Zum Ausgang des Europäischen Jahres der Sprache hat die Gesellschaft für deutsche
Sprache (GfdS) einen viel beachteten Schlussakzent gesetzt. In Zusammenarbeit mit dem
Brüsseler Goethe-Institut InterNationes und der Vrije Universiteit Brussel
(VUB) veranstaltete sie Ende November 2001 eine wissenschaftliche
Fachkonferenz, zu der auch die interessierte
Öffentlichkeit willkommen war. Der Titel: "Deutsch
im vielsprachigen Europa".
In der belgischen Hauptstadt arbeitet erfolgreich ein Zweigverein der GfdS unter Vorsitz
von Prof. Dr. Madeline Lutjeharms, der
Organisatorin der Tagung. Schirmherrin der Konferenz war
Frau Dr. Godelieve Quisthoudt-Rowohl
(Europäisches Parlament). Der Beauftragte der
Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und der
Medien, Staatsminister Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin,
sowie die Volkswagen AG unterstützten
finanziell die Veranstaltung.
In seinem Eröffnungsvortrag wies
Nida-Rümelin auf die Bedeutung der sprachlichen
Vielfalt in Europa hin. Unterschiedliche Sprachen seien Manifestationen unterschiedlicher
kollektiver Erfahrungen. Da es nicht eine einzige,
allein angemessene oder richtige Weltansicht geben könne, sei mithin die sprachliche Vielfalt
eine kulturelle Bereicherung und helfe bestimmte Beschränktheiten des Bildes vermeiden.
Der in der Öffentlichkeit hin und wieder
erhobenen Forderung nach einem Sprachpflegegesetz wie in Frankreich erteilte
Nida-Rümelin eine klare Absage. Eine staatliche Kontrolle
der Sprache sei nicht sinnvoll, da eine gute
Sprache nur durch ihren lebendigen Gebrauch lebe,
und sie sei zumindest in Deutschland aus
historischen Gründen auch gar nicht durchsetzbar.
Demgegenüber bezeichnete der Minister die
sprachpflegerische Arbeit von Institutionen wie der
GfdS, die durch öffentliche Veranstaltungen,
Publikationen und individuelle Beratung auf einen
reflektierten Sprachgebrauch des und der Einzelnen abzielt, als äußerst wichtig.
Auf die großen Erfolge seines Hauses bei
der Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache verwies im zweiten Eröffnungsvortrag Prof. Dr.
Joachim-Felix Leonhard, der Generalsekretär
des Goethe-Instituts InterNationes. Er wies darauf
hin, dass die Verbesserung der Deutschkenntnisse im Ausland unter anderem einen wichtigen
Wirtschaftsfaktor darstellt. Die Bereitschaft, sich
mit der deutschen Sprache und Kultur zu
beschäftigen, sei in vielen Ländern der Welt sehr
groß, und die Goethe-Institute seien oft die einzige Anlaufstelle. Leonhard appellierte in diesem
Zusammenhang an die Politik, diese Einrichtungen finanziell stärker zu unterstützen und
Schließungen zu vermeiden.
Bei der anschließenden Podiumsdiskussion
zu der Leitfrage "Europas Zukunft im
Spannungsfeld Sprache" griff der kulturpolitische
Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Eckhardt
Barthel, diese Forderung auf: Die Förderung der
Sprache im In- und Ausland sei eine
kulturpolitische Aufgabe. Als wichtigen Punkt sieht Barthel
die Förderung der Fremdsprachenkenntnisse;
hier hofft er durch Schüleraustauschprogramme
mehr als bisher zu bewegen.
In den wissenschaftlichen Fachvorträgen,
eröffnet durch einen Plenarvortrag von Prof.
Dr. Albrecht Greule (Regensburg), der neue Aspekte der Sprachkultivierung aufzeigte ("Weg von
der konservativen, nationalistischen Sprachpflege von einst, hin zu einer internationalistischen
Kommunikationskultivierung"), wurden die inhaltlichen
Aspekte weiter vertieft. In zwei Sektionen referierten namhafte Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler aus dem In- und Ausland. So hob etwa in Sektion I ("Die Kultursprachen in der
EU", Leitung Prof. Dr. Rudolf Hoberg, Wiesbaden,
und Prof. Dr. Madeline Lutjeharms, Brüssel)
die Innsbrucker Romanistin Prof. Dr. Petra Braselmann hervor, dass Frankreich - von den
Befürwortern einer Sprachgesetzgebung in
Deutschland immer wieder als Vorbild genannt - etliche radikale Regelungen längst als Fehler
erkannt und bereits wieder rückgängig gemacht habe.
