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Eine Ausstellung im Bauhaus-Archiv, Berlin
Romana
Schneider
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Mittagessen im Kinderhaus Altona
Aufnahme ca. 1928
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Die italienische Ärztin und Pädagogin
Maria Montessori (1870-1952) zählt zu den
herausragenden Erzieherpersönlichkeiten, die zu
Beginn des 20. Jahrhunderts endgültig mit der
Tradition brachen, Kindheit lediglich als ein Vorstadium
des Erwachsenendaseins anzusehen, auf das hin ein Kind erzogen werden müsse. Gestützt auf
wissenschaftliche Erkenntnisse, sah sie die Aufgabe von Erziehung darin, die eigenständige
Entwicklung des Kindes anzuerkennen und konsequent zu fördern. Der Wille kleiner Kinder
zur Selbstständigkeit, ihr Wunsch und die
Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen, anstatt sich
bedienen zu lassen, aus eigenem Antrieb und selbstbestimmt zu lernen, anstatt belehrt zu werden,
wurde zur Richtschnur einer neuen Erziehungsmethode, die dem Prinzip folgt, "Hilf mir, es
selbst zu tun". Eine zentrale Rolle spielen in der Montessori-Pädagogik dabei die auf empirischer
Forschung basierenden Lehrmaterialien, die auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Stufen
kindlichen Lernens abgestimmt sind. Der erste Montessori-Kindergarten
("casa
dei bambini") wurde 1907 in einem römischen
Armenviertel errichtet. In Deutschland entstand das erste öffentliche Kinderhaus 1919 in
Berlin-Lankwitz. Hier, wie in allen anderen
Montessori-Einrichtungen, die innerhalb weniger Jahre in ganz
Westeuropa, den USA, Indien und weiteren
Ländern ins Leben gerufen wurden, spielte auch eine
bis ins Detail entwickelte kindgerechte Einrichtung - Maria Montessori nannte sie die
"vorbereitete Umgebung" - eine wichtige Rolle. Im so
genannten Kinderhaus standen den Kindern auch die von ihr entwickelten Lehrmaterialien zur
Verfügung, die sie unter Lizenz in vielen Ländern
der Erde herstellen ließ.
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Verschlussrahmen, mit dem Kinder lernen,
Kleider und Schuhe zu öffnen und zu schließen
Hersteller: P. Johannes Müller, um 1923
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Der "alleinberechtigte" Hersteller der Montessori-Lehrmaterialien in Deutschland war die
Firma "P. Johannes Müller - Werkstätten für Schuleinrichtung", die ihren Sitz in Berlin hatte.
Dort war eine lebendige reformpädagogische
Bewegung aktiv, mit der Müller in enger
Verbindung stand. Auf der berühmten
Werkbundausstellung
1914 in Köln präsentierte er erstmals ein
vollständig eingerichtetes Muster-Kinderhaus:
einen Raum für Kinder, der mit Mobiliar und
Haushaltsutensilien in Kindergröße ausgestattet war
und in dem die Lehrmaterialien griffbereit zur
freien Wahl der Kinder dargeboten wurden. In der
Folgezeit, insbesondere während der Weimarer
Republik, war die Geschichte der aufstrebenden Montessori-Bewegung in Deutschland auch
mit der des Herstellers der Lehrmaterialien
verknüpft - so lange, bis die Nationalsozialisten an
die Macht kamen. Sie bekämpften die
Montessori-Pädagogik und verboten sie 1935 endgültig. Die aus dem Nachlass der Berliner Herstellerfirma noch vorhandenen Lehrmaterialien
- aus der Zeit vor der Zerschlagung der Montessori-Bewegung in Deutschland - bilden die
Grundlage der Ausstellung im Bauhaus-Archiv (12.
Juni bis 2. September 2002).
Maria Montessori hat sich intensiv mit den jeweiligen Produzenten der Lehrmittel
auseinandergesetzt, um eine attraktive Farbgebung
und handwerklich sorgfältigste Bearbeitung aller
Details zu erreichen. Dies hatte einen
Qualitätsstandard zur Folge, der vom heutigen
Montessori-Lehrmaterial nicht mehr erreicht wird. An
dem historischen Lehrmaterial zeigt sich auch die Bedeutung, die einer spezifischen
ästhetischen und stofflichen Qualität der Gegenstände,
mit denen ein Kind Umgang hat, beigemessen wurde. Die Exponate - Materialien zur
Entwicklung der Sinne, Sprachmaterial und
mathematisches Material - werden in der Ausstellung von
historischen Fotos aus der Anfangszeit der
Montessori-Bewegung in Deutschland, insbesondere
Berlin (1919-1935 und kurz nach dem 2. Weltkrieg), Österreich (Ende 20er Jahre) und den
USA (1912) begleitet. Sie dokumentieren, wie sich
Kinder in den seinerzeit modernsten Erziehungs-Einrichtungen mit Montessori-Lehrmaterial
beschäftigen, das noch heute weitgehend Gültigkeit
hat. Zugleich machen die Bilder dem Betrachter
auch seinen Gebrauch verständlich. In der
Ausstellung werden aber auch andere Aspekte der "ganzheitlich" ausgerichteten Montessori-Pädagogik
mit ebenfalls eindrucksvollen, zumeist
historischen Aufnahmen und prägnanten
Erläuterungstexten dargestellt. Dazu gehören exemplarische
Architektur-Beispiele von Kinderhäusern aus der
Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg (z. B. von Gustav Oelsner in Altona oder Franz Singer in Wien), Dokumente einer vorbildlichen Ausstattung
von Kinderhäusern mit leichtem, beweglichem
Mobiliar sowie ein Ausblick auf die heutige Anwendung von Montessori-Prinzipien in
integrierten und weiterführenden Schulen durch
Architekturbeispiele aus Ingolstadt (Günter Behnisch)
und Amsterdam (Herman Hertzberger).
Die Montessori-Ausstellung wird nach ihrem Berliner Aufenthalt das 1998 eröffnete
Schulmöbel-Museum der Firma VS (Vereinigte
Spezialmöbelfabriken), deren Berliner
Gründungsfirma die Firma P. Johannes Müller war, in
Tauberbischofsheim erweitern. Dieses Museum dokumentiert die internationale Entwicklung und
Reform der Schuleinrichtung im 20. Jahrhundert.
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Der Katalog (deutsch/englisch) folgt in Bild und Text
der Konzeption der Ausstellung. Er enthält drei Aufsätze
zu den historisch-pädagogischen Zusammenhängen
sowie eine Biographie von Maria Montessori,
Literaturhinweise und Kontaktadressen:
Thomas Müller und Romana Schneider (Hrsg.), Montessori, Lehrmaterialien, Möbel und Architektur /
Teaching Materials, Furniture and Architecture,
1913-1935, Prestel-Verlag, München, 160 Seiten, ca. 260
Abbildungen, Erscheinungstermin: Ende April 2002. |
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Romana Schneider ist freie
Architekturhistorikerin, Berlin und Kuratorin der Ausstellung "Montessori. Lehrmaterial, Möbel und Architektur, 1913-1935"
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