

|
|
Susanne
Popp
|

Postkarte von Max Reger
an Carl Wendling, 16.3.1913
(Ausschnitt):
[ "M.L! Herzlichsten Dank nochmals für Alles, Alles.
Ich bin gut heimgekommen & bin schon wieder in
Leipzig, wenn Du diese Karte erhältst, bin ich wieder
in Meiningen. Ich habe elend zu thun, schauderhaft.
Nochmals besten herzlichsten Dank, ebensolche
Grüße, immer ]
Dein alter Reger Akkordarbeiter"
|
Fragte man nach Assoziationen zum Namen Max Reger, so würden neben Orgelmusik
und Mozart-Variationen bei vielen unweigerlich "Zwei Stunden Kotelett" an der Spitze stehen
- einer nachweislich georderten und verschlungenen Ration des in jeder Beziehung zur Opulenz
neigenden Komponisten. Seine Lebensdaten (1873-1916) decken sich nicht von ungefähr mit
der Epoche des deutschen Kaiserreichs, die nach Joachim Radkau (Das Zeitalter der
Nervosität, München und Wien 1998) den "Hochdruckmenschen" hervorbrachte, der technische
Leitbilder verinnerlichte und an sich selbst wie an
eine Maschine höchste Leistungsansprüche stellte.
Ein solcher Hochdruckmensch war Max Reger, der gerne doppelsinnig mit "Accordarbeiter" unterzeichnete, in der Tat: Ob er
komponierte, bearbeitete, korrigierte, konzertierte,
unterrichtete, seine berühmten "Witzkisten" auspackte
oder legendäre Mengen verzehrte - zeitlebens
stellte der Komponist, der sein Studium selbst hatte
finanzieren und vor seinen zweifelnden Eltern jeden Misserfolg hatte rechtfertigen müssen,
höchste Anforderungen an sich und seine
Leistungsfähigkeit. Mit seiner hohen Arbeitsmoral und
dadurch erworbenen und viel bestaunten Kunstfertigkeit ging bei ihm der Glaube an die
Machbarkeit des Kunstwerks einher, eine in der Musik
zu Beginn des 20. Jahrhunderts als altmeisterlich,
ja ungenialisch beargwöhnte, in der
aufblühenden Industriegesellschaft dagegen
angestrebte Vorstellung, die nur gelegentlich dadurch
empfindlich gestört wurde, dass ein lange "ausgebrütetes" Fragment als
"verunglückt" zur Seite
gelegt werden musste. Doch war dies bei Regers Anspruch, jedes Opus "möglichst
schwerwiegend" zu gestalten, gelegentlich unvermeidbar.
|

Max Reger arbeitet im Sommerurlaub 1913
in Colberg an der Ostsee
am Manuskript der Ballett-Suite op. 130

Max Reger
Manuskript der Aria op. 103a Nr. 3
für Violoncello mit Begleitung
des Pianoforte (oder der Orgel)
erste Seite
|
Hat Reger auch ohne Pause Werk auf Werk gehäuft, so blieb ihm in seinem kurzen
Leben weder Zeit noch Sorge, seiner Nachwelt ein
geordnetes Erbe zu hinterlassen - hier unterscheidet er sich grundlegend von seinen
langlebigeren Zeitgenossen Arnold Schönberg,
Richard Strauss und vom jüngeren Paul Hindemith,
von denen der Erste seine Noten selbst einband,
der Zweite die Bände seiner sorgsam
aufgebauten Bibliothek signierte und der Dritte seine
Konzertprogramme lückenlos durchnummerierte.
Ein Werkverzeichnis für einen Komponisten
von geradezu zwanghafter Produktivität zu
erstellen, der oft mehrere Notenverlage gleichzeitig
beschäftigte, zugleich aber - wie leider auch
seine ihn um 35 Jahre überlebende Witwe - keinerlei archivarische Ambitionen kannte, der bis zu
seinem Opus 100 nicht einmal seine Autographen vom Verleger zurückforderte und Briefe nach
ihrer Beantwortung vernichtete, ist eine große Herausforderung, der sich das Max-Reger-Institut (MRI) in den kommenden Jahren vorrangig
widmen wird. Zu berichten ist also nicht von einem Event - etwa einem spektakulären Kauf,
einer aktuellen Ausstellung oder Konzertreihe - ,
sondern von der alltäglichen Arbeit eines Komponisteninstituts. Dieses wurde zwar bereits 1947
als schöne Vision der Witwe gegründet, konnte
aber die ersten Jahrzehnte ohne ausreichende
Mittel auf überwiegend ehrenamtlicher Basis nur
mit entsprechender Verzögerung seiner
vordringlichen Aufgabe nachkommen: die in alle Welt
verstreuten Quellen wieder aufzuspüren und
aus dem Nichts eine Sammlung aufzubauen, die heute die Grundlage der Reger-Forschung bildet.
Erst auf der gesicherten Basis der
institutionellen Förderung durch das Land
Baden-Württemberg und die Stadt Karlsruhe und in großzügigen,
von der Energie Baden-Württemberg AG gesponsorten Räumlichkeiten sind heute die
finanziellen und technischen Voraussetzungen
gegeben, um mit Hilfe der Deutschen
Forschungsgemeinschaft ein Standardwerk zu schaffen, das
Wissenschaftler, Künstler und interessierte
Laien ebenso wie Konzertagenten und Plattenproduzenten mit den wichtigsten Informationen
zu jedem Werk Max Regers versorgen soll.
Im intensiven Austausch untereinander und mit dem G. Henle Verlag, München, der die
Herausgabe betreut, arbeiten alle Institutsmitarbeiter
an einer riesigen Datenbank, die auf vielen Vorleistungen aufbauen kann: Da sind zunächst
die Handschriften der gedruckten und ungedruckten Werke und Fragmente, Skizzen und
Reinschriften, die so weit als möglich erworben, andere
von Staatsbibliotheken und Archiven als Kopien herangezogen wurden. Doch was ist mit den
Manuskripten in unzugänglichem Privatbesitz,
was mit den trotz umfassender Recherchen des MRI noch immer verschollenen Werken?
Überraschende Funde der letzten Jahre lassen hier hoffen, dass erneute Rundschreiben und Aufrufe Ergebnisse bringen und Privatbesitzer
großzügiger stimmen werden.
Von der Entstehung der großen Werke - nach Reger der "Herzblutwerke"
- lässt sich aus
den
vom MRI edierten oder zumindest erfassten Briefen oft jeder Schritt belegen; was aber ist mit
den Nebenprodukten, die buchstäblich parallel
entstanden und plötzlich einfach da sind und zu
denen teilweise nicht einmal die Verlagskorrespondenz erhalten ist? Hier ist zu hoffen, dass
die neben Standort- und Provenienzerfassung vorgesehene knappe Manuskriptbeschreibung
- ein Novum in der Reger-Forschung - mit Erkenntnissen über Papiersorten und
Beschriftungsmaterial neue Erkenntnisse bringt.
|