Prof. Dr. Margot Heinemann (Zittau) machte am Beispiel Polens deutlich, wie wichtig Deutsch
als Fremdsprache in den östlichen
Nachbarländern ist. Aus französischer Sicht bestätigte Dr.
Albert Salon (Paris) das Anliegen einer möglichst
großen Sprachenvielfalt in Europa. Auch Prof.
Dr. Martin Durrell (Manchester) sieht die "Gefahr", Englisch könne sich trotz aller prinzipiellen
Entscheidungen als einzige tatsächlich
verwendete EU-Verwaltungssprache durchsetzen: "Mehr denn je stimmt das alte Schlagwort 'English
is not enough`, vor allem innerhalb der EU."
Hingegen wies Prof. Dr. Ulrich Ammon (Duisburg) darauf hin, dass pauschale Aufrufe
zur Vielsprachigkeit wenig bewirken. Es gelte vielmehr die unterschiedlichen Sprachinteressen
in den verschiedenen europäischen Ländern
angemessen zu berücksichtigen.
Praktische Probleme wurden in Sektion II ("Sprachen und Recht", Leitung Prof. Dr.
Gerd Antos, Halle, und Dr. Karin M.
Eichhoff-Cyrus, Wiesbaden) behandelt. So setzte sich u. a.
Prof. Dr. Rainer Wimmer (Trier) mit
Sprachproblemen im Verhältnis von deutschem Recht und
EU-Recht auseinander, Prof. Dr. Konrad Ehlich
(München) diskutierte, ob die Verwendung von Deutsch
als Wissenschaftssprache eine Rechtsfrage sei, und Prof. Dr. Hans-Peter Schwintowski (Berlin)
forderte die Einführung einer eigenen
Fachdisziplin Rechtslinguistik, in der Juristen und
Sprachwissenschaftler zusammenarbeiten sollen.
Das Abschlusspodium fasste die verschiedenen Themen der Tagung zusammen. Prof.
Dr. Armin Burkhardt (Magdeburg), der GfdS-Vorsitzende Prof. Dr. Rudolf Hoberg, Prof. Dr. Eva
Neuland (Wuppertal), Dr. Werner Roggausch vom Deutschen Akademischen
Austauschdienst (Bonn), der Direktor des Instituts für
Deutsche Sprache in Mannheim, Prof. Dr. Gerhard
Stickel, und der Generalsekretär der
Belgisch-Deutschen Gesellschaft in Brüssel, Dieter W. Volkmar,
waren sich einig, dass in Europa die sprachliche Vielfalt als ein Garant kulturellen Reichtums
erhalten bleiben müsse. Dies sei unter
anderem eine Aufgabe der Politik. Dabei seien auf
nationaler Ebene Sprachgesetze im Sinne von Fremdwörterverboten der falsche Weg;
vielmehr sei eine Unterstützung der
Fremdsprachenkenntnisse vermittelnden Institutionen und
eine Stärkung der verschiedenen Sprachen in der
EU erforderlich. Es sei nicht akzeptabel, dass faktisch nur Englisch und Französisch als
EU-Amtssprachen verwendet werden. Besonders das Deutsche, mit etwa 100 Millionen
Sprecherinnen und Sprechern die größte der europäischen
Sprachen, müsse hier stärker berücksichtigt werden.
Die seit Jahrzehnten kontinuierliche, ausgewogene und wissenschaftlich fundierte
sprachpflegerische Arbeit der GfdS fand auf der
Konferenz allenthalben Zustimmung. In den
repräsentativen Räumlichkeiten des Brüsseler
Goethe-Instituts war gleichzeitig eine multimediale
Ausstellung zur deutschen Sprache zu sehen, betitelt "Herzliche Grüße ...
- Deutsch entdecken".