von Eva Demski, geb. 1944, können auch als Chroniken der Bundesrepublik
gelesen werden: "Afra" (1992) greift die
unmittelbare Nachkriegszeit auf, "Scheintod" (1984)
setzt sich mit der RAF-Zeit auseinander. Marcel
Beyer, geb. 1965, führt in seinem Roman "Flughunde" (1995) das Dritte Reich als akustischen
Alptraum vor und beleuchtet mit "Spione" (2000) das
Ende der 70er Jahre. Beyers neuer Lyrikband "Erdkunde" (2002) spiegelt dagegen seine
unmittelbar gegenwärtigen Erfahrungen im Osten
Europas. Der Lyriker Michael Hofmann, geb. 1957,
Sohn des Schriftstellers Gert Hofmann, schreibt
seine Texte in englischer Sprache, Beyer hat sie ins Deutsche übertragen. Hofmanns
"Feineinstellungen", so der Titel des 2001
erschienenen Gedichtbandes, schärfen die täglichen
Wahrnehmungen. "Hochauflösende Visionen
moderner Wirklichkeit" nannte Joseph Brodsky die so
entstandenen Gedichte Michael Hofmanns. Thomas Lehr, geb. 1957, ist vor allem mit dem
Roman "Nabokovs Katze" (1999) bekannt geworden,
der auch als Mentalitätsgeschichte der
Nach-68er-Generation gelesen werden kann. Der
Büchnerpreisträger Durs Grünbein, geb. 1962, hat in
seinem Prosaband "Das erste Jahr" (2001) auf
sehr persönliche Weise auf den
Jahrtausendwechsel reagiert. In seinem neuen Lyrikband "Erklärte Nacht" (2002) erkundet er die Möglichkeiten
des Individuums innerhalb der Grenzen seiner eigenen Lebenszeit.
In Prosa und Lyrik werden die Autoren ihre ganz unterschiedlichen "Mitschriften der
Zeit" vorstellen. Dabei wird es auch um die Frage
des Selbstverständnisses der Autoren gehen und
um den Ort der Literatur zwischen kritischem Engagement und Lesevergnügen.
Marieluise Fleißer-Ausstellung
"In die Enge geht alles"
' "In die Enge geht alles" - Marieluise
Fleißers Schreiben in schwierigen Zeiten' lautet der
Titel einer Sonderausstellung, die im
Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg am Dienstag, 14. Mai
2002, eröffnet wird. Trotz ihrer Erfolge als junge
Schriftstellerin und Theaterautorin in den
zwanziger Jahren zog sich Marieluise Fleißer (1901-1974) in ihre Heimatstadt Ingolstadt zurück. Nach
ihrem Roman "Mehlreisende Frieda Geier. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und
Verkaufen", 1931, veröffentlichte sie lange Zeit nichts
mehr. Erst 1963 erschien im Carl Hanser Verlag der Erzählungsband "Avantgarde".
Die Ausstellung
im Literaturarchiv wird sich auf diesen biographischen Abschnitt, d. h. die Zeit des
"Rückzugs" konzentrieren. Anhand von Dokumenten aus
eigenen Beständen und Leihgaben aus dem Fleißer-Archiv der Stadt Ingolstadt soll diese für
die Autorin in verschiedener Hinsicht schwierige Schaffensphase und -krise beleuchtet
werden. Vor ihrer Heirat 1935 gab es eine Episode,
die Marieluise Fleißer in ihrer selbstverfassten
Biographie unerwähnt ließ: die Verbindung mit
dem fränkischen Lehrer Georg Hetzelein
(1903-2001), dem sie 1934 zahlreiche Briefe schrieb. Die
Originale übergab Hetzelein 1987 dem
Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg. Der Zeichner Hetzelein antwortete ihr mit erotischen Bildbriefen.
Sie schickte Hetzelein auch drei Novellen in Typoskriptfassung: "Die Lawine" , erschienen
unter dem Titel "Schlagschatten Kleist", "Balder
und Sylphide" und "Zwerg Auge". Sie wurden
später teilweise in überarbeiteten Fassungen
veröffentlicht. Die Typoskripte befinden sich ebenfalls
im Bestand des Literaturarchivs.
Zur Eröffnung der Ausstellung liest
Kerstin Specht aus der Monolog-Fassung ihres
Theaterstücks "Marieluise". Das Stück entstand als
Auftragsarbeit der Stadt Ingolstadt anlässlich
von Marieluise Fleißers 100. Geburtstag im
November 2001. In Erinnerungsfetzen,
Traumsequenzen und Gedankensplittern erzählt die Figur
Marieluise von ihren Lebensstationen. Am Ende
kommt sie wieder in der Provinz an, aus der sie
einst ausgebrochen ist: "Ich bin einen großen
Bogen gelaufen/ um zu sehen/ daß die Weite/
überall nur einen engen Winkel/ für mich bereit hält."
Geb. 1956 in Kronach, studierte Kerstin Specht nach
ihrem Germanistik- und Theologiestudium an der Münchner Hochschule für Film und
Fernsehen. Mit den Uraufführungen ihrer drei Stücke "Lila", "Das glühend Männla" und
"Amiwiesen" war
sie 1990 Deutschlands erfolgreichste Nachwuchsautorin und zeigt sich mit diesen bösen
Volksstücken als eine Enkelin der Fleißer.
Die Ausstellung ist vom 14.-26 Juni 2002 im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg zu sehen.