Postkarte von Max Reger an den Verlag Lauterbach
& Kuhn, 28.9.1906:
"M.L! Bitte lasst den Druck der sämmtlichen
Orchesterstimmen zu op 95 möglichst,
möglichst möglichst
beschleunigen; Steinbach (Cöln)
braucht die Orchesterstimmen
für Uraufführung baldigst; die Uraufführung ist am 23. Oktober!
Also bitte
um möglichste Beschleunigung!
Besten Gruß Euer Max Reger"
|
Als Quellen gelten auch die Erstdrucke der Werke: Da Reger während des
Korrekturprozesses noch tiefe Eingriffe in seine Werke
vornahm, geben sie - unbeschadet der Änderungsgründe - den Willen des Autors wieder.
Als das MRI in den 50er Jahren mit seiner Sammeltätigkeit begann, musste es das Angebot
einer nahezu vollständigen Sammlung der Erstdrucke für 3.000 DM ablehnen
- bei einem
Jahresetat von 5.000 DM eine unvorstellbare Summe! Heute sind daher immer noch Lücken
- zum Teil nur noch in Form von Kopien - zu
schließen. Ein Sonderproblem stellen an die 130
kleine Werke dar, deren Erstdrucke als Beilagen
verschiedener Zeitschriften erschienen; da diese meist lose in den Zeitschriften lagen, blieben
sie nur in wenigen Bibliotheken erhalten, vom Verbleib der Autographen in den
Zeitschriftenredaktionen ganz zu schweigen. Als Alptraum
jedes an einem Werkverzeichnis arbeitenden
Musikwissenschaftlers sei Reger Opus 79 angeführt,
insgesamt 53 Zeitschriftenbeilagen unterschiedlicher Besetzung - Kammermusik, Klavier- und
Orgelwerke, Lieder und Chöre -, die Reger
unter dem Leistungsdruck einer möglichst "schwerwiegenden" Gestaltung in einer einzigen, vielfach
unterteilten Opuszahl zusammenpresste. Bei den Uraufführungen ist es ähnlich: Um
sie stritten die Interpreten bei den großen
kammermusikalischen und sinfonischen Werken, so
dass hier die Korrespondenz, aber auch die
Kritiken- und Programmsammlung hinreichende
Auskunft gibt. Was aber ist mit den ca. 200 Charakterstücken für Klavier oder den ca. 300 Liedern
und über 100 Chören, die selten als Zyklus,
sondern einzeln aufgeführt wurden und in Kritiken
kaum Erwähnung finden?
Beim Versuch, die Textvorlagen von Regers Liedern und Chören zu eruieren, sind
vollends detektivische Fähigkeiten gefragt. Mit
neidischem Blick auf die Bibliothek von Richard Strauss
steht man bei Reger vor der Aufgabe, versteckte
Hinweise aus den Briefen zu gewinnen. Denn Reger sammelte Texte, wo immer er sie finden
konnte: in Literaturzeitschriften, Programmheften
und zeitgenössischen Anthologien, er forderte
seine Freunde auf, ihm Texte abzuschreiben, korrespondierte mit Gustav Falke, Stefan Zweig,
Richard Dehmel, Otto Julius Bierbaum u. a., von denen er teilweise handschriftliche Texte noch
vor deren Herausgabe erhielt.
Angesichts der Materialschlachten wird die avisierte Buchform in vielem gesprengt werden
- es ist daher an eine begleitende Edition auf CD-ROM gedacht, die Ergänzungen durch Bild
und Ton bringt. Für den Wissensaustausch und
zur Schonung der Originale wäre die
gleichzeitige Digitalerfassung der Handschriftensammlung - auch dies eine Frage der Finanzierung
- wünschenswert. So wird aus vielen
Mosaiksteinchen ein Gesamtbild entstehen, dass neben
Mozart-Variationen, Orgelmusik und zwei Stunden
Kotelett die schier unermessliche Fülle kombinatorischer Phantasie belegen wird, die
Regers uvre auszeichnet.
|

Agostino Raff, Max Reger
Linker Teil eines Triptychons (Ausschnitt)
|
|
 |
|
Dr. Susanne Popp ist Leiterin des Max-Reger-Instituts, Karlsruhe |
|